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Vorsichtig kletterte Kara weiter und warf einen Blick über das Deck. Es war verlassen, wie sie gehofft hatte. Nur ein einzelner Posten war zurückgeblieben. Er stand breitbeinig nur wenige Schritte von Kara entfernt, blickte zum Ufer und wandte ihr den Rücken zu.

Kara ließ sich wieder ein Stück zurücksinken und sah zu Elder hinab. »Ein Wächter«, flüsterte sie.

»Aha«, sagte Elder müde.

»Du oder ich?«

»Alter vor Schönheit«, murmelte Elder. »Ich schenke ihn Dir.«

»Danke«, knurrte Kara – obwohl sie gleichzeitig einsah, saß ihre Frage ziemlich überflüssig gewesen war. Sie war nun einmal die erste auf der Leiter. Vorsichtig zog sie sich weiter empor, bis sie zuerst das rechte, dann das linke Knie auf das Deck schieben konnte. Langsam richtete sie sich ganz auf und beobachtete den Posten mit angehaltenem Atem. Nichts. Er hatte sie nicht bemerkt. Seine Konzentration galt voll und ganz dem, was sich am Ufer abspielte.

Bis zu dem Moment, in dem Kara den ersten Schritt machte. Das Wasser in ihren Stiefeln verursachte ein deutlich hörbares, quietschendes Geräusch, und der Posten fuhr erschrocken herum. Sein Unterkiefer klappte herunter, als er das dunkelhaarige, bis auf die Haut durchnäßte Mädchen hinter sich erblickte.

Kara machte einen Satz, riß den Fuß hoch und versetzte ihm einen überraschend kräftigen Tritt unter das Kinn. Der Kopf des Mannes flog mit einem harten Ruck in den Nacken. Sie konnte hören, wie sein Genick brach. Kara war mit einem Satz bei ihm und fing ihn auf, bevor er auf das Deck schlagen konnte. Er war ziemlich schwer. Ihre verkrampften Muskeln versagten ihr den Gehorsam, so daß sie ihn wahrscheinlich fallengelassen hätte, wäre nicht in diesem Moment Elder neben ihr aufgetaucht. Gemeinsam schleiften sie den Toten über das Deck und warfen ihn kurzerhand über Bord – nachdem Kara die Laserpistole aus seinem Gürtel gezogen hatte.

Elder sah sie überrascht an.

»Man kann nie wissen«, sagte Kara, während sie die Waffe unter ihrem Mantel verschwinden ließ.

Sie warf einen raschen Blick zum Ufer hinüber. Die Krieger hatten sich auf dem felsigen Strand verteilt und suchten pedantisch jeden Fußbreit Boden ab. Niemand hatte bemerkt, was geschehen war.

Instinktiv wollte Kara zu der Luke eilen, durch die die Männer das Schiff verlassen hatten, aber Elder schüttelte hastig den Kopf und deutete auf die andere Luke, aus der die Flugscheiben herausgekommen waren. Wahrscheinlich hat er recht, dachte Kara. Es war sicherer, durch eine Ladeluke einzudringen, statt durch eine Tür, hinter der es vermutlich von Soldaten wimmelte.

Kara bewegte unter Schmerzen die Finger, um das Leben in ihre abgestorbenen Glieder zurückzuzwingen. Es tat entsetzlich weh; es würde vermutlich Tage dauern, bis ihre Muskeln die gewohnte Geschmeidigkeit zurückerlangt hatten, aber sie konnte sich wenigstens bewegen. Geduckt näherten sie sich der Ladeluke. Elder warf einen aufmerksamen Blick in die Tiefe und gab ihr dann mit einem Nicken zu verstehen, daß alles in Ordnung war. Nacheinander kletterten sie in die Tiefe.

Das pulsierende Licht der Leuchtkugel, die sonderbarerweise noch immer brannte, blieb über ihnen zurück, aber dafür umgab sie ein kalter, blauer Schein, in dem alle Farben falsch und alle Bewegungen abgehackt wirkten. Ein dumpfes Dröhnen und Rauschen drang an ihr Ohr, und ein warmer Lufthauch schlug ihnen in die Gesichter.

Aufmerksam blickte Kara sich um. Sie befanden sich in einem niedrigen, mit Schränken und Regalen vollgestopften Raum. Der Boden bestand aus geriffeltem, vielfach durchbrochenen Metall. In einem großen Gestell aus stählernen Trägern hingen drei der kristallenen Flugscheiben, und das Gestell selbst bot noch Platz für sieben weitere der bizarren Fluggeräte. An jedem Ende des langgestreckten Raumes gab es eine halbrunde Tür aus Metall, die äußerst massiv aussah.

