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Kara fuhr zusammen, und Angella warf ihr einen um Verzeihung bittenden Blick zu, bevor sie fortfuhr: »Vor ein paar Tagen hat sie vier Eurer Soldaten niedergeschlagen, Rusman, ohne sich sonderlich dabei anzustrengen. Und dieser Halsabschneider, wie Ihr ihn nennt, hätte sie um ein Haar getötet.«

»Ich dachte, sie hätte den Kampf gewonnen«, antwortete Rusrhan.

»Das hat sie. Aber nur durch einen ziemlich schmutzigen Trick, über den ich noch mit ihr reden werde. Er war besser als Sie.«

»Und das verletzt Euren Stolz, nicht wahr?« Gendik schnaubte. Angella wollte auffahren, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen. »Das führt zu uns, Angella. Unsere Entscheidung ist ohnehin gefallen. Rusman und ich sind hergekommen, um sie Euch persönlich mitzuteilen.«

»Was für eine Entscheidung?« fragte Angella eine Spur zu hastig.

»Die Entscheidung, daß wir Euch bitten möchten, die Stadt zu verlassen«, antwortete Rusman.

Angella starrte ihn an. Sie sagte nichts.

»Ich könnte es Euch befehlen«, sagte Rusman, »und ich werde es, wenn Ihr mich dazu zwingt. Aber es wäre mir lieber, wenn Ihr es nicht tätet. Schelfheim hat sich verändert, Angella. Es ist nicht mehr die Stadt, über die Ihr einst als Anführerin einer Räuberbande herrschtet. Und es ist auch nicht mehr die Stadt, die sich der Gewalt von Jandhis Drachenschwestern gebeugt hat. Ihr könnt hier nicht mehr leben.« Er wies mit einer Geste, die frei von jeder Anklage war, auf Kara und Hrhon. »In nur drei Tagen, die Ihr hier wart, habt Ihr zweimal fast einen Bürgerkrieg entfesselt. Was wird als nächstes passieren? So hart es klingen mag, aber wir können uns Gäste wie Euch nicht leisten. Bitte geht.«

»Und wann?« fragte Angella.

»Am liebsten sofort. Aber ich will nicht unhöflich sein. Morgen bei Sonnenaufgang ist früh genug. Ich lasse die Posten am Hochweg informieren, damit Ihr passieren könnt.«

»Wie großzügig«, spottete Angella. »Und Ihr ladet uns sicherlich noch zu einem üppigen Frühstück in Eurem Palast ein wenn wir darauf bestehen, nicht wahr?«

»Eure Verbitterung ist verständlich«, sagte Rusman. »Aber sie hilft uns nicht weiter.«

»Und... und der Hochweg?« fragte Angella. Sie war sichtlich aus der Fassung gebracht. Kara erinnerte sich nicht, sie jemals so hilflos gesehen zu haben. »Der Stamm? Ist es Euch völlig gleichgültig, was mit dem Stamm geschieht? Er ist krank. Er wird zusammenbrechen! «

»Kaum«, erwiderte Gendik.

Angella funkelte ihn wütend an. »Ihr wart nie dort unten!« sagte sie aufgebracht. »Ihr habt ihn nicht gesehen. Aber ich habe ihn gesehen, und glaubt mir, was ich gesehen habe, das hat mich mit Entsetzen erfüllt! Er stirbt! Er ist fast schon tot.«

»Dieser eine vielleicht. Aber der Stamm hat Hunderte von Trieben.«

»Und wenn sie alle krank sind? Donay sagt...«

Gendik unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Donay ist ein zorniger junger Mann. Glaubt mir, wir sind uns des Problems durchaus bewußt und arbeiten daran. Und wir haben gute Spezialisten für solch eine Aufgabe.«

Angella seufzte tief und schwieg, und Rusman sagte fast sanft: »Ich verstehe Eure Gefühle, Angella. Und bitte, glaubt mir – könnte ich so handeln, wie ich wollte, würde ich Euch bestimmt nicht bitten zu gehen. Aber ich kann nicht anders. Ich bin für Ruhe und Sicherheit in dieser Stadt verantwortlich.«

»Ich glaube Euch«, murmelte Angella. Sie lachte bitter. »Ich glaube Euch. Und vielleicht ist das gerade das Schlimme.«

12

Der Abschied der beiden hochrangigen Besucher verlief beinahe überhastet. Beide waren sichtlich froh, gehen zu können. Weller und Elder begleiteten sie auf den Hof hinaus, während Angella, Hrhon und Kara allein in der Küche zurückblieben. Es wurde sehr still. Angella hatte sich auf einen Stuhl am Tisch sinken lassen und das Gesicht zwischen den Händen verborgen, und Kara fühlte sich immer unbehaglicher. Schließlich hielt sie die Stille nicht mehr aus.

