Das Ergebnis war kein grüner Lichtblitz, sondern eine unterbrochene Perlenschnur winziger, giftiggrüner Lichtpunkte, die auf das Ungeheuer zurasten, faustgroße Löcher in seinen Panzer brannten, seine Augen verdampfen ließen, eine seiner Zangen absägten und seine wirbelnden Beine in Brand setzten. Eine der Lichtperlen schlug in sein offenes Maul und ließ einen Schwall aus kochendem Blut und Fleisch hervorsprudeln.
Kara hatte aber die Waffe vor Schrecken um eine Winzigkeit hochgerissen, und eine Salve schlug in die Decke über dem sterbenden Monster. Die Wirkung auf den uralten, zermürbten Stein war beinahe noch schrecklicher. Ein dumpfer Schlag ließ den gesamten Gang erzittern. Einige Tonnen Stein und Erdreich prasselten auf das sterbende Ungeheuer herab, und plötzlich spaltete ein Riß wie ein gezackter schwarzer Blitz die Decke über ihnen. Trümmer, Staub und Felsbrocken füllten die Luft wie tödlicher Regen, und Kara sah entsetzt, wie auch der Boden aufriß. Ein handbreiter Spalt raste auf sie und Tyrell zu und knickte im buchstäblich allerletzten Moment im rechten Winkel ab, um die Wand zu ihrer Linken zu zertrümmern. Und das Zittern des Bodens und der Wände hielt an.
»Weg hier!« schrie sie. Mit einem Satz war sie auf den Füßen, packte Tyrells Arm und zerrte ihn einfach mit sich, während sie mit weit ausgreifenden Schritten davonlief. Sie kamen nicht schnell genug voran. Hinter ihnen brach der Stollen immer mehr zusammen. Kara warf einen Blick über die Schulter zurück und sah, daß der Vorsprung, auf dem Tyrell gesessen hatte, bereits unter niederstürzenden Felsen verschwunden war, die Decke senkte sich immer noch weiter und weiter, als versuche das Chaos, seine Opfer noch einzuholen, die ihm zu entkommen drohten.
Tyrell stolperte. Kara versuchte, ihn wieder hochzureißen, aber ihre Kraft reichte nicht. Mit einem Schmerzensschrei fiel er zu Boden, ließ ihre Hand los und hob schützend die Arme über den Kopf. Kara fluchte, fuhr herum und riß ihn grob wieder auf die Füße. Ein kopfgroßer Stein stürzte von der Decke, streifte ihren Helm und prallte mit einem betäubenden Schlag gegen ihre Schulter. Sie wankte, hielt Tyrell aber eisern fest und brachte irgendwie sogar die Kraft auf, ihn mit sich zu zerren. Das Zittern des Bodens ließ jetzt doch allmählich nach. Aber sie waren noch lange nicht in Sicherheit. Immer noch stürzten Steine von der Decke. Kara bekam kaum noch Luft. Sie hustete, prallte gegen die Wand und torkelte weiter, wobei sie Tyrell einfach mit sich zerrte. Erst als sie ganz sicher war, daß sie aus dem gefährlichen Trümmerhagel heraus waren, wagte sie es, stehenzubleiben und ihn loszulassen. Er brach auf der Stelle zusammen, und Kara hatte diesmal nicht mehr die Kraft, ihn aufzufangen. Mit einem erschöpften Keuchen ließ sie sich neben ihn sinken, nahm nun doch den Helm ab und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, ehe sie ihn wieder aufsetzte und besorgt auf Tyrell herabsah.
»Was... ist passiert?« murmelte Tyrell.
»Nichts«, antwortete Kara. »Es war mein Fehler.« Sie schauderte, als sie sich vor Augen zu führen versuchte, wie die Sache möglicherweise ausgegangen wäre, wäre das Monster nicht dreißig, sondern vielleicht nur drei Meter vor ihr aufgetaucht. Es war tatsächlich ihr Fehler. Sie hätte sich mit dieser Waffe vertraut machen sollen, ehe sie sie benutzte.
Tyrell blickte zu ihr auf, als könne er sie sehen, und Kara erblickte etwas in seinen Augen, was ihr nicht gefiel.
»Es wird nicht noch einmal passieren«, versprach sie. »Ich werde ein bißchen mit diesem Ding üben, sobald wir einen geeigneten Platz finden.«
»Aber bitte nicht hier«, sagte Tyrell gepreßt. »Sonst fällt uns nachher noch der halbe Berg auf den Kopf.«
Kara lachte flüchtig, dann half sie ihm auf die Füße, und sie schleppten sich weiter. Je tiefer sie in das Labyrinth eindrangen, desto schlimmer wurden die Beschädigungen, auf die sie stießen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Kara den Fehler in ihren Gedanken bemerkte: Die Schäden nahmen nicht zu, weil sie tiefer in den Berg vordrangen, denn sie bewegten sich im Kreis. Kara behielt diese Beobachtung vorsichtshalber für sich. Aber sie trug nicht unbedingt dazu bei, ihren Optimismus zu steigern.
