Выбрать главу

Dann wachte sie auf. Verwirrt hob sie die Lider und starrte die weißgetünchte Decke über sich an. Sie fühlte sich benommen. In ihrem Mund klebte ein schlechter Geschmack, und in ihren Ohren dröhnte ein Rauschen – und die Schreie waren immer noch da.

Alarmiert schwang Kara die Beine aus dem Bett und richtete sich auf. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihre Schulter. Sie verzog das Gesicht, massierte sich flüchtig den Oberarm und griff nach der Schlinge, die am Bettpfosten hing. Erst als sie sie übergestreift und den Arm hineingelegt hatte, stand sie auf und trat ans Fenster.

Nichts.

Wellers Hof lag verlassen da, aber das Gefühl, daß irgend etwas passiert war, verdichtete sich fast zur Gewißheit. Sie eilte zum Bett zurück, schlüpfte in ihre Kleider und verließ das Zimmer.

Im Haus herrschte helle Aufregung. Sie hörte hastige Schritte und laute Stimmen. Was war geschehen? Sie hielt die erste Gestalt an, die an ihr vorüberkam, aber sie geriet an einen Hornkopf, der sie nur blöde anglotzte. Kara versetzte ihm einen Stoß und eilte weiter.

In der Küche war niemand, und auch die übrigen Zimmer waren leer, aber auf dem Hof traf sie Hrhon, der gerade ebenso ungeschickt wie erfolglos versuchte, auf ein Pferd zu steigen. Das Tier wehrte sich heftig. Wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, von einem Reiter bestiegen zu werden, der fast soviel wog wie es selbst.

»Hrhon!« rief Kara. »Hör auf, das arme Tier zu quälen, und sag mir lieber, was hier los ist. Was soll die Aufregung?«

Hrhon hielt in seinen fruchtlosen Bemühungen inne, auf das Pferd zu klettern, und wandte sich zu ihr um. »Der Hhohchwhehghl« keuchte er aufgeregt. »Er ihsssth uhmghefhallhen!«

Kara stand da wie vom Donner gerührt. »Wie bitte?« keuchte sie.

»Er ihsssth uhmghefhallhen!« wiederholte Hrhon. »Eihnfhahch shoh! Bhuuuhm!«

Einen Wimpernschlag lang stand Kara reglos da und starrte den Waga an, dann sprang sie mit einem Satz die zwei Stufen zum Hof hinunter, stieß Hrhon einfach beiseite und sprang selbst in den Sattel des Pferdes. »Worauf wartest du?« schrie sie. »Such dir ein anderes Pferd, das dich trägt, und dann komm! Wo sind überhaupt Angella und die anderen?«

»Bheim Fffheilher«, antwortete Hrhon. Er sah sich wild nach einem anderen Reittier um.

Was für eine dumme Frage, dachte Kara. Wo sollten sie sonst sein? Sie verspürte einen flüchtigen Ärger, daß Angella es nicht einmal für nötig gehalten hatte, sie zu wecken. Aber wahrscheinlich waren sie alle einfach zu aufgeregt gewesen. Hrhon rannte zum Tor, und Kara war ihm kaum gefolgt, als sie auch schon einsah, wie wenig ihr das Pferd nutzte: auf den Straßen herrschte ein solches Gedränge und Chaos, daß sie mit dem Tier schon nach Augenblicken hoffnungslos steckenblieb. Sie stieg aus dem Sattel und ließ das Pferd einfach stehen. Hrhon versuchte, mit seinen mächtigen Körperkräften einen Weg für sich und Kara zu bahnen, doch obwohl er alles andere als zimperlich dabei vorging, kamen sie kaum von der Stelle. Jeder einzelne Einwohner Schelfheims schien auf den Beinen zu sein. Die Luft hallte wider von Schreien und Pfiffen, und der Boden schien unter dem Gewicht Tausender hämmernder Füße zu zittern. Mehrmals fürchtete Kara, von Hrhon getrennt zu werden, und einmal verlor sie den breiten Rückenschild des Waga tatsächlich aus den Augen, fand ihn aber wieder, ehe sie in Panik geraten konnte.

Irgendwie schafften sie es, die Barriere zu erreichen, an der sie vor drei Tagen schon einmal fast gescheitert waren. Diesmal wurde das Hindernis von gleich einem Dutzend Soldaten und dreimal so vielen Hornköpfen bewacht.

Was allerdings auch bitter nötig war.

Hunderte, wenn nicht Tausende von Gestalten drängten gegen die hölzerne Wand, und der Lärm war so unbeschreiblich, daß sie sich nicht einmal mehr schreiend verständigen konnten. Kara signalisierte Hrhon mit Gesten, sich irgendwie einen Weg zu bahnen. Am Ende einer Gasse aus geprellten Rippen, ausgekugelten Armen und blutigen Nasen und Zehen erreichten sie das Tor – und Karas Herz machte einen erschrockenen Satz, als sie über einem der papageiengelben Mäntel ein Gesicht erblickte, das sie nur zu gut kannte. Vor gut drei Tagen hatte sie dieses Gesicht mit ihrem rechten Fuß ein wenig unsanft traktiert. Der Soldat schien sich ebensogut an sie zu erinnern, denn sein noch immer geschwollenes Gesicht verdüsterte sich. Aber dann hob er zu Karas Überraschung die Hand und gab ein Zeichen, sie und Hrhon durch das Tor zu lassen.

