Alarm. Elders Männer reagierten verdammt schnell. Vielleicht zu schnell. Als die Männer in der Halle endlich aus ihrer Erstarrung erwachten, erwachte auf der anderen Seite des Tores der Waldrand zum Leben. Eine Armee ungeheuerlicher, geschuppter Körper tauchte zwischen dem Geäst der Wipfel auf. Mannsdicke Äste zerbrachen unter den Hieben riesiger Schwingen und fürchterlicher Klauen. Ein Orkan aus glitzerndem Horn und schwarzen Schwingen schien den Wipfelwald rings um das Schiff von innen heraus zu zerreißen, als die Drachen hervorbrachen, die sich im dichten Blättergewirr verborgen hatten.
Ein erster, zyklopischer Schatten löste sich vom Waldrand und glitt mit wild schlagenden Flügeln auf das Schiff zu. Plötzlich begann sich das Tor zu schließen!
Kara fuhr mit einem Fluch herum. Wenn sie das Tor verschlossen, war alles verloren!
Aus dem hinteren Teil der Halle näherten sich weitere Männer in schwarzen und blauen Uniformen, die ihre Waffen gezückt hatten, und auch Cord und Donay waren in ein wildes Handgemenge mit neu aufgetauchten Gegnern verwickelt. Am entgegengesetzten Ende der Halle hatte sich ein massiv aussehendes Stahltor geöffnet, um weitere zwei, vielleicht auch drei Dutzend Bewaffneter durchzulassen. Kara bemerkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln, wirbelte herum und riß gleichzeitig ihr Schwert in die Höhe, um den Angreifer abzuwehren.
Aber sie führte den tödlichen Hieb nicht zu Ende.
Es war tatsächlich einer von Elders Männern, und er hatte auch seine Waffe gezogen - aber er schien sie gar nicht zu sehen. Seine Augen waren weit aufgerissen, das Gesicht war eine verzerrte Grimasse, und aus beiden Mundwinkeln lief blutiger Speichel, was ihm das Aussehen einer jener unheimlichen Marionetten verlieh, die den Mund öffnen und schließen konnten, um menschliche Sprache zu imitieren. Und er bewegte sich auch wie eine solche Fadenpuppe. Mit wild schlenkernden Armen, das eine Bein hinter sich herziehend, torkelte er an Kara vorüber. Gräßliche, blubbernde Laute drangen aus seiner Brust. Als er den Mund öffnete, sah Kara den Grund für das Blut in seinem Speicheclass="underline" Er hatte sich die Zungenspitze abgebissen. Auf seinen Schultern, dem Hemd und in seinem Haar glitzerte feiner Staub wie winzige Eiskristalle.
Kara begriff erst jetzt die Gefahr, in der sie sich befand. Eine Umarmung dieses Mannes, ja, selbst eine flüchtige Berührung war so tödlich wie ein Treffer aus einem Lasergewehr. Mit einer hastigen Bewegung sprang sie zurück. Der sterbende Mann torkelte an ihr vorüber und stürzte mit weit ausgebreiteten Armen zu Boden, und fast in der gleichen Sekunde stach ein hellblauer Lichtblitz durch die Luft und explodierte in der Libellenmaschine. Flammen und umherfliegende Metalltrümmer trieben Kara weiter zurück.
Sie hustete, zog einen zweiten ihrer kostbaren Glasbehälter unter dem Mantel hervor, verzichtete aber darauf, ihn zu werfen, als sie begriff, daß die heranstürmenden Soldaten viel zu weit entfernt waren. Ein zweiter Lichtstrahl tastete wie ein suchender, dürrer Finger nach ihr, und wieder warf sich Kara mit einer verzweifelten Bewegung herum und entging dem sicheren Tod nur um Haaresbreite. Verzweifelt suchte ihr Blick das Tor. Es hatte sich bereits fast zur Hälfte geschlossen - aber der Drache hatte auch weit mehr als die Hälfte der Entfernung zwischen ihm und dem Waldrand zurückgelegt. Sie konnte die Umrisse zahlreicher winziger Gestalten auf seinem Rücken ausmachen. Hinter ihm waren ein zweiter und ein dritter Drache aus dem Wald hervorgebrochen.
Ein blaßblauer Strahl brannte eine Spur aus schmelzendem Metall in den Boden neben ihr, und Kara warf sich mit einer hastigen Bewegung herum. Sie strauchelte. Sie versuchte den Sturz abzufangen, aber es gelang ihr nicht, und ihr Herz schien einen Schlag zu überspringen, als sie wuchtig auf den Boden prallte und hörte, wie das Glas unter ihrem Mantel klirrte. Aber das Wunder geschah: Sie rollte sich mit einer kraftvollen Bewegung herum und kam wieder auf die Füße, und die tödlichen Staubbomben unter ihrem Mantel zerbrachen nicht. Sie hörte einen gellenden Schrei hinter sich. Ehe sie herumfuhr, sah sie, wie Cord zurücktaumelte. Sein linker Arm brannte. Hilflos und noch immer vor Schmerz schreiend prallte er gegen den Rumpf der Libellenmaschine, stürzte und begann sich auf dem Boden zu wälzen, während Donay versuchte, die Flammen mit seinem Mantel zu ersticken. Ihr Blick suchte Hrhon, fand ihn aber nicht.
