Nach kurzem Zögern hob sie auch die Waffe auf, hängte sie sich über die Schulter und ging zu Tyrell zurück.
Der Drachenflieger stöhnte leise, und sein Gesicht, seine Hände und seine Kleider waren über und über voll grün leuchtendem Blut. Es irritierte Kara ein wenig, daß er sie nicht ansah, obwohl sie kaum anderthalb Schritte vor ihm stand; erst dann fiel ihr wieder ein, daß sie zwar ihn, umgekehrt er aber nicht sie sehen konnte.
»Was ist mit dir?« fragte sie.
»Ich weiß nicht...« murmelte Tyrell schwach. »Ich muß mir irgend etwas... gebrochen haben. Ich kann... kaum noch atmen.«
»Aber wir können nicht hierbleiben«, sagte Kara ernst.
»Ich weiß«, murmelte Tyrell mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Es wird schon irgendwie... gehen.« Er versuchte, sich in die Höhe zu stemmen. Zu Karas Überraschung gelang es ihm sogar, aber er stand taumelnd da, mit verzerrten Zügen, und sein Atem wurde von einem schrecklichen, rasselnden Geräusch begleitet.
»Ich glaube nicht, daß das viel Sinn hat«, sagte Kara leise. »Du solltest hierbleiben. Früher oder später werden sie kommen, um ihren Kameraden zu suchen. Ich glaube nicht, daß sie dir etwas antun, wenn du dich ergibst.«
»Unsinn«, antwortete Tyrell. »Sie werden mich umbringen. Und selbst wenn nicht...« Er wankte, und Kara streckte schon die Hände aus, um ihn aufzufangen, aber dann fand er im letzten Moment sein Gleichgewicht wieder. »Ich weiß zuviel. Ich würde... euch alle in Gefahr bringen.«
Kara wußte, daß es Tyrell vermutlich umbrachte, wenn sie ihn zwang, sie weiter zu begleiten - aber wenn er in die Hände der PACK-Leute fiel, dann bedeutete das vielleicht ihrer aller Todesurteil. Thorn würde nicht begeistert von der Neuigkeit sein, daß sie Karoll gefangengenommen hatten.
»Versuchen wir es«, sagte sie schweren Herzens. Sie deutete nach links. »Dort entlang.« Tyrell sah irritiert in die Richtung, aus der ihre Stimme kam. »Ich habe seinen Helm«, erklärte Kara. »Ich kann jetzt auch im Dunkeln sehen.«
»Gut«, murmelte Tyrell gepreßt. Er versuchte zu lächeln. »Aber tu mir einen Gefallen, ja? Verrat mir nicht, wie ich aussehe.«
Kara lachte leise, dann griff sie nach Tyrells Arm, legte ihn behutsam um ihre Schulter und ging los, nachdem sie einen letzten sichernden Blick zum Eingang der Höhle hinauf geworfen hatte. Als sie sah, wie weit Tyrell und sie die Geröllhalde hinuntergestürzt waren, spürte sie ein eisiges Schaudern. Daß sie sich nicht beide tödlich verletzt hatten, glich einem Wunder.
Die Höhle gehörte nicht zum unterirdischen Schelfheim, aber an ihrem jenseitigen Ende gab es einen Durchgang, dessen Form Kara ein wenig zu regelmäßig schien, um natürlichen Ursprungs zu sein. Und sie hatte recht. Der Ausgang stellte sich als Ende eines gemauerten, halbrunden Tunnels heraus, der fünfundzwanzig Schritte weit geradeaus führte und sich dann verzweigte. Auf gut Glück nahm Kara den rechten Abzweig. In weiteren zwanzig oder dreißig Schritten Entfernung gewahrte sie die ersten Stufen einer uralten Treppe, die in steilen Windungen in die Höhe führte.
Tyrell keuchte vor Schmerz, als sie die erste Stufe erklommen hatten, und fuhr so heftig zusammen, daß sie ihn beinahe losgelassen hätte. Stöhnend sank er gegen die Wand und preßte die linke Hand gegen die Brust. »Das hat keinen Sinn«, murmelte er. »Das schaffe ich nie.«
»Unsinn!« widersprach Kara, obwohl sie nur zu gut wußte, wie recht er hatte. »Du wirst doch nicht vor einer kleinen Treppe kapitulieren, oder?«
»Nein«, antwortete Tyrell mühsam. »Aber das ist keine kleine Treppe. Es müssen Tausende von Stufen sein. Laß mich hier. Ich werde irgendwie versuchen, allein durchzukommen.«
»Das ist Unsinn«, entgegnete Kara.
»Kann schon sein«, stöhnte Tyrell. »Aber schlimmstenfalls habe ich immer noch das da.« Er schlug mit der Hand auf das Messer an seinem Gürtel.
