»Wir werden sehr viel mehr verlieren als ein paar Stunden, wenn wir uns der Stadt bei Tageslicht nähern und sie uns sehen«, sagte Ian.
Donay schnaubte zornig. »Und du denkst, sie wären auf Tageslicht angewiesen, um uns zu sehen?«
»Sie vielleicht nicht«, antwortete Ian. »Aber zwei Millionen neugieriger Augenpaare, deren idiotische Besitzer sich fast dabei überschlagen, ihren neuen Freunden zu beweisen, was für hervorragende Verbündete sie sind.«
»Ist es tatsächlich so schlimm?« fragte Donay betroffen.
»Ich weiß es nicht«, gestand Ian. »Aber die Stimmung in der Stadt ist ziemlich gereizt, was uns Drachenkämpfer angeht.«
»Ich werde mit Aires reden«, versprach Kara, während sie sich erhob und zur Tür umwandte.
»Mit Aires?« Donay sah sie auf eine sonderbare Weise an. »Manchmal, Kara, frage ich mich, wer eigentlich über diese Festung herrscht.«
»Da bist du nicht der einzige, Donay«, antwortete Kara so leise, daß eigentlich nur sie selbst die Worte verstand.
50
Wenn es so etwas wie eine Hölle gab, dachte Kara, dann mußte sie so aussehen wie dieser Ort. Es kam selten vor, daß ihr ein Ort Angst machte, aber hier fürchtete sie sich - und nicht nur sie; allen anderen erging es ähnlich, obwohl niemand von ihnen auch nur ein einziges Wort gesagt hatte, seit sie von den Rücken der Drachen gestiegen waren und in einer kleinen, zugigen Höhle am Fuße der Klippe Schutz gesucht hatten. Die Höhle gehörte wahrscheinlich zu dem unterirdischen Labyrinth, das fast unter ganz Schelfheim lag. Kara rieb schaudernd mit den Handflächen über die Arme, aber sie konnte die Kälte, die in ihren Körper gekrochen war, nicht vertreiben. Auch das fast bis unter die Höhlendecke lodernde Feuer, das sie entzündet hatten, brachte keine Wärme. Weil es keine Kälte war, was sie spürte, sondern Angst: Angst vor dem, was sich hinter dem Vorhang aus Schwärze verbarg, den die Nacht über dem Höhlenausgang ausgebreitet hatte. Sie waren vor einer halben Stunde gekommen, und sie hatten kaum mehr als schwarze Umrisse gesehen, während die Drachen nervös über dem Boden kreisten und nach einem Landeplatz suchten. Was man nicht sah, war immer schlimmer als das, was man sah, denn es ließ der Phantasie Raum, sich Schrecken auszumalen, die alles, was die Natur hervorbrachte, übertrafen.
Kara schätzte, daß die Schicht aus Tier- und Pflanzenkadavern, die den Schlund vor dem Höhleneingang bedeckte, an die fünfzig Meter stark sein mußte. Sie waren alle tot, von den Schallwaffen Thorns vernichtet. Voller Schaudern dachte Kara an das widerwärtige Geräusch, das ihre Schritte auf dem Boden aus Tierleichen verursacht hatten. Es war nicht die Gefahr, die von all diesen Wesen ausgegangen wäre, wären sie noch am Leben gewesen, die Kara zu schaffen machte. Es war ihr Tod.
Das Gefühl, daß sich ihr jemand näherte, riß sie aus ihren düsteren Überlegungen in eine Wirklichkeit zurück, die kaum weniger düster und bedrohlich war. Sie hatten das Feuer entzündet und damit Licht und Wärme hierhergebracht, aber beides gehörte nicht hierher. Dieser Gang hatte niemals Tageslicht gesehen.
Donay kam zu ihr. Er sah so blaß und elend aus, wie Kara sich fühlte. Es war nicht das erste Mal, daß er auf einem Drachen flog, aber er schien zu jenen Menschen zu gehören, die sich nie wirklich daran gewöhnten. Kara hatte ihn fast von Markors Rücken herunterheben müssen, so übel war ihm gewesen. Er begegnete ihrem Blick und versuchte zu lächeln, während er sich mit untergeschlagenen Beinen neben ihr niederließ.
Zu Karas Überraschung gelang es ihm sogar. Aber es wirkte nicht sehr überzeugend.
»Wie lange noch?« fragte er. Es waren die ersten Worte, die einer von ihnen sprach, seit sie die Höhle betreten hatten, und für eine halbe Sekunde mußte sich Kara gegen die absurde Furcht wehren, daß dieser Frevel auf der Stelle geahndet werden würde, indem irgendein unvorstellbares Wesen aus der Tiefe des Stollens auftauchte und über sie herfiel; oder die Decke über ihren Köpfen zusammenstürzte. Was für ein Unsinn...
