»Was ist das?« fragte Kara.
Elder zuckte mit den Achseln. »Ich habe nicht die geringste Ahnung«, gestand er. »Aber es ist faszinierend.«
Kara seufzte. »Du und deine Technik. Meinst du nicht, wir haben im Moment Wichtigeres zu tun?«
Elder sah sie einen Moment ernst an, dann klappte er das Kästchen zu und richtete sich auf. Ein flüchtiger Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht. Er konnte sich immer noch nicht richtig bewegen. »Vielleicht übertreibe ich es manchmal«, sagte er. »Aber nicht so schlimm wie ihr. Ihr verachtet alles, was mit Technik zu tun hat. Aber man muß eine Sache nicht lieben, um etwas davon zu verstehen. Und wie willst du deine Feinde wirksam bekämpfen, wenn du nichts über sie weißt?«
Kara sah ein, daß ein Streit sie jetzt überhaupt nicht weiterbrachte, und vielleicht hatte Elder sogar recht. »Hast du irgend etwas entdeckt, was uns weiterhilft?«
»Nein.« Elder zuckte abermals die Achseln. »Wenn ich eine Woche Zeit hätte, oder wenigstens ein paar Stunden... ich werde nicht schlau aus dem Gerät.« Er deutete auf ein klobiges Etwas, das auf einem dreibeinigen Tisch stand und zahlreiche farbige Lichter und Skalen aufwies. »Es scheint eine Art Funkgerät zu sein.«
»Das heißt, die beiden waren nicht allein?« Kara erschrak. Dann begriff sie plötzlich, wie naiv diese Frage gewesen war. »Natürlich nicht«, antwortete Elder. »Ich möchte nur wissen, was sie hier unten suchen.«
»Vielleicht Wasser?« Der Gedanke kam ihr im selben Moment, in dem sie ihn aussprach.
»Ja, sicher«, sagte Elder spöttisch. »Sie werden irgendwo einen ganz großen Eimer versteckt haben, mit dem sie es abschöpfen, wie?« Er lachte, schüttelte den Kopf und verließ das Zelt. Kara folgte ihm.
Nach der Wärme im Inneren kam ihr die Luft draußen doppelt so kalt und feucht vor. Ihr Blick glitt über das Ufer. Das Wasser war hier sehr seicht. Treibgut war angespült worden. Dazwischen trieb ein schwarzblaues Bündel.
Elder deutete auf die Leiche. »Sieh nach, ob seine Waffe noch funktioniert. Wenn wir auf mehr von ihnen stoßen, bist du nur mit deinem Schwert nicht sonderlich gut ausgerüstet.«
Der Gedanke, eine Leiche abzutasten und zu bestehlen, gefiel Kara überhaupt nicht. Aber wenn sie auf eine ganze Armee dieser Typen stießen... Sie watete in das eiskalte Wasser und drehte mit heftigem Widerwillen den Leichnam herum. Es war der Mann mit dem gläsernen Gewehr. Aber wie sie erwartet hatte, hatte der Sturz aus eineinhalb Meilen nicht nur seinen Körper und sein Gesicht, sondern auch den zerbrechlichen Lauf der Waffe zertrümmert. Enttäuscht ließ sie ihn los, griff dann noch einmal zu und suchte nach der Laserpistole an seinem Gürtel, fand sie aber nicht. Die Schicksalsgötter schienen nicht ganz auf ihrer Seite zu stehen.
»Kara!« Elders Stimme klang alarmiert. Sie drehte sich um und watete zum Ufer zurück, froh, aus dem eisigen Wasser herauszukommen. Die Kälte machte bereits ihre Beine taub. »Was ist?«
Elder war am Ufer auf- und abgegangen und untersuchte die Felsen, als hätte er noch nie einen Stein gesehen. Jetzt beugte er sich vor und hob etwas auf, das Kara auf den ersten Blick für ein Büschel Haare hielt.
»Tang«, sagte er. »Und weiter oben habe ich Muschelschalen gefunden. Und tote Fische. Und sieh mal dort oben, an der Wand – erkennst du die Linien im Fels?«
Kara tat ihm den Gefallen und legte den Kopf in den Nacken. Sie sah nichts, aber sie nickte trotzdem.
»Das sind Wassermarkierungen«, sagte Elder aufgeregt. »Verstehst du, was das bedeutet?«
»Ja«, sagte Kara und schüttelte den Kopf.
