Kara dachte an Angellas Warnung und nickte nur.
»Es freut mich, daß du wieder wohlauf bist«, fuhr Gendik stirnrunzelnd fort. »Man erzählte mir, du wärst bei dem Kampf schwer verletzt worden.«
Kara fing einen raschen, warnenden Blick Angellas auf. Sie lächelte flüchtig und machte eine wegwerfende Geste. »Es war halb so schlimm«, sagte sie. »Eine kleine Fleischwunde, mehr nicht.«
In den Augen des Mannes neben Gendik blitzte es spöttisch auf. »Eine kleine Fleischwunde? Deine Schulter wurde durchbohrt, Mädchen! Was nennst du eine schwere Verletzung?
Wenn man dir den Arm abhackt?« Er lachte. »Es scheint zu stimmen, was man sich über die heilende Magie der Drachenkämpfer erzählt. Als ich vor Jahren einmal einen Pfeil in die Schulter bekam, lag ich drei Wochen auf dem Krankenbett und konnte den Arm monatelang nur unter Schmerzen bewegen.«
»Vielleicht hattet Ihr die falschen Heiler«, sagte Angella. »Vielleicht«, antwortete der Grauhaarige. »Aber bei uns nennt man sie Ärzte.« Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf Kara. »Hauptmann Elder berichtete mir, daß du es warst, die den Kampf entschieden hat?«
Hinter Karas Stirn begann es heftig zu arbeiten. Das war kein bloßer Austausch von Belanglosigkeiten, sondern ein Gespräch, das mit einer ganz bestimmten Absicht geführt wurde. Sie wog jedes Wort sorgsam ab, ehe sie antwortete. »Wenn das stimmt, dann war es ein Zufall. Ich geriet an ihren Anführer und erschlug ihn.«
»Erschlagen hast du ihn nicht«, sagte der Grauhaarige. »Wir fanden das Steuergerät, mit dem er den Hornkopf lenkte, und...« Er unterdrückte mit Mühe ein Lachen. »... ein paar seiner Zähne. Aber keinen Toten.«
Kara konnte einen überraschten Blick in Angellas Richtung nicht unterdrücken. Weder sie noch Hrhon oder Elder hatten ihr bisher gesagt, daß der Fremde entkommen war. Und sie war ziemlich sicher, daß das kein Zufall war.
»Es ist schade, daß er entkommen ist«, fuhr der Grauhaarige fort. »Ich hätte mich gern mit ihm unterhalten. Das Steuergerät, das er bei sich hatte, war ein kleines Wunderwerk. Wir könnten so etwas nicht bauen. Unsere Techniker verstehen nicht einmal, wie es funktioniert. Zu bedauerlich, daß du es zerstört hast.«
Vorsicht! dachte Kara. Zögernd antwortete sie: »Ich hatte keine andere Wahl.«
»Ja. Auch das hat man mir erzählt.« Der Grauhaarige lächelte noch immer, aber etwas an diesem Lächeln gefiel Kara nicht. Ganz plötzlich begriff sie, daß die Ausstrahlung des starken, aber gütigen alten Mannes, die ihn umgab, nicht echt war, sondern eine sorgsam gepflegte Maske, hinter der sich etwas völlig anderes verbarg. »Ist dir sonst noch irgend etwas an ihm aufgefallen, Kind?«
Kara zögerte, um ihn glauben zu lassen, sie denke über seine Frage nach. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein. Er war nur ein ausgezeichneter Schwertkämpfer.« Sie begriff nicht ganz, was an dieser Antwort verfänglich war, aber Angella warf ihr einen mahnenden Blick zu und mischte sich ein.
»Womit wir beim Thema wären, geehrter Rusman. Da Ihr als oberster Befehlshaber der Stadtgarde persönlich gekommen seid, nehme ich an, Ihr habt herausgefunden, wer für den heimtückischen Überfall verantwortlich ist.«
Man sah Rusman an, daß er lieber noch weiter mit Kara geredet hätte, statt Angella zu antworten. Er schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, ich muß Euch enttäuschen, Angella«, sagte er. »Meine besten Männer haben drei Tage lang buchstäblich jeden Stein in dieser Stadt herumgedreht. Ohne Erfolg.«
»Das meint Ihr nicht ernst«, erwiderte Angella ohne jeden Respekt vor den Kommandanten. »Ihr wollt mir erzählen, Ihr hättet nichts herausgefunden?«
»Ich will es Euch nicht erzählen«, verbesserte sie Rusman. »Es ist die Wahrheit. Aber wir haben natürlich eine Menge herausgefunden, nur fürchte ich, nicht genau das, was Ihr hören wollt, Angella.«
»Ach?« machte Angella herausfordernd. »Und was wäre das?«
»Daß es sich genauso verhält, wie ich schon vor drei Tagen vermutet habe«, antwortete Gendik an Rusmans Stelle. »Die Männer, die Euch überfallen haben, waren ganz gewöhnliche Straßenräuber. Gesindel, dem Ihr durch einen unglücklichen Zufall in die Hände gefallen seid. Ein paar von den Toten sind uns wohlbekannt. Mörder und Diebe, um die es nicht schade ist. Von der großen Verschwörung, der Ihr auf die Spur gekommen zu sein glaubt, haben wir nichts gefunden.«
»Mörder und Diebe?« wiederholte Angella ungläubig. »Eine ziemlich große Mörderbande, nicht wahr?«
»Schelfheim ist eine große Stadt«, antwortete Gendik. »Und Ihr wart in einer üblen Gegend. Seht Ihr – es hat seine Gründe, daß wir manche Viertel nur für Menschen freigeben.«
»Die allermeisten von ihnen waren Menschen«, wandte Kara ein.