»Es... es tut mir leid«, sagte sie. »Bitte, entschuldige.«

Im ersten Moment reagierte Angella gar nicht. Dann nahm sie ganz langsam die Hände herunter und sah Kara an. »Entschuldigen! Was?«

»Daß ich mehr gesagt habe, als ich durfte«, antwortete Kara. »Ich habe mich hinreißen lassen.«

Angella winkte ab. »Das ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Es war ein dummer Befehl, und dummen Befehlen sollte man nie gehorchen. Wenn überhaupt, dann war es mein Fehler.« Sie seufzte. »Ich hielt es für einen klugen Gedanken, vorsichtig zu sein. Diplomatisch. Pah! Man muß diesen Narren die Wahrheit ins Gesicht schleudern. Mit Knüppeln sollte man sie ihnen in die Schädel prügeln! Aber das würde wahrscheinlich auch nichts nutzen. Sie wollen sie ja gar nicht hören. Und vielleicht haben sie ja recht.« Sie seufzte abermals und schwieg für eine ganze Weile.

Zögernd hob Kara die Hand und berührte ihre Lehrerin an der Schulter, und plötzlich streckte auch Angella den Arm aus und berührte Karas Finger. Es war ein seltsames Gefühl. Sie hätte sich nie auch nur träumen lassen, daß eines Tages sie es sein könnte, die Angella Trost spendete. Aber es war so. Vielleicht war Angella nicht so stark, wie sie immer geglaubt hatte. »Vielleicht haben sie recht«, sagte Angella noch einmal. Sie löste ihren Griff von Karas Hand, straffte die Schultern und nahm die Maske ab. Das Gesicht, das darunter zum Vorschein kam, sah sehr alt aus und sehr müde. »Vielleicht bin ich es ja, die sich irrt. Vielleicht gibt es keinen Feind, und ich bilde mir das alles nur ein.«

»Bestimmt nicht«, sagte Kara.

Angellas Hände begannen nervös mit der goldenen Halbmaske zu spielen. »Vielleicht doch«, sagte sie. »Weißt du, Kara, es gibt viel, was ich dir nicht erzählt habe. Du weißt vielleicht von allen lebenden Menschen am meisten über mich, aber du weißt nicht alles von mir.« Sie deutete auf die verbrannte Seite ihres Gesichtes. »Ich habe dir erzählt, daß es Jandhis Drachen waren, die mir dies angetan haben. Aber was ich dir niemals erzählt habe, ist, daß ich nie wirklich darüber hinweggekommen bin, Kara. Nie.«

Kara sah sie verwirrt an. Sie begriff nicht ganz, was Angella meinte.

»Ich war nicht viel älter als du, als es passierte«, fuhr Angella fort. Ein bitterer, harter Klang schwang plötzlich in ihrer Stimme. »Ich war wild und jung und stark und wollte die Welt erobern, und dann war es ganz plötzlich vorbei. Sie haben meine Familie getötet und mich selbst in... in ein Wesen verwandelt, bei dessen Anblick es jedem schaudert. Sie haben mein Leben zerstört, Kara, in einem einzigen Augenblick! Ich habe sie dafür gehaßt. Ich habe mich selbst gehaßt für das, was ich geworden war, aber noch mehr habe ich sie gehaßt. Ich wollte sterben, aber noch sehr viel mehr wollte ich herrschen. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll – deshalb habe ich Tally und Hrhon damals geholfen. Nicht, weil sie meine Freunde waren. Weil sie die Feinde meiner Feinde waren, Kara. Dieses närrische, hitzköpfige Kind und ihr schildkrötengesichtiger Freund waren mir so gleichgültig wie der Schmutz unter meinen Fingernägeln.«

Kara warf einen Blick auf den Waga, der neben der Tür saß und zuhörte. Hrhon reagierte aber nicht auf Angellas Worte. Eigentlich glaubte Kara auch nicht, daß sie die Wahrheit sagte. Angella hatte ihr Tallys und ihre Geschichte erzählt, in jener furchtbaren, nicht endenwollenden Nacht, in der sie sie vor den Ruinen ihrer brennenden Heimatstadt aufgelesen hatte. Vielleicht war es ganz am Anfang so gewesen – aber das war nicht alles. Tally hatte ihr Leben geopfert, um Jandhi und ihre Drachen tödlich zu treffen, aber was danach kam, der fünfundzwanzigjährige, zermürbende Kampf gegen die Versprengten, das zähe, aufreibende Ringen, aus dem Sieg einen dauerhaften Zustand des Friedens und der Sicherheit zu machen, war der schwerere Teil der Arbeit gewesen. Und den hatten Angella und Hrhon ganz allein bewältigt. Sie allein hatten die neuen Drachenkämpfer aufgebaut.