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»Diesen Eindruck hatte ich eigentlich nicht«, sagte Kara. »Eben!« Jan zog eine Grimasse. »Sie sind natürlich noch lange nicht damit fertig, aber sie haben angefangen, Ordnung in der Stadt zu schaffen. Die Männer, die Schelfheim heute regieren, legen eine Menge Wert auf Vorschriften und Disziplin.«

»Was ist so schlimm daran?« fragte Kara. Auch sie war in einer Welt aufgewachsen, in der Disziplin und Gehorsam die obersten Werte waren.

»Nichts«, antwortete Jan. »Schlimm ist der Weg, auf dem sie es zu erreichen versuchen. Sie sind sehr viel geschickter als damals Jandhi und ihre Schwestern. Aber sie sind fast noch schlimmer. Sie werden diese Stadt zerstören. Und vielleicht die ganze Welt.«

Über ihren Köpfen erscholl ein raschelndes Schaben und Schleifen, und ein struppiger Schatten erschien in der Klappe, durch die sie selbst heruntergekommen waren. Die Transporter. Kara sah hastig weg.

»Vielleicht übertreibt Jan ein wenig«, sagte Angella besänftigend. »Aber in einem hat er recht. Irgend etwas geht vor. Nicht nur in Schelfheim, sondern überall. Aber hier ist es am deutlichsten zu sehen. Es ist, als...« Sie machte eine unschlüssige Geste. »Als breite sich ein neuer Geist in der Welt aus. Nicht nur, daß sich Männer wie Elders Vorgesetzte plötzlich für besser als andere halten.«

Kara verzichtete darauf zu antworten, denn auch sie hielt Menschen wie sich, Jan, Cord und sogar Elder für etwas Besseres. Tatsache war nun einmal, daß der Mensch die erste denkende Spezies war, die diesen Planeten bevölkerte. Alle anderen – die Waga, die Katzer, die Vogelmenschen und Tiefen, die Echsenmänner und Kentauren und die anderen, manchmal äußerst bizarren Kreaturen waren erst viel später aufgetaucht; von anderen Welten gekommen oder als Folge der unvorstellbaren Katastrophen überhaupt erst entstanden, die diese Welt für Jahrtausende beinahe unbewohnbar gemacht hatten.

»Was geht uns das an?« fragte sie, und als sie Jans ärgerliches Stirnrunzeln sah, fügte sie hastig hinzu: »Ich meine – wenn die Zeit sich ändert, was haben wir damit zu tun?«

»Nichts, wenn sie sich ändert, weil es nun einmal so ist«, antwortete Jan ernst. »Aber ich bin nicht sicher, ob sie sich wirklich von selbst ändert.«

»Du meinst...«

»Ich meine«, unterbrach sie Angella mit leicht erhobener Stimme, »daß wir geschworen haben, diese Welt zu beschützen, Kara. Und nicht nur mit dem Schwert in der Hand. Es gibt Feinde, die mit anderen Waffen kämpfen.«

Ein unförmiger Schatten erschien hinter Angella, und obwohl ihr der Anblick ein leises Ekelgefühl bescherte, war sie fast froh über die Ankunft des dritten Transporters.

»Vergeßt nicht, die Fäden zu kappen, sobald wir unten sind«, rief Jan hinauf, während er sich als erster von dem Transporter ergreifen ließ. »Wir wollen doch nicht, daß unser Freund Elder der Schlag trifft beim Anblick eines nicht genehmigten Transportergewebes.«

Sein Lachen klang ein wenig gekünstelt. Wahrscheinlich, überlegte Kara, erging es ihm nicht anders als den meisten Menschen. Von den acht dünnen, aber ungemein kräftigen Beinen gepackt und festgehalten zu werden, war mehr als unangenehm. Längst nicht alle Menschen ertrugen die Berührung eines Transporters.

Auch Karas Übelkeit steigerte sich zu einem elektrisierenden Gefühl körperlichen Abscheus, als sich die drei vorderen Beinpaare des Transporters um ihre Brust schlossen und sich der haarige Hinterleib gegen ihren Rücken preßte. Ein scharfer Geruch überlagerte den Moderodem des Schachtes, als ein fingerdicker Strang aus nahezu unzerreißbarer Seide aus den Drüsen am Hinterleib des Tieres schoß und sofort am Fels festklebte, und einen Moment später fühlte sich Kara in die Höhe gehoben, und dann begann der Beinahe-Sturz in die Tiefe. Die Transporter bewegten sich so rasch, wie Spinndrüsen die Seide produzieren konnten. Der Stamm zur Linken und die gemauerte Wand des Schachtes zur Rechten rasten nur so an ihnen vorbei. Kara dachte flüchtig daran, was ihr alles passieren würde, wenn sie mit der steinernen Wand auf der einen oder dem steinharten Holz auf der anderen Seite kollidierte. Doch natürlich würde das nicht geschehen. Die Transporter waren verläßlich und präzise arbeitende Züchtungen, die so gut wie nie einen Fehler begingen.

