»Das Tor!« schrie sie. »Sie dürfen es nicht schließen!«
Die Männer reagierten sofort. Die grünen Blitze aus ihren Waffen konzentrierten sich plötzlich auf einen der beiden Torflügel. Kara sah, wie das Metall rot und orange und schließlich weiß zu glühen begann und sich dann in zischende Lava verwandelte. Das Tor bewegte sich rumpelnd und zitternd noch ein kleines Stück weiter, und plötzlich erscholl ein schrilles, fast gequält klingendes Wimmern und dann ein dumpfer Knall. Die riesigen Stahlplatten waren mit dem Rahmen verschweißt und würden sich nie wieder bewegen.
Doch die Öffnung in der Flanke des Schiffes war noch immer groß genug, eine von Elders Libellenmaschinen passieren zu lassen, sie reichte allerdings nicht mehr für einen Drachen aus.
Kara sah, wie der zweite Riesenschatten, der seinem zu Tode gestürzten Bruder gefolgt war, dicht vor dem Schiff kehrt-machte und sich in die Höhe schwang. Ein dritter und vierter Schatten folgten, und plötzlich loderte orangerotes Feuer draußen auf. Kara schloß geblendet die Augen und hob ganz instinktiv die Hände vor das Gesicht, aber es war nur ein kurzer Flammenblitz, der die Toröffnung verfehlte.
Sie verstand jedoch, was die Männer draußen ihr sagen wollten.
»Zurück!« schrie sie, so laut sie konnte. »Sie brennen das Tor auf!«
Mit ein paar schnellen Schritten war sie bei Elder, steckte ihr Schwert ein und versuchte, ihn fortzuschleifen. In diesem Moment erwachte er aus seiner Bewußtlosigkeit, und so schnell und übergangslos wie Kara es von ihm gewohnt war. In seinen Augen war kein Schrecken, keine Verwirrung, sondern nur ein brodelnder, durch nichts zu besänftigender Zorn. Sie sah seinen Hieb kommen und fing ihn ab, und doch war die Kraft, die in diesem Schlag steckte, so gewaltig, daß sie von den Füßen gerissen und zu Boden geschleudert wurde.
Mit der Schnelligkeit eines Phantoms war er über ihr. Es gelang Kara, einen nach ihrer Kehle gezielten Tritt abzublocken, aber dann packte er sie bei den Schultern, riß sie in die Höhe und hob die andere Hand zu einem Hieb, der sie töten würde.
Eine dreifingrige, geschuppte Pranke legte sich von hinten um Elders Gesicht, schob seinen Kopf in den Nacken und drückte mit übermenschlicher Kraft zu.
»Nein!« schrie Kara. »Töte ihn nicht!«
Sie sah, wie schwer es Hrhon fiel, ihrem Befehl zu gehorchen. Eine Sekunde lang stand der Waga einfach da, reglos, jeden Muskel in seinem gewaltigen Körper so angespannt, daß er zitterte. Kara spürte, was in ihm vorging. Er hatte den Mann gepackt, der den Tod von den Sternen auf seine Welt gebracht hatte.
Er wollte ihn töten. Es gab nichts mehr in seinem Leben, was wichtiger war. Und Kara verstand ihn nur zu gut. Auch in ihr schrie alles danach, Hrhon mit einem Nicken zu verstehen zu geben, es zu tun, oder ihre eigene Waffe zu ziehen und ihn zu vernichten. Und sie hätte es getan, hätte nur ihr eigenes Leben auf dem Spiel gestanden. Aber sie durften es nicht. Elder und die Männer in diesem Schiff waren zwar Schuld an dem, was dieser Welt und ihren Bewohner widerfuhr, aber sie waren auch ihre einzige, verzweifelte Hoffnung auf ein Überleben, eine vielleicht bessere Zukunft.
»Laß ihn los«, sagte sie. »Bitte.« Hrhon starrte sie aus seinen unergründlichen Schildkrötenaugen an, und dann nahm er ganz langsam die Hand von Elders Gesicht. Alle Kraft schien aus seinem Körper zu weichen. Elder schnappte keuchend nach Luft und fiel auf die Knie. Sein Gesicht war blutüberströmt, und sein Atem hörte sich an, als wäre sein Kehlkopf zerquetscht. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur ein würgendes Stöhnen hervor, und als er diesmal den Kopf hob und Kara ansah, da waren seine Augen vor Schmerz und Entsetzen geweitet.
