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»Ich werde nichts sagen«, sagte der eine schließlich. Der andere schwieg.

Kara sah zum Eingang. Die Libellen waren nicht mehr zu sehen, aber das Heulen ihrer Rotoren war noch lauter geworden. Offensichtlich suchten sie bereits nach einem geeigneten Landeplatz. Sie wandte sich an den zweiten Soldaten, während sie die Hand auf den Griff des Schwertes sinken ließ.

»Ich habe nicht mehr viel Zeit«, sagte sie. »Du hast noch fünf Sekunden, um dich zu entscheiden.«

»Ich verrate euch nicht«, versprach der Gardist. »Falls sie mich nicht dazu zwingen. Sie können so etwas.«

»Ich weiß«, antwortete Kara. »Ich verlange zehn Minuten von euch, mehr nicht. Bis dahin sind wir weit genug weg, daß uns niemand mehr einholt. Nicht dort drinnen.« Mit einem Ruck drehte sie sich herum und warf den beiden Drachenkämpfern einen auffordernden Blick zu.

»Du läßt sie am Leben?« fragte einer der beiden.

»Ich habe ihr Wort«, erinnerte Kara. »Sie werden es halten also kommt.«

Die Zeit reichte nicht mehr aus, um sich mit den beiden Kriegern darüber zu streiten, ob es nun gefährlich war, ihre Gefangenen am Leben zu lassen oder nicht. Das Heulen der Libellenmotoren nahm ab, als eine der Maschinen offensichtlich landete und der Pilot die Triebwerke abschaltete; ihnen blieben jetzt nur noch ein paar Augenblicke, bis der erste PACK-Krieger auftauchen würde.

Kara versuchte vergeblich, sich das Bild der Höhle ins Gedächtnis zurückzurufen, so wie sie es heute morgen im Schein des Feuers gesehen hatte. Sie glaubte zumindest, daß der Weg auf eine Strecke von dreißig oder vierzig Metern geradeaus in den Berg führte und der Boden keine weiteren bösen Überraschungen enthielt als einige heruntergefallene Steine. Sie stürmten ein Stück weit, das sich in der absoluten Dunkelheit nicht schätzen ließ, in den Gang hinein, wobei Kara immer wieder rasche Blicke über die Schulter zurückwarf. Die Schritte der beiden anderen waren neben ihr, und sie war sich schmerzhaft der Tatsache bewußt, wie laut und überdeutlich sie in der unheimlichen Stille zu hören sein mußten. Sie reagierten genauso rasch und richtig wie sie: Kaum erschien der Schatten des ersten PACK-Soldaten unter dem Höhleneingang, da erstarrten sie zur Reglosigkeit. Auch Kara sank in eine geduckte Position herab und drehte sich vollends zum Eingang um. Sie konnte die gedämpften Atemzüge von einem der beiden Krieger neben sich hören.

Die Libellenflieger waren nur als Umrisse zu erkennen. Der wuchtige Helm mit dem gläsernen Visier verlieh als Schatten ihren Köpfen etwas Insektenhaftes und Bedrohliches. Einer der beiden blieb reglos unter dem Höhleneingang stehen, der andere sah sich rasch um und eilte dann auf die beiden gefesselten Soldaten zu. Sie waren schon zu weit entfernt, als daß Kara hören konnte, was sie sagten, aber ihre wilden, abgehackten Gesten bewiesen ihr, daß die Gardisten offensichtlich wirklich bei der abgesprochenen Geschichte blieben. Sie deuteten nach draußen, nicht tiefer in den Gang hinein. Kara verspürte ein flüchtiges, aber tiefes Gefühl von Erleichterung. Völlig überzeugt von der Aufrichtigkeit der beiden Männer war sie nicht gewesen.

Die beiden hatten jedoch ihre Geschichte noch nicht einmal zu Ende erzählt, da hob der zweite PACK-Soldat die Hand an den Kopf, tat irgend etwas an seinem Helm – und dann ging alles so schnell, daß selbst Karas warnender Schrei viel zu spät kam. Die Gestalt in der blauen Uniform bewegte sich unvorstellbar rasch. Ihre Hände, die gerade noch leer gewesen waren, hielten plötzlich einen länglichen, plumpen Schatten, und im gleichen Moment schnitt ein giftgrüner Lichtblitz durch die Dunkelheit und traf mit tödlicher Präzision sein Ziel.

Es war pures Glück, daß es nicht Kara traf. Der Mann neben ihr verwandelte sich in eine lodernde Fackel, die hilflos nach hinten kippte und vermutlich schon tot war, ehe Kara sich zur Seite warf und mit einer Flugrolle wieder auf die Füße kam. Im flackernden Licht des brennenden Körpers erkannte sie, daß der Gang sich nicht auf zwanzig, sondern auf mindestens hundert Meter vor ihr erstreckte. Aber es gab einen mehr als meterbreiten, bis an die Decke reichenden Spalt nur wenige Schritte vor ihr, der die Wand in zwei Teile zerrissen hatte. Es war möglich, daß dahinter nichts als zwei oder drei Meter Raum war, aber sie hatte keine Wahl. Der Soldat schoß sich allmählich auf sie ein. Ein, zwei grüne Blitze verfehlten sie so knapp, daß sie die verbrannte Luft riechen konnte; neben ihr stoben Funken und winzige Spritzer geschmolzenen Gesteins aus der Wand. Im Zickzack rannte sie weiter, warf sich mit einem verzweifelten Satz in den Spalt hinein und schrie vor Schmerz auf, als ein weiterer Schuß sie nur um Haaresbreite verfehlte und glühendes Gestein Löcher in ihre Jacke brannte. Aber sie hetzte weiter. Vor ihr war nichts als Schwärze – und die hastigen Schritte des zweiten Drachenkriegers, der sich in diesen Spalt gerettet hatte, ohne daß sie es bisher überhaupt bemerkt hätte. Dann brachen sie plötzlich ab, sie hörte einen Fluch und kurz darauf das Geräusch eines Körpers, der zu Boden stürzte und in einer Lawine aus Steinen und Geröll weiterschlitterte. Trotzdem rannte sie weiter. Wenn sie stehenblieb, war alles zu Ende. Der Fremde würde sie verfolgen, und in diesem engen Spalt mußte er gar nicht zielen, um sie zu treffen.

