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»Im Grunde nichts«, gestand Angella freimütig. Sie leerte ihr Glas und stellte es auf den Tisch zurück.

»Auf der anderen Seite aber interessiert uns eben alles, was ungewöhnlich ist.«

»Es gibt Stimmen, die meinen, daß Ihr und Eure Kämpfer in den letzten Jahren etwas zu neugierig geworden seid«, erwiderte Gendik.

Kara musterte ihn überrascht von der Seite. Täuschte sie sich – oder hörte sie wirklich eine versteckte Drohung in seiner Stimme? Angella schwieg.

»Es gibt diese Stimmen auch in dieser Stadt«, fuhr Gendik fort. »Manche behaupten, daß Ihr vergessen habt, wer Ihr wirklich seid.«

»So?« erwiderte Angella kalt. »Und wer sind wir?«

»Krieger«, antwortete Gendik ruhig. »Tapfere Krieger, die unseren Respekt und unsere Dankbarkeit verdienen, denn zweifellos wäre diese Welt nicht, was sie ist, ohne Euch und Euren Schutz.«

»Aber Ihr meint auch, wir sollten es dabei bewenden lassen«, sagte Angella. »Ihr meint, wir sollten uns auf unsere Drachen schwingen und die Grenzen des Landes bewachen und nach Feinden Ausschau halten, nicht wahr?«

»Was ich meine, tut nichts zur Sache«, antwortete Gendik. »Aber vielleicht tun wir genau das«, fuhr Angella fort, ohne seine Antwort überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Sie schnippte mit den Fingern. »Ihr habt recht, Gendik – es interessiert mich überhaupt nicht, ob diese Brücke stehenbleibt oder umfällt. Aber ungewöhnliche Dinge interessieren mich. Und es geschehen ungewöhnliche Dinge im ganzen Land. Ich bin sicher, Ihr wißt, wovon ich rede. In mehreren Städten sind die Lebensmittelvorräte für den Winter ohne ersichtlichen Grund verdorben. In der westlichen Provinz ist fast die gesamte Ernte von einem Schädling vertilgt worden, von dem niemand zuvor gehört hat. Im Osten wütet eine Krankheit, gegen die unsere besten Heiler machtlos sind. Es kommt überall im Land zu immer schlimmeren Mutationen, und in manchen Städten werden plötzlich keine Kinder mehr geboren. Die Aufzählung ließe sich beliebig lang fortsetzen, aber ich glaube, Ihr wißt auch so, worauf ich hinaus will.«

Kara sah Angella überrascht und erschrocken zugleich an. Wieso wußte sie nichts von all diesen Dingen?

»Und worauf wollt Ihr hinaus?« fragte Gendik.

»Auf die Frage, ob wir vielleicht nicht schon längst angegriffen werden«, antwortete Angella.

Gendik lachte. »Jetzt seid Ihr es, die sich lächerlich macht«, sagte er. »Angegriffen? Von ein paar Schädlingen und einer Krankheit?«

»Nein«, antwortete Angella ärgerlich. »Aber vielleicht von jemandem, der uns diese Plagen geschickt hat, Gendik! Wenn ich dieses Land erobern müßte, so würde ich es ganz genau so machen. In diesem Winter werden viele verhungern. Im nächsten vielleicht noch mehr, wenn wir nicht mit den Problemen fertig werden. Zwei oder drei solcher Jahre, und wir sind praktisch wehrlos. Vielleicht ist das ihre Art, uns sturmreif zu schießen.«

»Ein interessanter Gedanke«, sagte Gendik. »Aber ein wenig weit hergeholt, findet Ihr nicht auch? Der letzte Angriff auf eine Stadt liegt fünfundzwanzig Jahre zurück.«

»Zehn«, verbesserte ihn Kara.

»Sie muß es wissen. Sie war die einzige Überlebende«, fügte Angella mit einem Blick auf Kara hinzu.

Gendik wirkte ein wenig irritiert, fing sich aber rasch wieder. »Gut. Aber auch zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit. Ich glaube nicht, daß sie heute noch eine Gefahr darstellen. Die einzigen Drachen, die es heute noch gibt, sind die, die Ihr und Eure Krieger reitet.«

»Woher wollt Ihr das wissen?« fuhr Angella auf. »Wir haben Jandhi und ihre Feuerdrachen besiegt, aber wir haben niemals herausgefunden, woher sie wirklich kamen! Vielleicht haben sie ja nie aufgehört, uns anzugreifen, und wir haben es nur nicht gemerkt! «

»Und Ihr wollt diesen Krieg nun in Schelfheim beenden?«

»Vielleicht wollen wir ihn hier anfangen, Gendik!« erwiderte Angella heftig. »Begreift Ihr wirklich nicht, daß Ihr hier vor allen anderen in Gefahr seid?«

»Wir? Aber warum denn?«

»Eine solch große Stadt ist allemal ein lohnendes Ziel«, erklärte Angella. »Zerstört Ihr sie, habt Ihr praktisch das halbe Land vernichtet.«