Und plötzlich hörte das Feuer auf. Die Angreifer blieben stehen, alle im gleichen Augenblick, aber es dauerte einen Moment, bis Kara begriff, daß der entsetzte Ausdruck auf ihren Gesichtern nicht ihr galt, sondern etwas hinter ihr. Verblüfft drehte sie sich herum - und erstarrte ebenfalls vor Schrecken, obwohl sie gewußt hatte, was sie sehen würde.
Der Drache war herangekommen. Die gewaltigen Torhälften hatten sich wie die Kiefer eines riesigen stählernen Tieres fast zu zwei Dritteln geschlossen; sie wußte, daß der Drache es nicht schaffen würde, es nicht schaffen konnte - und trotzdem schaffte er es. Im allerletzten Moment legte das riesige fliegende Ungeheuer die Schwingen an den Leib wie ein angreifender Falke, der auf eine Beute im Wasser herabstößt, ließ ein markerschütterndes Brüllen hören und stob durch das Tor. Seine linke Schwinge prallte gegen die Stahlöffnung. Er taumelte, versuchte in dem viel zu engen Raum die Flügel zu entfalten und bäumte sich auf. Voller Entsetzen beobachtete Kara, wie die Gestalten der Drachenkrieger von seinem Rücken geschleudert wurden.
Zwei, drei von ihnen verschwanden mit gellenden Schreien in der Tiefe draußen, und weitere zwei oder drei wurden von den panisch schlagenden Flügeln und Krallen des Riesentieres zermalmt. Aber der Rest - immer noch mehr als ein Dutzend - rettete sich auf den sicheren Boden der Halle und brachte sich hastig vor dem tobenden Ungeheuer in Sicherheit. Der Drache brüllte weiter, und im Inneren des Helikopterhangars hallte seine Stimme hundertfach verzerrt und laut wider. Verzweifelt versuchte er vergeblich, die Flügel zu spreizen und mit den Krallen irgendwo Halt zu finden. Langsam, aber unbarmherzig, rutschte er zurück. Seine Krallen rissen handtiefe Furchen in den polierten Stahl des Hallenbodens, doch nicht einmal die unvorstellbare Kraft dieses Wesens reichte, das Gewicht seines eigenen Körpers zu halten, das ihn in die Tiefe zerrte. Mit einem Kreischen, das Kara wie ein Messerstich bis ins Mark fuhr, stürzte er aus der Öffnung und verschwand mit hilflos schlagenden Flügeln in der Tiefe.
Die überlebenden Drachenkrieger begannen sich in der Halle zu verteilen und hastig nach Deckung zu suchen, als Elders Männer endlich ihren Schrecken überwanden und sie unter Feuer nahmen. Zwei von ihnen wurden getroffen und stürzten brennend und reglos zu Boden, aber dann erwiderten sie das Feuer - nicht mit Pfeil und Bogen, womit Elders Krieger gerechnet haben mochten, sondern mit grünen Lichtblitzen aus gläsernen Waffen, die sie plötzlich unter ihren schwarzen Mänteln hervorzogen.
Schon ihre erste Salve kostete sechs oder acht Company-Soldaten das Leben. Die Schnelligkeit aber, mit der die Besatzung dieses Schiffes auf den Angriff reagiert hatte, machte Kara klar, daß Elder ihnen niemals ganz vertraut und die Möglichkeit eines Überfalles einkalkuliert hatte. Aber sie hatten mit einem Angriff kaum oder nur schlecht bewaffneter Barbaren gerechnet, nicht mit einer Macht, die ihrer ebenbürtig und vielleicht sogar überlegen war. Wer von den Company-Soldaten den ersten Feuerschlag der vermeintlichen Drachenkrieger überlebte, der ergriff auf der Stelle die Flucht. Die Krieger in den schwarzen Mänteln schossen auf sie, aber nicht unbedingt um sie zu töten. Kara registrierte erleichtert, daß sie ihren Befehl befolgten - sie waren nicht hier, um ein Gemetzel unter Elders Männern anzurichten, sondern um diesen Hangar zu besetzen und zu halten.
Hastig sah sie zum Tor zurück. Die beiden riesigen Torhälften schlossen sich weiter, aber ihre Bewegung war nicht mehr so gleichmäßig und lautlos wie zuvor. Der Anprall des Drachen mußte den Mechanismus beschädigt haben.