Kara spürte, wie sich jedes einzelne Haar auf ihrem Kopf sträubte, als sie begriff, was sie da vor sich hatte. Sie blieb stehen.
»Ich... weiß, was das ist«, sagte sie. Donay sah sie überrascht an. »Jedenfalls habe ich es schon einmal gesehen.« Sie erzählte Donay von den fliegenden Riesennetzen, die sie über dem sterbenden Schlund gesehen hatte.
Dony hörte ihr wortlos und sehr aufmerksam zu, dann richtete er seine Konzentration für eine Weile auf die zerschmetterte Libelle. »Du könntest recht haben«, murmelte er. »Es scheint sich um eine Art... Seide zu handeln. Überall tote Spinnen, siehst du?« Er versetzte einem der faustgroßen Tiere einen Tritt, das nicht ganz so tot war, wie er behauptet hatte, und sich gerade dazu anschickte, in sein Hosenbein zu kriechen, dann überlegte er es sich anders, bückte sich und hob es auf. Die Spinne begann mit den Beinen zu strampeln und stieß einen dünnen Strahl weißer Seide aus, der sich wie eine Peitschenschnur um Donays Handgelenk wickelte. Kara wurde übel.
»Au!« sagte Donay, der allerdings eher amüsiert klang. »Nun sieh dir diesen kleinen Racker an! Er wehrt sich ganz schön!«
Kara hatte das Gefühl, daß sich eine unsichtbare eisige Hand um ihren Hinterkopf schloß und langsam zuzudrücken begann.
Donay hielt das Spinnentier fest in der rechten Hand, während er mit der anderen emsig in seinem Beutel herumzukramen begann und etwas herauszunehmen versuchte. Es gelang ihm nicht.
Er seufzte enttäuscht, drehte sich zu Kara herum und streckte ihr die Hand mit der zappelnden Spinne entgegen. »Kannst du sie einen Moment halten! Ich will nur -«
»Nein!« schrie Kara und wich ein paar Schritte zurück.
Donay sah sie verwirrt an. »Was hast du?« fragte er. »Sie ist nicht giftig.«
»Bist du... sicher?« fragte Kara etwas verlegen.
»Völlig«, antwortete Donay, der offenbar gar nicht begriff, was Kara wirklich hatte. »Es muß das Netz gewesen sein, das die Libellen heruntergeholt hat. Siehst du?« Er deutete mit der zappelnden Spinne auf das Wrack. »Es hat sich um die Rotoren gewickelt, die Turbinen verstopft und jede andere Öffnung verkleistert.« Er hatte endlich gefunden, wonach er gesucht hatte; ein bauchiges Glas mit einem Schraubverschluß aus Metall.
»Ich frage mich nur, wie es durch den Schild gekommen ist«, murmelte er, während er die Spinne hineinfallen ließ und sich nach einer zweiten umsah.
»Ich brauche noch ein paar Tiere«, sagte er. »Hilfst du mir?«
»Ganz bestimmt nicht«, sagte Kara.
Donay sah sie verständnislos an, schraubte den Deckel auf sein Glas und begann auf Händen und Knien durch das Wrack zu kriechen, wobei er alberne zirpende Laute ausstieß, als locke er eine Katze oder einen jungen Hund. Kara beschloß, bei nächster Gelegenheit ihre Meinung, daß Donay vielleicht ein wenig seltsam, ansonsten aber ganz harmlos sei, einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. Wortlos drehte sie sich herum und ging zu Ian und Karoll zurück.
»Was tut er da?« fragte Karoll stirnrunzelnd.
»Nichts«, antwortete Kara kalt. »Wir Mutantengesindel rasten manchmal aus, weißt du? Aber keine Angst - Donay ist harmlos. Er ißt nur gern Spinnen. Soll ich ihn bitten, dir auch eine zu braten!« Sie drehte sich zu Ian um und deutete auf die beiden Flieger. »Kannst du so ein Tier fliegen?«
»Ja«, antwortete Ian. »Aber sie sind langsam, und sie ermüden schnell. Den Weg bis zum Drachenhort schaffen sie nie.«
»Das müssen sie auch nicht«, sagte Kara. »Silvy wartet mit den Drachen hundert Meilen westlich von hier. Schaff Karoll dorthin. Sie sollen ihn zum Drachenhort bringen. Er darf unter keinen Umständen zurück nach Schelfheim kommen. Wenn er zu fliehen versucht, töte ihn. Und du« - sie winkte einen der drei Drachenreiter herbei - »nimmst den zweiten Flieger und sorgst dafür, daß Donay sicher im Hort ankommt.«
»Und du?« fragte Ian.
»Mach dir um mich keine Sorgen.« Kara machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wir bleiben hier, bis die Sonne untergeht. Danach werden uns die Drachen abholen, wie wir es geplant haben.«
Ian antwortete nicht mehr, aber sein Blick machte klar, daß er nicht sehr davon überzeugt war, daß ihr Plan tatsächlich noch aufgehen würde.