»Und sie waren ziemlich gut ausgerüstet für eine Mörderbande«, fügte Angella hinzu. Erstaunlicherweise verzichtete sie darauf, Kara mit einem neuerlichen Blick wieder zum Schweigen zu bringen, sondern wies statt dessen beinahe anklagend auf Elder. »Sie hatten einen Dämpfer, Gendik!«
»Nein, das hatten sie ganz bestimmt nicht«, sagte Rusman. »Ich habe Hauptmann Elders Waffe untersuchen lassen. Sie war defekt, ein Materialfehler, mehr nicht.«
Elder wirkte verblüfft, fast erschrocken. Er nickte zwar, als Rusman ihn auffordernd ansah, aber es wirkte nicht sehr überzeugend.
Angella hob spöttisch die Brauen. »Und sein Sender? Wieso funktionierte der nicht?«
»Ein weiterer Defekt«, sagte Rusman achselzuckend. »So etwas kommt vor.«
»Im gleichen Moment?«
»Ein Zufall.« Rusman gab sich nicht einmal die Mühe, überzeugend zu lügen.
»Dann war es sicher auch ein Zufall, daß auch mein Rufer nicht funktionierte, wie?« fragte sie herausfordernd. »Ich habe hinterher mit Weller gesprochen. Sein Tier hat nichts empfangen. Etwas hat die Gedankenwellen des Tieres blockiert.«
»Ihr tragt einen Rufer?« fragte Rusman. »Ihr wißt, daß diese Tiere in Schelfheim verboten sind.«
Angella lachte böse. »Dann legt mich doch in Ketten«, erwiderte sie.
Rusman blieb ernst. »Zwingt mich nicht dazu, es wirklich zu tun, Angella«, sagte er. »Es könnte sein, daß mir keine andere Wahl bleibt. Und sei es zu Eurem eigenen Schutz.«
»Wie rührend«, sagte Angella. »Das habe ich noch nie gehört.«
»Aber ich meine es ernst«, antwortete Rusman. »Seht Ihr, Angella – in einem habt Ihr recht. Es gibt sehr wohl noch eine andere Erklärung für den Überfall auf Euch. Aber sie wird Euch noch viel weniger gefallen als die erste.«
»So?« Angella bewegte sich nervös.
»Die Menschen hier fürchten Euch«, sagte Rusman. »Und daher hassen sie Euch. Ihr und Eure Begleiter seid nicht willkommen in Schelfheim.«
»Bei niemandem, nehme ich an«, sagte Angella. »Nicht einmal bei Euch.«
»Nein«, sagte Rusman mit überraschender Offenheit.
»Gerade bei mir nicht, denn ich bin für die Sicherheit dieser Stadt verantwortlich. Wir sind jedoch zivilisiert genug, nicht gleich ein Schwert zu nehmen und jeden, den wir nicht mögen, zu erschlagen. Wie Ihr leider erfahren mußtet, gilt das nicht für alle Einwohner dieser Stadt.«
»Der Mann, gegen den ich gekämpft habe, war nicht aus Schelfheim«, sagte Kara.
Sie hätte sich am liebsten im gleichen Moment auf die Zunge gebissen, aber da war es schon zu spät. Alle starrten sie an. Angella wirkte ziemlich wütend.
»Wie meinst du das?« fragte Rusman mißtrauisch.
»Es war... nur so ein Gefühl.« Kara druckste einen Moment herum. »Etwas an ihm war fremd. Ich kann es nicht genauer beschreiben.«
»Unsinn!« sagte Gendik, aber Rusman brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
»Sprich weiter, Mädchen«, sagte er. »Wie meinst du das?«
»Was sie meint«, drängte sich Angella in das Gespräch, »ist, daß dieser Mann ganz bestimmt kein dahergelaufener Halsabschneider war. Kara ist eine Drachenkämpferin, Rusman. Vielleicht die beste, die ich je ausgebildet habe. Und dieser Fremde hat sie besiegt?«