»Soweit ist es noch nicht«, sagte Kara bestimmt. »Komm - wir suchen einen anderen Weg.« Welchen anderen Weg? fragte Tyrells Blick. Aber er sprach diese Frage nicht aus, sondern humpelte gehorsam und auf ihre Schulter gestützt neben ihr her.
Jeder Schritt schien ihr ein wenig schwerer zu fallen als der vorhergehende, mit jedem Schritt wurde ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation ein wenig mehr bewußt. Selbst wenn beide gesund und ausgeruht gewesen wären, wäre ihre Chance, lebendig zur Oberfläche zu kommen, erbärmlich gering gewesen. Sie hatte auch mit dem Gedanken gespielt, sich einfach irgendwo hier in der Nähe zu verbergen und nach einigen Stunden zu dem Ausgang zurückzukehren, den sie kannte, aber den Plan wieder verworfen. Überall traf sie auf neu entstandene Risse und Sprünge in den Wänden und der Decke, hier und da blockierten Geröllhalden ihren Weg, und manchmal mußten sie vorsichtig um bodenlose Löcher herumbalancieren, die dort gähnten, wo vor ein paar Tagen noch massiver Fels gewesen war. Sie waren auch keineswegs die einzigen, die einen Ausweg aus diesem Labyrinth suchten. Fast auf Schritt und Tritt trafen sie auf alle nur vorstellbaren Kreaturen, die sich vor Gäas Amoklauf hierher geflüchtet hatten. Die meisten waren klein und harmlos, und ein großer Teil schien blind und vollkommen hilflos durch die ewige Schwärze hier unten zu irren. Einige wenige versuchten sie zu attackieren, ließen sich aber durch ein Händeklatschen, einen Schrei oder nötigenfalls einen beherzten Fußtritt sofort verscheuchen. Trotzdem... früher oder später würden sie auf irgend etwas treffen, das sowohl im Dunkeln sehen konnte als auch wehrhaft genug war, es mit ihnen aufzunehmen.
Sie waren eine halbe Stunde marschiert, als Kara die erste Pause einlegte. Sie konnte einfach nicht mehr. Jeder Schritt gab ihr das Gefühl, sich durch einen unsichtbaren, zähen Sumpf zu quälen. Behutsam ließ sie Tyrell auf einen steinernen Vorsprung sinken, überzeugte sich davon, daß er sicher dasaß und hockte sich dann selbst hin. Sie nahm den Helm ab, dessen Gewicht sie ebenfalls spürte, setzte ihn aber hastig wieder auf, als die Dunkelheit wie eine erstickende Woge über ihr zusammenschlug.
»Geht es besser?« wandte sie sich an Tyrell, eigentlich um einfach überhaupt etwas zu sagen.
Sie sah, daß er den Kopf schüttelte, aber er antwortete: »Ja. Die Schmerzen lassen nach. Ich schätze, ich schaffe es.«
Aber sein Gesichtsausdruck und die verkrampfte Haltung, in der er dasaß, verrieten, daß er sich etwas vormachte. Sie wollte eine Bemerkung machen, als sie ein Geräusch hinter sich hörte.
Erschrocken fuhr sie herum und nahm gleichzeitig die erbeutete Waffe von der Schulter. Ihr Blick bohrte sich in die grüne Dämmerung, die alles verschlang, was weiter als vierzig oder fünfzig Schritte entfernt war. Etwas bewegte sich darin.
»Was ist?« fragte Tyrell.
»Nichts«, murmelte sie. »Still!«
Sie hob die Waffe ein wenig höher und ließ ihre Finger unsicher über den gläsernen Schaft gleiten. Sie spürte mehrere kleine Knöpfe und begriff zum ersten Mal und voller Schrecken, daß sie nicht einmal wußte, wie diese Waffe funktionierte.
Die Bewegung wiederholte sich. Langsam, und sich auf einer Unzahl von Beinen voranschiebend, die so dünn und zahlreich waren, daß sie wie wehendes Haar im Wind wirkten, kam ein riesiges Etwas auf sie zugekrochen. Es war so groß, daß es den Gang fast völlig ausfüllte, und ähnelte einer ins Absurde vergrößerten Küchenschabe. Der gepanzerte, vielfach untergliederte Leib schrammte mit einem Geräusch, das ihr einen eisigen Schauer über den Rücken laufen ließ, an den Wänden entlang, und aus dem kleinen Kopf glotzten sie ein paar grün leuchtender, starrer Insektenaugen an. Mit einer Unzahl scharfer Zähne war das Maul der Kreatur versehen. Auch die beiden Zangen, die sie wie die Mandibeln einer Ameise davor trug, reichten aus, eine Beute wie Kara und Tyrell in handliche Stücke zu zerreißen. Und offensichtlich konnte die Kreatur ebensogut im Dunkeln sehen wie Kara, denn sie bewegte sich sehr zielsicher auf sie zu.