Plötzlich glaubte sie ein Geräusch zu hören und blieb stehen. Angella prallte gegen sie und hätte sie fast von den Füßen gerissen.
»Was ist los?« fragte sie verärgert. Sie kannte Kara allerdings gut genug, um zu wissen, daß sie nicht aus einer puren Laune heraus einfach stehenblieb.
»Ich bin nicht sicher«, antwortete Kara. Das Echo ihrer eigenen Stimme verriet ihr, daß sie sich nicht mehr in einem Stollen, sondern in einem sehr großen Raum befanden. »Ich dachte, ich hätte etwas gehört.«
»Unsinn!« sagte Angella, aber Jan berichtigte sie. »Natürlich hat sie etwas gehört. Diese Keller sind nicht leer.«
»Wer... lebt denn hier?« fragte Kara zögernd.
»Es gibt alle möglichen Untiere hier unten. Aber die meisten sind ungefährlich. Sie haben genug damit zu tun, sich gegenseitig aufzufressen.«
»Hör mit dem Unsinn auf«, sagte Angella streng und ging weiter. Kara folgte dem Geräusch ihrer Schritte im Dunkel, aber sie ertappte sich mehrmals dabei, im Gehen den Kopf zu wenden und die Schwärze hinter sich mit Blicken zu durchbohren. Sie hörte nichts mehr, aber sie hatte immer noch das Gefühl, angestarrt zu werden. Und sie war nicht sicher, ob es wirklich ein Tier war, das sie belauerte...
Verärgert auf sich selbst verscheuchte sie den Gedanken. Wieso war sie nur so nervös? Was war denn schon dabei, durch ein zweihunderttausend Jahre altes Kellergewölbe zu marschieren, das unter zehn Millionen Tonnen Erdreich und Gestein lag und jeden Moment zusammenbrechen konnte?
Ihr Zeitgefühl kündigte ihr angesichts der stygischen Schwärze und ihrer eigenen Furcht den Dienst auf, so daß sie nicht sagen konnte, wie lange es dauerte, bis der Lichtfleck vor ihnen allmählich größer wurde. Sie hörte Grab- und Klopfgeräusche und die Stimmen zahlreicher Männer.
Schließlich betraten sie eine große, von Hunderten grüner Leuchtstäbe erhellte Höhle, die sich auf den zweiten Blick als das Innere eines versunkenen Hauses entpuppte. In den Wänden befanden sich Fenster von ungewöhnlicher Form und Größe, die ebenso wie die offenstehende Tür auf eine Welt aus Erdreich und Sand hinausführte. Das hintere Drittel der Decke war zusammengebrochen. Die Männer, die sie sah, arbeiteten an einem halbrunden Tunnel, den sie schon etliche Meter tief in den Schuttberg vorgetrieben hatten. Kara blieb verblüfft stehen, als sie zwischen den vordersten Männern die schwarzglänzenden Rückenschilde von gleich drei Gräbern gewahrte. Die gewaltigen, zu perfekten Grabinstrumenten umgeformten Unterkiefer der riesigen Käfergeschöpfe fraßen sich mit fast maschinenhafter Gleichmäßigkeit in die Erde, wobei sie ohne Unterschied Sand, Felsen, Holz und überhaupt alles zerkleinerten, worauf sie stießen.
Angella weidete sich einen Moment lang an Karas verblüfftem Gesichtsausdruck. »Was Elder nicht weiß, macht Elder nicht heiß, nicht wahr?« sagte sie augenzwinkernd.
»Aber wie habt ihr sie hierherbekommen, ohne daß er es gemerkt hat?« fragte Kara.
»Seine Männer können vielleicht alle Straßen kontrollieren«, antwortete Jan an Angellas Stelle, »aber unmöglich alle unterirdischen Verbindungen. Das hier unten ist eine Stadt unter der Stadt. Manchmal frage ich mich, ob das hier nicht das eigentliche Schelfheim ist, und nicht das, was wir dafür halten.«
»Auf jeden Fall wäre Elder mißtrauisch geworden, wenn wir nicht nach den Gräbern gefragt hätten«, fügte Angella hinzu. »Er ist nicht dumm.« Sie erklärte das Thema mit einer Handbewegung für beendet und wandte sich an einen der arbeitenden Männer. Kara trat einen Schritt zurück und sah sich unschlüssig um. Es gab nichts für sie zu tun. Sie war sicher, daß Angella sie nicht zum Graben mit hinuntergenommen hatte. Was sie zu der Frage brachte, weshalb sie überhaupt hier war. Sicher nicht nur, damit Angella sie immer in ihrer Nähe wußte und sie nicht aus purem Übermut wieder die halbe Stadtgarde verdrosch. Aber weshalb dann?
