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Von Angella erfuhr sie später, daß der Hornkopf im gleichen Moment, in dem sie das Steuergerät zerschlug, schlagartig das Interesse an Hrhon verloren und zu toben begonnen hatte. Das Ungeheuer hatte sich wahllos auf Freund oder Feind gestürzt. Nur sehr wenige von den Banditen, die an dem Hinterhalt beteiligt gewesen waren, hatten sein Wüten überlebt. Anschließend war der Hornkopf weitergezogen und hatte drei komplette Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt, ehe es der Stadtgarde gelungen war, ihn zu töten.
Drei Tage später nach dieser Schlacht wurde Kara von Angella aus dem Heilschlaf erweckt. Zweiundsiebzig Stunden totentiefer Schlaf und Angellas Magie hatten die tiefe Wunde in ihrer Schulter fast und das halbe Dutzend kleinerer Verletzungen, das sie davongetragen hatte, vollkommen verheilen lassen. Ihr Körper hatte den Blutverlust verkraftet, und sie fühlte sich frisch und ausgeruht, als hätte sie monatelang geschlafen. Trotzdem hätte Angella sie drei weitere Tage schlafen lassen, hätte nicht für diesen Abend Gendik seinen Besuch angekündigt.
Angella hatte darauf bestanden, daß Kara die Zeit bis dahin noch in ihrem Zimmer und im Bett verbrachte. Der magische Heilschlaf wirkte manchmal Wunder, aber er barg auch Gefahren, denn er mobilisierte die geheimen Kraftreserven des Körpers, so daß sich derjenige, der daraus erwachte, nur zu oft fühlte, als könne er die sprichwörtlichen Bäume ausreißen und manchmal zu spät begriff, daß dieses Gefühl trog. So mancher hatte seine Kräfte überschätzt und prompt einen Rückfall erlitten, der tödlich enden konnte.
Bei Kara bestand diese Gefahr allerdings nicht – ganz einfach, weil sie keinen Moment allein gelassen wurde. Nachdem Weller zu ihr gekommen war, um sich in allen Einzelheiten die Geschichte ihres Kampfes erzählen zu lassen, wechselten sich Hrhon, Angella und Elder darin ab, Kara die Zeit zu vertreiben und ihr den Rest der Geschichte zu erzählen, den sie nicht mehr aus eigenem Erleben kannte. Viel war allerdings nicht mehr passiert. Nachdem der Angriffswille der Banditen einmal gebrochen war, war es Angella und dem Waga ein leichtes gewesen, sie in die Flucht zu schlagen.
Als es dämmerte, kam Elder zum zweiten Mal zu ihr und erklärte, daß Gendik und ein zweiter, hochrangiger Würdenträger der Stadt auf dem Weg seien und in wenigen Augenblick eintreffen mußten. Kara ging zum Fenster und warf einen Blick auf den Hof hinaus. Es war noch niemand zu sehen.
»Also gut«, seufzte Angella. »Dann laßt uns hinuntergehen und alles für den Empfang unserer hohen Gäste vorbereiten.«
Kara sah sie aufmerksam an. Täuschte sie sich, oder hörte sie eine ganz sanfte Spur von Spott in ihrer Stimme? Nein – sie täuschte sich nicht. Das Glitzern in Angellas Augen, bevor sie ihre Maske aufsetzte und damit wieder zur gesichtslosen Führerin der Drachenkämpfer wurde, verriet es ihr.
Auch Kara wandte sich zur Tür. Gedankenverloren rieb sie sich über den Arm, den sie in einer Schlinge vor dem Körper trug. Die Schulter schmerzte nur noch ein wenig, aber sie fühlte sich noch immer taub an.
»Kara?«
Sie blieb stehen, während Elder das Zimmer verließ, und sah Angella fragend an.
»Nur eines«, begann Angella. »Und ich bitte dich, mir ausnahmsweise einmal zuzuhören.«
»Ja?«
»Ganz gleich, was ich oder Gendik oder irgendein anderer nachher sagen oder tun – du wirst schweigen und nur antworten, wenn du gefragt wirst, ist das klar?«
Kara nickte. »Wenn du es wünschst«, sagte sie.
