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»Oh«, sagte Tyrell. In der völligen Schwärze wirkte seine Stimme noch niedergeschlagener als zuvor, und die Stille danach tat beinahe weh. Lange Zeit schwiegen sie beide, dann sagte Tyrell ganz leise. »Dann ist es aus.«

Sie redeten nicht mehr. Sie hatten es versucht, aber sie hatten sich so ungeschickt dabei angestellt, wie es nur ging, und es hatte sich ganz bestimmt nicht gelohnt. Und auch die anderen würden ihre Aufgaben nicht zu Ende führen, weil es ein Kampf war, der nicht gewonnen werden konnte. Sie waren dem Feind, den sie sich ausgesucht hatten, nicht gewachsen.

Kara fragte sich, ob sie das überhaupt jemals gewesen waren. Die Drachenreiter hatten niemals einen Krieg wirklich gewonnen.

Sie hatten es geglaubt, aber das war nicht wahr gewesen.

Den Sieg, den sie auf ihrem Konto verbucht hatten, hatten die Männer für sie erzwungen, die ihre eigentlichen Feinde waren.

Sie hatten ein paar Räuberbanden in die Flucht geschlagen, ein, zwei aufsässige Barone zur Räson gebracht. Jetzt, wo sie zum ersten Mal wirklich gefordert wurden, mußten sie einsehen, daß sie so hilflos waren wie Kinder, die mit bloßen Händen eine Springflut aufzuhalten versuchten.

Ein leises Geräusch drang in ihre Gedanken. Kara richtete sich erschrocken auf und stellte fest, daß auch der letzte bleiche Geisterschimmer vor ihren Augen erloschen war, während sie dagesessen und sich selbst leid getan hatte. Wider besseren Wissens versuchte sie, die absolute Dunkelheit mit Blicken zu durchdringen. Sie sah nichts, aber das Geräusch wiederholte sich.

Ist es jetzt soweit? dachte sie. Kroch da irgend etwas in der Schwärze auf sie zu? Instinktiv tasteten ihre Finger nach der Waffe, die sie quer über den Knien liegen hatte, aber dann zog sie die Hand wieder zurück. Welche Überraschung die Nacht auch immer noch für sie bereit hatte, ein solches Ende war mit Sicherheit noch immer gnädiger, als hier unten zu verdursten oder an Schwäche zu sterben.

Das Geräusch ertönte zum dritten Mal, und erst jetzt begriff Kara, daß es im Inneren ihres Helmes erklang. Was, zum Teufel, -?

»Kara!«

Die Stimme erscholl direkt in ihrem Helm. Sie war leise, von einem Rauschen begleitet, das es sehr schwermachte, sie zu verstehen - und trotzdem hatte sie das Gefühl, sie irgendwoher zu kennen.

»Kara! Ich weiß, daß du mich hören kannst. Wenn du noch am Leben sein solltest, dann dürftest du jetzt blind wie ein Maulwurf sein. Diese Restlichtverstärker sind eine praktische Erfindung, aber sie verbrauchen eine Menge Energie.«

Thorn! dachte sie überrascht. Das war... Thorn! Sie richtete sich kerzengerade auf, und Tyrell schien die Bewegung zu spüren oder zu hören, denn er stellte eine Frage, auf die Kara nur mit einer unwilligen Geste reagierte.

»Falls du noch lebst«, fuhr Thorns Geisterstimme in ihrem Helm fort, »was ich ehrlich hoffe, und falls du dich noch bewegen kannst, dann antworte mir. Ich weiß, daß du den Instrumentengürtel mitgenommen hast. Über deiner rechten Hüfte befindet sich eine auffallend große, viereckige Taste. Wenn du sie drückst, können wir miteinander reden - und ich kann deine genaue Position feststellen und jemanden schicken, der dich und deinen Freund abholt. Bitte, antworte!«

Karas Fingerspitzen glitten über den Schalter, den Thorn ihr beschrieben hatte. Sie zögerte, ihn zu drücken. Sie fühlte sich so... hilflos. Was sollte sie nur tun? Warum war niemand da, der ihr sagte, was richtig und was falsch war?

»Bist du verletzt?« fragte Thorn. Als sie auch darauf nicht antwortete, fuhr er mit veränderter, sehr ruhiger Stimme fort.

»Gut, mein letzter Versuch. Ich weiß, daß du mich für deinen Feind hältst. Ich weiß, daß du Angst vor mir hast. Beides ist falsch. Wir haben Fehler gemacht, so wie ihr Fehler gemacht habt. Aber es ist noch nicht zu spät, sie zu korrigieren, oder wenigstens dafür zu sorgen, daß nicht noch mehr gemacht werden. Wenn du nicht antwortest, dann wirst du sterben, völlig sinnlos.«

Ich weiß, dachte Kara. Aber vielleicht lohnt es sich schon, wenn ich dadurch nicht in deine Gewalt gerate.

