»Was hast du?« fragte Elder. »Ich spüre doch, daß etwas mit dir nicht stimmt.«
»Deine Begrüßung war ein wenig frostig«, sagte Kara. »Findest du nicht?«
»Ja«, gestand Elder. »Du hast recht. Es tut mir leid, und ich entschuldige mich dafür. Aber was hast du erwartet? Du verschwindest, ohne mir auch nur zu sagen, wohin und weshalb, und am Tag danach taucht dieser Thorn hier auf und scheint so ziemlich alles über mich zu wissen, was es nur zu wissen gibt.«
»Und da hast du natürlich angenommen, ich hätte dich verraten.«
»Ich habe angenommen, er hätte alles von dir erfahren«, antwortete Elder. »Thorn ist nicht auf Verrat angewiesen, um herauszubekommen, was er will.«
»Aber er hat es nicht«, sagte Kara. »Ich kann dich beruhigen. Ich war nicht einmal in der Nähe eines Gerätes, das mehr als zwei Knöpfe hat. Sie haben meine Verletzungen versorgt und mir zu essen gegeben, das war alles. Er ist ein großzügiger Mann, der seine Versprechen hält.«
Elder runzelte die Stirn und begann langsam wieder auf den Ausgang zuzugehen. Kara folgte ihm.
»Das klingt nicht nach dem Thorn, von dem ich gehört habe«, sagte er.
»Er sagte, er wäre durchaus in der Position, sich Großmut leisten zu können.«
Elder lachte. »Das klingt schon eher nach ihm. Weißt du, warum er mir den Helikopter hiergelassen hat? Damit ich zu ihm kommen kann, wenn ich es mir doch noch anders überlege. Aber ich kann ihn gut gebrauchen. Ich werde damit zu dem Ort fliegen, an dem unser Schiff landet.«
»Das wirst du nicht«, antwortete Kara. »Ich bringe dich hin. Oder glaubst du, ich lasse mir die Gelegenheit entgehen, ein richtiges Sternenschiff zu sehen?«
»Wie du willst.«
»Donay hat einen passenden Landeplatz gefunden?«
»Eine Stelle im Dschungel, nicht weit von hier«, bestätigte Elder. »Die Zerstörungen werden sich dort in Grenzen halten.«
»Zerstörungen?« Kara blieb stehen.
»Das Landungsboot ist groß«, sagte Elder. »Nicht annähernd so groß wie Thorns Drohne, aber viel zu groß, um hier landen zu können. Selbst wenn es mit ausgeschalteten Schutzschilden landet, dürften ein paar Äste geknickt werden.«
Sie gingen weiter, wobei Kara sorgsam darauf achtete, daß sie immer einen gewissen Abstand zu Hrhon hielten. Was Elder ebenso auffiel wie die sonderbaren Blicke, die Kara dem Waga immer wieder zuwarf. »Was ist mit ihm?« fragte er schließlich.
»Mit Hrhon? Nichts.« Kara schüttelte den Kopf. Leiser sprach sie weiter. »Ich frage mich, wie lange es ihn noch geben wird. Und andere wie ihn.«
»Was... meinst du damit?« fragte Elder alarmiert?
»Ich meine damit«, antwortete Kara betont, »daß mir wieder eingefallen ist, wie alles angefangen hat, Elder. Wie wir uns kennengelernt haben, damals in Schelfheim. Sei ganz ehrlich: die Idee, die Stadt nur noch für Menschen zu reservieren und nach und nach alle anderen Wesen hinauszudrängen, von wem stammt sie? Wirklich von Gendik? Oder von Karoll und dir?«
»Karoll wußte so wenig, wer ich wirklich bin, wie ich wußte, wer er wirklich ist«, antwortete Elder.
