»Kannst du gehen?« fragte sie.
»Ja«, murmelte Tyrell. Sie hörte und spürte, wie er aufstand.
Steine rollten weiter den Abhang hinab. Offensichtlich waren sie noch lange nicht auf dem Grund dieser lichtlosen Höhle angekommen. »Das ist besser als nichts«, murmelte sie. Auch sie selbst konnte sich nur mit zusammengebissenen Zähnen fortbewegen; ein pochender Schmerz schoß durch ihr rechtes Bein, wenn sie versuchte, es zu belasten. Und Tyrells Gewicht zerrte wie eine Zentnerlast an ihrem rechten Arm. Trotzdem quälte sie sich Schritt für Schritt weiter - und nach einem Dutzend dieser qualvollen Schritte stießen ihre Finger auf harten glatten Widerstand. Sie war noch immer vollständig blind, aber sie ertastete einen gut anderthalb Meter hohen Felsbuckel. Kara nahm all ihren Mut zusammen, stieg vorsichtig hinauf und ließ sich auf der anderen Seite wieder hinabsinken. Ihre Phantasie gaukelte ihr Bilder von bodenlosen Schächten und Ungeheuern mit rasiermesserscharfen Zähnen vor, die auf der anderen Seite auf sie lauerten, aber wie so oft übertraf die Phantasie die Wirklichkeit. Sie fand nichts außer rissigem Felsboden, zog Tyrell hastig zu sich herab und ließ sich in die Hocke sinken.
Sie lauschte mit angehaltenem Atem und rasendem Herzen in die Dunkelheit hinein. Im ersten Moment hörte sie nichts, aber dann begannen ihre überreizten Sinne doch Geräusche auszumachen. Ein Knacken und Rumoren im Fels, das Kullern von Steinen, die noch immer in die Tiefe stürzten, das weit entfernte, monotone Tropfen von Wasser, ein Huschen und Gleiten, Schaben und Knirschen... Es war, als wären sie unversehens in einen Jahrmarkt steinerner Ungeheuer geraten, nicht in eine Höhle, die noch nie von einem lebenden Wesen betreten worden war. Dann vernahm sie unter all diesen Lauten ein anderes, alarmierendes Geräusch: die vorsichtigen, tastenden Schritte eines Menschen, der sich den Geröllhang herabarbeitete und dabei versuchte, die Balance zu halten, um nicht wie sie und Tyrell kopfüber den Rest des Weges zurückzulegen. Sie fragte sich, ob er sie gesehen hatte oder ob sie in ihrem Versteck sicher waren.
Es gab nur einen einzigen Weg, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Mit ein paar beruhigenden Berührungen versuchte sie, Tyrell zu verstehen zu geben, daß er hierbleiben sollte, ließ seine Hand los und kroch ein gutes Stück in der Dunkelheit nach rechts, um sie nicht beide in Gefahr zu bringen. Dann richtete sie sich unendlich behutsam hinter ihrer Deckung auf und starrte in die Dunkelheit hinein. Ihre Augen waren so weit aufgerissen, daß es weh tat, aber sie sah ihn. Nicht ihn selbst, denn er war nicht so dumm gewesen, eine Lampe einzuschalten, sondern die winzigen grünen, roten und blauen Lämpchen, die an den Instrumenten in seinem Gürtel brannten, und das pulsierende böse Licht, das im Lauf seiner Waffe darauf wartete, ein neues Opfer zu finden. Im allerersten Moment war sie über diesen Leichtsinn sogar ein wenig erstaunt, aber dann begriff sie, daß diese Lichter so schwach waren, daß man sie selbst in einer normalen Nacht nicht hätte sehen können.
Rasch ließ sie sich wieder hinter ihre Deckung zurücksinken und überlegte, was zu tun war. Ihn direkt anzugreifen, wäre Selbstmord gewesen. Zweifellos konnte er in der Dunkelheit so gut sehen wie sie und Tyrell am hellen Tage, und er hatte bewiesen, wie wenig Skrupel er hatte, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Sie konnten aber auch nicht hierbleiben. Früher oder später würde er sie in ihrem Versteck entdecken.
Vorsichtig richtete sie sich auf und warf einen weiteren Blick auf den Angreifer. Er war näher gekommen, hatte sich aber ein Stück nach links entfernt. Das konnte allerdings auch ein Trick sein. Sie tastete um sich, fand einen glatten Stein von der Größe ihrer Faust und versuchte, die Distanz zwischen sich und den scheinbar im Nichts schwebenden, bunten Lichtpunkten abzuschätzen. Sie warf den Stein mit aller Kraft und ließ sich gleichzeitig zur Seite fallen. Natürlich traf sie nicht, sie hörte, wie ihr Geschoß irgendwo harmlos gegen einen anderen Stein prallte und damit eine weitere, polternde Geröllawine auslöste, aber die Reaktion ließ nur eine Sekunde auf sich warten. Sie konnte hören, wie er mit einer viel zu hastigen Bewegung herumfuhr, und im gleichen Augenblick stach ein grellgrüner Blitz durch die Dunkelheit und explodierte irgendwo fünfzig oder sechzig Meter hinter ihr an einer Felswand. Er ging einen halben Meter über den Rand ihrer Deckung hinweg, war aber trotzdem zu genau gezielt, um Zufall zu sein. Er hatte sie gesehen. Nun, das hatte sie auch beabsichtigt.
