Sie entfernten sich ein gutes Stück von der Klippe, ehe sie sich nach links wandten, denn aus der zerborstenen Felswand lösten sich noch immer kleine und große Trümmerstücke.
Karas Blick glitt die Steilwand empor, während sie dicht hinter Ian über den unsicheren Untergrund balancierte. Gewaltige Risse durchzogen die Wand wie ein Muster ineinanderlaufender, erstarrter Blitze. Donay hat recht, dachte Kara schaudernd. Sie wird bald zusammenstürzen.
Sie suchten eine Stunde, dann eine zweite, und als die dritte anbrach, fanden sie das erste Wrack. Es war halb in der Masse aus Hornschalen und Bruchstücken versunken. Als sie damit begannen, es zu untersuchen, lösten sich Stahl und Kunststoff unter ihren Händen in Staub auf. Das Wrack wies so viele Beschädigungen auf, daß es unmöglich war, zu sagen, welche davon zu seinem Absturz geführt hatte. Denn nach ihrem Absturz war die Libelle in den Vernichtungskegel der Schallwaffen geraten.
»Ich schätze, das war's«, sagte Ian übellaunig, als sie nach einer halben Stunde enttäuscht aufgaben. Zornig versetzte er dem Heck der Libelle einen Tritt. »Wahrscheinlich sehen die anderen genauso aus.« Er sah Kara nachdenklich an. »Vielleicht haben sie sich aus Versehen ja gegenseitig abgeschossen. Wundern würde es mich nicht, bei dem Durcheinander, das in dieser Nacht geherrscht hat.«
»Dann wäre sie beim Aufprall in tausend Stücke zerbrochen«, widersprach Donay. Er schüttelte heftig den Kopf. »Wir müssen weitersuchen.«
»Wozu?« fragte Ian. »Wir verschwenden nur unsere Zeit.«
»Und? Vor heute abend können wir sowieso nicht weg. Die Drachen kommen erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück.«
Ehe sich die Nervosität, die von ihnen allen Besitz ergriffen hatte in einem Streit entladen konnte, sorgte Kara mit einer Handbewegung für Ruhe. Sie suchten weiter, und nach erstaunlich kurzer Zeit fanden sie ein zweites Wrack, das sich allerdings in keinem besseren Zustand befand als das erste.
»Ich hatte recht«, knurrte Ian. »Sie haben sich irgendwie gegenseitig abgeschossen. Es gibt hier nichts, was diesen Schutzschild überwinden kann.«
»Und die Maschine, die Kara draußen im Schlund gefunden hat?« fragte Donay. »Meinst du, die hätte sich ganz versehentlich selbst abgeschossen?«
»Unfälle kommen vor«, antwortete Ian. »Vielleicht hat der Motor ausgesetzt, oder der Pilot war krank, und...«
Kara starrte Donay an. Sie hörte gar nicht mehr hin, was Ian sagte. Die Maschine im Schlund... Da war etwas, was sie die ganze Zeit über gewußt, aber aus ihrem bewußten Denken verdrängt oder ihm einfach keine Bedeutung zugemessen hatte. Sie versuchte, das Bild der zertrümmerten Maschine wieder vor ihrem inneren Auge entstehen zu lassen... und dann wußte sie es.
»Der Pilot«, murmelte sie.
Donay und Ian sahen sie beide auf die gleiche Weise fragend an.
»Der Pilot ist nicht mehr da«, sagte Kara. Sie deutete auf das Wrack der Libelle, dann zurück in die Richtung, in der sie das andere Wrack gefunden hatten.
»Ich weiß«, antwortete Donay. »Die Kanzeln waren aufgebrochen. Sie haben sie geholt.«
»Aber die Kanzel des Wracks, das wir im Wald draußen gefunden haben, war nicht aufgebrochen«, sagte Kara. »Im Gegenteil - ein Ast hatte sich hindurchgebohrt, so daß man sie gar nicht mehr öffnen konnte.«
»Wie unangenehm«, sagte Donay in fast gelangweiltem Ton. »Na und?«
»Aber der Pilot war trotzdem verschwunden«, antwortete Kara. »Auf dem Sitz klebte jede Menge eingetrocknetes Blut, und wir fanden ein paar Fetzen seiner Kleidung - aber keinen menschlichen Körper.«
Der gelangweilte Ausdruck auf Donays Gesicht machte gespanntem Interesse Platz. »Bist du sicher? Keine Knochen, nichts?«
»Nichts«, bestätigte Kara. »Ist dir klar, was das heißt?«
»Daß es das, woran ich arbeite, wahrscheinlich längst gibt«, murmelte Donay. »Etwas, was ihre Körper angreift, ohne sich von diesem unsichtbaren Schild aufhalten zu lassen.« Plötzlich war er sehr erregt. »Kommt weiter! Wenn es ein solches Geschöpf wirklich gibt und wir es finden, dann... dann haben wir eine Waffe gegen sie!«
Niemand antwortete, aber Kara spürte, wie ansteckend Donays plötzlicher Optimismus wirkte. Das war auch der Grund, aus dem sie sich hütete, die Frage zu stellen, die ihr auf der Zunge lag: Was um alles in der Welt sie mit dieser Waffe wollten. Es nutzte ihnen nichts, zehn oder auch hundert dieser stählernen Libellen vom Himmel zu holen; nicht, solange die Drohne existierte, die ganz allein in der Lage war, diesen Planeten einzuäschern.
