Kara taumelte. Alles drehte sich um sie. Noch Momente, dann würde ihr schwarz vor Augen werden. Doch noch hatte sie ihre Arbeit nicht erledigt. Als der Mann es schaffte, sich vor dem Tunnelausgang wieder aufzurichten, sprang sie ihn an. Ihre vorgestreckten Füße stießen gegen seine Brust und ließen ihn mit wild rudernden Armen nach hinten torkeln.
Und hinter ihm war nichts als Leere.
Kara hatte nicht mehr die Kraft, ihren Sturz aufzufangen. Mit schmerzhafter Wucht prallte sie auf den harten Fels, zerschrammte sich Hände und Gesicht und kämpfte verzweifelt gegen die schwarze Bewußtlosigkeit, die in ihr emporkroch. In ihren Ohren gellte der Todesschrei des Mannes, der durch die düstere Tiefe glitt.
»Und das war für Hrhon«, murmelte sie, bevor ihr endgültig die Sinne schwanden.
15
Zwei Stunden später hatte sich auch Elder soweit erholt, daß sie ihr Versteck verlassen konnten. Wie eine erste, flüchtige Untersuchung Karas zeigte, war auch er nicht ernsthaft verletzt. Trotzdem hatte es ihn viel schlimmer erwischt als sie. Sein ganzer Körper war zerschrammt und zerschlagen, und Kara war nicht sicher, ob er nicht auch ein paar gebrochene Rippen davongetragen hatte. »Was ist überhaupt passiert?« murmelte Elder benommen, während er unter Karas massierenden Händen allmählich in die Wirklichkeit zurückfand.
»Das Übliche«, antwortete Kara mit einem schiefen Grinsen, das ganz und gar nicht das widerspiegelte, was sie wirklich empfand. »Du hast dich diskret zurückgezogen und mich die ganze Arbeit machen lassen.«
»Die Krabbe?«
Kara schüttelte den Kopf. »Das war das kleinste Problem.«
Dann erzählte sie ihm mit knappen Worten, was geschehen war. Elder hörte ihr stirnrunzelnd zu. Erst als sie zu Ende gekommen war, sagte er: »Du hättest sie nicht beide töten dürfen.«
»Oh, entschuldige bitte«, grollte Kara. »Aber ich bin in der Eile leider nicht dazu gekommen, darüber nachzudenken. Es wird nicht wieder vorkommen. Das nächste Mal lasse ich mich umbringen.«
»Ich meine es ernst«, sagte Elder unbeeindruckt. »Die beiden hätten uns wertvolle Informationen liefern können.«
»Sie sahen nicht so aus, als wären sie zum Reden gekommen«, antwortete Kara gereizt. Verdammt, war das etwa Elders Art, sich bei ihr dafür zu bedanken, daß sie ihm das Leben gerettet hatte?
»Ich hätte sie schon – au!« Elder fuhr zusammen und schob ihre Hand zur Seite, die wohl etwas zu heftig seinen Hals massiert hatte. »Was hast du vor? Willst du mich umbringen?« Er richtete sich auf, verzog schmerzhaft das Gesicht und sammelte einen Moment Kraft, ehe er auf Händen und Knien zum Tunnelende kroch. Vorsichtig ließ er sich auf den Bauch sinken und schob Kopf und Schultern ins Freie. Er blieb eine ganze Weile so liegen, dann sagte er: »Wenigstens brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen, wie wir nach unten kommen.«
Kara kroch auf Händen und Knien neben ihn und blickte in die Tiefe.
Einen halben Meter unter ihnen schwebte eine kreisrunde Scheibe aus halbdurchsichtigem Glas oder Kristall. Ein sanftes, bläuliches Glühen ging von ihr aus, und erst jetzt fiel Kara auf, daß das helle Summen, das die Ankunft der beiden Männer begleitet hatte, noch immer zu hören war. »Was, zum Teufeln ist das?« murmelte sie.
Elder zuckte mit den Schultern – und dann tat er etwas, was Kara vor Schrecken die Luft anhalten ließ. Behutsam richtete er sich wieder in eine kniende Position auf, drehte sich herum und angelte mit dem Fuß nach der Scheibe, die schwerelos im Nichts hing.
