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Aber unter ihnen herrschte fast vollkommene Finsternis. Kara ließ drei, vier weitere Kreise über der Waldstadt ziehen, ehe sie ganz langsam tiefer ging. Ihre Unruhe wuchs mit jedem Augenblick. Der gleißende Ring aus Leuchtbakterien, der rings um die Stadt herum die Nacht zum Tage machte, war ebenso verschwunden wie die Unzahl von Leuchtstäben, die die Straßen und Brücken säumen sollten. Sie sah nur ein einziges, blaßgelbes Licht, das in einem der kleineren Häuser brannte. Der Rest der Stadt lag wie tot unter ihr.

Wie tot?

Nein. Sie war tot, dachte Kara erschüttert. Dort unten lebte nichts mehr, doch nicht nur die Stadt, auch der Dschungel ringsum war vollkommen still.

Maran! Tess! befahl sie. Ihr folgt mir. Die anderen halten Abstand. Kommt dem Dschungel nicht zu nahe!

Zwei der geflügelten Schatten brachen aus der Formation aus und näherten sich ihr. Nach einigem Zögern fügte Kara hinzu:

Aires? Würdest du uns begleiten?

Sie erhielt keine Antwort, aber einen Moment später tauchte ein dritter Drache in den Krater hinab und gesellte sich zu den beiden Tieren, die Markor folgten.

Unendlich behutsam glitt Kara tiefer. Das Gefühl, sich in einem gewaltigen Grab zu befinden, wurde immer bedrängender, je näher sie der Stadt kamen. Kara war plötzlich sehr sicher, daß dort unten niemand mehr lebte. Aber sie spürte auch, daß es nicht Gäa war, die diese Stadt ausgelöscht hatte. Kara ließ Markor fünfmal über die große freie Fläche im Zentrum der Stadt hinweggleiten, die eigens als Landeplatz für die geflügelten Boten des Hortes erbaut worden war, ehe sie endlich niederging. Ihr Blick suchte sehr aufmerksam den Boden ab, bevor sie vom Rücken des Drachen herunterglitt. Markor bewegte sich mit einem ungeschickt anmutenden Schritt zur Seite, um Platz für die drei anderen Tiere zu machen, und Kara sah sich mit klopfendem Herzen um.

Alles war still. Selbst der Wind schien sich gelegt zu haben. Die Gebäude, die schon aus der Luft einen sehr verwirrenden Eindruck gemacht hatten, weigerten sich hier am Grund vollends, sich zu irgendeiner Ordnung zusammenzufinden. Die Finsternis schnürte Kara beinahe die Kehle zu. Maran trat neben sie und dann auch Tess und als letzte Aires. Die Magierin wich Karas Blick aus, aber sie tat es wie zufällig und ohne daß die beiden anderen etwas von ihren wahren Beweggründen bemerken konnten.

Schweigend sahen sie sich um. Dunkelheit und Stille waren so bedrückend, daß sie alle vier sich sehr behutsam und so leise bewegten, als fürchteten sie, durch ein zu lautes Geräusch irgendeine Bedrohung aufzuwecken, die irgendwo unmittelbar in den Schatten dieser Totenstadt lauerte.

Den ersten Beweis, daß etwas nicht stimmte, fanden sie nach wenigen Schritten. Wie überall gab es auch am Rande dieses Platzes eine Unzahl von Leuchtstäben, die für gewöhnlich wie ein in hellem Blau leuchtender Zaun die Nacht erleuchteten. Doch sie waren erloschen und dienten als ein nutzloses Hindernis in der Dunkelheit. Kara näherte sich diesem Zaun, ging vorsichtig in die Hocke und streckte die Hand aus.

»Faß sie nicht an!«

Kara zog erschrocken den Arm wieder zurück und blickte Aires an.

»Faßt überhaupt nichts an«, sagte die Magierin ernst. »Berührt so wenig wie möglich, solange wir nicht wissen, was hier passiert ist.« Sie ließ sich neben Kara auf die Knie sinken – und tat genau das, was sie Kara verboten hatte: Sie löste einen der Stäbe behutsam aus seiner Verankerung und drehte ihn in den Händen. Erst dann sah Kara, daß sie dünne, fleischfarbene Handschuhe trug, die fast bis zu den Ellbogen hinaufreichten.

Aires untersuchte den Stab sorgfältig, dann zog sie einen schmalen Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn in das Holz. Mit einem kräftigen Ruck spaltete sie den Stab und wischte die Spitze ihres Messers sorgsam am Boden ab, ehe sie es wieder einsteckte; zuletzt nahm sie die beiden Hälften des Leuchtstabes in beide Hände.

