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Kara spürte, daß Cord genau wußte, was sie hier unten suchten, aber er wollte – oder durfte – es ihr nicht sagen. Vielleicht war Cords Rat sogar klüger, als er selbst ahnen mochte – sie würde zu Angella gehen und sie fragen, und diesmal würde sie Antworten verlangen.

Sie versuchte, sich durch das Gedränge im vorderen Teil des Tunnels zu Angella vorzuarbeiten, kam aber kaum von der Stelle, weil sich die Drachenkämpfer und Arbeiter in dem Bemühen, sich gegenseitig zu helfen, eigentlich nur nach Kräften behinderten. Plötzlich hörte sie einen Schrei. Der Gräber auf der rechten Seite hörte auf, sich in den Erdboden hineinzuwühlen, und für Augenblicke entstand ein heilloses Durcheinander.

»Liss!« schrie Angella. »Das ist Liss! Grabt sie aus! Aber seid vorsichtig! «

Rücksichtslos schob sich Kara vor und kniete neben Angella nieder. Schulter, Arm und die zerschmetterte Hand einer Drachenkämpferin ragten leblos aus den Trümmern. Die Insignien ihres Ärmels wiesen die Tote als Liss aus.

Kara, Angella und Cord gingen so behutsam vor, als hätten sie ein verletztes Kind vor sich, während sie Liss’ Körper mit bloßen Händen weiter ausgruben. Ein Gräber kam klickend und rasselnd herbei und wollte helfen, aber Angella scheuchte ihn davon. Den Hornkopf Liss’ Leichnam auch nur berühren zu lassen, wäre einem Sakrileg gleichgekommen. So zerrten und gruben sie mit bloßen Händen weiter. Karas Hände waren schon nach Augenblicken rot von ihrem eigenen Blut. Sie registrierte den Schmerz nicht einmal.

Es dauerte lange, die tote Drachenkämpferin auszugraben, denn die lockeren Steinmassen rutschten immer wieder nach, aber schließlich konnten sie den leblosen Körper der Drachenkämpferin herausziehen. Instinktiv hielt Kara den Atem an, als sie den Leichnam herumdrehten und ihr Blick in Liss’ Gesicht fiel, aber das Antlitz der Drachenkämpferin war nicht entstellt, es lag auf ihrem Gesicht ein fast friedlicher Ausdruck. Sie sah eher wie eine Schlafende denn wie eine Tote aus. Allerdings zog sich eine dünne, blutige Wunde von ihrer linken Hüfte bis zur rechten Schulter.

Kara starrte die tödliche Verletzung an und versuchte verzweifelt, das Gefühl nackten Entsetzens niederzuringen, das sich in ihr breitmachte. Liss war tot, aber es waren nicht die herunterstürzenden Erdmassen gewesen, die sie umgebracht hatten. Sie war auch nicht erstickt. Was sie umgebracht hatte, war ein Schuß aus einer Laserwaffe gewesen.

9

»Was wollt Ihr damit sagen?« Ein erstarrtes Lächeln lag auf Gendiks Zügen, das so falsch und schmierig wirkte wie der betont freundliche Klang seiner Stimme, Kara hatte spontan beschlossen, ihn nicht zu mögen.

Auch Angella brachte ihm offenbar nicht die größten Sympathien entgegen, Ihre Stimme klang so glatt und hart wie das Glas. »Ich will überhaupt nichts sagen, Exzellenz«, antwortete sie kühl. »Aber drei meiner Leute sind mit einem Laser oder einer ähnlichen Waffe erschossen worden. Und der Stützbalken eines Tunnels wurde offensichtlich mit der gleichen Waffe zerschnitten, um den Tunnel zum Einsturz zu bringen. Und das in einer Stadt, in der Schußwaffen bei Todesstrafe verboten sind. Außer für die Angehörigen Ihrer persönlichen Garde.«

»Schelfheim ist eine große Stadt«, antwortete Gendik mit einem ausdruckslosen Lächeln.

»Zählt der Tod von drei Menschen in einer großen Stadt weniger als in einer kleinen?« fragte Angella.

