Cord war bei Bewußtsein, aber seine Augen glänzten fiebrig, und als Kara seinen verbrannten Arm sah, wußte sie, daß sie auf seine Hilfe in diesem Kampf nicht mehr zählen konnte. Sie tauschte einen raschen, fragenden Blick mit Donay, den er mit einem angedeuteten Achselzucken beantwortete. Auch er war nicht sicher, daß Cord das Ende dieser Schlacht noch erleben würde.
Sie sah zum Tor zurück. Wieviel Zeit war vergangen? Eine Minute? Auf jeden Fall war es zuviel. Ihr Sieg war bisher im Grunde nichts als Glück und der Vorteil der Überraschung gewesen. Daß sie die Wachmannschaft zurückgeschlagen hatten, bedeutete gar nichts. Selbst wenn Elder die Wahrheit gesagt hatte und dieses Schiff nicht annähernd so groß wie Thorns Drohne war, mußte es Hunderte von Männern an Bord haben.
Und sie hatten zwar diesen Raum erobert, waren aber auch gleichzeitig darin gefangen.
Wieder näherte sich ein riesenhafter Schatten dem Tor, und Kara schloß im allerletzten Moment die Augen und wandte das Gesicht ab. Trotzdem unterdrückte sie nur mit Mühe ein schmerzhaftes Stöhnen, als der Feuerstrahl des Drachen gegen das Tor prallte und eine Woge ebenso unerträglicher Hitze. wie gleißender Helligkeit durch den Hangar raste. Die Handvoll Schwachsinniger, die sich noch inmitten der Halle aufgehalten hatten, wurde auf der Stelle getötet. Überall brachen Brände aus, und die Libelle, mit der sie selbst gekommen war, fing mit einem dumpfen Schlag Feuer. Das Tor glühte in einem dunklen, drohenden Rot, und die Luft war plötzlich so heiß und stickig, daß sie kaum noch zu atmen war.
Viermal mußten die Drachen ihr Höllenfeuer gegen das Schiff schleudern, ehe die gewaltige Stahlplatte schließlich nachgab und von ihrem eigenen Gewicht in die Tiefe gezerrt aus ihrer Halterung herausbrach.
Minutenlang war die Luft im Hangar so heiß, daß Kara bei jedem Atemzug am liebsten vor Schmerz geschrien hätte. Ihre Kleider und ihr Haar schwelten. Die Haut auf ihrem Gesicht und ihren Händen rötete sich, und wohin sie auch blickte, loderten Flammen. Erst viel später einmal sollte sie begreifen, daß es Elders Schiff gewesen war, das sie davor bewahrte, in der Glut ihrer eigenen Drachen zu sterben, denn überall unter der Hallendecke und in den Wänden traten sofort automatische Löschmechanismen in Kraft, die die Flammen zwar nicht ganz zu ersticken vermochten, die Temperatur aber binnen weniger Augenblicke so weit senkten, daß sie wieder atmen konnten.
Alles verschwamm vor ihren Augen, als sie sich aufrichtete und dorthin blickte, wo vor wenigen Momenten noch das Tor gewesen war. Jetzt gähnte an der Stelle ein gewaltiges Loch mit ausgezackten, rotglühenden Rändern. Kara sah alles, was dahinterlag, nur wie in einer Spiegelung in wildbewegtem Wasser. Aber sie wollte auch gar nicht wirklich sehen, was dort draußen vor sich ging, denn hinter der Wand aus hitzeflimmernder Luft starben ihre Brüder und Schwestern, ihre Freunde und auch die Drachen, und sie starben schnell und auf eine Art, die Kara selbst ihrem schlimmsten Feind nicht gewünscht hätte.
Die Luft über der Lichtung war so voller Drachen, als wäre ein großer Vogelschwarm aus den Wipfeln des Waldes emporgestiegen und hätte die Orientierung verloren. Sie hatte nicht mehr in Erfahrung bringen können, wie vielen Reitern es gelungen war, ihre Drachen in den Wipfeln rings um die Lichtung zu verstecken, ehe Elder und sie selbst den Drachenhort verlassen hatten. Aber der Himmel war schwarz von Drachen; fünfzig, hundert, vielleicht zweihundert der gigantischen, geflügelten Wesen, die wie ein Schwarm wütend angreifender großer Raben um den stählernen Koloß kreisten. Immer wieder sah sie das orangerote und weiße Flackern von Feuer, wenn die Drachen eine neue Schwachstelle am Rumpf des Sternenschiffes ausmachten und versuchten, sich ihren Weg hineinzubrennen, aber sie sah auch nur zu oft das grüne und blaue Gleißen der Energieblitze, mit denen sich der Koloß von den Sternen wehrte. Und die meisten dieser Blitze trafen mit tödlicher Sicherheit ihr Ziel. Sie sah Drachen, die von Lanzen aus Licht durchbohrt wurden und wie ein Stein in die Tiefe stürzten, andere Tiere, die plötzlich Feuer fingen und wie lebende Brandgeschosse in die Baumwipfel herunterkrachten, soweit sie nicht mehr die Kraft fanden, sich noch sterbend gegen den Rumpf des Schiffes zu schleudern, um ihn zu erschüttern, Drachen, deren Flügel von einem blaßblauen Hauch aus Licht gestreift wurden.
