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Das Gefühl eisigen, beinahe lähmenden Entsetzens breitete sich in Kara aus, als sie den Gang überblickte. Die Wirkung ihrer Staubbombe war längst nicht groß genug gewesen, sämtliche Männer dort draußen zu erfassen, aber die, die davongekommen waren, schienen in hellem Entsetzen die Flucht ergriffen zu haben, als ihnen das Schicksal ihrer Kameraden klar wurde. Kara sah achtlos weggeworfene Waffen und Helme, liegengelassene Funkgerät und andere Dinge, die auf eine panische Flucht hindeuteten.

Ein zweiter Drache näherte sich dem Schiff und steuerte auf die aufgebrochene Luke zu. Und diesmal schaffte er es. Knapp und mit einem fast ängstlichen Grunzen, aber so präzise wie ein von einem Meisterschützen abgeschossener Pfeil glitt das riesige Tier in den Hangar und berührte den Boden. Auf seinem Rücken befanden sich gute zwei Dutzend Männer, die rasch über die noch immer ausgebreiteten Schwingen nach unten kletterten und zu ihnen eilten.

Kara sah, wie der Reiter des Tieres versuchte, seinen Drachen auf dem engen Raum herumzudrehen, um den Hangar wieder zu verlassen. Sie gestikulierte ihm, zu bleiben, rannte rasch zu ihm hinüber und bildete mit den Händen einen Trichter vor dem Mund. »Was ist los?« schrie sie. Sie verzichtete absichtlich darauf, den Rufer zu benutzen. »Was ist mit den Konvertern? Wieso zerstört ihr sie nicht?«

Kara hatte sie gesehen, als das Schiff landete: zwei riesige, bläulich schimmernde Halbkugeln aus Kristall, die über dem Heck des Schiffes angebracht waren und seine stärkste Waffe, zugleich aber auch seine größte Schwäche darstellten. Thorn hatte versucht, es ihr zu erklären. Natürlich hatte sie es nicht wirklich verstanden, aber immerhin hatte sie begriffen, daß diese zerbrechlichen Gebilde aus Glas und Kristall so etwas wie das schlagende Herz dieses Schiffes waren. Zerstörten sie es, dann fiel der größte Teil seiner Energieversorgung aus. »Wir versuchen es!« schrie der Drachenreiter zurück. »Aber wir kommen nicht heran! Wir haben schon viele Tiere verloren!«

Die Worte trafen Kara wie ein Hieb. Für eine Sekunde wollte sie einfach aufgeben. Ihre Waffe aus der Hand legen, zu Elder gehen und ihn bitten, mit ihr und Thorn zu machen, was er wollte, solange er nur die anderen am Leben ließ.

Aber sie wußte auch gleichzeitig wie absurd und naiv dieser Wunsch war. Er würde es nicht tun. Dies war kein Kampf, in dem es ein Unentschieden oder eine ehrenvolle Niederlage geben konnte.

»Versucht es weiter«, sagte sie. Sie sprach sehr leise, so leise, daß der Mann auf dem Rücken des Drachen ihre Worte unmöglich verstehen konnte. Aber er schien sie zu erraten, denn er nickte, wartete, bis Kara sich in sichere Entfernung zurückgezogen hatte, und fuhr dann fort, sein Tier in der engen, mit Trümmern und Leichen übersäten Halle herumzudrehen. Schließlich gelang es ihm. Mit einem kraftvollen Ruck stieß sich der Drache am Rand des Hangartores ab und schwang sich wieder in die Höhe. Und vermutlich in den Tod, dachte Kara bitter. Hrhon hatte Elder herbeigebracht, als sie zu Thorn und seinen Männern zurückkehrte. Elders Gesicht war eine unbewegliche Maske, in der sich Zorn und Verbitterung mit einem Ausdruck von völligem Nichtverstehen mischten. Ein entsetzlicher Gedanke machte sich in Kara breit. Was würde geschehen, wenn sie sich geirrt hatte? Wenn Elder die Wahrheit gesprochen hatte und Thorn log? Wenn alles nur ein fein eingefädeltes Intrigenspiel war, das dem einzigen Zweck gedient hatte, sie tun zu lassen, was sie jetzt tat?

Der Gedanke war zu entsetzlich, um ihn weiter zu verfolgen. Wieder erzitterte das Schiff unter einem dumpfen Schlag, und diesmal folgte ihm eine grollende Explosion. Die Erschütterung schien Elder aus seiner Erstarrung zu wecken, denn das Leben kehrte in sein Gesicht zurück. Er sah Thorn an, schien etwas sagen zu wollen, tat es dann aber nicht, sondern drehte den Kopf, um Kara anzublicken.

Der Vorwurf in seinen Augen schmerzte sie tief.