Kara hörte hastige, trappelnde Schritte und versuchte, sich auf nichts anderes als darauf zu konzentrieren. Die Schwärze verzerrte die Geräusche, doch sie hatte nur diesen einen, einzigen Versuch. Sie schätzte, daß er noch fünf Meter entfernt war, dann vier, drei, zwei... Etwas im Rhythmus seiner Schritte änderte sich, als er abbremste, weil er das Hindernis vor sich erkannte.
Kara sprang mit einem Schrei in die Höhe, riß das Schwert aus dem Gürtel und führte es in einem weit geschwungenen, kraftvollen Halbkreis durch die Dunkelheit vor sich.
Die Leere war nicht ganz so leer, wie es den Anschein hatte.
Etwas traf ihr Schwert und schlug es ihr fast aus der Hand, sie hörte einen keuchenden, überraschten Laut - und dann prallte ein schwerer Körper gegen sie, riß sie von den Füßen und begrub sie unter sich.
Kara reagierte ganz instinktiv. Blitzschnell riß sie die Knie an den Körper und rammte sie dem Angreifer mit aller Kraft in den Leib, gleichzeitig bekam sie eine Hand frei und tastete über sein Gesicht. Sie fühlte Metall und glattes Glas, und dann Blut.
Sehr viel Blut, das aus seiner durchschnittenen Kehle quoll.
Erleichtert und entsetzt zugleich stieß sie den Toten von sich, richtete sich auf und starrte im Dunkeln in die Richtung, in der sie den Eingang der Höhle vermutete. Nichts. Keine weiteren bunten Lichter, kein verräterisches Geräusch. Der zweite Mann war ihnen nicht gefolgt - oder er bewegte sich sehr viel vorsichtiger als sein Kamerad.
»Kara?« drang Tyrells Stimme schwach durch die Dunkelheit zu ihr. Der Tonfall erschreckte Kara. Tyrell mußte sehr viel schwerer verwundet sein, als er zugegeben hatte.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte sie rasch. »Warte einen Moment.«
Sie beugte sich über den Toten, löste das Gewehr aus seinen Händen und legte es behutsam neben sich. Dann wanderten ihre tastenden Hände an seinem Körper hinauf, glitten über die Schultern und legten sich schließlich um den Helm. Es kostete sie einige Mühe, ihn abzuziehen, aber es war so, wie sie vermutet hatte: Sie hatte ihn kaum aufgesetzt, da konnte sie sehen.
Allerdings auf eine Art und Weise, wie sie niemals zuvor gesehen hatte. Die Welt um sie herum war grün. Kein Schwarz, kein Weiß, nur dieses unheimliche, unangenehme Grün in allen nur vorstellbaren Schattierungen. Auch ihre eigene Hand und selbst das Blut darauf leuchteten grün, als Kara sie vor das Gesicht hob und prüfend die Finger bewegte. Es war unheimlich; wie ein Bild, dessen Maler nur eine einzige Farbe besessen hatte - und der die Dinge ein ganz kleines bißchen anders sah, als sie wirklich waren. Kara konnte es nicht in Worte fassen.
Alle Umrisse und Konturen schienen zu stimmen, und doch...
Es war wie ein Blick in eine durch und durch fremde Welt, in der sie nicht sein sollte.
Sie verscheuchte den Gedanken, warf einen raschen, besorgten Blick zu Tyrell hinüber, der mit an den Leib gezogenen Knien gegen den Felsen gelehnt dasaß, und wandte sich dann wieder dem toten Soldaten zu. Sein Anblick rief ein leises Schaudern in Kara hervor. Für einen Moment war die Verlockung fast übermächtig, die Waffe des PACK-Soldaten zu nehmen und auf das Ding in seinem Kopf zu richten, ehe sie abdrückte. Der Gedanke, daß dieser Mann tot vor ihr lag und doch nicht tot war, erfüllte sie mit rasendem Zorn, ohne daß sie im allerersten Moment selbst wußte warum. Sie untersuchte den Toten und nahm schließlich seinen Instrumentengürtel an sich. Er enthielt eine Menge kompliziert aussehender Dinge, von denen sie nicht eines begriff, aber schließlich hatte ihnen der Zufall schon mehr als einmal geholfen.