Elder nahm ihre Antwort nicht einmal zur Kenntnis. »Du hattest recht, Kara. Diese Höhle muß früher völlig unter Wasser gestanden haben. Und es kann noch nicht lange her sein. Ein paar Monate, allerhöchstens ein Jahr! Der Wasserspiegel sinkt, verstehst du?« Plötzlich wurde seine Stimme zu einem zitternden Krächzen. »Verstehst du jetzt, warum der Hochweg stirbt?«
»Ich glaube... schon«, murmelte Kara. Ihr Blick suchte die titanischen Wurzelstränge, die wie Säulen, die den Himmel trugen, von der Decke hingen. Vielleicht war es kein Irrtum gewesen, als sie geglaubt hatte, sie sähen wie totes Haar aus. »Du meinst, sie sind – «
»Verdurstet, ja«, führte Elder den Satz zu Ende. »Sieh doch selbst! Die Wurzeln müssen bis tief ins Wasser hineingereicht haben. Und als der Wasserspiegel gesunken ist, da... da sind sie abgestorben.«
Kara blickte die traurig herabhängenden Riesenwurzeln mit neuem Schrecken an. Wenn Elder recht hatte, dann war das Schrecklichste nicht einmal das, was er ausgesprochen hatte, sondern vielmehr das, was er nicht gesagt hatte. Nur die allerwenigsten Riesenwurzeln reichten überhaupt noch bis aufs Wasser herab. Und wenn der Wasserspiegel weiter sank, dann würde dieses riesige Pflanzenwesen, das die meisten Bewohner Schelfheims für nichts anderes als eine Brücke hielten, binnen weniger Wochen oder vielleicht auch nur Tage verdursten und absterben.
»Glaubst du, daß... daß sie etwas damit zu tun haben?« flüsterte sie.
Elder schwieg eine ganze Weile. »Ich weiß es nicht«, sagte er dann. »Aber auf jeden Fall wissen sie etwas darüber. Und allein dafür, daß sie dieses Wissen geheimgehalten haben, werden sie bezahlen, das verspreche ich dir.«
»Dazu müssen wir sie aber zuerst einmal finden«, gab Kara zu bedenken.
Elder wies mit einem zornigen Schnauben auf das Zelt und die kristallene Flugscheibe. »Früher oder später werden sie schon hier auftauchen, um nachzusehen, was aus ihren beiden Freunden geworden ist.«
»Ja. Dreißig Mann hoch und bis an die Zähne bewaffnet«, knurrte Kara. »Nein – wir müssen vorher etwas unternehmen.« Sie sah sich suchend um, blickte einen Moment zu dem durch die große Entfernung winzig erscheinenden Loch in der Höhlendecke hinauf und sah dann wieder zum Zelt zurück. »Vielleicht können wir mit diesem Ding da etwas anfangen.«
Kara wies auf die Kristallscheibe.
»Fünf Meilen weit senkrecht nach oben?« Elder schüttelte fast erschrocken den Kopf. »Das traue ich dem Ding nicht zu. Und selbst wenn, es würde Stunden dauern, und Tage, bis wir zurück sind. Dann sind die Burschen längst auf und davon. Willst du das Risiko eingehen?«
Und Angellas Mörder entkommen lassen? Nein! »Dann suchen wir sie! Dieses Ding da fliegt auch über dem Wasser?«
»Suchen? Wo denn?« Elder lachte humorlos und machte eine weit ausholende Geste. »Wir wissen ja nicht einmal, wie groß diese verdammte Höhle ist. Es können Hunderte von Meilen sein! Wie lange willst du denn suchen?«
»Hast du eine bessere Idee?«
»Ich... bin nicht sicher«, gestand Elder. »Aber das Funkgerät scheint ganz ähnlich zu funktionieren wie unsere Geräte. Es ist sehr leistungsstark, glaube ich. Wenn ich damit klarkomme und die Antenne auf den Schacht ausrichte...«
»Dann versuch es!« sagt Kara ungeduldig. »Worauf wartest du?«
»Immer mit der Ruhe«, sagte Elder. »Ich sagte, es ähnelt unseren Geräten. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob ich es schaffe.«
»Warum probierst du es nicht einfach aus?«
»Damit unsere schießwütigen Freunde beim ersten Pieps hier sind?« Elder machte ein finsteres Gesicht. »Ich habe genau einen Versuch. Und ich übernehme keine Garantie, wen ich damit hierherbringe.«
»Haben wir denn eine Wahl?« fragte Kara.
Elder nickte und verschwand wortlos wieder in dem durchsichtigen Kugelzelt. Kara dachte einen Moment darüber nach, ihm zu folgen, schon um der Kälte und Feuchtigkeit zu entgehen, aber dann zog sie es doch vor, draußen zu bleiben. Es gab eine Menge, worüber sie nachdenken mußte.