Kara und die beiden anderen konnten nicht viel erkennen: das Innere des Stabes bestand aus mürbem, von zahllosen Rissen durchzogenem Holz; nichts Ungewöhnliches für Leuchtstäbe, die von den in ihnen wohnenden Bakterien aufgefressen wurden, um die nötige Energie für die Erzeugung des blauen Lichts zu gewinnen. Aber wo die leuchtenden Schimmelflecken sein sollten, gewahrte Kara nichts als nur eine schmierige, graue Masse. Ein schwacher, aber sehr unangenehmer Geruch drang in die Nase.

»Tot«, murmelte Aires. »Sie sind tot. Etwas... hat sie umgebracht.«

Sie sah zu Maran auf. »Ihr wart gestern erst hier?«

»Nicht direkt«, räumte Maran ein. »Wir waren vielleicht zwanzig Meilen entfernt. Die Stäbe haben aber noch geleuchtet.«

»Bist du sicher? Ihr wart tagsüber hier?«

»Man sieht sie auch bei Tage«, antwortete Tess an Marans Stelle. »Nachts leuchten sie an die hundert Meilen weit. Ich habe mich schon die ganze Zeit über gewundert, wo das Licht geblieben ist.«

Aires seufzte tief und legte den zerbrochenen Stab aus der Hand. »Das heißt, sie sind innerhalb eines einzigen Tages gestorben«, murmelte sie. »Alle.«

»Aber das ist völlig unmöglich!« sagte Kara.

Aires lächelte bitter, stand auf und wandte sich dem nächstliegenden Haus zu. Mit klopfendem Herzen folgten ihr Kara und die anderen. Kurz bevor sie die Tür erreichten, zog Aires einen kleinen Leuchtstab aus der Jacke und entfernte die Seidenumhüllung. Es dauerte eine Weile, bis der Sauerstoff das Holz weit genug durchtränkt hatte, um den biochemischen Verbrennungsprozeß im Inneren der Bakterien in Gang zu setzen, dann breitete sich rings um Aires’ Arm eine flackernde Kugel aus blaßgrünem Licht aus.

Kara stöhnte innerlich auf, als sie durch die Tür traten. Sie hatte geahnt, was sie finden würde: Alle Bewohner des Hauses waren tot. Es waren zwei junge Männer und eine sehr junge und eine sehr alte Frau. Sie lagen nebeneinander auf dem Boden, als hätten sie in den letzten Sekunden die Nähe des anderen gesucht, wie sterbende Tiere, die sich aneinanderdrängten. Und es war kein leichter Tod gewesen, der sie ereilt hatte. Ihre Gesichter waren verzerrt und blau angelaufen. Einer der jungen Männer hatte die Hände um die Kehle gekrampft, als wäre er erstickt; auf dem Gesicht des anderen bildete eingetrocknetes Blut, das aus Mund, Nase, Ohren und Augen gelaufen war, ein bizarres Muster.

Sie blieben nur einige Augenblicke, dann ging Aires wieder hinaus, und nicht nur Kara war froh, als das Licht erlosch und sich die Dunkelheit wieder gnädig über die furchtbare Szene senkte.

Sie betraten noch vier oder fünf weitere Häuser, in denen sich ihnen überall derselbe, furchtbare Anblick bot: Menschen, die in Gruppen oder einzeln zu Boden gestürzt waren, als hätte sie der Tod mit der Schnelligkeit eines Blitzes getroffen. Auch auf den Straßen lagen Leichen. Allerdings nicht sehr viele. So überraschend der Tod über die Bewohner der Stadt gekommen war, schien er doch den meisten Zeit genug gelassen zu haben, sich in ihre Häuser zurückzuziehen.

»Gäa?« fragte Maran, nachdem sie einige weitere Leichname untersucht hatten.

»Nein«, antwortete Aires ernst. Sie blickte auf den Leichnam hinunter, den sie sich zuletzt angeschaut hatte; ein Mann von vielleicht fünfzig Jahren, der auf den Stufen seines Hauses zusammengebrochen war. »Nach allem, was ich hier sehe, würde ich auf Gift tippen oder auf ein rasch wirkendes Gas.«

Sie richtete sich auf, drehte sich herum und blickte zu dem einzigen Licht hinüber, das in der Stadt brannte. Sie hatten sich ihm so weit genähert, daß Kara erkennen konnte, daß es aus einem schmalen Fenster aus einem der ausgehöhlten Stämme drang. Das Licht flackerte heftig und war von gelber Farbe. Ein sehr außergewöhnliches Phänomen. Neben dem sie umgebenden Wald mit all seinen gefräßigen Bewohnern war Feuer der natürliche Erzfeind dieser Stadt, die fast völlig aus Holz erbaut worden war. Es wunderte Kara fast ein bißchen, daß es hier überhaupt eine Öllampe gab, konnte doch ein einziger Funke zu einer Katastrophe führen.