»Ich habe mit Thorn verhandelt«, antwortete Kara.
»Verhandelt?«
»Ich bin die Herrscherin vom Drachenhort«, sagte Kara mit einer ausholenden Geste. »Schon vergessen?«
Elder zog eine Grimasse und schwieg.
»Es gab eine Menge zu besprechen«, fuhr Kara fort. »Und wir sind längst nicht fertig geworden. Ich denke, ich habe ihm einige Zugeständnisse abgerungen, die ihm gar nicht recht waren.«
»Aber... wozu denn, um alles in der Welt?« wunderte sich Elder.
»Vielleicht, damit er sich nicht fragt, wieso ich ihm zu leicht und in zu vielen Punkten entgegenkomme«, sagte Kara. »Und vielleicht auch, um einige von diesen Bedingungen später deinen Leuten vorzulegen.« Sie machte eine abwehrende Handbewegung. »Thorn war hier? Was wollte er?«
»Eine kleine Personality-Show abziehen«, knurrte Elder.
»Im Grunde dasselbe, was er auch von dir wollte«, sagte Storm. Er machte seinem Namen heute keine Ehre. Er wirkte als einziger sehr ruhig, fast gelöst. »Er ist gekommen, um uns Frieden anzubieten. Unter der einzigen Bedingung, daß wir aufhören, uns in seine Angelegenheiten zu mischen. Und uns aus dem Schlund fernhalten.«
»Damit wir nicht sehen, was sie dort treiben«, grollte Donay.
»Ich habe es gesehen«, sagte Kara, aber Donay widersprach ihr mit einer unerwarteten Heftigkeit.
»Nein, das hast du nicht«, schnappte er. »Du hast gesehen, was sie mit einem kleinen Teil des Schlundes gemacht haben. Aber du hast nicht gesehen, was sie wirklich tun!« Seine Augen flammten vor Zorn.
»Und was tun sie deiner Meinung nach?«
»Sie töten euch«, sagte Elder an Donays Stelle.
»Wie?«
»Sie bringen uns um, Kara«, sagte Aires leise. »Frag Donay, wenn du Elder nicht glaubst. Er wird es dir bestätigen.«
Kara war verwirrt und erschrocken. Hatte sie sich doch getäuscht?
»Es stimmt«, sagte Donay. »Sie bringen uns mit ihrem verdammten Meer um.«
»Hast du Angst, daß wir ertrinken?« fragte Kara. Ihr Spott hatte keinen Biß.
»Nein.« Donay blieb ernst. »Aber ersticken. Und nicht nur wir, Kara. Sie töten den Wald, verstehst du?«
»Nein«, antwortete Kara knapp.
»Bei mir hat es auch eine Weile gedauert, bis ich es kapiert habe«, gestand Donay. »Offen gestanden hat mich Elder darauf aufmerksam gemacht, obwohl es so klar war, daß ich im Grunde eine Tracht Prügel verdiene, weil ich es nicht sofort gesehen habe.«
»Mach es nicht so spannend«, sagte Kara.
»Hast du dich noch nie gefragt, woher die Luft kommt, die wir atmen? Unsere Welt ist eine einzige große Wüste. Trotzdem haben wir frischen Sauerstoff, soviel wir nur wollen. Es ist der Schlund, der ihn produziert, Kara! Der riesige Wald, der vier Fünftel unserer Welt bedeckt. Jeder Baum, jedes einzelne Blatt ist eine kleine Sauerstoffabrik! Und sie sind gerade dabei, ihn zu vernichten.«
Kara atmete sichtbar auf. »Ich weiß«, sagte sie. »Thorn hat es mir erklärt. Das Meer wird diese Aufgabe übernehmen.«
»Sicher«, sagte Elder böse. »Fragt sich nur, wann. Dieses Wasser, das sie aus der Tiefe herauspumpen, und das andere, das sie auf chemischem Wege gewinnen oder aus dem Weltraum holen, ist steril. Sie werden es aktivieren, und es liegt genug Zeug herum, das verfaulen wird - aber es könnte gut sein, daß die Luft auf eurem hübschen Planeten trotzdem für ein oder zwei Jahrzehnte ziemlich dünn wird.«
»Soweit wird es nicht kommen«, sagte Kara. Sie stand auf und sah ihn durchdringend an. »Nicht wahr?«
»Nein«, antwortete er. »Das verspreche ich.«
»Wohin willst du?« fragte Aires, als sie sich zur Tür wandte. »Wir haben noch viel zu be...«
»Ich bin müde«, unterbrach sie Kara. »Mir schwirrt der Kopf. Ich möchte einfach... ein paar Augenblicke allein sein und nachdenken.«
»Das verstehe ich«, sagte die Magierin. »Aber uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Reicht dir eine Stunde?«
»Zwei«, sagte Kara laut. Aber ihre Finger signalisierten in der Zeichensprache: Eine. Hier. Ohne ihn. Sie hatte sich absichtlich so herumgedreht, daß Elder ihre Hände nicht sehen konnte, und wenn die anderen ihre lautlose Botschaft überhaupt registrierten, so beherrschten sie sich meisterhaft. In Aires' Augen las sie, daß sie die Botschaft verstanden hatte.