Zwei, drei Schritte weit fühlte sie noch festen Boden unter den Füßen, dann hatte sie plötzlich das entsetzliche Gefühl, ins Leere zu treten. Sie stürzte, prallte dann auf einer schräg in die Tiefe führenden Böschung aus Stein und Geröll auf und versuchte vergeblich, sich irgendwo festzuklammern. Wie der Mann vor ihr schlitterte sie hilflos in die Tiefe, überschlug sich dabei mehrmals und beließ es schließlich dabei, die Hände schützend vor das Gesicht zu reißen, um nicht von den scharfkantigen Felsen verletzt zu werden.

Schließlich prallte sie in der Dunkelheit gegen den Drachenkämpfer, der vor Schmerzen aufstöhnte und mit einer Hand, die feucht von Blut war, nach ihr tastete.

»Ich bin es!« sagte Kara erschrocken. »Kara!«

Der Griff des Drachenkriegers lockerte sich für einen Augenblick, dann packte er ihre Schulter. Sie spürte, wie stark seine Hand zitterte. Und es klebte sehr viel Blut darauf. Er mußte sich schwer bei seinem Sturz verletzt haben.

Behutsam streckte auch sie die Hände aus und tastete nach seinem Gesicht. Es war so zerschlagen und zerschunden wie ihr eigenes und warm vor Blut. Sie fühlte eine schmale, sichelförmige Narbe unter seinem rechten Auge, und daran erkannte sie ihn. Es war Tyrell, ein Krieger, der nur zwei oder drei Jahre älter war als sie. Sie war nie besonders gut mit ihm ausgekommen, wußte aber, daß er tapfer und klug war.

»Bist du schwer verletzt?« fragte sie.

»Ich glaube, ja«, stöhnte Tyrell. »Aber das spielt jetzt keine Rolle. Wir müssen... ein Versteck finden. Er kann... im Dunkeln sehen.«

Kara schrak so heftig zusammen, daß er es fühlen mußte. Sie hätte sich ohrfeigen können, daß nicht sie, sondern er darauf gekommen war. Völlig sinnlos, aber einem plötzlichen Reflex folgend, hob sie den Kopf und blickte dorthin, wo Tyrell und sie hergekommen waren. Natürlich sah sie nichts außer Schwärze, aber er hatte recht – in ein paar Momenten würde ihr Verfolger dort oben auftauchen und sie wahrscheinlich so deutlich vor sich sehen, als säßen sie im hellen Sonnenlicht. Sie löste behutsam Tyrells Hand von ihrer Schulter, griff mit der Rechten nach seinen Fingern und hielt sie fest, während sie vorsichtig mit dem ausgestreckten linken Arm um sich tastete. Nichts. »Kannst du gehen?« fragte sie.

»Ja«, murmelte Tyrell. Sie hörte und spürte, wie er aufstand. Steine rollten weiter den Abhang hinab. Offensichtlich waren sie noch lange nicht auf dem Grund dieser lichtlosen Höhle angekommen. »Das ist besser als nichts«, murmelte sie. Auch sie selbst konnte sich nur mit zusammengebissenen Zähnen fortbewegen; ein pochender Schmerz schoß durch ihr rechtes Bein, wenn sie versuchte, es zu belasten. Und Tyrells Gewicht zerrte wie eine Zentnerlast an ihrem rechten Arm. Trotzdem quälte sie sich Schritt für Schritt weiter – und nach einem Dutzend dieser qualvollen Schritte stießen ihre Finger auf harten glatten Widerstand. Sie war noch immer vollständig blind, aber sie ertastete einen gut anderthalb Meter hohen Felsbuckel. Kara nahm all ihren Mut zusammen, stieg vorsichtig hinauf und ließ sich auf der anderen Seite wieder hinabsinken. Ihre Phantasie gaukelte ihr Bilder von bodenlosen Schächten und Ungeheuern mit rasiermesserscharfen Zähnen vor, die auf der anderen Seite auf sie lauerten, aber wie so oft übertraf die Phantasie die Wirklichkeit. Sie fand nichts außer rissigem Felsboden, zog Tyrell hastig zu sich herab und ließ sich in die Hocke sinken. Sie lauschte mit angehaltenem Atem und rasendem Herzen in die Dunkelheit hinein. Im ersten Moment hörte sie nichts, aber dann begannen ihre überreizten Sinne doch Geräusche auszumachen. Ein Knacken und Rumoren im Fels, das Kullern von Steinen, die noch immer in die Tiefe stürzten, das weit entfernte, monotone Tropfen von Wasser, ein Huschen und Gleiten, Schaben und Knirschen... Es war, als wären sie unversehens in einen Jahrmarkt steinerner Ungeheuer geraten, nicht in eine Höhle, die noch nie von einem lebenden Wesen betreten worden war. Dann vernahm sie unter all diesen Lauten ein anderes, alarmierendes Geräusch: die vorsichtigen, tastenden Schritte eines Menschen, der sich den Geröllhang herabarbeitete und dabei versuchte, die Balance zu halten, um nicht wie sie und Tyrell kopfüber den Rest des Weges zurückzulegen. Sie fragte sich, ob er sie gesehen hatte oder ob sie in ihrem Versteck sicher waren.