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Kara warf sich entsetzt flach auf den Boden, und auch Elder schrie etwas, das sich wie Verdammte Idioten! anhörte, und ließ sich mit vor das Gesicht gerissenen Armen zur Seite fallen, während sich der glitzernde Staub in der Zentrale ausbreitete. Die Wirkung war verheerend. Wäre das Glas auf dem Boden aufgeprallt, hätte es einen Bereich von fünf, allerhöchstens sieben oder acht Metern im Umkreis verseucht. So aber breitete sich der glitzernde weiße Dunst fast über ein Drittel des Zentraldomes aus; ein dünner, kaum sichtbarer Nebel, der Schlimmeres als den Tod brachte.

Elders Soldaten versuchten voller Panik, sich in Sicherheit zu bringen. Obwohl Thorn und seine drei überlebenden Männer weiter auf sie schossen, sprangen sie hinter ihren Verstecken hoch und rannten schreiend davon.

Die wenigsten schafften es.

Wen die grünen Lichtblitze verfehlten, den holte der Staub ein.

Die entsetzlichen Bilder, die Kara auf dem Weg hier herauf gesehen hatte, wiederholten sich. Männer stürzten wie vom Blitz getroffen zu Boden oder blieben einfach stehen, begannen zu kreischen, zu lachen und andere sinnlose Dinge zu tun. Einer hob seine Waffe und feuerte schreiend auf seine eigenen Kameraden, ehe Thorn ihn niederstreckte, ein anderer stürzte sich mit einem irrsinnigen Lachen und ausgebreiteten Armen in die Flammen eines brennenden Schrankes. Er lachte noch immer, während er bei lebendigem Leib verbrannte.

Kara wandte sich schaudernd ab. Während sie das letzte Glas unter dem Mantel hervorzog, streifte ihr Blick den Bildschirm. Er war so eingestellt, daß er tatsächlich wie ein Fenster nach draußen wirkte. Das Schiff hatte viel von seiner fremdartigen Schönheit verloren. Eine der beiden gewaltigen Kristallkuppeln an seinem Heck war zersplittert; hundert Meter hohe Flammen und schwarzer Rauch quollen hervor, und das Licht der zweiten war nicht mehr gleichmäßig und sanft, sondern pulsierte in einem stechenden, unangenehmen Orange, wie ein leuchtendes Herz, das aus dem Takt geraten war und zu zerbrechen drohte. Die stählernen Flanken des Riesen hatten häßliche Brandwunden bekommen, und Kara entdeckte allein auf den ersten Blick ein halbes Dutzend gewaltsam geschaffener Öffnungen, aus denen ebenfalls Rauch und Flammen quollen.

Und Drachen.

Zuerst war es nur einer, ein verschwommener, zuckender Schemen, der wie ein Gespenst aus dem Rauch auftauchte und davonflog, dann kam ein zweiter hinzu, ein dritter – und plötzlich, schneller, als sie gekommen waren, verließen die Drachen den geschlagenen Riesen von den Sternen wieder und schwangen sich in die Luft über dem Wald empor.

Wie weit würden sie kommen? Kara schätzte, daß ihnen noch zehn Minuten blieben, ehe Elders andere Schiffe heran waren.

Sie wog das kleine Glasgefäß nachdenklich eine Sekunde in der Hand, ehe sie sich wieder an Elder wandte. »Das ist deine allerletzte Chance, Elder«, sagte sie. »Befiehl ihnen, die Waffen niederzulegen, und ich verzichte darauf, dieses Glas zu öffnen. Wenn nicht...« Sie bewegte den Schraubverschluß eine halbe Drehung weit.

Elder fuhr erschrocken zusammen. Trotzdem schüttelte er den Kopf. »Das wagst du nicht«, behauptete er. »Du würdest genauso den Verstand verlieren wie ich.«

»Vielleicht«, sagte Kara ruhig. Sie zuckte die Schultern. »Na und? Ich wäre ein paar Minuten lang verrückt. Deine Leute würden mich ohnehin töten. Bei dir aber ist es etwas anderes. Wieviel Zeit bleibt dir noch, wenn dir niemand den Gefallen tut, dein Gehirn in Stücke zu schlagen? Zweihundert Jahre? Fünfhundert! Eine verdammt lange Zeit, um als sabberndes Wrack weiterzuleben.«

»Du bluffst«, behauptete Elder.

Sekundenlang bohrte sich Karas Blick in seine dunklen, haßerfüllten Augen, dann sah sie noch einmal auf den gewaltigen Monitor. Die Drachen verließen noch immer das Schiff. Ihre Bewegungen waren sehr viel ruckhafter und nicht halb so kraftvoll wie gewohnt. Vermutlich waren es die verwundeten und sterbenden Tiere, die bis zuletzt zurückgeblieben waren,. um den anderen einige wenige Sekunden Vorsprung zu verschaffen. Kara drehte sich wieder zu Elder um, und wieder fochten ihre Blicke ein lautloses, stummes Duell. Dann streckte er ganz langsam die Hand aus, zögerte, bewegte sie weiter und zögerte noch einmal. Als er begriff, daß sie sich nicht wehren würde, führte er die Bewegung zu Ende und nahm ihr behutsam das Glas aus der Hand. Er warf einen irritierten Blick über die Schulter zu Hrhon zurück. Auch der Waga machte keine Anstalten, ihn wieder zu packen, oder auch nur daran zu hindern, Kara die tödliche Waffe aus der Hand zu nehmen.

