Eine schemenhafte Bewegung glitt durch das Wasser. Ein riesiger, plumper Umriß zog in einem großen, aber sehr schnellen Bogen um die Flugscheibe herum und kam wieder näher.
Der Mann auf der zweiten Scheibe bemerkte die Bewegung im gleichen Moment wie sie. Mißtrauisch runzelte er die Stirn und richtete seine Waffe auf das Wasser. »Da ist irgend etwas«, sagte er. »Irgend so ein verdammtes Vieh, das – «
Der Schatten machte einen regelrechten Satz; ein ungeheurer Schlag traf die Kristallscheibe und zerschmetterte sie, und das riesige Wesen griff nach dem Mann und zog ihn mit einem Ruck in die Tiefe.
Der Mann, der sie gepackt hatte, schrie entsetzt auf und ließ ihre Schultern los. Kara rutschte auf der glatten Oberfläche der Scheibe zurück, versuchte sich verzweifelt irgendwo festzuklammern und ergriff zufällig den Knöchel des Mannes. Er schrie abermals auf und begann mit wild rudernden Armen um sein Gleichgewicht zu kämpfen, wodurch die ganze Scheibe gefährlich ins Schwanken geriet.
Kara strampelte wie besessen mit den Beinen und warf einen Blick zu der Stelle zurück, an der die zweite Flugscheibe verschwunden war. Das Wasser schien zu kochen. Blasen und weißer Schaum tanzten auf seiner Oberfläche, und plötzlich färbte sich der Schaum rot.
Der Bursche über ihr trat nach ihrer Hand. Kara keuchte vor Schmerz, ließ aber nicht los. Sie war verloren, wenn sie es tat. Selbst wenn das Ungeheuer sie nicht zerriß, würde sie ertrinken! Mit zusammengebissenen Zähnen klammerte sie sich fest. Der Mann trat noch einmal nach ihr, fuhr dann plötzlich herum, fiel auf die Knie herab und richtete seine Waffe auf den zyklopischen Schatten hinter Kara, aber das Wasser fing den Laserblitz auf und machte ihn zu einer grell leuchtenden, aber harmlosen Woge aus Licht, die sich rasend schnell nach allen Seiten ausbreitete.
Zu einem zweiten Schuß kam er nicht mehr.
Kara konnte fühlen, wie das Ungeheuer heranraste. Irgend etwas traf die Scheibe mit unvorstellbarer Wucht und zertrümmerte sie. Der Soldat stürzte ins Wasser und ließ seine Waffe fallen, und Kara tauchte unmittelbar neben ihm unter und klammerte sich instinktiv an ihm fest. Der Soldat begann mit den Füßen zu strampeln. Sein Gesicht verzerrte sich. Er mußte entweder völlig in Panik geraten sein, oder er glaubte, daß Kara ihn angriff, denn er begann mit beiden Fäusten auf sie einzuschlagen. Halb bewußtlos vor Schmerz und Atemnot klammerte sie sich weiter an ihn. Sie stiegen wieder in die Höhe. Der Wasserspiegel befand sich nur noch eine Armlänge über ihnen, aber Kara wußte, daß sie es nicht schaffen würden.
Einen Wimpernschlag bevor sie die Wasseroberfläche erreichten, legte sich eine riesige, vierfingrige Pranke von hinten um das Gesicht des Soldaten und drückte zu. Er bäumte sich auf, und plötzlich färbte sich das Wasser rings um sie herum rot. Karas Hände glitten kraftlos von der Brust des Mannes herunter. Was für ein Tod, dachte sie. Was für ein lächerlicher, grauenhafter Tod. Dann gab sie den Kampf auf und verlor das Bewußtsein.
Einen Moment, bevor sie den Mund öffnen und ihre Lungen mit Wasser füllen konnte, packten sie Hrhons starke Hände und stießen ihren Kopf durch die Oberfläche des Meeres.
17
Der Waga hockte neben ihr, als sie Stunden später am Strand erwachte. Ihr Kopf schmerzte entsetzlich, und jeder Atemzug tat ihr weh. Hrhons Gesicht verschwamm immer wieder vor ihren Augen, und sie roch, daß sie in einer Lache ihres eigenen Erbrochenen lag. Ekel ergriff sie, und für einen Moment wünschte sie sich fast, wieder das Bewußtsein zu verlieren. »Bist du noch am Leben – oder bin ich tot?« fragte sie. Hrhon antwortete nicht, sondern sah sie nur nachdenklich an, und Kara setzte sich behutsam auf, preßte die Handflächen gegen die schmerzenden Schläfen und wartete, bis das Dröhnen in ihrem Kopf langsam verebbte.
»Ich habe es nicht geschafft, wie?« fragte sie. »Großer Gott, Hrhon, ich kann dir sagen: Ertrinken ist ein scheußlicher Tod.«
Sie sah sich demonstrativ um.
