Im ersten Augenblick glaubte sie, es läge am Staub, daß sie nirgends den Pfeiler ausmachen konnte, aber schließlich riß ein kräftiger Windstoß die Staubwolken über ihr auf, und sie konnte sicher sein: Der Pfeiler war nicht mehr da, nur noch ein größeres Trümmerstück ragte aus dem Boden.
Der Stamm war verschwunden.
Kara biß sich auf die Lippen. Offensichtlich war der ganze Trieb zusammengebrochen. Sie war fast sicher, daß Rusman oder dieser Narr Gendik allerhöchstens zwei Tage brauchen würden, um zwischen dieser Tatsache und der, daß sie in seiner unmittelbaren Nähe gearbeitet hatten, eine Beziehung herzustellen. Es würde sie nicht einmal wundern, wenn es am Ende so aussah, als wäre es ihre Schuld! Gleichzeitig begann sich eine Sorge um Donay in ihr breitzumachen. Bedachte sie die Gewohnheit des jungen Bio-Konstrukteurs, praktisch Tag und Nacht zu arbeiten, dann standen die Chancen nicht schlecht, daß er hier gewesen war, als das Unglück passierte. Kara war plötzlich froh, bald aus dieser verrückten Stadt herauszukommen.
Fassungslos blickte sie das riesige, gähnende Loch an, wo das Pfeilerhaus gestanden hatte. Der Pfeiler war nicht zusammengestürzt. Er war einfach nicht mehr da! »O mein Gott!« flüsterte Kara. »Was... was ist hier passiert?«
Hrhon hielt neben ihr an und deutete zur anderen Seite des Platzes. Hunderte von Gestalten bewegten sich hektisch am Rand des Loches. Zu ihrer Erleichterung erkannte Kara Elder unter den gelb bemäntelten Gestalten. Sie wußte nicht, warum, aber sie war plötzlich froh, ihn zu sehen.
Dann erblickte sie Donay. Der Junge war völlig verdreckt, aber offensichtlich unverletzt. Durch einen Berg aus Trümmern und Staub stolperte er auf sie und Hrhon zu.
»Donay!« Kara sprang aus dem Sattel und eilte ihm entgegen. »Was ist passiert? Um Gottes willen, was ist hier geschehen?«
Donays Lippen bewegten sich, aber im ersten Moment brachte er nur ein unverständliches Schluchzen heraus. Tränen liefen aus seinen Augen und zeichneten dunkle Spuren in den Staub auf seinem Gesicht.
Kara ergriff ihn bei den Schultern und schüttelte ihn grob. »Donay! Was ist passiert?« Ihr scharfer Ton brachte ihn ein wenig zur Besinnung.
»Tot«, stammelte Donay. »Sie... sie sind alle tot!«
Kara widerstand der Versuchung, ihn noch heftiger zu schütteln. Mit erzwungener Ruhe fragte sie noch einmaclass="underline" »Was ist passiert, Donay? Bitte, beruhige dich und erzähl es mir.«
»Er ist... zusammengebrochen«, stammelte Donay. »Einfach so. Gerade war er noch da, und einen Augenblick später... nicht mehr. Er war... er war einfach weg. Es hat ihn einfach in die Tiefe gerissen. Wie... wie eine Fliege, der man ein Bein abreißt. Einfach so.«
Er begann wieder zu stammeln, und Kara sah ein, wie sinnlos es war, weiter mit ihm reden zu wollen. Unschlüssig blickte sie zu dem gewaltigen Loch hinüber. Wie einer Fliege ein Bein...
Sie erschauerte. Der Pfeilerrest sah tatsächlich wie abgerissen aus, und dieser Schacht in der Erde...
Eine Bewegung ließ sie aufblicken. Elder eilte auf sie zu. Sein Gesicht war ebenso schmutzig wie Donays, aber offensichtlich hatte der Schrecken ihm nicht die Sinne getrübt. »Kara!« rief Elder schweratmend. »Gott sei Dank, daß du kommst. Angella...«
»Ich weißt nicht, wo sie ist«, unterbrach ihn Kara ungeduldig. »Sie ist vor mir losgeritten. Was ist hier passiert? Donay behauptet, der Stamm wäre einfach nach unten gezerrt worden!«
»Das stimmt«, antwortete Elder. »Ich war in der Nähe, als es passiert ist. Es gab ein Krachen, als stürzte die ganze Stadt zusammen, und dann... verschwand der Pfeiler einfach.«
Kara ging an ihm vorbei, näherte sich vorsichtig dem Rand des Loches und kniete nieder. Mit klopfendem Herzen beugte sie sich vor. Die Schwärze unter ihr war mit bloßem Auge nicht zu durchdringen. Mit dem Stamm waren auch die Leuchtstäbe und lichtspendenden Bakterienkulturen verschwunden.
