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»Hast du Angst?« fragte Elder plötzlich.

»Ja«, sagte Kara und zuckte mit den Schultern. »Ich glaube schon, aber nicht so wie -«

»Ich verstehe schon, was du meinst.« Er lächelte, dann maß er Donay, Cord und vor allem Hrhon mit einem langen Blick und wandte sich schließlich wieder dem gelandeten Schiff zu.

Kara hätte gern noch mehr Begleiter mitgenommen, aber Elder hatte sich strikt geweigert. Schon diese drei waren eigentlich mehr, als ihm recht war.

Karas Blick löste sich vom Rumpf des Schiffes und glitt über den Waldrand. Er lag wie ausgestorben da. Nichts rührte sich. Das metallene Ungeheuer von den Sternen hatte alles tierische Leben in weitem Umkreis vertrieben.

»Sie kommen!« sagte Elder.

In der Flanke des Schiffes hatte sich eine Luke geöffnet, die auf den ersten Blick winzig aussah, aber dann erschienen zwei Libellen, und sie erkannte, wie groß sie wirklich war. Die Maschinen schwangen sich in einem gewagten Flugmanöver in die Höhe und näherten sich dann der Astgabel, auf der Elder und die anderen warteten. Sie waren größer als Thorns Libellen und wirkten zugleich plumper, aber auch aggressiver. Kara hatte solche Maschinen schon gesehen. Für ein paar Sekunden, auf dem zweiten Drachenfels, bevor Markor sie verbrannt hatte.

Donay und Cord bestiegen die erste Maschine, während Hrhon allein im Passagierraum der zweiten Platz nahm. Kara wollte ihm folgen, aber Elder winkte ab und bedeutete ihr, neben ihm im Cockpit der erbeuteten PACK-Libelle Platz zu nehmen. Natürlich würde er ein so wertvolles Beutestück nicht einfach zurücklassen.

»Endlich!« seufzte Elder, während er die Kanzel schloß und den Motor startete. »Ich dachte schon, es ginge nie zu Ende.«

Er warf Kara einen ungeduldigen Blick zu, denn sie setzte sich sehr umständlich hin und brauchte eine ganze Weile, um in eine auch nur halbwegs bequeme Position zu rutschen. Sie trug etwas unter ihrem Mantel, von dem sie auf keinen Fall wollte, daß Elder es bemerkte. Schließlich gab sie auf und blieb, sich am Boden der Libelle abstützend, sitzen. Unbequem, aber für die wenigen Augenblicke würde es gehen. Elders Stirnrunzeln vertiefte sich.

»Worauf freust du dich am meisten?« fragte sie rasch, ehe Elder seine Verwirrung in Worte kleiden konnte.

Elder lachte. »Du wirst es nicht glauben«, sagte er. »Auf zwei Dinge: eine Zigarette und eine richtige Toilette mit Wasserspülung.«

Kara blickte verwirrt. Elder lachte wieder, dann ließ er den Helikopter mit einem Ruck zur Seite springen. Kara wurde in den Sitz geworfen und hielt vor Schreck den Atem an, als sie spürte, wie eines der kleinen Gläser gegen ihren Oberschenkel gepreßt wurde.

Die Libelle flog eine enge Schleife und stürzte dann auf das Schiff herab. Der Spalt in seiner Flanke wurde größer und war plötzlich ein gewaltiges Tor, das in eine ebenso gewaltige Halle führte. Sie war nicht ganz so groß wie die Halle in Thorns Drohne, bot aber immer noch Platz für zwanzig der riesigen Flugmaschinen - und für ein Empfangskomitee, das aus mindestens zwölf oder fünfzehn Männern bestand, wie Kara voller Schrecken erkannte. Die beiden anderen Maschinen waren bereits gelandet. Donay, Cord und Hrhon stiegen gerade aus.

»Beantworte mir bitte noch eine Frage«, sagte sie, während Elder die Libelle vorsichtig durch das riesige Tor steuerte. Es war groß genug, fünf dieser Maschinen gleichzeitig passieren zu lassen, aber Elder hatte Mühe, mit den Kontrollen der fremden Maschine klarzukommen. Er reagierte auch nicht sofort, sondern setzte die Libelle vorsichtig auf den Boden auf und schaltete das Triebwerk ab, ehe er sich zu ihr umwandte.

»Ja?«

»Ihr habt Thorns Drohne zerstört, nicht wahr? Der Blitz eben...«

»Du hast ihn bemerkt.«

»Ich bin nicht blind. Warum habt ihr das getan?«

»Es mußte sein, Kara«, sagte Elder leise. »Sie wären immer eine Gefahr gewesen.«

»Aber er hatte dein Wort!« rief Kara.