Sie setzten ihre Suche fort. Gegen Mittag legten sie eine Rast ein, ohne ein Feuer anzuzünden. Sie waren vor dem heulenden Wind durch die ausgehöhlte Schale eines riesigen Käfergeschöpfes geschützt, hinter die sie sich verkrochen. Sie hatten Vorräte mitgebracht: Brot und gesalzenes Fleisch und ein wenig Wasser, aber niemand hatte Hunger; nicht in dieser Umgebung.
Sie sprachen sehr wenig. Der allumfassende Tod ringsum legte sich wie ein betäubender Schleier auf ihre Seelen. Vielleicht, dachte Kara, wird es gar nicht mehr lange dauern, bis die ganze Welt so aussieht wie ein einziges, gewaltiges Leichenhaus, über das sie herfallen wie die Aasgeier, um sich die besten Stücke herauszupicken.
Sie versuchte, den Gedanken zu verscheuchen, aber ganz gelang es ihr nicht - und wie auch?
Wenn man auf einem Berg aus Kadavern saß, der so groß war wie ein kleines Herzogtum, dann war es schwer, an irgend etwas anderes zu denken als an den Tod.
Nach einer Stunde setzten sie ihre Suche fort, obwohl sich Kara schmerzhaft darüber im klaren war, wie klein ihre Chance war, noch eine dritte Libelle zu finden.
Sie fanden sie auch nicht.
Thorns Männer führten sie hin.
Sie waren eine weitere Stunde unterwegs, als Ian plötzlich stehenblieb, sie erschrocken am Arm ergriff und mit der anderen Hand nach oben deutete. Karas Blick folgte der Geste. Sie erkannte zwei winzige, dunkle Punkte, die sich von der Klippe gelöst hatten und mit schnellen, irgendwie ruckhaften Bewegungen tiefer sanken, wie große, ein wenig zu plump geratene Bienen.
»Flieger!« sagte Donay überrascht. »Das sind Flieger! Was, zum Teufel, suchen die hier?«
»Uns«, antwortete Kara. »Versteckt euch! Schnell!« Sie sah sich suchend um, entdeckte einen mannsgroßen zerbrochenen Chitinschild und kroch hastig darunter. Während auch Ian, Donay und die drei anderen sich ein Versteck suchten, rutschte Kara unter ihrem Schild in eine Position, die es ihr erlaubte, wenigstens einen Ausschnitt des Himmels über sich zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
Die beiden Flieger verloren rasch an Höhe und kamen dabei näher, in taumelnden, ungeschickten Spiralen, die aber trotzdem so zielsicher waren, daß es unmöglich ein Zufall sein konnte. Als die riesigen Käfergestalten näher kamen, sah sie, daß auf dem Rücken jedes Tieres zwei Reiter saßen. Drei von ihnen trugen die gelben Umhänge der Stadtgarde, der vierte das verhaßte Blauschwarz der PACK-Soldaten. Kara verspürte in ihrem Versteck eine Welle heißer Wut in sich aufsteigen. Gendik schien sich mit seinen neuen Freunden tatsächlich bereits prächtig zu verstehen. Dann sah sie etwas, was ihren Zorn schlagartig in Überraschung und dann Fassungslosigkeit verwandelte. Die beiden Flieger landeten, einer davon nicht einmal fünf Meter von ihrem Versteck entfernt, und die Reiter kletterten umständlich von den Rückenschilden der riesigen, sechsbeinigen Käfer herunter. Einen von ihnen kannte Kara.
Es war Karoll.
»Was, zum Teufel -« murmelte Kara, brach ab und biß sich erschrocken auf die Unterlippe, als ihr klar wurde, daß die Männer dort draußen sie hören konnten.