Plötzlich gellte hinter Kara ein anderer, spitzer Schrei auf. Sie sah, wie einer der jungen Drachenkämpfer nach vorn zu stürzen versuchte. »Aldar!« schrie er mit überschnappender Stimme. »Das ist Aldar! So helft ihm doch!«
»Haltet ihn fest!« befahl Aires. »Du kannst ihm nicht mehr helfen.«
Drei, vier Männer packten den Tobenden, aber selbst sie mußten ihre gesamte Kraft aufbieten, um ihn zu bändigen. Kara blickte wieder zu dem Drachen hinüber.
Aires hatte recht – es ging zu Ende. Der Drache stand noch immer hoch aufgerichtet da, aber er bewegte sich kaum noch. Das Geflecht aus weißen Fäden hatte seine Flügel erreicht und begann sich so schnell und lautlos darauf auszubreiten wie ein Tintenfleck auf einem Bogen Löschpapier. Der Körper des Drachen schien von innen heraus seinen Halt zu verlieren. Der Schweif, der Hinterleib und die mächtigen Läufe flossen langsam in die wimmelnde Masse hinein, die den Boden bedeckte; eine bizarre Riesenskulptur aus Wachs, die in der Sonne schmolz.
Der Anblick war so entsetzlich, daß Kara nicht einmal merkte, in welcher Gefahr sie sich selbst befand, bis eine Hand ihre Schulter ergriff und sie mit einem harten Ruck zurückzerrte. »Paß auf! «
Kara prallte zurück. Ihr Herz machte einen schmerzhaften Sprung, als sie sah, daß die pulsierende Masse die Treppenstufen heraufzuwachsen begann, während sie dem Todeskampf des Drachen zusah. Dünne, zuckende weiße Fäden krochen über die Kante und griffen wie gierige Dämonenfinger nach ihren Füßen. Mit einem schnellen Schritt wich Kara zwei, drei Stufen zurück.
Der Mann neben ihr hatte weniger Glück. Er bewegte sich ebenso hastig wie sie, stolperte aber und glitt aus. Kara griff hastig zu, aber sie verfehlte die wild rudernden Arme des Mannes. Er stürzte, prallte schwer auf den steinernen Stufen auf und verschwand bis zu den Knien in der zuckenden Masse.
Sein Schrei klang beinahe schon unmenschlich.
»Kara! Nein!«
Kara ignorierte Aires’ Schrei, stürzte vor und ergriff die Hände des Kriegers. Der Mann tobte, bäumte sich auf und zerrte mit aller Kraft, aber Gäas Griff lockerte sich um keine Handbreit.
»Kara! Um Gottes willen – laß los!« schrie Aires.
Der Krieger warf sich herum. Sein Griff wurde so fest, daß Kara vor Schmerz aufstöhnte. Dann ging eine entsetzliche Veränderung mit ihm vor. Seine Glieder verformten sich, blähten sich auf, sein Gesicht wurde zu einer verquollenen Grimasse, dann platzten seine Augen, seine Haut; weiße, feuchte Fäden brachen aus dem Inneren seines Körpers und hüllten ihn ein wie ein lebendiges Spinnennetz. Einen Wimpernschlag, bevor das zuckende Pilzgeflecht Karas Finger berührte, zog sie die Hand zurück, und fast im selben Moment zuckte ein bleistiftdünner, roter Lichtstrahl an Kara vorbei und durchbohrte den Sterbenden. Seine Schreie brachen abrupt ab.
Kara wich rasch zwei weitere Treppenstufen in die Höhe, ehe sie sich entsetzt herumdrehte.
Aires steckte die Laserpistole ein. »Das war das einzige, was ich noch für ihn tun konnte«, sagte sie. »Obwohl ich kaum glaube, daß es ihm noch genutzt hat.« Sie machte eine herrische Geste, als Kara antworten wollte. »Weg hier. Es kommt näher.«
Die Stufe, auf der Kara gestanden hatte, war bereits unter einer wimmelnden weißen Schicht verschwunden, und die ganze gewaltige Masse stieg weiter an, wie ein Kessel voller brodelnder weißer Lava, der kurz vor der Explosion stand.
»Weg hier!« sagte Aires noch einmal. »Bevor es uns alle erwischt! «
Rückwärts gehend wichen sie die Treppe hinauf, während Gäa ihnen folgte, langsam, aber mit der unaufhaltsamen Beharrlichkeit einer Naturgewalt. Stufe um Stufe verschwand unter der brodelnden weißen Masse, wie eine Invasion Milliarden und Abermilliarden weißer Faulwürmer, die aus dem Inneren der Erde emporquollen.
