»Dann ist... alles wahr, was du Gendik erzählt hast?« fragte Kara zögernd.
»Nein«, schnappte Angella wütend. »Ich habe mir alles nur ausgedacht!«
»Du hast... mir nie etwas davon erzählt«, sagte Kara.
Angella seufzte. »Ja. Vielleicht war das ein Fehler. Auch ich bin nicht vollkommen.«
Ein solches Eingeständnis hörte man selten aus Angellas Mund. Aber Kara kam nicht dazu, eine entsprechende Bemerkung zu machen, denn Angella blieb plötzlich stehen. Unsicher sah sie sich um.
»Was ist los?« fragte Kara. Ihre Hand sank unwillkürlich auf den Schwertgriff herab.
Angella deutete mit einer Kopfbewegung auf eine Gruppe von fünf oder sechs Männern, die zwanzig Schritte vor ihnen standen und sie anstarrten. Dann entdeckte Kara einen zweiten Trupp, nicht sehr weit entfernt, und als sie sich herumdrehte, tauchte hinter Elder, der ihnen in zwanzig Schritt Abstand gefolgt war, eine Gruppe von sieben oder acht Gestalten auf. Elder registrierte Karas Blick und wandte sich besorgt um. Einen Moment lang verhielt er mitten in der Bewegung, dann beeilte er sich mit weit ausgreifenden Schritten, zu Angella und Kara aufzuschließen, wobei er an Hrhon vorbeistürmte.
»Das sieht nicht gut aus«, sagte er.
Angella nickte. »Ein Hinterhalt!« Auch ihre Hand bewegte sich zum Gürtel, aber sie fand nichts. Angella trug selten eine Waffe; und schon gar nicht, wenn sie zu einer Audienz beim Herrn von Schelfheim ging.
Aber wahrscheinlich brauchte sie auch keine Waffe. Sie waren vier gegen fünfzehn, aber dieses Verhältnis war nicht so schlecht, wie es aussah. Hrhon allein wog sechs oder acht von ihnen auf, und Elder war kein Schwächling. Sie...
Aus dem Schatten einer Toreinfahrt löste sich eine weitere Fünfergruppe. Karas Blick glitt aufmerksam über die Gesichter vor ihr. Es waren grobschlächtige, schmutzige Gesichter mit wilden Augen. Die meisten Kerle hielten gleich mehrere Waffen in den Händen. Schwerter, Keulen, Messer, Sicheln und kurze Speere, manche hatten auch nur eine Latte, die mit rostigen Nägeln verziert war.
»Nett«, murmelte Kara. Mit dem Daumen der rechten Hand löste sie die Verriegelung ihres Schwertes, »Was wollen die Typen?«
»Ssschläghe, vhermhuthe isss«, zischelte Hrhon.
Elder warf ihm und Kara gleichzeitig einen warnenden Blick zu. »Seid still«, sagte er hastig. »Das ist ernst.« Er fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen. »Tut nichts, habt ihr verstanden? Überlaßt mir das Reden.«
Was das Reden anging, so hatte Kara nichts dagegen. Aber sie schloß vorsichtshalber die Hand um den Schwertgriff. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich auch Hrhon spannte.
Elder straffte die Schultern und trat den Burschen entgegen, die sich mittlerweile auf der Straße vor ihnen aufgebaut hatten. Kara mußte sich nicht herumdrehen, um zu wissen, daß es hinter ihnen genauso aussah.
»Was wollt ihr?« fragte Elder mit fester Stimme, die nichts von seiner Nervosität verriet.
»Gebt den Weg frei!«
Natürlich rührte sich niemand. Elders Hand senkte sich auf den Schwertgriff; aber es war eine Geste, die eher demonstrativ als drohend wirkte. Sie tat allerdings keine Wirkung. Kara sah, daß sein Daumen wiederholt einen der kleinen Zierknöpfe auf seinem Gürtel drückte. Was sollte das?
»Ich bin Hauptmann Elder von der Stadtwache!« versuchte es Elder noch einmal. »Ich befehle euch, den Weg freizugeben!«
Wieder reagierte niemand.
Elder wartete einen Moment vergebens darauf, daß irgend etwas geschah, während sein Finger weiterhin hektisch auf seinem Gürtel herumdrückte. Dann trat er einen Schritt zurück und zog seine Laserwaffe. »Das ist die letzte Warnung! Gebt den Weg frei!«
Die Reaktion auf seine Worte fiel anders aus, als er erhofft hatte: Die Menge vor ihnen rückte geschlossen einen Schritt vor, dann löste sich eine einzelne Gestalt aus dem Mob und deutete auf Hrhon.
