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Allerdings nicht für sehr lange.

Sie hatten zu nachdrücklich bewiesen, wie gut sie in der Lage waren, sich ihrer Haut zu wehren, so daß niemand mehr versuchte, sie wirklich zu treffen. Die Männer beschränkten sich lediglich darauf, die beiden Drachenkämpferinnen und den Gardehauptmann aufzuhalten; im übrigen bauten sie darauf, daß ihr sechsbeiniger Verbündeter den Hauptteil der Arbeit für sie übernahm.

Kara brachte inmitten eines wüsten Hagels von Schlägen das Kunststück fertig, einen Blick zu Hrhon und dem Hornkopf hinüberzuwerfen, und was sie sah, ließ sie zusammenzucken. Der Hornkopf hielt Hrhon noch immer mit den Zangen gepackt und schüttelte ihn wild. Er hockte wie eine riesige, mißgestaltete Spinne auf der Straße, mit weit gespreizten Beinen und zitterndem Hinterleib. Offenbar legte er alle Kraft in seine Kiefer, um den Panzer des Waga zu zerbrechen. Kara wußte, wie hart die Schale des Waga war. Aber die Kräfte dieses gigantischen Insektenmonstrums mußten einfach unvorstellbar sein. Karas Blick suchte den Mann, den sie vorhin bei der Termite gesehen hatte. In ein paar Augenblicken würde der Hornkopf Hrhon getötet haben, und dann würde er sich zweifellos mit Angella, Elder und ihr befassen. Auf seine ganz persönliche Art. Kara verschaffte sich mit einem wütenden Schwerthieb Luft und sprang mit einem Salto über den Kopf eines verblüfften Banditen hinweg. Dann fuhr sie herum und sah sich drei weiteren Gegnern gegenüber – und dem Mann, den sie gesucht hatte.

Zwei Dinge machten ihren Verdacht zur Gewißheit: Der Schmutz auf dem Gesicht war nicht echt, sondern vor nicht allzu langer Zeit künstlich aufgetragen worden. Außerdem waren seine Augen auffällig. Es waren die Augen eines Kriegers, die sie mit einem einzigen Blick taxierten. Wer immer dieser Mann sein mochte – er gehörte ganz bestimmt nicht zu dieser Bande von Halsabschneidern hinter ihr, die sie wahrscheinlich nur angriffen, weil man ihnen Geld dafür gab.

Kara machte eine Bewegung aus dem Handgelenk und schlug einen Mann nieder, fast ohne es zu bemerken. »Wie ist es?« fragte sie schweratmend.

»Nur du und ich?«

Im allerersten Moment schien ihr Gegenüber ehrlich verblüfft zu sein – aber dann reagierte er genauso, wie Kara gehofft hatte: In seinen Augen flammte es spöttisch auf. Mit einer Handbewegung scheuchte er die anderen Männer zurück und hob gleichzeitig seine Waffe. Kara sah, daß das Schwert in gewisser Weise seinem Gesicht ähnelte. Der Schmutz und Rost darauf waren sorgsam aufgetragen worden. Darunter verbarg sich eine Klinge, die ihrer ebenbürtig war.

»Du weißt nicht, was du tust, Kindchen«, sagte er. »Aber bitte. Ganz wie du willst.«

Er griff an, und schon seine allerersten Bewegungen verrieten Kara, daß auch er ein ebenbürtiger Gegner war.

Ein ganzer Hagel von Hieben und Stichen ließ sie zurücktaumeln. Er hätte sie mit dem zweiten oder dritten Hieb erledigen können, hätte er es gewollt. Aber er wollte es nicht. Statt dessen gefiel er sich darin, Katz und Maus mit ihr zu spielen und ihr zwei schmerzhafte, blutende Schnitte auf beiden Handrücken zuzufügen.

Kara sprang mit einem Keuchen zurück und betrachtete verblüfft ihre Hände. Sie hatte nicht einmal gespürt, daß er sie getroffen hatte.

Der Bursche grinste und wechselte spielerisch das Schwert von der rechten in die linke Hand. »Nun, Kleines«, feixte er. »Überrascht? Dabei habe ich noch gar nicht richtig angefangen.« Er machte einen Ausfall, dem Kara mit Mühe und Not entging, und lachte blasiert. Einen schwachen Punkt hatte er also doch, dachte Kara. Dummerweise nutzte ihr diese Erkenntnis im Moment nicht viel.

Ein Schatten flog über sie hinweg, als der Hornkopf Hrhon mit einer einzigen Bewegung über die Straße und gegen die Wand eines Hauses schleuderte. Die Wand brach krachend zusammen, und Hrhon blieb inmitten eines Hagels aus niederstürzenden Trümmern und Staub liegen. Er regte sich nicht mehr.