Gendik zeigte sich unbeeindruckt. »Ich will damit sagen, verehrte Angella, daß Schelfheim eine wirklich große Stadt ist. Die Stadtgarde umfaßt allein dreißigtausend Mann. Und jedes Jahr werden hundert oder hundertfünfzig davon getötet. Zwanzig oder dreißig von ihnen verschwinden einfach. Und mit ihnen ihre Waffen. In zehn Jahren macht das allein zwei- oder dreihundert; von den Diebstählen, Überfallen und Waffen, die auf dem schwarzen Markt angeboten werden, ganz zu schweigen. Und...« Er hob die Stimme in jener eingeübten, fast immer wirkungsvollen Art, zu der nur Politiker fähig sind. »Eure Krieger genießen einen gewissen Ruf.« Gendik deutete mit einer gepflegten, aber sehr kräftigen Hand auf Kara. »Gestern erst hat dieses Mädchen, das aussieht wie ein Kind, das keiner Fliege etwas zuleide tun kann, vier meiner Männer niedergeschlagen und einen halben Krieg begonnen.«

»Ich bitte Sie, Exzellenz, das ist doch...«

»Es ist wichtig, Angella«, unterbrach sie Gendik. »Denn es beweist, daß ich recht habe. Man fürchtet Euch, Angella. Ihr genießt den Ruf, unbesiegbar zu sein. Stärke kann sich auch gegen den Starken selbst richten. Es wundert mich nicht, daß die Mörder Eurer Brüder und Schwester sich einer solchen Waffe bedienten. Würdet Ihr einen Drachenkämpfer mit dem Schwert in der Hand angreifen – vorausgesetzt, Ihr gehört nicht selbst zu ihnen?«

»Kaum«, gestand Angella. »Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, Gendik, daß man sie getötet hat. Ihr habt es selbst gesagt. Wir genießen einen gewissen Ruf. Niemand tötet einen Drachenkämpfer ohne einen sehr triftigen Grund.«

»Irgend jemand hat es getan«, widersprach Gendik ruhig. »Und ich fürchte, wir werden nie herausfinden, wer. Vielleicht waren sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Alles mögliche Gesindel treibt sich dort unten herum. Vielleicht haben sie Schmuggler bei ihrer Arbeit gestört. Sie nutzen die Katakomben gern, um unseren Patrouillen zu entgegen.«

»Und dazu steigen sie eine halbe Meile tief in die Erde hinab?«

Angella schnaubte. »Macht Euch nicht lächerlich, Gendik.«

Schelfheims Gouverneur blickte sie verwirrt an. Er wirkte nicht einmal erzürnt, sondern nur verwirrt; vollkommen überrascht, daß es jemand wagte, in diesem Ton mit ihm zu reden. »Jemand hat die drei ermordet, Exzellenz«, fuhr Angella fort. »Es war kein unglücklicher Zufall. Sie wurden ermordet, weil sie etwas sahen, was sie nicht sehen durften. Und ich werde herausfinden, wer es war – und warum.« Sie trank einen Schluck. Das Glas klirrte leise, als es gegen den Rand ihrer Maske stieß. Gendik stand auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Es war ein sehr großes helles Zimmer mit verglasten Fenstern, das sich im obersten Stockwerk des höchsten Bauwerkes der Stadt befand: dem Gouverneurspalast. Der runde Turm ragte weit über den Dächern der Stadt empor, mit dem Ergebnis, daß er mehr als doppelt so schnell in den Boden einsank wie die übrigen Gebäude – woraus wiederum folgte, daß Gendik nicht alle zehn, sondern alle vier Jahre in ein neu aufgesetztes Stockwerk umziehen mußte.

»Was mich zu der Frage zurückbringt, weshalb ich Euch zu mir gebeten habe, edle Angella«, sagte er nach einer Weile, wobei er im Zimmer innehielt, sich aber nicht wieder setzte. »Ihr habt mich gerufen?« Angella runzelte die Stirn. »Ich dachte, ich wäre es gewesen, die Euch sprechen wollte.«

»Euer Bote erreichte mich im gleichen Moment, in dem ich den meinen losschicken wollte«, erwiderte Gendik ungerührt. »Meine Frage ist ganz einfach: Was suchten Eure Leute dort unten, als sie getötet wurden?«

»Einen neuen Zugang zum Trieb«, antwortete Angella. »Der Schacht ist auf halbem Wege eingestürzt.«

»Wenn das die Wahrheit ist«, sagte Gendik in einem Ton, der bewies, daß er ganz genau wußte, daß es nicht die Wahrheit war, »dann sind sie ein gehöriges Stück vom richtigen Weg abgekommen.«

Angella zuckte gelassen die Schultern. »Das mag sein. Wir bewegen uns normalerweise eine Meile über der Erde; nicht darunter.«

Gendik seufzte, spielte das Spiel aber noch immer mit. »Und was glaubtet Ihr dort unten zu finden?«

»Vielleicht etwas, das wir am liebsten gar nicht finden wollten. Ihr habt mit Donay gesprochen.«

»Selbstverständlich«, sagte Gendik. »Aber das beantwortet nicht meine Frage, Angella. Seit wann kümmern sich die Drachenkämpfer um solche Dinge? Wenn der Hochweg wirklich in Gefahr ist – was interessiert Euch daran?«