Über Elder zum Beispiel. Sie beobachtete ihn eine Weile, wie er über dem fremdartigen Funkgerät saß und versuchte, es in Gang zu bringen. Plötzlich wurde Kara klar, was sie von ihm verlangte. Im Grunde verstand er so wenig von der Technik der Alten Welt wie sie oder irgendein anderer. Niemand verstand wirklich etwas davon. Sie waren wenig mehr als Lumpensammler, die in den Trümmern einer vor zweihundert Jahrtausenden untergegangenen Welt herumstocherten und dann und wann etwas fanden. Elders Funkgerät, seine Waffen, der Scheinwerfer, das Gerät, das er als Trigger bezeichnet hatte – nützliche Dinge, von denen es, wie manche meinten, viel zu wenige gab und die nur den Privilegierten oder dem Militär vorbehalten waren.
Aber wozu auch? Sie hatten während der vergangenen zweihunderttausend Jahre bewiesen, daß es andere Arten zu leben gab. Sie hatten ihre Hornköpfe, die die schweren Arbeiten erledigten; Männer und Frauen mit magischen Heilkräften und Dinge wie die riesige, lebende Brücke Schelfheims. Und Menschen wie Elder und Angella, um diese Welt zu bewachen. Sie hatten sich eine Welt erschaffen, die völlig auf den Kräften der Natur basierte und keinerlei Technik mehr brauchte. Das, was aus der Alten Zeit noch übrig war, würde auch noch verschwinden, in tausend oder auch vielleicht erst in weiteren zweihunderttausend Jahren – das spielte keine Rolle. Ihre Kultur, so primitiv sie einem Bewohner der Alten Welt auch vielleicht vorgekommen wäre, hatte länger überdauert als jede andere zuvor. Und sie würde auch weiterexistieren, wenn das letzte von Elders geliebten technischen Spielzeugen schon längst zu Staub zerfallen war.
Falls nicht jemand kam und etwas dagegen unternahm.
Ihr Blick suchte den toten Mann im Wasser, und wieder verspürte sie ein kurzes, eisiges Frösteln, das nichts mit der Kälte in der Höhle zu tun hatte. Der Gedanke erschien ihr in den ersten Momenten schlichtweg absurd – wie sollten diese Männer, ganz gleich, mit welchem technischen Erbe der Alten Welt sie ausgestattet waren, eine ganze Welt in Gefahr bringen? Und was war bisher schon passiert? Selbst, wenn das Brücken-Tier starb, ja, selbst wenn ganz Schelfheim unterging – das würde die Welt nicht in ihren Grundfesten erschüttern.
Und doch.
Die Gefahr, nach der Angella Zeit ihres Lebens gesucht und deren Handlanger Kara gesehen hatte, war Wirklichkeit.
Ein weiterer, dunkler Körper im Wasser fiel ihr auf. Im ersten Moment hielt sie ihn für den Leichnam des zweiten Kriegers und ging näher, dann –
Der Schock war nicht so groß wie oben in der Höhle, wo die Salve der Betäubungsgeschosse sie getroffen hatte, aber er lähmte nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Gedanken und ließ die Zeit gefrieren. Sekunden, vielleicht auch einige Minuten stand sie reglos, gelähmt, mit ganz langsam, schwer und schmerzhaft schlagendem Herzen am Ufer des unterirdischen Sees und starrte den zerfetzten rotbraunen Umhang an, der auf dem Wasser trieb, der sich vom Ufer entfernte, näher kam, sich vom Ufer entfernte, näher kam, ein unablässiges Hin und Her, als zögere das Meer noch, sein grausiges Geschenk vollends herauszugeben.
Irgendwann erwachte sie aus ihrer Erstarrung und begann ins eisige Wasser hineinzuwaten. Es war an dieser Stelle viel tiefer und reichte ihr bis zur Brust; die Luft vor ihrem Gesicht wurde zu grauem Dampf, und von den Knien kroch ein Woge der Gefühllosigkeit durch ihren Leib. Doch sie spürte nichts von alledem. Ihre Hände, obgleich sie vor Kälte mittlerweile weh taten, zitterten nicht einmal, als sie die Arme ausstreckte und den reglosen Körper vollends zu sich heranzog.
Es war Angella. Sie hatte ihre Maske verloren, und auf ihren Zügen lag ein Ausdruck, der Kara verriet, daß ihr Tod schmerzlos gewesen war. Wahrscheinlich hatte sie schon lange, bevor ihr Sturz zu Ende gewesen war, das Bewußtsein verloren. Vielleicht hatte sie auch der Sturz getötet, nicht der Aufprall. Kara hatte genügend Zeit auf dem Rücken eines Drachen verbracht, um sich in solchen Dingen auszukennen, wenigstens theoretisch. Sie wußte, daß ein stürzender Körper schon nach zweihundertfünfzig Metern seine größtmögliche Geschwindigkeit erreichte und daß das Schicksal oft gnädig genug war, den Stürzenden bald das Bewußtsein verlieren zu lassen. Was für eine grausame Ironie! Konnte es einen würdigeren Tod für einen Drachenreiter geben als den letzten, schwerelosen Fall aus dem Himme1?