Schaudernd griff sie nach einem Stein und ließ ihn in die Tiefe fallen. Er verschwand. Sie wartete einige Momente, aber sie hörte keinen Aufprall. »Was für ein schrecklicher Abgrund«, flüsterte sie. »Als ob man geradewegs in die Hölle blickte.« Sie stand auf und wich vom Rand des gewaltigen Loches zurück. »Ich muß Angella finden. Vielleicht weiß sie, was hier passiert ist.«
Elder hielt sie an der Schulter fest, und plötzlich erschrak sie, erschrak bis auf den Grund ihrer Seele, denn sie wußte, daß etwas Furchtbares geschehen war. Dann sagte Elder. »Das habe ich dir die ganze Zeit über erklären wollen, Kara. Angella ist heute nacht noch einmal hierhergekommen, um ein letztes Mal hinunterzugehen und nach dem Fortgang der Arbeiten zu sehen.«
Kara starrte ihn an. Sie hatte das beklemmende Gefühl, als setze ihr Herz aus. »Was?« flüsterte sie.
Elder deutete auf den Abgrund zwei Schritte hinter ihr. »Es ist die Wahrheit. Sie ist dort unten, Kara.«
14
Der Strahl des starken Handscheinwerfers, von dem Elder behauptet hatte, er reiche eine halbe Meile weit, verlor sich unter ihr in der Tiefe, ohne irgend etwas anderes als wirbelnden Staub zu zeigen. Dann und wann glitt das bleiche, kalte Licht über Stufen, die im Nichts endeten, tastete über Türen, die in das gigantische Labyrinth des unterirdischen Schelfheim hineinführten, oder verlor sich in völliger Dunkelheit, wenn es durch einen der gewaltigen Hohlräume glitt, die es unter der Stadt gab. Manche von ihnen mußten groß genug sein, um allein eine kleine Stadt aufzunehmen. Niemand hatte bisher von der Existenz dieser ungeheuerlichen Höhlen gewußt, denn sie lagen tiefer in den steinernen Eingeweiden Schelfheims, tiefer als je ein Mensch vorgedrungen war.
Aber Kara war im Moment einzig daran interessiert, an das Ende des Lochs zu geraten. Wenn die Angaben stimmten, die Elder ihr regelmäßig über Funk durchgab, dann befanden sie sich mittlerweile zwei Meilen unter dem Straßenpflaster. Zwei Meilen... aber unter ihr gähnte nur Leere! Vielleicht führte dieses Loch tatsächlich geradewegs in die Hölle. Was sie allerdings nicht daran hindern würde, es bis zu seinem Ende zu erkunden, und wenn sie bis zur anderen Seite der Welt an diesem Seil hinabgleiten mußte! Sie würde Angella finden, ganz egal, wo und wann.
Zuerst an den seidenen Fäden dreier Transporter, dann über den Gang, den sie bereits kannte, waren sie selbst, Hrhon und Elder zu jenem unheimlichen Saal eine halbe Meile unter der Stadt geeilt. Beinahe allerdings wären sie abgestürzt, denn fast die gesamte gewaltige Halle war in den ungeheuerlichen Schlund geglitten. Und von Angella, Weller und den vier Männern, die in ihrer Begleitung gewesen waren, fehlte jede Spur. Trotzdem war Kara überzeugt, daß Angella noch lebte.
Sie hatte sogar einen Beweis dafür; oder zumindest doch etwas, von dem sie behaupten konnte, daß es ein Beweis war:
Der winzige Rufer an ihrem Hals, der auf die gleiche gedankliche Frequenz eingestellt war wie der Angellas und Wellers, regte sich von Zeit zu Zeit. Wenn schon nicht Angella, so war zumindest ihr Rufer noch am Leben.
Natürlich hatte Elder versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Worauf Kara sich aber nicht eingelassen hatte; sie hatte sich lediglich bereit erklärt, seine Hilfe anzunehmen. Ob das fingerdicke Drahtseil, an dem sie hing, tatsächlich sicherer war als der Spinnenfaden eines Transporters, wußte sie nicht. Aber der Scheinwerfer erwies sich als recht nützlich. Kara war im Moment in einer Verfassung, in der sie jede Hilfe gebrauchen konnte; selbst die verpönte Technik.
Sie hatte eine unvorsichtige Bewegung gemacht und begann sich prompt am Ende des Kabels um ihre Achse zu drehen. Sehr behutsam versuchte sie, die Drehung abzufangen, und nach einer Weile gelang es ihr. Erleichtert atmete sie auf. Es war nicht nur das unangenehme Gefühl, sich wie ein lebender Kreisel hilflos herumzudrehen. Elder hatte sie gewarnt: am Ende eines zwei oder drei Meilen langen Kabels konnte jede unvorsichtige Bewegung sie mit Wucht gegen die Schachtwand schleudern. In ihrem Ohr knackte es, und Kara fuhr erschrocken zusammen, noch ehe Elders Stimme aus dem Funkgerät drang. Sie würde sich nie daran gewöhnen, diese Dinger zu tragen. »Alles in Ordnung, Kara?«