»Verdammt!« murmelte Kara. »Ich habe keine Zeit, mich jetzt mit diesen Idioten herumzuschlagen!« Finster blickte sie dem Gardesoldaten entgegen, der mit wehendem Mantel auf sie zugeeilt kam. Sie spannte sich. Sie hatte nicht vor, sich lange von diesen Operettensoldaten aufhalten zu lassen.

Aber der Mann begann plötzlich aufgeregt hinter sich zu gestikulieren, wo Kara zwei aufgezäumte Pferde erblickte. »Los doch!« brüllte er. »Macht, daß ihr weiterkommt, ehe hier der Teufel ausbricht. Diese verdammte Bande wartet doch nur auf einen Vorwand, die Sperre zu stürmen!«

Kara war ziemlich überrascht, aber sie verschwendete keine Zeit mit überflüssigen Fragen, sondern stieg in den Sattel und wartete ungeduldig, bis auch Hrhon ungeschickt auf den Rücken des Pferdes geklettert war. Wahrscheinlich hatte Angella Befehl gegeben, sie und den Waga durchzulassen. Sie sprangen los. Ganze Trupps von Soldaten und Hornköpfen kamen ihnen entgegen, manche voller frischer Kraft, andere verdreckt und erschöpft. Sie passierten einen von zwei Pferden gezogenen Wagen, auf dem ein halbes Dutzend Verletzter auf blutigen Laken lag. Dann entdeckten sie die ersten wirklichen Spuren der Katastrophe: Vor ihnen gähnte ein gewaltiges Loch in der Straße. Vier oder fünf Häuser waren in die Tiefe gestürzt.

Kara blickte schaudernd in das dunkle Loch hinab. Unheimliche Geräusche drangen aus der Tiefe: ein beständiges Rasseln und Schleifen, das gelegentliche Poltern eines Steins, das Rieseln von Sand und Kies. Dann legte Kara den Kopf in den Nacken und sah auf. Hrhon hatte übertrieben: Der Hochweg war nicht- umgefallen. Er erhob sich noch immer über den Dächern Schelfheims, und er wirkte nicht einmal schwer beschädigt. Zwei oder drei seiner Beine waren abgebrochen und zu Boden gestürzt. Kara erspähte darüber hinaus mehr oder weniger große Risse in der Brücke; hübsch anzusehende Flecke, durch die das Licht der Morgensonne schien. Wenn man genauer hinsah, erkannte man, daß ein vielleicht zwei Meilen langes Teilstück der zyklopischen Konstruktion in sich verbogen und verzogen war; ein Wunder, daß es noch hielt.

Trotzdem war das Unglück entsetzlich genug; ein tödlicher Regen aus Stein und Holz, der völlig warnungslos aus dem Himmel fiel. Kara dachte an die Häuser und Verschläge, die sie oben auf der Brücke gesehen hatte, und sie fragte sich, auf welcher Seite es wohl mehr Tote gegeben hatte – hier unten oder dort oben.

»Ich schätze, die Grundstücke unter der Brücke werden in Zukunft nicht mehr ganz so heiß begehrt sein wie bisher«, sagte sie. »Komm – beeilen wir uns. Angella wird bestimmt nicht auf uns warten.« Sie wollte auf jeden Fall dabeisein, wenn Angella in die Tiefe herabstieg, um sich die Schäden am Trieb aus der Nähe anzusehen.

Hrhon schaute sie auf eine sonderbare Weise von der Seite her an, aber Kara achtete nicht darauf, sondern trieb ihr Pferd an. Rings um den riesigen Krater herrschte eine hektische Aktivität. Seile und Leitern wurden in die Tiefe gelassen, und Männer und Hornköpfe stiegen auf der Suche nach Überlebenden hinab. Kara sah gleich Dutzende von Gräbern, und auf einem hölzernen Wagen wurden etliche Transporter herangebracht. Die Spuren der Zerstörung nahmen zu, je weiter sie in die Stadt eindrangen. Nicht alle Häuser hatte es so schlimm getroffen, daß sie gleich in den Boden hineingestampft worden waren, aber viele lagen in Trümmern. Dächer waren durchschlagen und Wände zu gewaltigen Schutthalden aufgetürmt. Überall wirbelte Staub. Glasscherben, Schutt und zertrümmerte Möbel bedeckten die Straße.

Karas Unbehagen wuchs, je näher sie dem Pfeilerhaus kam. Aber einen Pfeiler gab es hier nicht mehr.