»Wir wollen ihn haben, Hauptmann. Wir haben keinen Streit mit Euch. Geht. Wir wollen nur dieses Vieh. Und die beiden Hexen.«
Elder war einen Augenblick ehrlich verblüfft. Dann machte sich Zorn auf seinen Zügen breit. Mit einem Ruck hob er den Laser und zielte auf das Gesicht des Burschen vor sich. »Bist du völlig von Sinnen, Kerl?« brüllte er. »Was glaubst du, wo wir hier sind? Und wen du vor dir hast? Gib den Weg frei, oder ich schieße dich über den Haufen! Ich spaße nicht!«
Der Bursche seufzte, schüttelte fast bedauernd den Kopf und machte einen weiteren Schritt auf Elder zu, und Elder drückte ab.
Nichts geschah. Elder starrte das mattsilberne Stück Metall in seiner Hand fassungslos an und drückte noch einmal ab und noch einmal. Der Bursche vor ihm gab ihm ausreichend Zeit, seiner Verblüffung Herr zu werden. Dann stürzten sie sich wie auf ein geheimes Kommando auf sie.
Zwei warfen sich auf Elder, vier auf Hrhon und jeweils zwei Burschen auf Angella und Kara, während der Rest damit beschäftigt war, sich auf der engen Straße gegenseitig zu behindern.
Daß die Angreifer die beiden Frauen unterschätzten, war ein Fehler, den zumindest zwei von ihnen sofort bitter bereuten. Kara riß ihr Schwert aus der Scheide und empfing den ersten mit einem Stoß des Schwertknaufs, der ihn die Hälfte seiner Zähne kostete und ihn mit einem gurgelnden Schrei zurücktaumeln ließ. In der gleichen Bewegung wirbelte die Waffe herum, verwandelte sich in einen schimmernden Kreis aus Stahl und befreite den zweiten Burschen von seinem Schwert. Dann sprang Kara nach vorn, fegte einem dritten Angreifer die Beine unter dem Leib weg und versuchte, die Kehle des Mannes zu treffen, als er stolperte.
Ihr Hieb ging ins Leere. Sie strauchelte, vom Schwung ihrer eigenen Bewegung mitgerissen, und versuchte, mit einem raschen Schritt das Gleichgewicht wiederzufinden. Sie wäre wahrscheinlich trotzdem gestürzt, wäre nicht einer der Angreifer so dumm gewesen, nach ihrem Schwert zu greifen, um ihr die Waffe aus der Hand zu reißen.
Sein Fehler kostete ihn zwei oder drei Finger, und der plötzliche Ruck half Kara, ihre Balance wiederzuerlangen. Mit einem Tritt schleuderte sie den Mann vollends zu Boden, schmetterte einem anderen die flache Seite der Klinge ins Gesicht und hatte sich für einen Moment Luft verschafft.
Es sah nicht gut aus.
Schon nach kurzer Zeit ähnelte die Straße einem Schlachtfeld. Ein halbes Dutzend Männer lag verwundet oder sterbend am Boden, aber die Übermacht war einfach erdrückend.
Angella hatte ihre beiden Gegner niedergeschlagen und stand mit gespreizten Beinen und leicht vorgebeugtem Oberkörper da, die Hände pendelten locker neben ihren Hüften. Elder hatte endlich eingesehen, daß sein Laser nicht funktionierte, er hatte sein Schwert gezogen und stocherte damit in der Luft herum, um die Männer vor sich auf Distanz zu halten. Seine freie Hand drückte noch immer wie wild auf dem Knopf an seinem Gürtel herum.
Hrhon wehrte sich nach Kräften, aber Kara verstand plötzlich, was Gendik vorhin gemeint hatte: Als einzigen Gegner schienen die Angreifer ihn richtig eingeschätzt zu haben. An jedem seiner Arme hingen gleich drei Burschen und versuchten, ihn zu Boden zu zerren, zwei weitere stießen mit ihren Schwertern nach ihm. Hrhons wild austretende Beine hielten sie noch auf Distanz. Aber früher oder später würde einer von ihnen einfach Glück haben und seine Klinge durch einen Spalt in seinem Panzer stoßen.
Die nächste Attacke trugen die Angreifer sowohl entschlossener als auch klüger vor. Gleich zwei Burschen mit langen Schwertern und ein dritter mit einer mit rostigen Nägeln gespickten Holzlatte drangen auf Kara ein. Mit einer blitzschnellen Hieb- und Stichkombination trieb sie die beiden ersten wieder auf Distanz zurück, traf sie aber nicht. Dafür mußte sie selbst einen Treffer des Knüppels in Kauf nehmen. Die Nägel vermochten ihre Jacke nicht zu durchdringen, aber die pure Wucht des Schlages ließ sie aufstöhnen. Mit einem Konterschlag kappte sie die Latte um die Hälfte, traf aber auch den Mann wieder nicht. Und die beiden anderen griffen erneut an.