Ihre Finger strichen über Angellas erstarrtes Gesicht. Ihr Verstand sagte ihr, daß es die Kälte des Wassers war, die sie fühlte, aber es war zugleich auch eine andere Kälte, der Beginn einer eisigen, tödlichen Entschlossenheit, die sich in diesem Moment in Kara auszubreiten begann. Keine Tränen liefen über ihr Gesicht. Die Nässe auf ihren Wangen stammte nur von dem salzigen Wasser, durch das sie watete. Sie fühlte keinen Schmerz, keinen Zorn, keine Verbitterung, nur eine kalte, sachliche Entschlossenheit, die Männer zu finden, die für Angellas Tod verantwortlich waren, und sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Langsam zog sie die Tote zum Ufer hinauf, bettete ihren Oberkörper in ihrem Schoß und blieb lange Zeit so sitzen, mit ausdruckslosem Gesicht, reglos bis auf die rechte Hand, die immer wieder Angellas Stirn streichelte wie die eines fiebernden Kindes.
Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als Elder mit weit ausgreifenden Schritten aus dem Zelt stürmte und rief:
»Ich habe es geschafft! Sie kommen, Kara. In zwei oder drei Stunden sind – «
Er brach mitten im Satz ab, als er sah, daß Kara nicht allein war. Schrecken, Zorn und Entsetzen spiegelten sich in rascher Folge auf seinem Gesicht, aber er sagte nichts mehr, sondern blickte Kara nur noch einen Moment lang voll echtem Mitgefühl an, ehe er sich neben ihr in die Hocke sinken ließ. Zögernd streckte er die Hand aus, um Angella zu berühren. Kara schlug seinen Arm zur Seite.
»Rühr sie nicht an!«
Elder lächelte. Es war ein sehr trauriges Lächeln, und erneut sah Kara in seinen Augen, daß dieses Mitleid nicht gespielt war. Aber es war ein Mitgefühl, das ihr galt. Er empfand Trauer, weil ihr weh getan worden war, nicht um Angellas willen, und das machte sie zornig.
»Rühr sie nicht an!« sagte sie noch einmal. »Niemand darf sie anrühren, verstehst du? Niemand!«
16
Sie bestatteten Angella und den toten Fremden ein gutes Stück vom Ufer entfernt. Da der Boden aus Fels bestand und sie keinerlei Werkzeuge hatten, bedeckten sie die Toten mit flachen Steinen und Schlamm, den Kara mit bloßen Händen vom Meeresgrund dicht am Ufer kratzte. Keiner von ihnen sprach auch nur ein Wort. Kara hatte immer geglaubt, daß es wichtig und auch gut wäre, in einem solchen Moment irgend etwas zu sagen, aber die Wahrheit war, daß alle Worte in diesem Moment leer und hohl klingen mußten.
»Sie war eine alte Frau.« Mehr hatte Elder nicht gesagt. Und es war nur eine reine Feststellung gewesen, eine Tatsache, die nichts änderte, es aber vielleicht ein wenig leichter machte. Angella war alt gewesen, und sie hatte ein Leben gehabt, das reicher und erfüllter gewesen war als das der meisten anderen. Es bereitete Kara keine Schwierigkeiten, die beiden Gräber so dicht nebeneinander anzulegen, als gehörten sie zusammen. Obwohl es gut möglich war, daß dieser Mann Angellas Tod verschuldet hatte, empfand sie nichts für ihn als Gleichgültigkeit. Vielleicht war es ja wirklich so, wie man sagte: daß der Tod alle Unterschiede verwischt.
Danach wartete sie.
Minuten reihten sich zu einer halben Stunde, dann zu einer ganzen.
Die Männer, auf die Elder wartete, kamen nicht. Doch auch sonst kam niemand. Entweder hatte Elder durch einen Zufall genau die Frequenz getroffen, auf der die Funkgeräte der Stadtgarde arbeiteten – oder die anderen machten sich nicht die Mühe, den Funkverkehr zu überwachen. So abwegig war diese Vorstellung auch gar nicht – wer kam schon auf die Idee, fünf Meilen unter der Erde nach geheimen Nachrichten Ausschau zu halten?
Im gleichen Maße, in dem sich Karas unmittelbarer Schmerz legte, kehrten ihre Gedanken zu den vor ihnen liegenden Problemen zurück. Je länger sie sich in dieser gigantischen unterirdischen Höhle aufhielten, desto weniger glaubte Kara, daß die Fremden wirklich etwas mit dem Verschwinden des Wassers zu tun hatten. Das Licht, das ihnen nach der langen Dunkelheit hell vorkam, war in Wahrheit so blaß, daß sie wahrscheinlich nur zwei oder drei Meilen weit sehen konnten. Aber selbst wenn die Höhle gar nicht viel größer war, so mußte die in ihr enthaltene Wassermenge ungeheuerlich sein. Selbst die fortschrittlichste Technik, die sie sich vorstellen konnte, mußte vor der Aufgabe kapitulieren, diese unvorstellbaren Wassermengen irgendwie zu transportieren.