Mit einem raschen Blick sah sich Kara in der Halle um. Die Krieger waren aus der unmittelbaren Nähe des Tores verschwunden, und auch die Mitglieder von Elders Begrüßungskomitee hatten sich instinktiv in Sicherheit gebracht, als der Drache gegen das Tor geprallt war. Einige nur standen oder hockten mit leeren Gesichtern da, starrten aus weit aufgerissenen, erloschenen Augen ins Nichts oder kicherten irr. Nicht weit von Kara entfernt kroch ein Mann auf Händen und Knien über den Boden und versuchte, mit bloßen Händen den Stahl aufzureißen, und auf der anderen Seite der Libelle gewahrte sie einen Mann, der dabei war, sich mit den Fingernägeln die eigene Haut vom Gesicht zu kratzen.
Donay hatte Cord in einer Nische in dreißig oder vierzig Metern Entfernung vom Tor gezerrt und signalisierte ihr mit Gesten, daß alles in Ordnung war.
»Halt ihn fest«, sagte Kara, an Hrhon gewandt. »Aber paß auf. Er ist beinahe so stark wie du.«
Der Waga packte Elder von hinten bei den Schultern, und Elder stöhnte vor Schmerz. Aber Kara wußte auch, daß Hrhons Griff einem normalen Menschen jeden Knochen zermalmt hätte. Natürlich war Elder kein normaler Mensch. Kara war nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt ein Mensch war.
Und sie fragte sich vergeblich, wieso keiner von ihnen es gemerkt hatte. Wieso war nie jemandem aufgefallen, wie schnell seine Wunden heilten, nicht einmal, nachdem Hrhon ihm den Arm gebrochen hatte und er die Hand schon am nächsten Tag wie durch Zauberei wieder bewegen konnte.
»Warum?« flüsterte Elder. Seine Stimme klang flach. »Von mir aus bringt mich um«, murmelte er. »Aber sagt mir vorher, warum.«
»Das werde ich dir sagen, Elder«, antwortete Kara. »Und wir werden dich auch nicht töten. Wir brauchen dich nämlich noch.«
»So?« Der herablassende Spott in Elders Stimme blitzte nur schwach auf. »Und wozu?«
»Um dein Schiff zu erobern«, antwortete Kara ernst.
Elder starrte sie an, und der Ausdruck in seinen Augen machte ihr klar, daß er in diesem Moment an ihrem Verstand zweifelte. »Mein... Schiff?« krächzte er. »Du bist verrückt! Du mußt völlig den Verstand verloren -«
Er sprach nicht weiter. Seine Augen wurden groß, und Kara hatte niemals zuvor im Leben einen Ausdruck so vollkommener, unvorstellbarer Fassungslosigkeit auf dem Gesicht eines Menschen gesehen. Langsam wandte sie den Kopf und sah den Mann an, der neben ihr aufgetaucht war. Die schwarze und silberne Montur der Drachenkrieger ließen ihn noch größer und düsterer erscheinen. Und der Ausdruck in seinen Augen verwirrte selbst Kara. Er sah Elder auf eine Weise an, die sie nicht zu deuten imstande war, aber die ihr Angst machte.
»Warum sprichst du nicht weiter?« fragte Thorn ruhig.
»Du?« murmelte Elder ungläubig.
»Das Leben ist doch voller Überraschungen, nicht wahr?« fragte Thorn. »Bitte, entschuldige, wenn ich unangemeldet komme. Aber ich hatte dich heute nacht um einen neuen Job gebeten, weißt du noch? Und da du mir nicht geantwortet hast...« Er zuckte mit den Schultern und lächelte flüchtig. »Ich bin wirklich sehr verlegen darum, mußt du wissen.«
»Bitte, hör damit auf«, sagte Kara müde. Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf das Tor zurück. »Wir müssen weg hier.«
Thorn folgte ihrem Blick. Dann nickte er. Mit einem Ruck streifte er den schwarzen Mantel der Drachenreiter vollends ab und warf ihn zu Boden, dann fuhr er herum und lief zu dem knappen Dutzend seiner Männer zurück, das ihm geblieben war. Elder starrte ihm nach. Dann, wie ein Mann, der aus einem entsetzlichen Alptraum erwachte und Mühe hatte, in die Wirklichkeit zurückzufinden, hob er ganz langsam den Kopf und sah Kara wieder an. »Warum?« flüsterte er. »Warum... habt ihr das getan? Ich stehe auf eurer Seite! Ich... bin nicht euer Feind. Thorn ist es, der eure Welt zerstört hat. Wir sind hier, um euch zu helfen!«
»Ich weiß«, sagte Kara leise. »Ich weiß alles, Elder. Und ich meine damit - alles!«
Elder erschrak nicht. Er sah einfach weiter verwirrt aus, aber Kara sagte jetzt nichts mehr, denn sie begriff, daß dies wahrlich nicht der Augenblick war, um zu reden. Mit einer befehlenden Geste signalisierte sie Hrhon, seinen Gefangenen fortzuschaffen, dann lief sie selbst mit weit ausgreifenden Schritten zu der Nische hinüber, in die sich Donay und Cord geflüchtet hatten.