»Waffenstillstand?« fragte sie.

Elder war nur verwirrt. »Was?«

»Ich gebe auf«, sagte Kara. Drei, vier Augenblicke lang weidete sie sich einfach an dem völlig verständnislosen Ausdruck auf seinem Gesicht, dann beugte sie sich nach rechts, um an seiner und Hrhons Gestalt vorbei zu Thorn hinüberzusehen. Der PACK-Agent blickte sie an, und Kara gab ihm das vereinbarte Zeichen. Thorn warf seine Waffe in hohem Bogen über den Rand seiner Deckung, zögerte noch einen Herzschlag lang und richtete sich dann mit hoch erhobenen Armen hinter seinem Pult auf. Angst spiegelte sich auf seinem Gesicht. Aber niemand schoß auf ihn oder auf die beiden anderen PACKKrieger, die nach einem Augenblick dem Beispiel ihres Kommandanten folgten. Nach allem, was bisher geschehen war, mußte ihre plötzliche Aufgabe die Zentralbesatzung mehr verblüffen als alles andere.

»Was... was soll das jetzt wieder?« stammelte Elder. »Ist das ein neuer Trick?«

»Kein Trick«, antwortete Kara. Ganz langsam erhob auch sie sich. Aber sie ließ ihre Waffe nicht fallen, sondern hielt den Lauf des erbeuteten Gewehres unverrückbar auf das gläserne Gefäß in Elders Händen gerichtet. »Wir geben auf – unter einer Bedingung.«

Elders Augen wurden schmal vor Mißtrauen. »Und welcher?«

»Du läßt sie gehen.« Kara machte eine Kopfbewegung auf den Bildschirm. Sie sah nicht hin, aber sie wußte, daß längst nicht alle Drachen das Schiff verlassen hatten. Sie hoffte nur, daß die Tiere, auf die es ankam, nicht mehr im Schiff waren, wenn Elders Verstärkung eintraf. Wann? In zwei Minuten? Drei?

»Ich... begreife nicht, was – «

»Dein Wort!« unterbrach ihn Kara. »Du läßt meine und Thorns Krieger das Schiff verlassen, und du wirst leben. Oder wir sterben beide.«

»Du weißt, daß ich das nicht kann«, sagte Elder leise. »Man wird diesen Angriff nicht einfach hinnehmen, als wäre nichts geschehen. Sie werden sie für den Rest ihres Lebens jagen.«

»Einige werden entkommen«, sagte Kara. »Vielleicht nur eine Handvoll. Aber ihr werdet nicht alle kriegen.«

Wieder vergingen Sekunden, kostbare, unendlich wertvolle Sekunden, die sie für Storm und die anderen unwiederbringlich gewonnen hatte, ganz gleich, wie sich Elder entschied.

Und plötzlich nickte er. »Also gut«, sagte er leise. Dann wandte er sich lauter an die anderen Anwesenden in der Zentrale. »Ihr habt es gehört. Sie ziehen sich zurück. Laßt sie gehen.«

Der Kampf war vorüber, und Kara konnte spüren, daß die Anspannung wie eine körperliche Last von ihr abfiel.

Überall in der Zentrale richteten sich Männer hinter ihren Deckungen auf, senkten ihre Waffen oder starrten sie, Thorn und Hrhon einfach fassungslos an. Es wurde nicht still – der weiße Staub hatte erst zwanzig Männer ergriffen, die weiter schrien, kicherten oder auf andere Weise Lärm machten. Ganz am Rande begriff Kara, daß sie es vielleicht sogar geschafft hätten. Alles in allem waren nicht einmal mehr zehn kampffähige Verteidiger übriggeblieben.

Aber das spielte keine Rolle mehr.

»Ich habe dein Wort«, sagte sie ganz leise.

Elder lächelte traurig. Aber dann drehte er sich mit einem Ruck herum, gab einem seiner Männer einen Wink, auf Kara und Hrhon achtzugeben, und trat an eines der wenigen noch nicht in Brand geschossenen Pulte. Er drückte eine Taste. Als er sprach, hallte seine Stimme aus einem Lautsprecher verstärkt in der Zentrale wider und vermutlich auch im gleichen Augenblick im gesamten Schiff. »Hier spricht Commander Elder. Die Angreifer ziehen sich zurück. Der Kampf ist vorbei. Verfolgt sie nicht. Ich wiederhole: Die Gegner werden nicht verfolgt. Ich übernehme die volle Verantwortung für diesen Befehl.«