»Vielleicht werden außer dir noch sehr viele deiner Freunde sterben, Kara. Ich weiß, daß Elder noch lebt, und ich weiß, daß er bei euch ist und vermutlich versucht, euch zu einem Angriff auf uns zu überreden. Ich nehme es dir nicht übel, wenn du das versuchst. Aber ich könnte dir noch ein paar interessante Dinge über deinen Freund verraten. Möchtest du nicht wissen, wer er wirklich ist und was er hier sucht, bevor er all deine Freunde in einen Kampf ziehen läßt?«

Hör auf, dachte Kara verzweifelt. Ich will dir nicht glauben, aber ich muß es. Hör! Doch! Auf!

»Ich unterbreche jetzt die Verbindung«, sagte Thorn. »Vielleicht rede ich ja mit einer Toten. Falls nicht, gebe ich dir eine letzte Gelegenheit, dein Schweigen aufzugeben und am Leben zu bleiben. Ich gebe dir mein Wort, daß dein Begleiter und du nicht als Gefangene behandelt werden, sondern als Gäste!«

Das Rauschen und Knistern in ihrem Helm erstarb, und Kara saß noch für endlose Sekunden schweigend da und starrte in die Dunkelheit.

»Was... was war los?« fragte Tyrell. »Hast du... irgend etwas gehört!«

»Nichts«, murmelte Kara. »Es ist nichts, Tyrell. Alles in Ordnung.« Dann drückte sie den Schalter auf ihrem Gürtel so fest, daß das Material hörbar knirschte.

»Thorn?« sagte sie laut. »Wir sind hier. Ihr könnt uns holen.«

52

Zaubertechnik von den Sternen hin oder her - Thorns Männer brauchten annähernd zwei Stunden, bis sie sie erreichten. Und es war keine Schar hehrer Lichtgestalten, die wie die rettenden Engel in der lichtlosen Hölle von Schelfheims Unterwelt erschienen, sondern ein zerschlagener, verdreckter Haufen, der fast ebenso erschöpft und am Ende seiner Kräfte war wie Kara und ihr Begleiter. Einige von ihnen waren verletzt und bluteten aus kleineren Wunden. Irgendwie hatte sie sich ihre tapferen Retter anders vorgestellt.

Zumindest brachten sie das mit, was Kara in den vergangenen Stunden am meisten vermißt hatte: Licht. Die Männer trugen die Helme mit den Glasvisieren, wie auch Kara einen besaß, führten aber gleichzeitig auch große Scheinwerfer mit sich, die enge Bahnen gleißender Helligkeit aus der Schwärze rissen. Kara hob geblendet die Hände vor das Gesicht, als das Licht wie mit Messern in ihre an stundenlange Dunkelheit gewöhnten Augen schnitt. Zwei Männer hatten ihre Waffen auf sie angelegt, während ein dritter in respektvollem Abstand um sie herumging und das erbeutete Gewehr an sich nahm.

Anschließend nahmen sie ihr den Instrumentengürtel und den ohnehin nutzlosen Helm ab. Beinahe sanft, aber auch sehr nachdrücklich wurde sie auf die Füße gezogen. Zwei schmale, mit einer fast lächerlich dünnen Kette verbundene Metallringe wurden um ihre Handgelenke gelegt, und auch Tyrell wurde auf die gleiche Weise gebunden, obwohl er kaum noch die Kraft hatte, auf seinen eigenen Füßen zu stehen.

Kara ließ das alles klaglos mit sich geschehen. Sie waren zu siebt oder acht, aber das war nicht der Grund. Sie hatte gelernt, niemals einem Kampf aus dem Wege zu gehen, auch wenn er aussichtslos schien. Aber wie konnte man einen Kampf kämpfen, wenn man nicht einmal mehr den Unterschied zwischen Freund und Feind zu erkennen imstande war?

Der Rückweg war ein Alptraum. Die Männer gaben ihr etwas, das ihre Kräfte wieder auffrischte, und sie kümmerten sich auch um Tyrell, so daß er zumindest wieder aus eigener Kraft laufen konnte. Kara begann schon nach den ersten zwei- oder dreihundert Metern zu begreifen, daß Tyrell und sie nur durch eine Verkettung geradezu unglaublicher Zufälle überhaupt noch am Leben waren. Vielleicht war es das Licht, das die Ungeheuer aus dem Schlund anlockte, vielleicht auch der Lärm, den die Gruppe machte - aber sie wurden fast ununterbrochen angegriffen. Thorns Soldaten machten oft und reichlich von ihren Waffen Gebrauch, wobei sie sich allerdings weitaus geschickter anstellten als Kara.