Aber auch das Schiff erzitterte immer heftiger unter den Einschlägen der Feuerstrahlen, mit denen die Drachen den stählernen Riesenwal attackierten. Sollte es jemals eine Erinnerung an diesen Tag geben, dachte Kara, sollten sie jemals ein Lied darüber schreiben oder eine Geschichte erzählen, dann würde es dieses Bild sein, das die Zeiten überdauerte, denn es enthielt alles, was den Grund dieses Krieges ausmachte, alles, worum es darin ging und jemals gegangen war, seit Menschen begonnen hatten, nach den Sternen zu greifen. Es war ein Kampf Natur gegen Technik, Laserstrahlen gegen Drachenfeuer. Und Kara war immer noch nicht sicher, welche Seite ihn gewinnen würde.
Durch Rauch und Flammen sah sie Thorn auf sich zukommen, während die meisten seiner Begleiter zum anderen Ende der Halle liefen und schon auf halber Strecke damit begannen, das massive stählerne Tor mit ihren Lichtwaffen unter Feuer zu nehmen. Da blickte Kara wieder nach draußen. Der Kampf hatte eine neue Nuance bekommen. Zwischen den Drachen waren kleinere, sich hektisch bewegende Umrisse aufgetaucht, die die Tiere und ihre Reiter wie wütende Hornissen attackierten. Kara begriff allerdings sofort den furchtbaren Fehler, den der Kommandant des Schiffes damit begangen hatte, seine Helikopter in den Kampf zu werfen. Sie sah, wie einige der Maschinen mitten in der Luft gegen den unsichtbaren Schutzschild prallten und wie andere von einem Dutzend Drachen zugleich angegriffen und in lodernde Flammenbälle verwandelt wurden. Keiner dieser Piloten würde den Selbstmordbefehl überleben, den ihnen der Befehlshaber dieses Schiffes erteilt hatte. Dafür zweifelte sie keine Sekunde daran, daß die Drachenreiter ihrerseits die Chance nutzen und ihre Tiere in den geöffneten Hangar lenken würden, aus dem die Libellen gekommen waren.
Thorn hatte ihr Versteck erreicht und warf einen raschen, eher interessierten als mitfühlenden Blick auf Cords Arm, ehe er sich mit einer ungeduldigen Geste an sie wandte. »Wo bleiben deine Leute?«
Wieder sah Kara zum Tor. Das Metall hatte aufgehört, in dunklem Rot zu glühen, aber die Luft flimmerte immer noch vor Hitze. »Es geht nicht so schnell«, sagte sie. »Die Hitze ist noch zu groß. Wir müssen ihnen noch einige Augenblicke Zeit geben.«
»Aber die haben wir nicht«, sagte Thorn sehr ernst. »Falls es dir nicht klar ist, in dem Ding dort oben -« Er wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger zum Himmel »- befinden sich mindestens fünf oder sechs dieser Schiffe. Sie werden in spätestens einer Stunde hier sein. Wenn wir bis dahin die Zentrale nicht genommen haben, ist es aus.«
»Ich weiß«, sagte Kara. Vielleicht war in diesem Moment nicht nur ein weiteres Schiff zu ihnen unterwegs, sondern ein Raketengeschoß, dessen Atomsprengkopf dieser Geschichte ein für allemal ein Ende machen würde.
Sie wandte sich an Donay. »Du bleibst hier und kümmerst dich um Cord«, sagte sie. »Wenn irgend etwas schiefgeht, dann bringst du dich in Sicherheit.«
»Aber -« begann Donay.
»Das ist ein Befehl, Donay«, unterbrach ihn Kara sofort. »Keine freundschaftliche Bitte. Wenn wir keinen Erfolg haben, dann nimm alle, die überleben, und führe sie irgendwohin, wo sie euch nicht finden. Verbergt euch - und versucht es irgendwann noch einmal.«
Bevor Donay Gelegenheit zu einer Antwort fand, schlug sie ihren Mantel zurück, zog ihr Schwert und warf Thorn einen auffordernden Blick zu. »Gehen wir.«