»Weil es in erster Linie eure Schwierigkeiten wären«, sagte Thorn ruhig. »Wir sind längst nicht das Schlimmste, was euch hätte passieren können. Ich weiß nicht, was Elder dir erzählt hat, aber die Galaxis ist ein Dschungel, gegen den euer Schlund der reinste Erholungspark war. Es könnte sein, daß jemand kommt, der uns davonjagt - und euch gleich mit. Außerdem gibt es dort unten noch zwei, drei Dinge, die dich brennend interessieren dürften.«
Wie machte er es nur, daß sie ihm immer wieder glaubte, wider besseren Wissens, sogar gegen ihren erklärten Willen?
»Wie gesagt«, fuhr Thorn fort, »es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn auch ohne deine Hilfe aufspüren. In einer Woche spätestens haben wir ihn so oder so gefunden.« In einer Woche, spätestens, dachte Kara, gibt es dich nicht mehr. Laut und gereizt sagte sie: »In Ordnung. Wo ist dieser verdammte Suchhund?«
»Aber, aber!« Thorn lächelte und zog ein kleines, mit einer haardünnen Nadel versehenes Glasröhrchen aus der Tasche. »Das sind nun wirklich barbarische Methoden. Würdest du vielleicht deinen Ärmel hochrollen?«
53
Zwei Tage später - einen Tag und eine Nacht, ehe Elders Freunde eintreffen sollten - brachte sie eine Libelle zum Drachenhort zurück. Kara erlebte eine gewaltige Überraschung, als sie sich zur Seite beugte. Tief unter ihr liefen zwei oder drei Dutzend Gestalten zusammen, um sie zu begrüßen, und in einem Winkel neben dem Tor, in dem vor Thorns Angriff ein hölzerner Pferdeverschlag gewesen war, stand eine Libelle.
Sie war nicht etwa nur dort gelandet, um jemanden abzuholen oder zu bringen, sondern war dort für längere Zeit abgestellt worden. Die Rotorblätter waren zum Heck hin zusammengefaltet, und die Kanzel stand offen. Als sie tiefer sanken, sah Kara, daß man die Waffe unter dem Bug entfernt hatte.
Die Maschine landete und hob wieder ab, kaum daß Kara ausgestiegen und geduckt einige Schritte davongelaufen war.
Sie wurde von einigen Kriegern in Empfang genommen und wieder mit Fragen bestürmt, von denen sie keine einzige beantwortete, aber es war längst nicht mehr so schlimm wie beim ersten Mal, als sie auf diese Weise hierher zurückgekommen war. Die meisten Männer schienen eher herausgekommen zu sein, um die Libelle zu beobachten, nicht um sie zu begrüßen.
Sie hielt nach Hrhon Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken, was sie ein wenig beunruhigte.
Als sie auf das Haus zuging, sah sie eine Gestalt, deren Anblick sie verblüfft mitten im Schritt innehalten ließ. Es war Elder. Er stand mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Treppe und sah ihr wenig freundlich entgegen. »Hallo, Kara«, begrüßte er sie mit einer Stimme, die so kalt war wie der Blick seiner Augen. »Schön, daß du uns auch einmal wieder die Ehre gibst.« Er machte eine Kopfbewegung nach oben. »Ist das ein Zufall, daß du jetzt das zweite Mal so ankommst, oder wird es langsam zu einer schlechten Angewohnheit!«
Kara war lediglich ein wenig verwirrt über seinen Ton. Seltsam - sie hatte gedacht, daß es schlimmer sein würde, aber sie spürte... nichts.
Sie deutete auf die Libelle neben dem Tor. »Ich scheine nicht die einzige zu sein, die Spaß an diesen Dingern gefunden hat.«
»Sie gehört mir«, antwortete Elder. »Ein Geschenk deines Freundes Thorn. Großzügig, nicht wahr? Ich lade dich zu einem Rundflug ein, wenn du willst.«
»Thorn? Er war hier?«
»Vorgestern«, bestätigte Elder. »Gleich, nachdem er mit dir gesprochen hat. Was hast du ihm noch verraten - außer mich, meine ich?«
Kara überging die Spitze. »Nichts«, sagte sie ruhig. »Jedenfalls nichts, was er nicht schon vorher wußte. Keine Angst, dein kleines Geheimnis ist sicher. Wo sind Aires und Cord?«
»Sie warten im Haus auf dich. Ich bin nur das Empfangskomitee. Dein Kommen wurde uns angekündigt, weißt du?«
»Gut«, sagte Kara. »Dann laß uns zu ihnen gehen.« Sie spürte, daß seine Ruhe nur vorgetäuscht war, als sie an ihm vorüberging, deshalb beschleunigte sie ihre Schritte ein wenig, damit er nicht nach ihr greifen oder sie auf eine andere Weise zurückhalten konnte.