»Nein, ich wünsche es nicht. Ich befehle es dir.«
Kara spürte, wie sich ein Lächeln der Verwirrung auf ihre Züge stehlen wollte, doch im letzten Moment unterdrückte sie es. Mit völlig ausdruckslosem Gesicht antwortete sie: »Wie Ihr befehlt, Herrin.«
Angella wollte an ihr vorübergehen, aber da hielt Kara sie zurück. »Gestattet Ihr mir eine Frage, Herrin?«
Angella machte eine ärgerliche Handbewegung. »Hör mit dem Unsinn auf, ja? Was willst du wissen?«
»Wieso soll ich überhaupt dabeisein, wenn ich doch nichts sagen darf?«
»Eine gute Frage«, antwortete Angella. »Ginge es nach mir, dann wärst du es auch nicht, sondern würdest jetzt noch in deinem Bett liegen und schlafen. Aber es geht nicht nach mir. Gendik bestand ausdrücklich darauf, dich zu sehen.«
»Mich?«
»Alle, die bei dem Überfall dabei waren, lautete sein genauer Befehl«, antwortete Angella. »Du wirst ihm alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten, aber nicht mehr. Nicht, was du geglaubt hast oder gedacht oder befürchtest. Verstehst du?«
»Nein«, sagte Kara wahrheitsgemäß. »Aber ich werde tun, was du befiehlst.«
»Es ist wichtig, Kind. Ich kann es dir jetzt nicht erklären, aber von diesem Gespräch kann viel abhängen, glaub mir. Für uns alle.«
»Es gibt eine Menge, was du mir jetzt nicht erklären kannst oder willst. Nicht wahr?« Kara spürte, daß ihre Worte Angella verletzten. Aber sie war auch in diesem Augenblick zu stolz, um sich zu entschuldigen. Und zu zornig. Mit einem Ruck drehte sie sich herum und lief mit raschen Schritten die Treppe hinab. Die zum Hof führende Tür stand offen. Ein kühler Lufthauch drang herein und das grüne Licht Dutzender von Leuchtstäben. Im ersten Moment dachte sie, Weller hätte sie entzünden lassen, aber als sie sich der Tür näherte, erkannte sie, daß sich auf dem Hof einiges getan hatte: Auf dem ummauerten Viereck befanden sich gute zwei Dutzend Reiter in den gelben Umhängen der Stadtgarde. Weitere Berittene schirmten das Tor und die Straße ab, und dann als Angella neben sie trat und ebenfalls stehenblieb, hörte Kara ein durchdringendes Summen und sah die klobigen Hornköpfe, die die beiden Reiter um Haupteslänge überragten, obwohl sie zu Fuß neben ihnen einherstaksten. Kara konnte nicht erkennen, welcher Gattung sie angehörten, aber sie bestanden fast nur aus Panzerplatten, Stacheln, Scheren, und Klingen. Darüber hinaus schleppten sie genug Waffen mit sich herum, um eine kleine Armee auszurüsten. Oder niederzumachen.
»Wenn es um seine eigene Sicherheit geht, scheint sich Gendiks Abneigung gegen Nichtmenschen in Grenzen zu halten«, sagte sie stirnrunzelnd.
Angella lachte spöttisch. »Vielleicht hat er Angst vor Überfällen?«
Die beiden Reiter saßen ab, wodurch sie neben den Hornköpfen vollends zu Zwergen zusammenzuschrumpfen schienen, und näherten sich dem Haus. Kara unterdrückte ein Schaudern. Sie hatte Hornköpfe noch nie besonders gemocht, und seit dem Erlebnis vor drei Tagen hatte sie eine regelrechte Abneigung gegen sie. Zu ihrer Erleichterung betraten die beiden Giganten das Haus nicht, nachdem Weller seine Gäste begrüßt und mit den zeremoniellen Worten – die ihm offenbar schwer von den Lippen gingen – hereinbat.
Kara musterte besonders den zweiten Besucher aufmerksam, während sie Angella und den anderen in respektvollem Abstand in Wellers Wohnküche folgte. Er war älter als der Gouverneur, ein gutes Stück kleiner, aber sehr viel drahtiger. Sein Haar war grau und fiel bis auf die Schulter herab, und sein Gesicht war hart, wirkte aber trotzdem nicht unsympathisch. Er trug einen Mantel von blutroter Farbe, der wie Elders geschnitten war. Auf seinen Schultern glänzten goldene Insignien, deren Bedeutung Kara nicht kannte.
Weller bat seine Gäste, Platz zu nehmen, und bot ihnen zu trinken an, was sie jedoch ablehnten.
Gendiks Blick glitt über die Gesichter der Anwesenden, nachdem er sich gesetzt hatte. Außer ihm selbst und seinem Begleiter hielten sich nur Weller, Angella, Elder und Hrhon in der Küche auf. Lediglich zwei von Wellers Hornköpfen standen bereit, um die Wünsche der Gäste zu erfüllen. Gendik scheuchte die beiden Insektenkreaturen mit einer fast angewiderten Geste hinaus und wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatten. Dann wandte er sich wieder an Kara und lächelte. »Du bist die junge Drachenkämpferin, die man Kara nennt, nicht wahr?«