Ihre Augen hatten sich inzwischen an das grüne Licht gewöhnt, so daß sie mehr von ihrer Umgebung erkennen konnte. Bedachte man sein Alter, so befand sich der Raum in erstaunlich gutem Zustand. Seine Bewohner hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn völlig leerzuräumen, als der Tag gekommen war, ihn aufzugeben und in das neue, darüber errichtete Stockwerk umzuziehen. Das eine oder andere hatten sie einfach stehengelassen, vielleicht aus Gedankenlosigkeit, vielleicht, weil sie es ebenso wie ihr Heim neu und größer gebaut hatten. Ein Stuhl, eine Truhe ohne Deckel und Inhalt, ein Tisch, von dessen Platte ein Stück abgebrochen war. Es waren alltägliche Dinge, die allerdings schon vor zwei oder drei Ewigkeiten zu Stein geworden waren. Und alles war sehr... seltsam.
An der Wand gleich neben der Tür, durch die sie hereingekommen waren, hing ein Bild. Kara ging hin und war im ersten Augenblick enttäuscht, denn die Farben waren natürlich längst verblaßt und verschwunden. Aber dann sah sie, daß der Staub die Umrisse auf der versteinerten Leinwand nachgebildet hatte, nicht so, daß sie das Bild wirklich erkennen konnte, aber doch so, daß sie zu ahnen glaubte, was es einmal gewesen war. Und was immer es war, es machte ihr angst und ließ sie schaudern. »Unheimlich, nicht wahr?«
Kara fuhr herum und erkannte Cord, der lautlos hinter sie getreten war. Er war erschöpft und verdreckt; wahrscheinlich war er schon seit Stunden hier.
»Was?« fragte Kara.
Cord deutete auf das Bild. »Dieses Bild. Es ist irgendwie... seltsam.«
Kara schwieg, und Cord fuhr mit einem flüchtigen Lächeln fort: »Es hat auf uns alle dieselbe Wirkung. Wenn du es einen Moment lang betrachtest, macht es dich nervös. Aber je länger du hinsiehst, desto mehr Angst bekommst du. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich wissen will, wie es einmal ausgesehen hat.« Er wechselte übergangslos das Thema und grinste Kara breit an. »Das blaue Auge steht dir übrigens ausgezeichnet.«
Kara schenkte ihm einen bösen Blick und machte eine weite Geste, die den ganzen Raum umfaßte. »Sie müssen... sehr seltsam gewesen sein«, sagte sie. »Ganz anders als wir. Ob sie wohl Menschen waren?«
»Wer will das sagen?« antwortete Cord achselzuckend. »Und wen interessiert es? Ich glaube nicht, daß wir das jemals herausfinden werden.«
»Ist das die Stelle, an der sie verschüttet wurden?« fragte sie. Cord blickte dahin, wo Jan, die Gräber und die anderen arbeiteten. Er nickte. »Es geschah ganz plötzlich. Es gab keine Warnung, kein Beben, nichts. Der Stollen ist einfach zusammengebrochen.«
»Vielleicht waren die Streben nicht fest genug?« fragte Kara, eigentlich nur, um überhaupt etwas zu sagen.
»Nein«, erwiderte Cord heftig. »Ich selbst habe die Arbeiten überwacht. Die Stützpfeiler hätten das zehnfache Gewicht getragen.«
Kara begriff, daß sie einen wunden Punkt berührt hatte. Cord war ein sehr umsichtiger Mann; sie war sicher, daß er keinen Fehler bei seiner Arbeit gemacht hatte. Aber sie war auch ebenso sicher, daß er sich fragte, ob es nicht doch seine Schuld war. Daher kam auch seine Besessenheit, die drei toten Drachenkrieger zu finden. Er würde sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen, wenn er nicht den eindeutigen Beweis erbrachte, daß ihn keine Schuld traf.
»Was sucht ihr überhaupt hier?« fragte Kara. »Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, wir sind ein ganzes Stück vom Pfeiler entfernt.«
»Frag Angella«, antwortete Cord ausweichend. »Es war ihr Befehl, hier zu graben.«