Gefolgt von Hrhon verließ sie ihr Zimmer und überquerte den Hof, um in die Drachenhöhle hinunterzugehen. Sie hatte Markor seit drei Tagen nicht mehr gesehen und hatte das unbestimmte Gefühl, daß sie ihn bald für lange, lange Zeit nicht mehr sehen würde. In ihrer Welt, die in den letzten Tagen und Wochen immer schneller in Stücke zu brechen begonnen hatte, waren diese Höhlen mit ihren riesigen, geflügelten Bewohnern alles, was noch Bestand zu haben schien. Sie waren noch heute so wie sie schon vor einer Million Jahre gewesen waren, und sie würden auch in einer weiteren Million Jahre noch so sein, unverändert, unveränderbar, gleichgültig, was sich Menschen oben auf der Oberfläche des Planeten auch gegenseitig antaten.
Seltsam - niemals zuvor war ihr so deutlich aufgefallen, daß die Drachen außer dem Gefühl von Stärke und Schutz auch eine ungeheure Ruhe ausstrahlten; jene Art von majestätischer Gelassenheit, wie sie nur sehr große und sehr alte Tiere zu vermitteln vermochten. Sie erreichte Markor, und als er wie so oft ihre Nähe spürte und träge den Kopf wandte, da glaubte sie für einen Moment eine Klugheit und Güte in seinen Augen zu erblicken, wie sie sie noch nie zuvor darin gesehen hatte. Aber der Moment verging zu schnell.
Es wäre möglich, dachte sie. Was er damals im Schlund gezeigt hatte, als er die anderen Drachen bei ihrer verwegenen Rettungsaktion vom Gipfel des Drachenfelsens anführte, das war schon eine erstaunliche Intelligenzleistung. Auf der anderen Seite beherrschte jedes Zirkuspferd mehr Kunststücke. Und Markor war zwar nicht dressiert, aber er war alt, und er war zweifellos sehr klug. Trotzdem... es wäre möglich.
»Was wäre möglich?« fragte Elders Stimme hinter ihr. Kara hatte nicht bemerkt, daß er ihr gefolgt war. Sie sah sich nach dem Waga um und bemerkte, daß er gute fünfzig Schritte hinter ihr stehengeblieben war. Natürlich. Er hatte Angst vor Markor.
Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf Karas Gesicht. Es gab ein Geheimnis zwischen ihnen, das nur sie und Hrhon kannten.
Angella und Tally hatten es gewußt, aber die waren beide tot.
Das Geheimnis war, daß der Waga im Grunde seines Herzens ein Feigling war.
»Was könnte möglich sein?« fragte Elder noch einmal, als sie nicht sofort antwortete.
Kara winkte ab. »Nichts. Ein dummer Gedanke.« Sie lächelte. »Ich habe für einen Moment gedacht, was für ein köstlicher Witz des Schicksals es doch wäre, wenn wir am Ende herausfinden würden, daß gar nicht wir, sondern die Drachen die wahren Herrscher dieser Welt sind. Wir denken, wir würden sie benutzen, aber wer sagt uns denn, daß es nicht genau umgekehrt ist?«
»Du hast recht«, sagte Elder. »Es war ein dummer Gedanke.«
»Sicher«, stimmte ihm Kara zu. »Aber was wissen wir schon wirklich über unsere Vergangenheit? Wir reden unentwegt von der Alten Welt, und wir tun so, als wären ihre Bewohner Götter gewesen. Und in Wahrheit wissen wir nicht einmal, wie sie ausgesehen haben.«
Für einen ganz kleinen Moment glaubte sie, etwas wie Mißtrauen in seinen Augen aufblitzen zu sehen. »Auf jeden Fall waren sie keine hundertfünfzig Meter groß und hatten Flügel«, sagte er. Er rang sich zu einem Lächeln durch. »weißt du was? Wenn das alles hier vorbei ist, dann werden wir gemeinsam eure Vergangenheit erforschen.«
Kara antwortete nicht, sondern sah ihn nur ernst an, dann wandte sie sich um und blickte zu Hrhon hinüber.