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Kara fragte sich schaudernd, was sie tun sollte. Ganz davon abgesehen, daß Markor mit sechs Reitern auf dem Rücken sein Kunststück kaum würde wiederholen können, vermochte nicht einmal der riesige Drache das Gewicht von fast dreißig Menschen zu tragen.

Ein gewaltiger Schatten glitt über sie hinweg, und dann spielte sich vor Karas ungläubig aufgerissenen Augen ein Schauspiel ab, das beinahe noch unglaublicher war als Markors phantastische Rettungsaktion: ein zweiter Drache glitt heran, kreiste zweimal um den Turm und wiederholte das Manöver, das Markor ihm vorgemacht hatte! Auch er konnte sich nicht lange in der Schwebe halten; aber die Zeit reichte, drei weiteren Kriegern die Flucht vom Drachenfels zu ermöglichen. Und nach ihm folgte ein weiterer Drache. Dann noch einer. Kara zweifelte fast an ihrem Verstand, obwohl sie genau sah, was vorging. Hatte sie sich wirklich jemals im Ernst gefragt, ob Drachen mehr als dressierte Tiere waren?

Nicht alle Drachen schafften es. Eines der Tiere flog zu schnell und im falschen Winkel an, so daß es mit voller Wucht gegen die Mauerbrüstung prallte und in einem Hagel aus Trümmern in die Tiefe stürzte, wobei es drei oder vier der Gestalten mit sich riß, die bereitgestanden hatten, sich an seine Läufe zu klammern.

Den letzten Drachen schließlich, auf den schon ein halbes Dutzend Männer und Frauen geklettert waren, holte sich Gäa. Kara war zu weit entfernt, um Einzelheiten auszumachen. Sie hatte den Eindruck einer raschen, zupackenden Bewegung, als schnappe der ganze Turm wie ein riesenhaftes Maul nach dem Drachen und ihren Kameraden, und plötzlich verwandelte sich das halbe Dutzend Gestalten in eine Versammlung kreischender, zappelnder Marionetten, die am Ende unsichtbarer Fäden einen irrsinnigen Veitstanz aufführten. Im gleichen Augenblick begann auch der Drache zu toben. Wie von Sinnen schlug er mit den Flügeln, brüllte und bäumte sich auf, daß der gesamte Berg zu beben schien. Aber es gelang ihm nicht, sich loszureißen.

Markor schrie voller Zorn auf, warf sich mit einer ruckhaften Bewegung in der Luft herum und jagte immer schneller werdend auf den Turm zu. Hinter Kara erscholl ein Chor erschrockener Schreie, und Kara selbst, die wußte, was kommen würde, klammerte sich mit aller Gewalt an den Sattel und preßte die Augen zu, so fest sie nur konnte.

Trotzdem hatte sie das Gefühl, geblendet zu werden, und stöhnte vor Schmerz, als Markor den sterbenden Drachen, die Krieger und Gäas wimmelnde Arme und Hände aus allernächster Nähe mit einer Lohe weißglühender, höllisch heißer Flammen überzog.

24

Sie waren noch dreiundzwanzig Reiter und siebzehn Drachen, und sie verloren ein weiteres Tier und drei ihrer Kameraden, als sie versuchten, vier oder fünf Meilen entfernt in den Wipfeln des Dschungels zu landen. Das so massiv erscheinende Blätterdach gab unter dem Gewicht des Tieres nach, und als der Drache mit einer erschrockenen Bewegung wieder in die Höhe zu gelangen versuchte, schnellte ein zerborstener Ast wie ein Speer in die Höhe und schlitzte seine linke Schwinge auf voller Länge auf. Kara schloß entsetzt die Augen, als das Tier samt seiner Reiter durch die Baumkronen brach und in der Tiefe verschwand.

Durch das Schicksal seines Bruders gewarnt, setzte Markor sehr viel vorsichtiger auf dem Blätterdach auf. Auch er sank ein Stück in das grüne Dickicht ein, aber nach einem kurzen Moment des Schreckens begriff Kara, daß es sein Gewicht halten würde. Müde und zitternd vor Erschöpfung ließ sie sich von Markors Rücken gleiten und sank auf weiches, leicht klebriges Moos. Sie kämpfte gegen den Impuls an, einfach die Augen zu schließen und einzuschlafen, doch plötzlich spürte sie das schmerzhafte Ziehen des Rufers in ihren Nacken- und Schultermuskeln.