Hrhon stieß einen Laut aus, den man mit einigem guten Willen als ein Lachen deuten konnte. »Ssso ssshnehll bhin isss nhihsssth uhmssshubhringenhehn«, sagte er. »Ssshohn ghahr nhihssst vhon diehsssen Fflachghesssissssthehrnh.«
Kara blinzelte. Hrhons Sprachfehler schien sich nach seinem Sturz verschlimmert zu haben. »Was ist passiert?« fragte sie. »Versteh mich nicht falsch, Hrhon – aber wieso lebst du noch?«
Hrhon lachte wieder, aber dann begann er mit langsamen und dennoch beinahe unverständlichen Worten zu erzählen. Wie Kara aus seinem Gezischel und Gelispel heraushörte, war er abgestürzt und während seines Sturzes ohnmächtig geworden. Wahrscheinlich hatten ihm die ererbten Instinkte seiner Vorfahren das Leben gerettet, denn er hatte wohl reflexartig Kopf und Glieder in seinen Panzer zurückgezogen und die Luft angehalten, bis er irgendwann aus seiner Bewußtlosigkeit erwachte, hilflos auf dem Wasser treibend und Meilen vom Ufer entfernt.
»Ich wußte gar nicht, daß du schwimmen kannst«, sagte Kara.
Die zwei Meter große Schildkröte ersparte sich eine Antwort auf diese Bemerkung und fuhr in ihrem Bericht fort. Hrhon wäre wahrscheinlich trotzdem gestorben, denn der Ozean, in dem er sich wiederfand, war endlos, und er hatte keine Möglichkeit, sich irgendwie zu orientieren, wäre nicht plötzlich der riesige Eisenfisch aufgetaucht. Das Monstrum war schnell gewesen, aber Hrhon war ein schneller Schwimmer, und so hatte er zusammen mit dem Schiff die Bucht und das rettende Ufer erreicht. Er hatte Kara und Elder sogar gesehen, während sie das Schiff enterten, war aber zu weit entfernt gewesen, um irgend etwas zu unternehmen.
»Angella ist tot«, sagte Kara plötzlich, nachdem Hrhon seine Geschichte zu Ende gezischt hatte und sie eine Weile schwiegen. »Ich wheisss«, sagte Hrhon. »Uhnd Jan auhchh. Ssseine Lheiche threihbt dhrausssehn im Mheerhr.«
»Sie werden bezahlen«, versprach Kara. Dann: »Wo sind sie überhaupt?«
Hrhon wies mit einer Handbewegung auf das Meer hinaus.
Erst jetzt bemerkte Kara, daß das Unterwasserboot noch da lag; nur sein Turm und der buckelige Rücken ragten aus dem Wasser. Etwas schien nicht zu stimmen. Winzige Gestalten bewegten sich hektisch über den Rumpf des Schiffes, und irgendwo dort, wo sich die Ladeluke befinden mußte, kräuselte sich schwarzer, fettiger Rauch. Am Turm flammte manchmal ein blauer, stechend heller Funke auf. Der Anblick erfüllte Kara mit einem Gefühl der Befriedigung. Elder hatte es zwar nicht geschafft, das Schiff völlig zu zerstören, aber offenbar hatte er der Besatzung eine Menge Schwierigkeiten gemacht.
»Die anderen?« fragte sie.
Hrhon deutete auf die Felsen, hinter denen sie lagen. »Ein paar sssind noch da. Einighe sssihnd thot.«
»Aber unsere Leute haben verloren«, murmelte Kara bitter. »Nicht wahr?«
»Shieh hatthen kheinhe Ssshanssse«, bestätigte Hrhon.
»Ssshieh habhen fhursstbhare Whaffen. Ahlthe Whaffen.«
Einige sind noch da... Karas erster Impuls war, einfach aufzuspringen und sich auf sie zu stürzen, um ihnen die Rechnung für Angellas, Elders und Jans Tod und den all der anderen zu präsentieren. Aber gleichzeitig wußte sie auch, wie dumm dieser Einfall war. Angella und die anderen wurden nicht mehr lebendig, wenn sie sich auch noch umbringen ließ. Außerdem hatte sie noch nicht einmal eine Waffe. Niedergeschlagen blickte sie auf die leere Schwertscheide an ihrem Gürtel herab. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, griff Hrhon plötzlich zwischen die Felsen neben sich und reichte Kara – ihr Schwert. Offensichtlich war er bis auf den Meeresgrund hinabgetaucht, um es zu holen, »Ihsss dhachthe mhir, dhasss dhu dhassss ghebhrauchhen khanssst«, sagte er. »Ahber mhach kheinhe Dhuhmmheihthen dhamhit.«
Kara nahm die Waffe entgegen und wog sie in der Hand. Sie begriff, wie entkräftet sie war. Trotzdem tat es gut, die Klinge wieder an ihrer Seite zu spüren. Das Schwert war ein Geschenk Angellas. Sie hätte es sehr bedauert, es endgültig zu verlieren. Plötzlich spürte sie, welch ein eisig kalter Hauch vom Wasser herüberwehte. Trotzdem richtete sie sich auf Hände und Knie auf und kroch das kurze Stück zum Ufer hinab, um sich den Schmutz vom Gesicht und aus dem Haar zu waschen. Hinterher hatte sie das Gefühl, schmutziger zu sein als zuvor, aber wenigstens stank sie nicht mehr so schlimm, daß ihr fast selbst davon übel wurde.