Sie gingen in Richtung Bug. Elder brauchte nur einen Moment, um den simplen Öffnungsmechanismus der Tür zu durchschauen, der nur aus einem massiven eisernen Speichenrad bestand. Die Tür war nicht verriegelt; nachdem Elder keuchend das Rad zweimal gedreht hatte, schwang sie beinahe lautlos nach innen und gab den Blick auf einen schmalen, vom gleichen bläulichen Licht erfüllten Gang frei. Zahlreiche Türen zweigten davon ab. Alles hier unten war aus Metall. Kara hörte eine Reihe verwirrender Laute, die sie nicht einordnen konnte. Niemand war zu sehen. Vielleicht war wirklich die gesamte Besatzung dieses sonderbaren Eisenschiffes von Bord gegangen. Aber Kara glaubte nicht daran, daß sie soviel Glück hatten. »Und jetzt?« fragte sie.

Elder überlegte einen Moment. Sein Blick tastete aufmerksam über die gleichförmigen, grauen Türen. Kara hatte das Gefühl, daß er nach etwas suchte. »Es muß eine Art... zentralen Raum geben«, sagte er schließlich. »Wie die Brücke auf einem Schiff, verstehst du?«

»Nein«, sagte Kara. »Wieso?«

»Wenn wir irgendwo Schaden genug anrichten können, um dieses Ding lahmzulegen, dann dort.«

»Wieso zerstören wir nicht einfach die Maschinen, die es antreiben?« fragte Kara.

»Hast du eine Vorstellung, wie groß sie wahrscheinlich sind?«

Elder schüttelte entschieden den Kopf. »Komm, ehe sie merken, daß der Posten nicht mehr da ist.«

Er zog die schwere Tür ohne spürbare Anstrengung weiter auf und begann geduckt den Gang vor Kara entlangzuhuschen. Kara rechnete jeden Augenblick damit, daß eine der Türen auffliegen und irgend jemand sie angreifen würde, aber sie erreichten unbehelligt das jenseitige Ende des Ganges. Hinter der Tür lag ein runder Schacht, in dem eine schmale Metalleiter nach oben und unten führte. Die Luft war feucht. Stimmen und eine Vielzahl anderer, verwirrender Laute drangen aus der Tiefe zu ihnen.

»Dort oben geht es wahrscheinlich zum Turm«, flüsterte Elder.

Kara deutete nach unten. »Und dort zu deinem zentralen Raum«, sagte Kara. »Worauf warten wir. Eine bessere Chance bekommen wir nicht.«

»Reinkommen ist nicht das Problem«, sagte Elder. »Ich möchte ganz gern auch wieder lebendig rauskommen«. Er sah sich suchend um. Rasch kletterte er über die Leiter in die Höhe. Sie gelangten in einen runden Raum, der sich tatsächlich im Turm des Schiffes zu befinden schien, denn über ihren Köpfen lag eine runde, offenstehende Luke, über der das flackernde Licht der Leuchtkugel zu sehen war. Ein Schatten bewegte sich über ihnen. Kara erschrak. Wenn sie einen Posten auf dem Turm zurückgelassen hatten, dann konnte ihnen das Verschwinden des zweiten Wächters nicht mehr sehr lange verborgen bleiben.

Es gab drei Türen. Elder probierte sie rasch nacheinander aus, schlüpfte durch die dritte hindurch. Kara hörte ein klatschendes Geräusch, dann einen Aufprall. Hastig folgte sie Elder, die rechte Hand auf dem Schwertgriff. Aber er brauchte keine Hilfe. Er stand gebeugt über einer reglosen Gestalt am Boden, die eine schwarzblaue Uniform und einen Helm mit einem Glasvisier trug. Der winzige Raum war mit verwirrenden Apparaturen und Gerätschaften vollgestopft.

Elder zog dem Mann den Helm vom Kopf und streifte ihn sich selbst über. Sein Gesicht verschwand hinter getöntem Glas, worauf eine unheimliche Veränderung mit ihm vonstatten ging. Er schien plötzlich zu einem von ihnen zu werden. Kara starrte ihn an.

»Was hast du?« fragte Elder.

»Nichts«, antwortete Kara hastig. Verrückt! Für einen winzigen Augenblick war sie davon überzeugt gewesen, daß er einer von ihnen war. »Es ist nichts«, sagte sie noch einmal. »Ich war erschrocken. Du siehst unheimlich aus mit dem Ding. Was soll das?«

»Tarnung«, erklärte Elder. »Schade, daß wir nicht auch einen für dich haben. Es wäre – he!«

»Was ist?« fragte Kara alarmiert.

»Das ist... faszinierend!« sagte Elder. »In dem Glas sind plötzlich Bilder. Und Buchstaben und Zahlen. Sieht man sie von außen?«