»Aber genau darauf wartet Thorn doch nur«, sagte Elder. »Begreifst du nicht? Auch er ist kein Dummkopf. Er weiß genau, daß der Drachenhort und seine Bewohner immer eine Gefahrenquelle bleiben werden. Er wartet nur auf eine Gelegenheit, euch auszulöschen.«
»Die hat er gehabt«, sagte Aires.
»Und verpaßt«, bestätigte Elder. »Mit seinem Friedensengelbot Gendik gegenüber hat er sich selbst jedes Vorwandes beraubt, euch ein zweites Mal anzugreifen und diesmal endgültig zu erledigen. Aber wenn Gendik ihn offiziell um Hilfe bittet, weil er sich von euch bedroht fühlt, sieht die Sachlage ganz anders aus.«
»Das ist mir alles zu kompliziert«, maulte Cord. »Ich halte nichts von diesen Intrigenspielen.«
»Aber das ist genau PACKs Art, einen Krieg zu führen«, versetzte Elder. »Und bisher haben sie damit meistens Erfolg gehabt.«
»Meistens bedeutet nicht immer«, sagte Kara.
Elder sah sie an, und in seinem Blick lag eine tiefe Sorge. »Das wird er auch diesmal nicht«, versprach er. »Aber du solltest jetzt nichts übereilen. Warte einfach drei oder vier Tage ab und freu dich auf das Gesicht, das Gendik machen wird, wenn seine neuen Freunde plötzlich nicht mehr da sind.«
»Weißt du, Elder«, sagte Kara leise, »es kommt selten vor - aber diesmal bin ich ganz Cords Meinung. Auch ich mag diese Intrigenspiele nicht.«
Elder antwortete nicht mehr darauf. Statt dessen trat er an den Tisch heran, streckte die Hand nach dem Kommunikator aus und warf Aires - nicht Kara - einen fragenden Blick zu.
»Kann ich ihn haben?«
»Und wenn er versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen?« fragte Aires.
Elder lachte. »Dann wird er feststellen, daß es nicht mehr funktioniert, und annehmen, Kara hätte es vor die Wand geworfen, sanftmütig, wie sie nun einmal ist.«
Aires blieb ernst. Nach einigen Momenten nickte sie, und Elder klappte das Gerät mit einer hastigen Bewegung wieder auf die Hälfte seiner Größe zusammen, klemmte es sich unter den Arm und wollte sich umwenden, blieb aber dann noch einmal stehen.
»Da ist noch etwas«, sagte er. »Ich wollte es euch schon die ganze Zeit über fragen, bin aber irgendwie nie dazu gekommen.«
»Ja?« fragte Aires.
»Ich brauche einen geeigneten Landeplatz für das Schiff«, antwortete Elder. »Er muß groß sein, möglichst unbewohnt und ein Stück von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt.«
Er lächelte flüchtig. »Es könnte sein, daß es zu ein paar Schäden kommt, wenn das Schiff landet. Natürlich muß er aber nahe genug liegen, damit ich ihn innerhalb einer oder zwei Stunden erreichen kann. Weißt du einen solchen Platz?«
»Ich werde darüber nachdenken«, antwortete Aires.
Elder entfernte sich mit einem dankbaren Nicken, und diesmal warteten sie nicht nur, bis er das Zimmer verlassen hatte; Kara stand auf, ging zur Tür und warf einen sichernden Blick hinaus, ehe sie wieder zurückkam und sich an Ian wandte. »Du wirst müde sein«, sagte sie, »aber ich fürchte, ich muß dich bitten, noch eine halbe Stunde durchzuhalten.«
»Wieso?« fragte Aires.
Kara deutete auf den Drachenreiter. »Donay arbeitet an einer Möglichkeit, den Schutzschild der Libellen zu überwinden«, sagte sie. »Ich bin sicher, daß er sich brennend für das interessiert, was Ian ihm zu erzählen hat.«
»Kein Problem«, sagte Ian und stand auf. »Ich bin zwar müde, aber viel zu wütend, um jetzt zu schlafen. Laß uns gehen.«
Aires machte keinen Versuch, ihn oder Kara zurückzuhalten, als sie das Zimmer verließen, aber Kara bemerkte sehr wohl den Blick, den sie ihnen nachwarf. Er war sehr ernst und sehr besorgt.
Und voller Angst.
Donay war mehr als interessiert an dem, was Ian ihm zu erzählen hatte. Als Kara ihn weckte und er nach einem raschen Blick in den Himmel feststellte, wie lange er geschlafen hatte, schenkte er ihr einen langen, vorwurfsvollen Blick, enthielt sich aber jeden Kommentars, sondern hörte mit wachsender Erregung zu, was Ian von der Schlacht um Schelfheim erzählte.