Kara?

Sie fühlte sich viel zu müde, um zu antworten. Aber sie wußte, daß der Quälgeist nicht aufhören würde. Ja. Ich lebe noch.

Wie viele sind bei dir?

Kara zwang sich, den Kopf zu heben und die verschwommenen Schatten in ihrer Nähe zu zählen. Fünf. Nach einer Sekunde verbesserte sie sich. Nein. Sechs.

Gut, signalisierte Aires. Dann schick sie weg. Wir haben mehr Drachen als Reiter.

Aber...

Die anderen Tiere kommen zurück. Sie sind vor Gäa geflohen, nicht vor uns. Sieh selbst.

Kara war viel zu müde, um auch nur den Kopf zu heben.

Aber sie registrierte auch so die riesigen, dreieckigen Schatten, die sich ihnen aus der Richtung, in der der Drachenfels lag, näherten. Wahrscheinlich waren die Tiere ebenso verängstigt und hilflos wie ihre Reiter und suchten die Nähe der anderen Drachen.

Da alle die Botschaft des Rufers mitgehört hatten, brauchte Kara Aires’ Befehl nicht zu wiederholen. Die Drachenkämpfer entfernten sich auf der Suche nach ihrem eigenen oder irgendeinem anderen Tier, auf dessen Rücken sie sich zurückziehen konnten.

Lange Zeit saß Kara einfach nur da und versuchte zu begreifen, was sie mitangesehen hatte. Es gelang ihr nicht. Wenn Gäa tatsächlich mit einem Male beschlossen hatte, zu ihrem Feind zu werden, dann war das... unvorstellbar; eine Gefahr, gegen die jeder denkbare andere Feind zu einem Nichts wurde.

Nach einer Weile sah sie auf. Ihr Blick begegnete dem Markors, und was sie in den riesigen, schwarzen Augen des Drachen las, ließ sie abermals schaudern. Mitgefühl stand in seinen Augen und eine Intelligenz, die weder menschlich noch animalisch zu nennen war.

Plötzlich tropfte etwas auf ihre Hand. Und als Kara den Arm hob, sah sie, daß es Blut war. Erst dann bemerkte sie die Blutstropfen, die Markors Lefzen bedeckten.

Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was passiert war. Wie alle ausgewachsenen Drachen war auch Markor in der Lage, Feuer zu speien, und das Drachenfeuer war die mächtigste und gefährlichste Waffe des Hortes. Doch durfte diese Waffe nicht leichtfertig eingesetzt werden. Der gleiche biochemische Prozeß, der die Drachen befähigte, zu lebenden Flammenwerfern zu werden, entzog ihren Körpern auch Kräfte und bereitete ihnen erhebliche Schmerzen, weshalb sie diese letzte Waffe nur dann einsetzten, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit mehr gab. Offensichtlich war Markor so rasend vor Zorn gewesen, daß er sich in seinem Haß auf Gäa selbst verletzt hatte.

Kara stand auf, ging auf den Drachen zu und schmiegte sich an seine Flanke. Markor grollte leise. »Ich weiß, du hast Schmerzen«, murmelte sie. »Ich wollte, ich könnte dir helfen.«

Markor bewegte den Kopf, um sie anzusehen, und noch mehr Blut fiel wie roter Regen herab. Karas Augen füllten sich mit Tränen.

»Wenn dir etwas passiert, Markor«, sagte sie mit zitternder Stimme, »dann vernichte ich sie. Das schwöre ich dir.«

»Mit solchen Versprechungen wäre ich vorsichtig«, sagte Aires aus dem Dunkel heraus. Kara hatte ihr Kommen nicht bemerkt, war aber trotzdem nicht überrascht; es war, als hätte sie die Nähe der Magierin gespürt. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über das Gesicht, um die Tränen abzuwischen, und drehte sich herum. Aires war nicht mehr als ein Schatten in der Nacht. Mit einem langen besorgten Blick musterte die Magierin erst sie und dann den Drachen. »Er verliert viel Blut, aber er wird es überleben«, sagte Aires dann knapp.