»Elder! « keuchte Kara erschrocken. »Du kannst doch nicht – «
Sehr vorsichtig, aber ohne innezuhalten, setzte er erst den einen, dann den anderen Fuß auf die Scheibe. Einen Moment blieb er in einer grotesk vorgebeugten Haltung, beide Hände auf dem Tunnelrand, stehen und richtete sich dann auf. Wie ein Hochseilartist auf dem Draht breitete er die Arme aus, um die Balance zu halten, was allerdings gar nicht nötig war. Die Scheibe schwankte wie ein kleines Schiff auf der Wasseroberfläche, aber sie kippte weder unter Elders Gewicht zur Seite, noch stürzte sie wie ein Stein in die Tiefe.
»Was... was ist das?« flüsterte Kara.
»Keine Ahnung«, entgegnete Elder. »Aber es funktioniert, wie du siehst.« Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. »Worauf wartest du?«
Kara betrachtete die schwebende Glasscheibe mißtrauisch. »Bist du sicher, daß sie unser beider Gewicht trägt?« fragte sie zögernd. Sie machte keine Anstalten, zu ihm zu kommen.
»Nein«, antwortete Elder grinsend. »Aber sie hat die beiden anderen getragen, oder? Und was soll schon passieren? Immerhin wollen wir ja nach unten, oder nicht?«
Kara funkelte ihn an. »Habe ich dir schon gesagt, was ich von deinem Humor halte?«
Elders Grinsen wurde so breit, daß Kara schon fürchtete, er würde im nächsten Moment seine Ohren verschlucken. »He, he«, sagte er. »Was ist los mit dir? Ich dachte, du gehörst zu diesen harten Frauen, die diese riesigen schuppigen Drachen reiten und sich zehn Meilen über dem Boden erst so richtig wohlfühlen, Du hast doch wohl keine Angst?«
Kara starrte ihn einen Moment fast haßerfüllt an, aber die Herausforderung zog. Sie kletterte zu ihm hinaus; sogar ein wenig zu schnell, denn sie geriet prompt ins Stolpern, so daß Elder hastig zugriff und sie festhielt.
Kara riß sich zornig los – allerdings erst, nachdem sie wieder Halt gefunden hatte. »Weißt du überhaupt, wie man das Ding steuert?« fragte sie.
»Nein«, gestand Elder. »Aber so schwer kann es nicht sein.«
Er deutete auf eine Reihe sternförmig in die Scheibe eingebettete Schalter. Sie waren sehr groß, offensichtlich sollten sie mit den Füßen bedient werden.
Ehe Kara ihn daran hindern konnte, probierte er den ersten Schalter aus. Die Scheibe glitt mit einem Ruck ein Stück weit in die Höhe und kam wieder zur Ruhe, als Elder den Fuß zurückzog. »Siehst du«, erklärte er fröhlich. »So schwer ist das doch gar nicht.«
Kara lächelte verkrampft und schwieg.
Elder brauchte schweißtreibende sechs oder acht Versuche, bis er die Steuerung der Flugscheibe so weit begriffen hatte, daß sie ihren Weg in die Tiefe fortsetzen konnten. Ehe sie es taten, kletterte Kara noch einmal in den Tunnel zurück und holte den Scheinwerfer, den der Fremde fallengelassen hatte. Sie bedauerte zutiefst, daß die Waffe des anderen mit ihm selbst in der Tiefe verschwunden war. Aber man konnte eben nicht alles haben.
Nur vom unheimlichen bläulichen Licht der Kristallscheibe begleitet, sanken sie tiefer in den Leib der Erde hinab. Der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Elder hatte zwar behauptet, daß es nur noch eineinhalb Meilen bis zu seinem Grund waren, aber Kara hatte das Gefühl, daß sie stundenlang durch die fast vollkommene Schwärze glitten. Das wenige, das sie im schwachen Licht der Scheibe erkennen konnte, verriet ihr, daß sie sich längst nicht mehr durch die gemauerten Eingeweide Schelfheims bewegten. Rings um sie herum war jetzt der gewachsene Fels der Erdkruste. Unvermittelt traf sie die Erkenntnis, daß sie sich wahrscheinlich schon tief unter dem Boden des Schlundes befanden, jener zweiten, um ein vierfaches größeren Welt, über die sich die von Menschen bewohnten Kontinente wie unvorstellbar große Tafelberge erhoben. Plötzlich begann sie zu frieren. Der Gedanke an die Felsmassen, die sich über ihr türmten, ließ sie erschauern.
Dann fiel ihr auf, daß auch Elder fröstelnd die Schultern zusammenzog. »Es ist kalt«, sagte er. »Und es wird immer kälter. Das ist seltsam.«