»Abgestürzt, sagst du?« unterbrach er ihn schließlich. »Wie?«
»Wie?« wiederholte Ian verständnislos. »Sie sind vom Himmel gefallen und explodiert. Zumindest die eine, die über der Stadt abgestürzt ist.«
»Das meine ich nicht«, sagte Donay unwillig. »Was ist passiert? Genau? Wurden sie von irgend etwas getroffen? Sind sie einfach heruntergefallen oder kamen sie ins Trudeln, oder sind vielleicht die Triebwerke ausgefallen?«
»Das weiß ich nicht«, verteidigte sich Ian. »Sie haben uns nicht einmal in ihre Nähe gelassen! Meine Männer und ich haben in der Stadt Jagd auf die Ungeheuer gemacht, die die Feuerbarriere durchbrochen hatten, während sie die Klippe angriffen. Wir hatten genug damit -«
»Donay hat es nicht so gemeint«, fiel ihm Kara ins Wort. Sie machte eine beruhigende Geste.
»Doch, ich habe es so gemeint!« polterte Donay los. Kara sah überrascht auf. Sie hatte Donay noch nie so zornig erlebt. »Begreifst du denn nicht, wie wichtig das ist? Wenn es dort draußen im Schlund irgend etwas gibt, gegen das sie nicht einmal ihr Schild schützt, dann müssen wir wissen, was es ist.«
»Es tut mir leid«, sagte Ian. »Ich konnte nichts tun. Ich war schon froh, daß sie nicht auch uns angegriffen haben. Hätte ich geahnt, wie wichtig es ist...«
»Soldaten«, knurrte Donay. »Im Grunde seid ihr alle gleich. Keiner von euch blickt weiter als über die Spitze seines eigenen Schwertes hinweg!«
»Das reicht!« sagte Kara scharf, als Ian nun seinerseits auffahren wallte. »Was geschehen ist, ist geschehen. Wir können nichts mehr daran ändern.«
»O doch!« widersprach Donay. »Wir können und wir werden.« Er stand auf und sah Ian herausfordernd an. »Was man nicht im Kopf hat, das hat man eben im Hintern. Ich hoffe, du hast gutes Sitzfleisch, Drachenreiter.«
»Wieso?« fragte Kara und Ian wie aus einem Mund.
»Weil er mich nach Schelfheim zurückfliegen wird, und zwar auf der Stelle«, antwortete Donay mit einer gleichzeitig anklagenden und fordernden Geste auf Ian.
»Was, zum Teufel, versprichst du dir davon?« fragte Kara.
»Ich muß mir das Wrack dieser Libelle ansehen«, sagte Donay. »Vielleicht finde ich noch etwas.«
»Das ist unmöglich«, widersprach Ian. »Wir kämen nicht einmal in seine Nähe. Davon abgesehen, daß sie es wahrscheinlich längst weggeschafft haben, würden sie uns abfangen, ehe wir uns Schelfheim auch nur nähern.«
»Das ist noch etwas, was du nicht weißt«, sagte Kara hastig, als sich schon wieder Zorn auf Donays Zügen breitzumachen begann. »Gendik hat mir eine Botschaft zukommen lassen. Er hat es etwas vornehmer ausgedrückt, aber im Klartext lautet sie: Haut ab und kommt nie wieder!«
»Ist das wahr?« fragte Donay verstört.
»Ich fürchte«, sagte Ian. »Du siehst also, wir können nicht zurück nach Schelfheim.«
Aber Donay wirkte keineswegs enttäuscht. »Dann müssen wir uns eben die anderen ansehen«, sagte er.
»Welche anderen?«
»Die, die in den Schlund gestürzt sind«, antwortete Donay. »Du hast selbst gesagt, die meisten wären über die Klippe gestürzt.«
»Was glaubst du denn, was davon übrig ist?« fragte Ian fassungslos. »Nachdem sie drei Meilen tief gefallen sind! Außerdem wirst du sie in dem Dschungel dort unten niemals finden.«
»Das werden wir sehen«, antwortete Donay knapp. »Können wir gleich aufbrechen?«
»Niemand hat gesagt, daß wir das überhaupt tun«, sagte Kara ruhig. »Ich werde mit Aires und Cord darüber reden. Aber falls wir aufbrechen, dann erst am späten Nachmittag. Die Tiere brauchen eine Pause - und ihre Reiter auch. Nicht jeder ist in der Lage, so ungestraft Raubbau mit seiner Gesundheit zu treiben wie du.«
»Aber dann verlieren wir einen ganzen Tag!« jammerte Donay.