Sie wurden ein zweites Mal angegriffen, als sie eine große, scheinbar vollkommen leere Halle durchquerten; diesmal von einer ganzen Armee winziger, heuschreckenähnlicher Scheusale, die gleich zu Dutzenden über sie herfielen. Ihre winzigen Beißwerkzeuge waren nicht kräftig genug, das zähe Drachenleder ihrer Kleidung zu durchdringen, aber sie sprangen an ihnen empor und zwickten sie heftig in Hände und Gesichter. Wäre Kara allein gewesen, hätte sie den beißwütigen Zwergen mit Leichtigkeit davonlaufen können, aber sie mußte nicht nur sich, sondern auch noch Tyrell verteidigen, der vollkommen blind war. Als sie schließlich genügend der kleinen Widerlinge in den Boden gestampft hatte, um die Angriffslust der Überlebenden zu dämpfen, bluteten sie nicht nur beide aus zwei oder drei Dutzend winziger Bißwunden, sondern waren auch so erschöpft, daß sie einfach nicht mehr weiterkonnten.
Sinnlos, dachte sie. Das ist vollkommen sinnlos.
Und als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Tyrell in diesem Moment neben ihr: »Das ist völlig sinnlos, Kara. Laß mich zurück. Allein hast du vielleicht eine Chance. Wenn du dich weiter mit mir abschleppst, gehen wir beide drauf!«
Damit hast du wahrscheinlich sogar recht, dachte Kara. Laut sagte sie: »Unsinn. Was erwartest du jetzt von mir? Daß ich dich erschieße? Oder ziehst du es vor, dich selbst umzubringen?« Sie lachte, wobei sie sich alle Mühe gab, ihrer Stimme einen möglichst verletzenden, höhnischen Klang zu verleihen. »Was willst du? Den edlen Ritter spielen, der sein eigenes Leben opfert, um das der holden Maid zu retten? Vergiß es. Hier unten ist kein Publikum für einen solchen Auftritt.«
»Aber – «
»Kein Wort mehr!« sagte Kara scharf. »Wir schaffen es entweder beide oder gar nicht. Komm weiter.«
Sie schleppten sich weiter; eine halbe Stunde, eine ganze. Kara war jetzt sicher, daß sie sich im Kreis bewegten. Ihre einzige Hoffnung war mittlerweile, daß sie durch einen reinen Zufall den Ausgang wiederfanden, durch den sie diesen Irrgarten betreten hatten.
Plötzlich wurde das Licht schwächer. Zu Anfang bemerkte Kara es kaum. In der unheimlichen, grünen Welt, durch die sie sich bewegte, war es ohnehin schwer, Entfernungen zu schätzen und die Dinge so zu erkennen, wie sie waren. Aber bald fiel ihr doch auf, daß irgend etwas nicht stimmte: Hatte sie bisher dreißig oder vierzig Meter weit sehen können, so reichte ihr Blick jetzt nur noch knapp halb so weit. Und auch alles, was innerhalb dieses Bereiches lag, erschien ihr sonderbar blaß und konturlos. Und als sie nach einer Weile den Kopf wandte und in Tyrells Gesicht blickte, das sich kaum dreißig Zentimeter neben dem ihren befand, da blieb ihr keine andere Wahl mehr, als sich die Wahrheit einzugestehen: ihr künstliches Sehvermögen ließ rapide nach.
Kara war sowohl der Verzweiflung als auch einer Panik nahe. Ohne Sicht waren sie verloren. Sie blieb stehen, tastete im Dunkeln nach einem sicheren Platz und ließ Tyrells Arm los. »Was ist?« fragte er erschrocken.
»Nichts«, antwortete Kara matt. »Ich bin blind, das ist alles.«
»Oh«, sagte Tyrell. In der völligen Schwärze wirkte seine Stimme noch niedergeschlagener als zuvor, und die Stille danach tat beinahe weh. Lange Zeit schwiegen sie beide, dann sagte Tyrell ganz leise. »Dann ist es aus.«
Sie redeten nicht mehr. Sie hatten es versucht, aber sie hatten sich so ungeschickt dabei angestellt, wie es nur ging, und es hatte sich ganz bestimmt nicht gelohnt. Und auch die anderen würden ihre Aufgaben nicht zu Ende führen, weil es ein Kampf war, der nicht gewonnen werden konnte. Sie waren dem Feind, den sie sich ausgesucht hatten, nicht gewachsen.
Kara fragte sich, ob sie das überhaupt jemals gewesen waren. Die Drachenreiter hatten niemals einen Krieg wirklich gewonnen. Sie hatten es geglaubt, aber das war nicht wahr gewesen. Den Sieg, den sie auf ihrem Konto verbucht hatten, hatten die Männer für sie erzwungen, die ihre eigentlichen Feinde waren. Sie hatten ein paar Räuberbanden in die Flucht geschlagen, ein, zwei aufsässige Barone zur Räson gebracht. Jetzt, wo sie zum ersten Mal wirklich gefordert wurden, mußten sie einsehen, daß sie so hilflos waren wie Kinder, die mit bloßen Händen eine Springflut aufzuhalten versuchten.