»Bis es hell wird?« Sie warf einen Blick nach draußen, und obwohl sie aus diesem Winkel heraus den Himmel überhaupt nicht erkennen konnte, antwortete sie nach kurzem Überlegen: »Zehn Minuten. Vielleicht eine Viertelstunde. Warum fragst Du?«
»Ich fühle mich hier drinnen nicht sehr wohl, weißt du?«
»Glaubst du, daß du dich draußen wohler fühlen wirst?« fragte Kara.
»Nein«, antwortete Donay. »Aber sicherer.«
Kara sah ihn verständnislos an.
»Ist dir nichts aufgefallen?« fragte Donay.
Sie schüttelte den Kopf, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, einen Blick in die Runde zu werfen.
»Dann sieh dir mal die Wände an und die Decke«, fuhr Donay fort. Er hob die Hand und deutete in eine bestimmte Richtung, in die Karas Blick der Geste folgte. »Siehst du die Risse? Da und da und dort oben, den großen direkt über dem Eingang! Sie sind neu.« Ein paar Sekunden lang weidete er sich an Karas sichtbarem Erschrecken. Dann lachte er. »Kennst du das Gefühl, in einer Höhle zu sein und sich zu fragen, warum, zum Teufel, sie nach all den Millionen Jahren nicht ausgerechnet jetzt zusammenbrechen sollte?«
Kara nickte wortlos. Wer kannte dieses Gefühl nicht?
»Nun, hier kann dir das durchaus passieren«, sagte Donay trocken.
»Wie bitte?«
»Die Struktur dieses Felsens ist grundlegend erschüttert«, bestätigte Donay. »Ich bin kein Geologe, und ich weiß nicht, wie weit die Schäden in die Tiefe reichen, aber ich schätze, in ein paar Jahren kann sich Schelfheim von ein paar Straßenzügen verabschieden, die zu dicht an der Klippe liegen.«
»Aber sie haben doch nur -«
»- stundenlang auf diese Wand geschossen«, unterbrach sie Donay. »Erinnerst du dich, was Elder über die Schallwaffen erzählt hat? Sie zerstören sogar Stahl. Und diese Wand hier besteht nun einmal leider nicht aus Stahl.«
Kara seufzte. Sie mußte an das zurückdenken, was sie selbst vor nicht einmal langer Zeit über das Zeitalter der schlechten Nachrichten gedacht hatte. Manchmal machte es einen nicht sehr glücklich, recht zu haben. Ob es nun das Jahrhundert der Hiobsbotschaften war oder nicht, das Schicksal hatte zumindest in den nächsten fünfzehn Minuten ein Einsehen mit ihnen und ließ ihnen nicht ganz Schelfheim auf die Köpfe fallen. Eine Stunde später als in der drei Meilen höher gelegenen Stadt ging die Sonne hier unten auf, und der erste blutrote Schein des Morgens ließ das Bild, das sich vor Kara und den anderen ausbreitete, noch unheimlicher erscheinen.
Der Dschungel war verschwunden. Thorns Maschinen hatten die Baumriesen so gründlich zerstört, wie sie auch alles Leben auf ihren Ästen und der Klippe ausgelöscht hatten. Nur hier und da ragte ein zerborstener Stumpf aus dem Meer von Insektenkadavern.
Kara machte einen vorsichtigen Schritt aus der Höhle heraus und blieb wieder stehen. Ihr Mut sank, als sie ihren Blick über die endlose Ebene aus braunen, schwarzen, grauen und dunkel-roten Hornschalen schweifen ließ. Wie um alles in der Welt sollten sie hier das Wrack einer Maschine finden! Vom Rücken ihrer Drachen herab wäre es vielleicht möglich gewesen, aber sie hatten die Tiere weggeschickt, und sie würden auch erst nach Anbruch der Dunkelheit wiederkommen. Daß jemand in der drei Meilen höher liegenden Stadt das halbe Dutzend schwarz gekleideter Gestalten entdeckte, war so gut wie ausgeschlossen. Bei den Drachen verhielt es sich umgekehrt: es war so gut wie undenkbar, daß sie übersehen wurden, wenn sie sich bei Tageslicht zeigten.
Hinter ihr trat Donay aus der Höhle, sah sich rasch um und wandte sich dann an Ian, der ihm dichtauf folgte. »Also - wo sind sie abgestürzt?«
Ian reagierte beinahe wütend. »Woher, zum Teufel, soll ich das wissen?« schnappte er. »Wir waren irgendwo dort oben und hatten genug damit zu tun, am Leben zu bleiben.« Dann fügte er ruhiger hinzu: »Laßt uns mehr im Westen suchen. Ich glaube, dort hatten sie die größten Verluste.«