Trotzdem kam ihr die rasende Fahrt in die Tiefe endlos vor. Die Luft wurde schlechter, aber die Helligkeit nahm eher noch zu, denn die Leuchtbakterien hatten sich hier unten unkontrolliert zu vermehren begonnen. Kara betrachtete die leuchtenden Flecken voller Sorge. Sie verstand nicht sehr viel von Biochemie, wußte aber, daß die winzigen, lichtspendenden Organismen äußerst aggressiv waren. Ihr blauer Schein war nicht umsonst zu haben.

Ganz allmählich begann sich ihre Umgebung zu verändern. Die gemauerte Schachtwand neben ihnen wies immer schwerere Beschädigungen auf: große, ausgezackte Löcher, hinter denen Erdreich, Felstrümmer oder auch nur Schwärze zu sehen war, und einmal rasten sie auf ein Gewirr aus zerborstenen Balken zu, das wie eine tödliche Gabel mit verbogenen Zinken aus der Wand ragte. Aber die Transporter passierten die Stelle so schnell und geschickt, daß Kara nicht einmal genug Zeit fand zu erschrecken, ehe das Balkengewirr auch schon wieder in der blauen Dunkelheit über ihnen verschwand.

Endlich setzten die Transporter sie auf einem vorstehenden Sims ab, der ihr aber alles andere als einen festen Halt bot. Unter Karas Gewicht lösten sich kleinere Felsbrocken. Sie aber atmete hörbar auf, als sich der Griff der dünnen, vielgelenkigen Beine von ihrer Brust löste. Schaudernd legte sie den Kopf in den Nacken und sah zu, wie die drei Transporter mit phantastischer Geschicklichkeit an ihren eigenen Fäden in die Höhe kletterten. Nach wenigen Augenblicken waren sie in der Dunkelheit verschwunden.

»Eine widerwärtige Art zu reisen«, sagte Jan. »Aber recht praktisch.«

»Vor allem verschafft sie uns den nötigen Vorsprung, den wir brauchen, falls Elder eher zurückkommt, als er versprochen hat. Er wird Stunden brauchen, um zu Fuß hier herunterzukommen.«

Sie lachten, dann gab Angella ein Zeichen, weiterzugehen, und sie setzten den Abstieg fort. Trotz allem lag noch ein gutes Stück Weg vor ihnen, das sie über Schutthalden, Trümmer und halbvermoderte Balken führte. Es war beinahe taghell, denn die Leuchtbakterien hatten hier unten buchstäblich jeden Winkel erobert. Nach einer Weile klebten sie an ihren Schuhen, und auch ihre Hände waren voller Staub, der blau leuchtete. Schließlich erreichten sie den Boden des Schachtes. Die Mauern waren zusammengebrochen und bildeten eine unüberwindliche Barriere überall um sie herum. Kara fröstelte leicht, aber das lag nicht nur am Anblick der ineinandergestürzten Felsmassen und zerborstenen Balken. Ganz plötzlich wurde ihr klar, daß sie nicht nur einfach eine Meile tief in die Eingeweide der Stadt vorgedrungen waren, sondern zugleich auch so etwas wie eine Reise durch die Zeit unternommen hatten. Die zerbrochenen, unter ihrem eigenen Gewicht zu Staub zermahlenen Mauern vor ihnen gehörten zu den ältesten Teilen der Stadt. Die zerbrochenen Balken waren vor zweihunderttausend Jahren geschlagen und verarbeitet worden, von Menschen, von denen nicht einmal mehr Staub geblieben war. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Wenn Zeit wirklich nichts weiter als ein abstrakter Begriff war, wie Angella immer behauptete, dann war es der einzige abstrakte Begriff, der ein Gewicht hatte.

Angella deutete nach links, und Kara erkannte den Eingang zu einem niedrigen, offensichtlich erst vor kurzer Zeit erbauten Tunnel.

Die Bakterien hatten die Steine noch nicht vollständig überwuchert. Hintereinander drangen sie in den Stollen ein. Er war dunkel und so niedrig, daß sie nur gebückt gehen konnten. Sehr weit vor ihnen befand sich ein münzgroßer Fleck grünlicher Helligkeit, aber der Gang selbst war von absoluter Schwärze erfüllt. Ein unheimlicher Anblick waren Jans blauleuchtende Schuhsohlen und Hände, die sich vor Kara in der Dunkelheit bewegten. Nach einer Weile spürte sie, wie der Gang größer wurde. Behutsam richtete sie sich im Gehen auf; sie stieß nicht mit dem Kopf gegen die Decke, wie sie fürchtete. Der Boden unter ihren Füßen war nicht mehr so holprig. Wahrscheinlich befanden sie sich mittlerweile in einem der alten Kellergewölbe Schelfheims. Immerhin war die Stadt anderthalb Meilen tief in den Boden gesunken.