Ein leises Geräusch drang in ihre Gedanken. Kara richtete sich erschrocken auf und stellte fest, daß auch der letzte bleiche Geisterschimmer vor ihren Augen erloschen war, während sie dagesessen und sich selbst leid getan hatte. Wider besseren Wissens versuchte sie, die absolute Dunkelheit mit Blicken zu durchdringen. Sie sah nichts, aber das Geräusch wiederholte sich. Ist es jetzt soweit? dachte sie. Kroch da irgend etwas in der Schwärze auf sie zu? Instinktiv tasteten ihre Finger nach der Waffe, die sie quer über den Knien liegen hatte, aber dann zog sie die Hand wieder zurück. Welche Überraschung die Nacht auch immer noch für sie bereit hatte, ein solches Ende war mit Sicherheit noch immer gnädiger, als hier unten zu verdursten oder an Schwäche zu sterben.
Das Geräusch ertönte zum dritten Mal, und erst jetzt begriff Kara, daß es im Inneren ihres Helmes erklang. Was, zum Teufel, –?
»Kara!«
Die Stimme erscholl direkt in ihrem Helm. Sie war leise, von einem Rauschen begleitet, das es sehr schwermachte, sie zu verstehen – und trotzdem hatte sie das Gefühl, sie irgendwoher zu kennen.
»Kara! Ich weiß, daß du mich hören kannst. Wenn du noch am Leben sein solltest, dann dürftest du jetzt blind wie ein Maulwurf sein. Diese Restlichtverstärker sind eine praktische Erfindung, aber sie verbrauchen eine Menge Energie.«
Thorn! dachte sie überrascht. Das war... Thorn! Sie richtete sich kerzengerade auf, und Tyrell schien die Bewegung zu spüren oder zu hören, denn er stellte eine Frage, auf die Kara nur mit einer unwilligen Geste reagierte.
»Falls du noch lebst«, fuhr Thorns Geisterstimme in ihrem Helm fort, »was ich ehrlich hoffe, und falls du dich noch bewegen kannst, dann antworte mir. Ich weiß, daß du den Instrumentengürtel mitgenommen hast. Über deiner rechten Hüfte befindet sich eine auffallend große, viereckige Taste. Wenn du sie drückst, können wir miteinander reden – und ich kann deine genaue Position feststellen und jemanden schicken, der dich und deinen Freund abholt. Bitte, antworte!«
Karas Fingerspitzen glitten über den Schalter, den Thorn ihr beschrieben hatte. Sie zögerte, ihn zu drücken. Sie fühlte sich so... hilflos. Was sollte sie nur tun? Warum war niemand da, der ihr sagte, was richtig und was falsch war?
»Bist du verletzt?« fragte Thorn. Als sie auch darauf nicht antwortete, fuhr er mit veränderter, sehr ruhiger Stimme fort. »Gut, mein letzter Versuch. Ich weiß, daß du mich für deinen Feind hältst. Ich weiß, daß du Angst vor mir hast. Beides ist falsch. Wir haben Fehler gemacht, so wie ihr Fehler gemacht habt. Aber es ist noch nicht zu spät, sie zu korrigieren, oder wenigstens dafür zu sorgen, daß nicht noch mehr gemacht werden. Wenn du nicht antwortest, dann wirst du sterben, völlig sinnlos.«
Ich weiß, dachte Kara. Aber vielleicht lohnt es sich schon, wenn ich dadurch nicht in deine Gewalt gerate.
»Vielleicht werden außer dir noch sehr viele deiner Freunde sterben, Kara. Ich weiß, daß Elder noch lebt, und ich weiß, daß er bei euch ist und vermutlich versucht, euch zu einem Angriff auf uns zu überreden. Ich nehme es dir nicht übel, wenn du das versuchst. Aber ich könnte dir noch ein paar interessante Dinge über deinen Freund verraten. Möchtest du nicht wissen, wer er wirklich ist und was er hier sucht, bevor er all deine Freunde in einen Kampf ziehen läßt?«
Hör auf, dachte Kara verzweifelt. Ich will dir nicht glauben, aber ich muß es. Hör! Doch! Auf!
»Ich unterbreche jetzt die Verbindung«, sagte Thorn. »Vielleicht rede ich ja mit einer Toten. Falls nicht, gebe ich dir eine letzte Gelegenheit, dein Schweigen aufzugeben und am Leben zu bleiben. Ich gebe dir mein Wort, daß dein Begleiter und du nicht als Gefangene behandelt werden, sondern als Gäste!«
Das Rauschen und Knistern in ihrem Helm erstarb, und Kara saß noch für endlose Sekunden schweigend da und starrte in die Dunkelheit.
»Was... was war los?« fragte Tyrell. »Hast du... irgend etwas gehört!«
»Nichts«, murmelte Kara. »Es ist nichts, Tyrell. Alles in Ordnung.« Dann drückte sie den Schalter auf ihrem Gürtel so fest, daß das Material hörbar knirschte.
»Thorn?« sagte sie laut. »Wir sind hier. Ihr könnt uns holen.«