Thorn hob seine Waffe und stieß Elder den Lauf grob in den Leib. Elders Lippen zuckten, aber er gab keinen Schmerzlaut von sich. Nur ganz flüchtig sah er Thorn an, dann blickte er wieder in den Gang hinaus. Es mußten zwanzig, wenn nicht dreißig seiner Leute sein, die dort saßen oder hockten, auf den Knien herumkrochen, sich schaukelten, einfach auf der Stelle standen und andere, sinnlose und manchmal schreckliche Dinge taten. Und wenn er wirklich begriffen hatte, was mit ihnen geschehen war, dann schien er sich zumindest für den Moment noch zu weigern, es zu glauben.

»Du wirst uns jetzt den Weg in die Zentrale dieses Schiffes zeigen«, sagte Thorn. »Und möglichst einen, auf dem wir nicht in einen Hinterhalt laufen.«

Elder würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Thorn wollte seine Aufforderung wiederholen, und Kara sah, wie sich seine Hände fester um das Gewehr schlossen. Sie winkte rasch ab und zog mit der gleichen Bewegung Elders Aufmerksamkeit auf sich.

»Wir wollen nicht, daß deine Leute sinnlos sterben«, sagte sie. »Gib ihnen den Befehl, aufzugeben, und du hast mein Wort, daß keinem auch nur ein Haar gekrümmt wird.«

»Wie großzügig«, sagte Elder verächtlich. »Aber du glaubst doch nicht wirklich, daß ich das tue.«

Thorn hob sein Gewehr, und Elder bedachte nun ihn mit einem bleichen, verächtlichen Blick. »Was wirst du tun?« fragte er. »Mich umbringen? Bitte.«

»Du weißt, daß er es könnte«, sagte Kara. »Ich meine, wirklich könnte.«

»Dann tut es!« stieß Elder hervor. »Tut, was ihr wollt – aber ich werde euch ganz bestimmt nicht mein Schiff ausliefern. Auch nicht, wenn es mein Leben kostet.«

»Ich habe nichts anderes von dir erwartet«, sagte Kara ruhig. Sie gab Hrhon einen heimlichen Wink, Elder fester zu halten. »Aber weißt du... Wir werden dich nicht umbringen. Siehst du das da?« Sie deutete mit einer Kopfbewegung in den Gang hinaus. »Möchtest du ihr Schicksal teilen?«

Elder sagte auch jetzt nichts, aber Kara bemerkte, daß er insgeheim die Muskeln spannte, um die Festigkeit von Hrhons Griff zu testen. Das Ergebnis, zu dem er kam, machte ihm wohl endgültig klar, wie aussichtslos seine Lage war. Nervös und fahrig fuhr er sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Sein Blick tastete immer unsicherer über die Ansammlung wimmernder, zusammengesunkener Gestalten draußen im Gang.

»Komm mit!« befahl Kara. Hrhon sorgte dafür, daß Elder ihr folgte, während sie sich vorsichtig einer der wimmernden Gestalten näherte. Der Mann hatte nur sehr wenig des glitzernden weißen Staubes abbekommen. Trotzdem war sie sehr vorsichtig, als sie ihn mit der einen Hand an der Schulter berührte und herumdrehte und die andere in sein Haar grub, um seinen Kopf zurückzuzwingen, damit Elder in sein Gesicht sehen konnte. »Siehst du das?« fragte sie hart. »Sieh genau hin, Elder! Du warst doch so wild auf Donays Erfindungen, nicht? Das hier hat er extra für euch gemacht! Gefällt es dir?«

Elder war einer Panik nahe. Mit aller Kraft bäumte er sich in Hrhons Griff auf, aber der Waga zwang ihn unbarmherzig tiefer, bis sich sein Gesicht dem des Wahnsinnigen bis auf eine Handbreit genähert hatte. »Was... was habt ihr mit ihm getan?« stammelte er.

»Ihn nicht getötet«, sagte Kara kalt. »Weißt du, Elder, du hast mir vielleicht ein bißchen zuviel über euch erzählt. Ich weiß, daß du keine Angst vor dem Tod hast. Für dich ist es nur ein Spiel, nicht wahr? Für euch alle ist es nichts als ein großes spannendes Spiel. Ich weiß, daß wir euch nicht töten können. Aber das haben wir auch gar nicht vor.«

»Was... was habt ihr... getan?« krächzte Elder.

»Die Spielregeln geändert«, antwortete Kara. Sie raffte ein wenig des hoffentlich wirkungslos gewordenen Staubes von der Schulter des Mannes auf und blies es Elder ins Gesicht. Er kreischte und warf sich zurück, aber sofort packte Hrhon sein Haar und hielt ihn fest.