»Das ist keine Antwort auf meine Frage.« Sie mußte sich überwinden, um weiterzureden. »Ich habe lange mit Thorn gesprochen, Elder. Nicht nur über uns. Auch über euch. Über eure Art, dort draußen auf all diesen Welten zu leben und sie zu beherrschen. Es ist eure Art, nicht wahr? Ihr duldet keine anderen Völker neben euch.«
»Wir achten streng darauf, daß unsere Gattung rein bleibt«, bestätigte Elder. »Aber das mußt du verstehen. Es gibt Hunderte von denkenden Spezies in der Galaxis. Die Natur hat Vorsorge getroffen, daß sich die Völker nicht ohne weiteres vermischen, aber manchmal geht es eben doch, vor allem, wenn man ein wenig nachhilft. Du glaubst ja gar nicht, zu was für Torheiten die Menschen in der Lage sind, wenn man sie gewähren läßt. Wir müssen es tun, um zu überleben. Täten wir es nicht, dann gäbe es unsere Spezies in fünfzig- oder hunderttausend Jahren nicht mehr. Euch wird nichts geschehen«, fügte er nach einer Weile hinzu. »Menschliches Leben ist uns heilig, glaube mir. Wenn du der Unsterblichkeit so nahe bist wie wir, dann gibt es kein kostbareres Gut mehr als das Leben.«
»Und deshalb rottet ihr jedes Volk aus, das nicht rein ist, wie?«
»Unsinn!« widersprach Elder. »Wir rotten niemanden aus. Wir helfen ihnen nur nicht, sich stärker zu vermehren.«
»Oder ihr helft ihnen, sich etwas weniger stark zu vermehren, nicht wahr? O nein, ihr bringt niemanden um! Ihr sorgt nur dafür, daß sie von selbst verschwinden. So wie die Menschen in dieser Stadt im Westen, in der plötzlich keine Kinder mehr geboren werden. Mord ist das sicher nicht! Wie nennt ihr es? Euthanasie?«
»Bitte, Kara!« Elder klang gequält. »Ich weiß, es klingt brutal und grausam, aber die Natur ist nun einmal grausam. Wir müssen so handeln, um als Volk zu überleben.«
»Sicher«, murmelte Kara. »Und was ist mit uns? Werdet ihr uns auch helfen, ganz langsam und schmerzlos einzuschlafen?«
»Bei euch ist das etwas anderes«, widersprach Elder. »Ihr seid uns so ähnlich, daß allerhöchstens ein Biologe den Unterschied feststellen könnte.«
»Was für ein Zufall«, sagte Kara.
»Nicht unbedingt«, erwiderte Elder. »Es gibt eine Theorie, nach der alles Leben im Universum auf den gleichen Ursprung zurückgeht. Es gibt sehr viele Welten mit humanoiden Ureinwohnern. Ohne den Atomkrieg, in dem sich eure Vorfahren gegenseitig vernichtet haben, gäbe es wahrscheinlich auch auf diesem Planeten nur Menschen.«
Er log nicht sehr überzeugend.
Eine halbe Stunde später kehrte sie zu Aires und den anderen zurück. Sie hatte sich unter dem Vorwand, müde zu sein von Elder verabschiedet und Hrhon eingeschärft, ihr ihn für eine Stunde vom Hals zu halten.
Mit Ausnahme Marans saßen alle noch auf ihren Plätzen.
Ihre Zeit war zu kostbar. »Was wollte Maran hier?« begann Kara übergangslos.
Aires und Donay tauschten einen raschen Blick, der Kara nicht entging. »Nichts«, antwortete Aires. »Er hat mich gebeten, ihm wieder einen Drachen zu geben.« Donay sah weg. Die beiden verheimlichten ihr etwas.
»Wirst du es tun?«
»Ich denke, ja«, antwortete Aires. »Er hat einen Fehler gemacht, aber er ist ein guter Mann. Und nach Thorns Angriff haben wir weitaus mehr Tiere als Reiter.«
Kara stimmte ihr in Gedanken zu und erklärte das Thema für beendet. Sie wandte sich an Donay. »Konntest du mit den Tieren, die du aus dem Wrack geholt hast, etwas anfangen?«
Donay sah sie verwirrt an. »Ja. Aber... ich brauche noch Zeit. Einen Monat, zwei...«
»Die hast du nicht«, sagte Kara. »Kannst du etwas improvisieren, mit dem wir die Libellen angreifen können? Bis heute abend?«
»Heute abend?«
»Spätestens morgen früh«, bestätigte Kara. Sie wandte sich an Cord. »Und von dir brauche ich deine zehn besten Männer. Freiwillige. Sage ihnen, daß ihre Chancen, den Einsatz zu überleben, gleich Null sind.«
Aires, die die ganze Zeit über noch nichts gesagt hatte, hob ihre Hand. Kara drehte den Kopf in ihre Richtung. »Ja?«
»Nicht, daß ich deine Autorität oder die Weisheit deiner Entscheidungen anzweifeln möchte«, sagte sie mit sanftem Spott. »Aber würdest du uns vielleicht verraten, was du überhaupt vorhast?«
»Gern«, antwortete Kara. »Das, was wir schon vom ersten Moment an hätten tun sollen. Wir werden anfangen, uns zu wehren. Und zwar so, daß es ihnen wirklich weh tut.«
»Nichts dagegen«, sagte Storm. »Aber woher kommt dieser plötzliche Stimmungswechsel?«
Kara sah ihn wortlos an, dann griff sie unter die Jacke und förderte ein zusammengelegtes Blatt Papier zutage. Sie faltete es auseinander, schüttelte aber den Kopf, als Aires danach greifen wollte, und legte es mit der beschriebenen Seite nach unten auf den Tisch.