Gendik lachte. »Niemand kann Schelfheim zerstören«, sagte er. »Es ist einfach zu groß. Und selbst wenn, würden wir es wieder aufbauen. Wir haben diese Stadt schon tausendmal wieder aufgebaut, habt Ihr das vergessen?«

»Nein«, seufzte Angella. »Aber ich fürchte, es hat keinen Zweck, wenn wir weiterreden. Ich habe auf Eure Hilfe gehofft, aber...«

»Ich habe Euch bereits geholfen, Angella«, unterbrach sie Gendik. »Auch wenn Ihr es vermutlich nicht einmal bemerkt habt. Die meisten hier waren dagegen, Euch und Eure Kämpfer in die Stadt zu lassen. Es hat mich meinen ganzen Einfluß gekostet, Euch überhaupt den Einlaß zu erlauben – und dann zu verhindern, daß Ihr kurzerhand aus der Stadt geworfen wurdet, nach dem, was dieses Mädchen getan hat. Die Leute fürchten Euch, Angella. Es tut mir leid, aber so stehen die Dinge nun einmal.«

»Dann kann ich... nicht weiter mit Eurer Unterstützung rechnen?« fragte Angella zögernd.

»Mehr kann ich nicht für Euch tun, ja«, antwortete Gendik. »Es darf nichts mehr geschehen, keine Versteckspiele mehr, keine Abenteuer und Husarenstücke.« Er klatschte in die Hände, und fast im gleichen Moment betrat Elder den Raum. Gendik deutete auf ihn.

»Ihr kennt ja Hauptmann Elder. Er wird Euch von jetzt an auf Schritt und Tritt begleiten. Falls Ihr irgendwelche Wünsche habt, so wendet Euch nur an ihn. Ich werde dafür sorgen, daß er weitreichende Vollmachten erhält.«

»Elder?« Angella schüttelte zornig den Kopf. »Als Aufpasser, meint Ihr?«

»Ich denke, das Wort Begleiter macht es Euch leichter. Bitte, glaubt mir, daß ich Euch helfen will, Angella. Aber mir sind die Hände gebunden.«

»Dann betet, daß das noch lange Zeit so bleibt«, sagte Angella zornig. »Denn es könnte gut sein, daß bald jemand kommt, der sie Euch abreißt!«

10

Sie verließen den Gouverneurspalast so rasch, daß Hrhon, der sie begleitet hatte, aber in der Halle hatte warten müssen, beinahe nicht mit ihnen Schritt halten konnte. Angella zitterte, ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Kara konnte regelrecht spüren, wie es hinter der goldenen Halbmaske brodelte. Ihre Lehrmeisterin hatte sich nicht einmal mehr die Zeit genommen, sich formell von Gendik zu verabschieden, sondern war zornig aufgesprungen und aus dem Zimmer gestürmt. Dabei war Kara mittlerweile fast sicher, daß Gendik die Wahrheit gesagt hatte: Er konnte ihnen nicht helfen, selbst wenn er gewollt hätte.

Aber das machte ihn in Karas Augen auch nicht sympathischer.

Endlich beruhigte sich Angella so weit, daß sie ein wenig langsamer ging und ihre Hände zu zittern aufhörten. Kara warf einen Blick über die Schulter, ehe sie zu ihr aufschloß. Hrhon watschelte in einiger Entfernung hinter ihnen her und hatte noch immer Mühe, nicht den Anschluß zu verlieren, während Elder dem Waga mit einigem Abstand folgte und gar nicht erst versuchte, aufzuschließen.

Es fiel Kara schwer, die richtigen Worte zu finden. »Ist es wahr, was Gendik gesagt hat? Daß... daß die Menschen uns fürchten?«

Angella zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Vielleicht fürchten sie uns, aber das ist normal.«

»Normal!« ächzte Kara. »Aber wir sind ihre Freunde!«

»Falsch!« antwortete Angella mit einem bitteren, durch und durch humorlosen Lachen. »Wir sind ihre Beschützer, nicht ihre Freunde. Der starke Arm, den sie rufen, wenn sie in Gefahr sind. Gendik hat recht: Ohne uns würden noch immer Jandhis Drachen über dieses Land herrschen. Wir haben diese Welt in weniger als einem Menschenalter zu dem gemacht, was sie ist. Und trotzdem fürchten sie uns. Oder vielleicht gerade deshalb.«

»Aber wieso?«

»Weil ihnen unsere Stärke ihre eigene Schwäche vor Augen führt«, antwortete Angella. »Außerdem verhalten die Menschen sich immer so: Sie rufen verzweifelt nach Kriegern, wenn sie sie brauchen. Aber wenn die Gefahr vorüber ist, beginnen sie sich zu fragen, ob sie den mächtigen Verbündeten wirklich noch brauchen. Zuerst kommt das Mißtrauen, dann die Furcht, und schließlich folgen Verachtung und Haß.« Sie gab einen bitter klingenden Laut von sich. »Vielleicht hätten wir ein paar von Jandhis Drachen entkommen lassen sollen, damit die Menschen von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, wozu es uns gibt.«