»Und es ist mir nicht leichtgefallen, es zu brechen, glaube mir«, erwiderte Elder. »Aber ich hatte keine Wahl. Thorn hätte nie aufgegeben. Ein einziger PACK-Agent auf dieser Welt hätte einen hundertjährigen Guerillakrieg bedeutet.«

»Das heißt, du hast viertausend Menschen getötet? Mit einer kleinen Handbewegung?«

»Wie viele von euch haben sie getötet!« gab Elder zurück. »Und wie viele hätten sie getötet, hätten wir sie nicht aufgehalten?« Er zwang sich zu einem Lächeln. »Vergiß es, Kara. Es war ein Alptraum, aber er ist vorbei.«

Mit einem Knopfdruck ließ er die Kanzel aufgleiten und stieg aus. Kara folgte ihm. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie sich zwei Männer aus der Gruppe lösten, die zu ihrer Begrüßung gekommen war, und ihnen entgegenkamen. Ihre linke Hand glitt unter ihren Mantel, schmiegte sich um eines der kleinen Gläser, während sie mit der anderen nach Elders hilfreich ausgestrecktem Arm griff. Ihr Blick suchte das Tor, das noch immer weit offenstand, und den dahinterliegenden Waldrand. Dann sagte sie ganz ruhig:

»Nein, Elder. Das ist es nicht. Noch nicht.«

Auf Elders Gesicht machte sich Schrecken breit, aber wenn er wirklich begriff, was Karas Worte zu bedeuten hatten, dann war es zu spät. Kara glaubte plötzlich, daß die Zeit sich mit zehnfacher Langsamkeit bewegte und sie selbst wie in einen unsichtbaren, zähen Sirup geraten war, der alles, was sie tat, zu einer grotesk langsamen Pantomime machte. Aber natürlich trog ihr Eindruck. Alles geschah fast gleichzeitig und so schnell, daß Elders Männer nicht die Spur einer Chance hatten.

Jetzt! signalisierte sie. Damit Elder ihn nicht sah, trug sie den Rufer an einer ungewohnten Stelle unter der linken Achsel, wo er schmerzte, aber so sicher und zuverlässig funktionierte wie an dem gewohnten Platz in ihrer Halsbeuge.

Gleichzeitig griff sie nach Elders Hand, aber nicht, um sich daran festzuhalten, sondern um ihn mit einem harten Ruck aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihm ihr Knie entgegenzurammen. Gleichzeitig zerrte sie das Glas unter ihrem Mantel hervor.

Elder fiel zu Boden und krümmte sich stöhnend, während das Glas in einem glitzernden Bogen auf die Männer zuflog und inmitten der Gruppe auseinanderplatzte. Feine Glassplitter und weißer Staub bildeten eine Wolke, die den Großteil der Gruppe einhüllte. Ebenfalls gleichzeitig rangen Donay und Cord den Mann nieder, der sie hergebracht hatte. Hrhon schaltete den Piloten seiner Libelle mit einem harten Fausthieb aus, der ihn wahrscheinlich umbrachte. Seit Kara den Angriffsbefehl gegeben hatte, war noch keine Sekunde vergangen.

Sie ließ sich zu Elder hinabsinken und betäubte ihn mit einem blitzschnellen Hieb gegen die Schläfe vollends. Dann sprang sie wieder auf, zog gleichzeitig ihr Schwert und warf sich auf die beiden Männer, die ihnen entgegengekommen waren. Den ersten streckte sie mit einem wuchtigen Hieb des Schwertgriffes zu Boden, aber der zweite beging den Fehler, seine Waffe zu ziehen; und zu seinem eigenen Pech war er sehr schnell. Kara hatte keine andere Wahl, als ihm das Schwert in die Brust zu stoßen.

Die zweite Sekunde war vorüber.

Sie fuhr herum, drehte sich einmal im Kreis. Die Zeit in der Halle schien noch immer stehengeblieben zu sein. Die Männer, zwischen denen der Glasbehälter explodiert war, standen noch immer wie gelähmt da. Verdammt, Donay hatte versprochen, daß das Zeug sofort wirkte!

Kara blickte zum Waldrand zurück. Nichts. Was war passiert?

Wo blieben sie alle?

Die dritte Sekunde ging zu Ende. Plötzlich zerriß ein schrilles, an- und abschwellendes Heulen und Wimmern die Luft.