Die Krabbe kroch zurück, drehte sich auf der Stelle und untersuchte auch Elder sehr sorgfältig, und dann kroch sie fast behäbig zum Schacht zurück. Sechs ihrer zwölf Beine krallten sich weit gespreizt in den Fels, während sie sich so weit vorbeugte, daß das vordere Drittel ihres flachen Metallkörpers über den Abgrund hing. Dann erstarrte sie.
Kara wußte nur zu gut, was geschah. Auf ihre stumme Art und Weise trat die Krabbe mit denen in Verbindung, die sie geschickt hatten, und in wenigen Augenblicken würden sie selbst kommen. Und das Schicksal, das Kara erwartete, war schlimmer als der Tod, davon war das Mädchen überzeugt. Sie mußte etwas tun. Unbedingt!
Doch die Krabbe mußte eine teuflische Waffe eingesetzt haben. Karas Muskeln waren so hart und gefühllos wie Holz. Panik drohte sie zu überwältigen. Der Verzweiflung nahe versuchte sie sich in Erinnerung zu rufen, was Angella ihr beigebracht hatte. Der Schock, der die rechte Hälfte ihres Körpers paralysiert hatte, schien sich auch auf ihr Denken auszuwirken. Versuch nicht, dagegen anzukämpfen! Stell dich dem Schmerz, nimm ihn an wie einen Freund und verwandele ihn in etwas, das dir hilft – Zorn, Wut, Trauer, ja, auch Angst! Verwandele ihn! Richte ihn gegen sich selbst! Benutze ihn!
Sie versuchte es. In ihrem linken Arm war wieder ein wenig mehr Leben, aber noch immer nicht genug, um auch nur die Hand zu heben. Kara zählte: fünf, zehn, dreißig... wieviel Zeit hatte sie noch? Egal, sie kämpfte weiter, zwang das Leben zuerst in ihre linke Körperhälfte und dann Stück für Stück in die rechte zurück und jubilierte, als ein krampfhaftes Zucken durch ihre gelähmten Muskeln lief; nicht heftig genug, um die Aufmerksamkeit der Krabbe zu erwecken, aber allemal ausreichend, ihr die Tränen in die Augen zu treiben.
Durch dunkle Schleier hindurch betrachtete Kara die Krabbe. Sie war ein Stück weiter gekrabbelt und hing fast zur Hälfte über dem Abgrund. Kara beschloß, ihre zurückgewonnenen Kräfte auszuprobieren, wappnete sich gegen den erwarteten Schmerz und trat mit aller Gewalt zu. Ihr Fuß traf die Krabbe, katapultierte sie einen halben Meter weit ins Nichts hinaus, wo sie den Bruchteil einer Sekunde schwerelos hängenzubleiben schien, ehe sie mit einer fast anmutig erscheinenden Bewegung nach vorn kippte und in der Tiefe verschwand.
Kara biß die Zähne zusammen, richtete sich mit einem Stöhnen auf und begann ihre gelähmte Arm- und Beinmuskulatur zu massieren, so gut sie es mit einer Hand vermochte. Sie hatte keine Ahnung, wieviel Zeit ihr blieb – aber viel war es bestimmt nicht. Selbst wenn ihre Feinde die artistischen Kunststücke der Krabbe beobachtet hatten und ihren Absturz für einen Unfall hielten, würden sie sehr schnell heraufkommen und nach dem Rechten sehen. Oder eine zweite Krabbe schicken, deren Maschinengewehr vielleicht nicht mit Hartgummigeschossen geladen war.
Dieses Risiko mußte sie eingehen.
Sie massierte wie besessen ihren Arm und das rechte Bein. Den Gedanken, Elder irgendwie aufzuwecken, gab sie schon nach dem ersten Blick in sein schlaffes Gesicht auf. Sie würde allein zurechtkommen müssen.
Es war noch keine Minute vergangen, als sie ein hohes, unangenehmes Summen hörte. Ein bleicher, gelbgefärbter Lichtstrahl tastete über die Tunnelöffnung. Kara erstarrte. Ihre Gedanken überschlugen sich, dann tat sie instinktiv das einzig Richtige: Sie sank zu Boden und spielte die Bewußtlose. Das Summen wurde lauter, und dann kehrte das gelbe Licht zurück und richtete sich auf ihr Gesicht und ihre halb geschlossenen Augen. Sie wagte es nicht zu blinzeln, deshalb ertrug sie den Schmerz, den ihr die grellen Lichtpfeile zufügten, die ihre Netzhaut trafen. Nach einem Augenblick löste sich der Lichtstrahl von ihrem Gesicht und wandte sich Elder zu.
Kara konnte zwei hoch aufgerichtete Schatten draußen vor dem Tunnel erkennen. Es waren zwei Männer, die in einteilige, fremdartig anmutende Kleider gehüllt waren. Ihre Gesichter verbargen sich hinter gebogenen Scheiben aus rauchfarbenem dunklen Glas, das alles bis auf die Mund- und Kinnpartie bedeckte, und auf den Köpfen trugen sie buckelige Helme, aus denen jeweils zwei kurze Antennen ragten. Der eine führte ein schweres Gewehr mit sich, dessen Lauf aus Glas zu bestehen schien, der zweite hielt den Scheinwerfer, mit dem er in den Gang hineinleuchtete. Aus ihren Gürteln ragten die Kolben schwerer Laserpistolen. Und sie schienen einen halben Meter vor dem Tunnelende einfach in der leeren Luft zu stehen!