Von der Treppe wichen sie im Laufschritt zurück in den Gang. Vor der nächsten Treppe ließ Aires anhalten und begann mit ruhiger Stimme Befehle zu erteilen. »Verschließt alle Türen! Versucht sie irgendwie zu verbarrikadieren! Es darf nicht der kleinste Spalt offenbleiben. Wir treffen uns im großen Saal.«
»Glaubst du, daß das hilft?« fragte Kara, während sie neben Aires die nächste Treppe hinaufhetzte.
»Nein«, antwortete Aires. »Aber vielleicht hält es sie wenigstens auf.«
»Aber wieso greift sie uns an?« fragte Kara. »Was ist denn nur passiert?«
»Woher soll ich das wissen?« Aires lachte humorlos. »Vielleicht hat sie gehört, was ich vorhin über sie gesagt habe?« Sie warf einen Blick über die Schulter zurück, als fürchte sie, Gäas tödliche Arme bereits am Ende der Treppe auftauchen zu sehen. Sie erreichten den Versammlungsraum. Aires warf die Tür hinter sich zu, ließ aber einen Mann zurück, um nach eventuellen Nachzüglern Ausschau zu halten.
»Und jetzt?« fragte Kara atemlos. »Was, zum Teufel, tun wir jetzt?«
»Woher soll ich das wissen, verdammt noch mal? Bin ich der Führer des Hortes oder du?« Die Magierin biß ich auf die Unterlippe. »Entschuldige. Das wollte ich nicht sagen.«
Kara winkte ab. »Wir sitzen ganz schön in der Klemme, wie?«
»So könnte man es ausdrücken.« Aires’ Gesicht verdüsterte sich weiter. »Wenn wir sie nicht aufhalten können, sind wir verloren. Und dieser verdammte Berg hat mehr Löcher als ein alter Käse!«
»Wir müssen raus hier«, sagte Kara.
»Eine phantastische Idee«, sagte Aires spöttisch. »Du mußt mir nur noch verraten, wie unsere Abreise aussehen soll. Die Drachen sind weg. Wir sitzen hier fest!« Sie schnaubte. »Wenn ich nur wüßte, was überhaupt los ist. Fünfundzwanzig Jahre Ruhe – und dann das!« Sie sah sich in dem weitläufigen, hohen Raum um. Es gab einige Türen, aber Kara wußte, daß sie alle keinen Ausweg darstellten. Nur eine Tür führte zu einer schmalen Treppe, über die man auf die kleine Plattform der Festung gelangte.
»Und wenn wir auf die Plattform flüchten?« fragte Kara. »Vielleicht können wir die Drachen rufen?«
Aires dachte einen Moment ernsthaft über diesen Vorschlag nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Zu gefährlich«, sagte sie knapp. »Die Plattform ist zu klein, als daß die Drachen dort sicher landen könnten. Außerdem sind sie wahrscheinlich längst fort.« Sie wiederholte ihr entschiedenes Kopfschütteln. »Nein. Wir müssen sehen, daß wir uns hier irgendwie halten.«
Kara hatte plötzlich das Gefühl, angestarrt zu werden. Sie wandte sich um und erblickte Maran und Zen, die zusammen mit Silvy und Tess nur ein paar Schritte entfernt standen. Sie waren bleich vor Schrecken. Für einen Moment fragte Kara sich, ob man es ihr ansah, daß sie einfach hilflos vor der Magierin stand und verzweifelt darauf wartete, daß ihr jemand sagte, was zu tun war. Erblickte sie Spott in Marans Augen? Im gleichen Moment verspürte sie Zorn auf sich selbst. Was für ein törichter Gedanke!
Nach und nach kehrten die anderen zurück. Aires wandte sich an den letzten Mann, der hereinkam. »Wie sieht es aus?«
»Es ist zwecklos«, antwortete der Krieger. »Das Zeug ist wie Wasser. Es dringt durch den kleinsten Spalt. An manchen Stellen sogar durch den Fels.«
»Dann müssen wir versuchen, uns hier irgendwie zu verbarrikadieren.« Die Magierin warf einen Blick in die Runde. »Sind alle hier?«
»Demec fehlt«, sagte Maran.
Der an der Tür postierte Krieger schüttelte müde den Kopf. »Er kommt nicht mehr. Sie hat ihn erwischt.«
»Zwei.« Aires schloß für einen Moment die Augen. »Und es hat noch nicht einmal richtig angefangen.« Sie trat einen Schritt zurück, musterte die Tür und gab Kara dann ein Zeichen, beiseite zu treten. Es war eine sehr massive Tür aus dicken Eisenplatten. Doch Aires schien sie nicht massiv genug zu sein. Sie zog ihre Laserpistole aus dem Gürtel, stellte den Strahl auf die feinste Bündelung ein und verschweißte die Tür sorgfältig mit dem Rahmen.