Und wenn Kara ehrlich zu sich selbst war, dann glaubte sie das auch nicht.
51
Sie hatten verabredet, in der gleichen Höhle auf die Rückkehr der Drachen zu warten, in der sie auch die letzte Stunde der Nacht zugebracht hatten. Da sie diesmal nichts suchten und nicht in einem wirren Zickzack über das Kadaverfeld gingen, brauchten sie kaum zwei Stunden, um den Rückweg zu bewältigen - aber allein das erschien Kara hinterher wie ein kleines Wunder. Sie machte sich nichts vor. Karoll war kein Irgendwer, der so einfach verschwinden konnte, ohne daß es jemandem auffiel. Schon bald würde es hier von Fliegern und vielleicht sogar Libellen wimmeln, die nach den Verschwundenen suchten.
Als sie in die Höhle zurückgingen, erwartete sie die nächste unangenehme Überraschung. Jemand hatte ihr Feuer gelöscht und die Brandstelle so zertrampelt, daß Kara die Idee, das Feuer zu entfachen, sofort fallenließ.
Sie blieben dicht beim Höhleneingang, aber die Helligkeit, die durch die Öffnung hereinfiel, vermochte die gestaltlose Furcht, die in der Schwärze dahinter lauerte, nicht zu vertreiben. Einen Moment lang spielte Kara mit dem Gedanken, auf diesem Weg nach oben zurückzukehren, verwarf ihn aber gleich wieder. Zweifellos führte der Gang in das Labyrinth aus Katakomben und Treppen unter der Stadt, aber sie hatten kein Licht und waren erschöpft und müde. Außerdem wußte niemand, ob sich nun eine ganze Armee oder nur einige wenige Ungeheuer in Schelfheims Unterwelt geflüchtet hatten. Und so ganz nebenbei hatte Kara auch keine besondere Lust, eine drei Meilen lange Treppe hinaufzusteigen...
Seufzend wandte sie sich wieder dem Höhleneingang zu und entdeckte fast im gleichen Augenblick das, was sie befürchtet hatte: Über der Klippe war ein halbes Dutzend der riesigen Käfer aufgetaucht sowie zwei Libellen.
Das gefiel ihr nicht. Vier oder auch vierzig Flieger hätten ihr wenig Kopfzerbrechen bereitet; auf diesem gigantischen Insektenfriedhof konnte eine ganze Armee von Schelfheims Soldaten nach ihnen suchen, bis sie schwarz wurden. Sie war allerdings ziemlich sicher, daß die PACK-Leute in den Libellen technische Möglichkeiten zur Verfügung hatten, sie auch in der Höhle aufzuspüren.
Während die Käfer ziemlich ziellos zu kreisen begannen, sank eine der Libellen dort nieder, wo sie den toten PACK-Soldaten zurückgelassen hatten. Die andere drehte sich schwerfällig einmal im Kreis - und begann dann langsam, aber sehr zielsicher, auf ihr Versteck zuzufliegen!
»Mist!« fluchte Kara. Ihre beiden Begleiter sahen sie fragend an, und Kara deutete mit einer abgehackten Geste nach draußen. »Sie haben uns entdeckt. Oder wenigstens die Höhle. Wir können nicht hierbleiben.«
Sie überlegte einen Moment, versuchte die Zeit abzuschätzen, die die Libellen brauchen würden, um herzukommen - allerhöchstens zwei Minuten, vermutete sie, und wandte sich dann an die beiden gefesselten Soldaten.
»Wir haben genau drei Möglichkeiten«, sagte sie und deutete mit einer Kopfbewegung in das Dunkel des Ganges. »Wir können gemeinsam dort hinein gehen. Ich glaube, ihr wißt so gut wie wir, was das bedeutet. Ich kann euch beiden die Kehlen durchschneiden und versuchen, zusammen mit meinen Männern allein durchzukommen. Das würde uns eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen und uns ein schönes Stück schneller machen.« Obwohl im Moment nichts für sie so kostbar war wie Zeit, ließ sie fünf Sekunden verstreichen. »Oder ich könnte euch vertrauen und am Leben lassen. Ihr könntet den Männern, die gleich hier erscheinen werden, erzählen, daß wir euch gefesselt und einfach hier zurückgelassen haben, während wir mit unseren Drachen weggeflogen sind - so tief, daß man uns von der Stadt aus nicht sehen konnte.« Sie ließ weitere fünf Sekunden verstreichen, in denen die Libellen so nahe kamen, daß sie jetzt bereits das schrille Heulen der Rotoren hören konnte. »Ich persönlich würde die dritte Möglichkeit vorziehen. Die Frage ist nur: Kann ich euch vertrauen?« Sie suchte in den Gesichtern der beiden Männer nach irgendeinem Zeichen von Verrat oder Lüge, aber sie fand nichts.