Der Scheinwerferstrahl kehrte noch einmal zu ihr zurück und wandte sich dann erneut Elder zu. Offensichtlich hielten die beiden ihn für den gefährlicheren Gegner.
Ein Irrtum, den zu berichtigen Kara ihnen keine Zeit mehr ließ.
Sie sprang den Burschen mit der Lampe an, als er das Bein hob und mit einem übertriebenen großen Schritt in den Tunnel hineinspringen wollte. Ihre Bewegung kam völlig überraschend: sie packte ihn, zerrte ihn mit einem harten Ruck zu sich herunter und versetzte ihm einen Schlag mit der flachen Hand auf die Kehle. Noch während er keuchend neben ihr zusammenbrach, wirbelte sie herum und ergriff den zweiten Mann. Mit einem harten Ruck drückte sie ihn gegen die Felswand neben dem Tunneleingang. Glas splitterte. Sie hörte einen gurgelnden Schrei, ließ los und sah, wie der Fremde zurücktaumelte und beide Hände vor das Gesicht schlug. Blut und Glassplitter rieselten zwischen seinen Fingern hervor. Er stolperte zurück, trat plötzlich ins Leere und stürzte, ohne daß ihm ein Schrei über die Lippen kam.
Ein Geräusch hinter ihr warnte sie. Sie fuhr herum, riß die Arme hoch und vollführte eine instiktive Ausweichbewegung zur Seite. Trotzdem wäre ihre Reaktion zu spät gekommen, hätte der Mann sie angesprungen, um sie in die Tiefe zu stoßen. Statt dessen versuchte er, seine Waffe zu ziehen.
Kara trat sie ihm aus der Hand, kaum daß er sie aus dem Halter gezogen hatte, riß ihn mit der linken Hand zu sich heran und rammte ihm das Knie in die Rippen.
Der Fremde mußte eine Panzerung unter seiner Montur tragen, denn ein stechender Schmerz schoß durch ihr ohnehin malträtiertes Bein. Die Wucht des Stoßes ließ den Burschen gegen die Wand torkeln, aber er schleuderte ihn weder zu Boden noch nahm er ihm den Atem.
Er blieb einen Moment lang reglos stehen und betrachtete sie verblüfft durch das getönte Glas vor seinem Gesicht. Als er sich dann wieder bewegte, tat er es auf eine Art, die Kara verriet, daß er in einer Kampftechnik ausgebildet war. Voller Unbehagen dachte sie an die beinahe tödliche Überraschung, die sie vor drei Tagen in Schelfheim erlebt hatte. Unwillkürlich glitt ihre Hand zum Schwert. Aber sie zog die Waffe nicht. Der Stollen war einfach zu eng, die Klinge hätte sie nur behindert. Der andere schien ihr Zögern bemerkt zu haben, denn er stürzte plötzlich vor, um sie einfach über den Haufen zu rennen. Kara wich ihm im letzten Moment aus und streckte das Bein vor, um ihn ins Stolpern zu bringen, aber der Mann sprang mit einer fast eleganten Bewegung darüber hinweg und versetzte ihr aus dem Sprung heraus einen Tritt, der ihr das Gefühl gab, ihr Wadenbein wäre gebrochen.
Kara schrie auf, taumelte zur Seite und nutzte die Zeit, die der Mann brauchte, sich an der gegenüberliegenden Wand abzustoßen und herumzuwirbeln, um sich eine neue Taktik zu überlegen. Sie zitterte am ganzen Leib. Jeder Muskel ihres Körpers tat ihr weh, und ihre Bewegungen waren längst nicht mehr so geschmeidig und kraftvoll wie gewohnt. Sie konnte sich auf keinen langen Kampf mit diesem Burschen einlassen; nicht in ihrem Zustand.
Als er das nächste Mal heranstürmte, machte sie erst gar nicht den Versuch, ihm auszuweichen, sondern empfing ihn mit einer blitzschnellen Kombination aus drei fast gleichzeitig erfolgenden Hieben und Stößen, die er alle drei beinahe mühelos abwehrte. Dann erwischte ihn ein Schlag am Knie, den er nicht kommen gesehen hatte. Er schrie. Kara packte seinen vorgestreckten Arm und zerrte gleichzeitig mit aller Kraft das Schwert aus der Scheide. Dann krachte der stählerne Knauf auf die Brust des Mannes. Ob Panzer oder nicht – diesmal weiteten sich seine Augen vor Schmerz. Keuchend stieß er die Luft aus. Kara zerrte ihn erneut zu sich heran und ließ seinen Körper über ihre plötzlich eingeknickte Hüfte abrollen. Der Bursche verlor den Boden unter den Füßen und prallte mit fürchterlicher Wucht auf den Fels.