Da sich die Dinge so schnell und fast überstürzt entwickelt hatten, erwartete sie auch im Innern große Veränderungen anzutreffen, aber alles war genauso, wie sie es zurückgelassen hatte. Selbst die Trümmer, über die sie hinwegsteigen mußten, lagen noch unverändert an Ort und Stelle. Elder winkte allerdings wortlos ab, als sie die Treppe zu Aires' Turmkammer in Angriff nehmen wollte, und deutete in den Gang, auf dem ihr eigenes Gemach lag.
Ihr Zimmer aber war nicht mehr ihr Zimmer. Ihr Bett, der Tisch und die Stühle standen noch an Ort und Stelle, aber alle anderen Möbel waren herausgeschafft worden. Kara fehlten die Worte, den Anblick zu beschreiben. Die Wände waren mit Karten, Zeichnungen und Diagrammen übersät. Neben der Tür hing die Karte, die sie im Schlund gefunden hatten. Sie war eingeschaltet; der vergrößerte Ausschnitt zeigte einen Teil des Dschungels, etwa fünfzig Meilen in nördlicher Richtung vom Drachenhort entfernt. Auf dem Bett, dem Tisch, den Fensterbänken, den freien Stühlen und selbst auf dem Fußboden stapelten sich Papiere, Bücher, Folianten und Karten. Das Zimmer sah aus wie eine Mischung aus Bibliothek, Generalstabsraum und Rumpelkammer.
Als sie eintrat, erhob sich Aires von ihrem Platz, eilte ihr entgegen und schloß sie mit unerwarteter Herzlichkeit in die Arme. Auch Hrhon kam auf sie zu, verzichtete aber zu Karas Erleichterung auf irgendwelche handgreiflichen Bekundungen seiner Wiedersehensfreude. Außer Aires und dem Waga waren noch Cord, Storm und Donay anwesend, und außerdem jemand, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte: Maran.
Alle sahen ehrlich erfreut aus, aber auch besorgt.
Nachdem Aires das übliche Begrüßungszeremoniell abgehalten hatte, räumte Cord einen Stuhl für sie, und Kara erzählte, was geschehen war, seit sie sich von Donay und Ian getrennt hatte. Sie blieb streng bei der Wahrheit. Nur zwei Dinge verschwieg sie: Thorns Bitte, ihr den Weg zur Bunkerstation unter der Stadt zu zeigen, und ihren Entschluß, es zu tun.
»Du hast Tyrell mit ihm gehen lassen?« fragte Elder in einem Ton wütenden Entsetzens. Als Kara nickte, fügte er wütend hinzu: »Dann weiß er jetzt alles, was er wissen wollte!«
»Er hat mir sein Wort gegeben, Tyrells Gedanken nicht zu lesen«, sagte Kara, »und ich glaube ihm. Und selbst wenn er gelogen hat - er kann nichts von Tyrell erfahren, was ihm nicht schon Tess verraten hat. Von dir wußte er schon vorher.«
Elders Blick machte ihr klar, daß er ihr nicht glaubte. »Ich weiß nicht, woher, aber er wußte, daß du noch am Leben bist.« Sie sah ihn eine Sekunde lang nachdenklich an. »Ich habe eine viel größere Angst, Elder. Bist du ganz sicher, daß sie dieses Rettungsboot, das dein Schiff abgesetzt hat, nicht doch abgefangen haben?«
»Völlig«, antwortete Elder hastig. »Ein DSRV, das einmal auf dem Weg ist, kann von nichts und niemandem aufgehalten werden. Die Dinger sind einfach zu schnell. Und zu klein.«
»Klein? Ich denke, es sind Rettungsboote?«
»Sie transportieren... keine vollständigen Körper«, antwortete Elder ausweichend.
»Ich verstehe.«
»Warum fragst du?« wollte Elder wissen.
»Er fühlte sich so sicher«, antwortete sie. »Als wüßte er alles und hätte alles fest in der Hand. Es wäre doch unangenehm, wenn wir morgen auf deine Freunde warten und sie kämen nicht.«
»Sie werden kommen«, versicherte Elder. »Das Schiff wird spätestens gegen Mitternacht aus dem Pararaum kommen.«
»Dann ist es ja gut«, sagte Kara. Mitternacht. Thorn hatte versprochen, Tyrell noch vor Sonnenuntergang nach Schelfheim bringen zu lassen.
»Wo bist du so lange gewesen?« fragte Elder. »Wenn du nicht seine Gefangene warst?«