Kara duckte sich unter einem weiteren Hieb, tat so, als wolle sie nach links ausweichen, und machte dann einen blitzschnellen Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Ihr Gegner fiel nicht darauf herein, sondern konterte mit einem Schlag, der ihre Deckung fast mühelos durchbrach und sie von der Hüfte bis zur Achsel aufgeschlitzt hätte, hätte sie nicht die Jacke aus Drachenleder geschützt. Aber auch so prallte sie mit einem Schmerzensschrei zurück, glitt in einer Blutlache aus und fiel auf den Rücken. Sofort war der Fremde über ihr und setzte ihr die Schwertspitze an die Kehle.

»Du warst nicht schlecht, Kleines«, sagte er fröhlich. »Für ein dummes Kind.«

»Bitte nicht«, stöhnte Kara. Sie versuchte vergeblich, den Kopf zurückzubiegen, um der rasiermesserscharfen Klinge auszuweichen. Blut lief warm und klebrig über ihren Hals. Als sie den Kopf zur Seite drehte, sah sie, wie sich der Hornkopf mit staksigen, mühsam aussehenden Schritten in Bewegung setzte, um Hrhon nachzusetzen.

Die Klinge ritzte ihre Kehle. »Bitte nicht?« flüsterte sie noch einmal. »Ich gebe auf.«

Der Mann zögerte. Er war nicht überzeugt, aber verunsichert. »Wie?« fragte er.

Hätte Kara genickt, hätte sie sich wahrscheinlich die Kehle aufgerissen. So wiederholte sie gepreßt: »Ich gebe auf. Wirklich.«

»Kein Trick?« vergewisserte sich der Mann mißtrauisch.

»Bestimmt nicht«, krächzte Kara. »Ich will nicht... sterben.«

Der Mann zögerte noch einen Moment, dann trat er ein Stück zurück und machte eine auffordernde Bewegung mit der freien Hand. »Steh auf. Und keine falsche Bewegung.«

Kara betete zu allen ihr bekannten Göttern (die, die sie nicht kannte, schloß sie vorsichtshalber gleich mit in ihr Stoßgebet ein), daß jede ihrer Bewegungen richtig war; sie löste mit übertriebener Gestik die Hand vom Schwert und stand auf. Die Klingenspitze an ihrem Hals folgte ihr getreulich. Der Druck ließ keinen Deut nach.

»Vielleicht lasse ich dich wirklich am Leben«, sagte der Bursche. »Du siehst eigentlich ganz hübsch aus.«

»Das wäre nett«, antwortete Kara, lächelte und ließ sich in die Schwertklinge hineinfallen, womit der Mann überhaupt nicht gerechnet hatte.

Im allerletzten Moment drehte sie Kopf und Oberkörper zur Seite. Das Schwert schnitt fingertief in ihren Hals, ohne jedoch eine lebenswichtige Ader zu treffen, glitt unter ihre Jacke und durchbohrte ihre Schulter unter dem Schlüsselbein. Kara schrie vor Schmerz, als die Klinge in ihrem Rücken wieder austrat, aber gleichzeitig packte sie den Arm des Angreifers und brach ihm mit einem einzigen Hieb das Handgelenk.

Der Kerl brüllte. Kara rammte ihm das Knie zwischen die Beine, versetzte ihm einen Hieb mit dem Ellbogen zwischen die Schulterblätter und riß das Knie zum zweiten Mal in die Höhe, so daß es in seinem Gesicht landete.

Sie und ihr Gegner brachen fast gleichzeitig zusammen. Kara sank auf die Knie, kämpfte einen Moment mit aller Macht dagegen an, das Bewußtsein zu verlieren, und hob die Hand zu dem Schwert, das noch immer in ihrer Schulter steckte. Ihr war übel, und sie hatte entsetzliche Angst, aber sie mußte es tun, solange sie überhaupt noch die Kraft dazu hatte.

Der Schmerz, mit dem die Klinge ihre Schulter durchbohrt hatte, war grauenhaft gewesen.

Der Schmerz, mit dem sie es wieder herauszog, war unvorstellbar.

Sie mußte wohl doch für einen Moment das Bewußtsein verloren haben, denn das nächste, woran sie sich erinnerte, war, auf dem Gesicht in einer rasch größer werden Lache ihres eigenen Blutes zu liegen. Es konnten nur ganz wenige Augenblicke vergangen sein, denn der Hornkopf hatte Hrhon noch nicht erreicht, und rings um sie herum tobte der Kampf mit unverminderter Heftigkeit weiter. Kaum eine Handspanne vor sich gewahrte sie das Gesicht des Mannes, der sie niedergeschlagen hatte. Seine Augen waren trübe vor Schmerz, aber er war bei Bewußtsein und erkannte sie.

»Das war... nicht besonders fair von dir«, murmelte er. Blut lief aus seinem Mund und seiner zerschlagenen Nase.

»Wer hat je behauptet, daß ich fair bin, du Idiot?« gab Kara ebenso leise zurück. Dann nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und schlug ihm den Ellbogen gegen die Schläfe. Und bevor sie das Bewußtsein verlor, löste sie das kleine Kästchen von seinem Gürtel und zerschmetterte es.