Sie näherten sich dem Haus. Aires zog die Hülle wieder über ihren Leuchtstab und erstickte das grüne kalte Feuer; sie erhob auch keine Einwände, als Kara als erste durch die niedrige Tür trat. Ganz schwach hörten sie Geräusche aus dem Inneren des Hauses.
Trotzdem kam ihre Reaktion beinahe zu spät.
Kara sah das Messer von unten auf ihr Gesicht rasen, wich der Klinge im letzten Moment mit einer halben Drehung des Oberkörpers aus und fegte die Hand beiseite, die sie hielt. Gleichzeitig schlug sie mit aller Gewalt zurück.
Sie erkannte ihren Irrtum einen Augenblick später. Es gelang ihr nicht mehr, den Schlag vollends zurückzuhalten, aber immerhin konnte sie ihm seine tödliche Wucht nehmen, so daß er das Gesicht des Jungen nicht zerschmetterte, sondern ihn nur von den Füßen riß und gegen die Wand prallen ließ.
Es war ein dunkelhaariger Junge von allerhöchstens zwölf Jahren. Außer ihm hielten sich zwei oder drei Dutzend weiterer Kinder in dem großen Raum auf, die meisten wesentlich jünger als er. Wie auf ein Kommando begannen die Säuglinge loszubrüllen.
»Ach, du lieber Himmel«, murmelte Tess, die hinter Kara hereingekommen war. Kara war plötzlich froh, daß sie die erste gewesen war, denn Tess hatte das Schwert gezogen. Wäre sie an Karas Stelle gewesen, dann wäre der Junge jetzt vielleicht tot. »Das hat uns gerade noch gefehlt!«
Aires warf Tess einen zornigen Blick zu, und auch Kara runzelte ärgerlich die Stirn, obwohl sie Tess im stillen recht geben mußte. Wortlos wandte sie sich um und ging zu dem Knaben hinüber, den sie niedergeschlagen hatte. Er hatte das Bewußtsein nicht verloren, sondern lag mit an den Leib gezogenen Knien auf der Seite und wimmerte leise. Sein Gesicht begann bereits anzuschwellen.
»Was ist hier geschehen?« fragte Aires laut, aber keines der Kinder antwortete ihr. Die Magierin seufzte, deutete auf eines der älteren Mädchen und wiederholte die Frage.
»Sie sind alle tot«, antwortete das Mädchen. »Sie... sie haben sie umgebracht. Sie sind alle tot.«
»Wer hat sie getötet, Kind?« frage Aires sanft.
Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. Es begann zu weinen, erzählte aber unter heftigem Schluchzen und Keuchen weiter. »Sie sind am Abend gekommen. Direkt... direkt aus der Sonne heraus. Man konnte sie gar nicht sehen.«
»Wer?« fragte Aires.
»Es ging ganz schnell«, fuhr das Mädchen schluchzend fort. »Sie waren plötzlich da und... und haben grauen Rauch gespuckt. Und dann sind alle krank geworden und gestorben. Sie haben so furchtbar geschrien. Ich... ich wollte helfen, aber ich konnte nichts tun. Meine Eltern und... und mein älterer Bruder. Sie sind einfach gestorben.«
»Wer hat sie umgebracht?« fragte Aires ungeduldig. Sie trat auf das Mädchen zu, ergriff es an beiden Schultern und schüttelte es. »Versuch dich zu beruhigen, Kind! Es ist wichtig!« Sie schüttelte das Mädchen immer heftiger, erreichte damit aber nur, daß es noch stärker zu weinen begann.
Kara trat neben sie und löste mit sanfter Gewalt ihre Hände von den Schultern des Mädchens. Aires runzelte leicht verärgert die Stirn, war aber auch ein wenig erleichtert, während Kara sich ein bißchen verwirrt fühlte. Sie hatte angenommen, daß die Magierin mehr von Kindern verstand.
»Hör mir zu, Kleines«, sagte sie, während sie sich vor dem Kind in die Hocke sinken ließ. »Ich verstehe, daß du Angst hast, und daß du... daß du dich... ganz schrecklich fühlen mußt. Aber versuche dich trotzdem zu beruhigen, ja? Wir müssen wissen, was hier passiert ist. Du kannst uns vertrauen. Wir sind hier, um euch zu helfen. Niemand wird euch etwas tun, das verspreche ich. Aber du mußt dafür auch etwas für uns tun. Du mußt uns sagen, wer deine Eltern und all diese Leute getötet hat.«
»Die Libellen.«
Es war nicht das Mädchen, das antwortete, sondern ein Knabe von vielleicht sieben Jahren. Sein Gesicht war bleich, und seine Augen waren dunkel vor Angst. Aber seine Stimme klang fest und bestimmt. »Es waren die Libellen.«
Kara und die drei anderen wandten sich dem Jungen zu. Kara schwieg, weil sie annahm, daß Aires den Jungen weiter befragen wollte, aber die Magierin winkte ab. »Libellen?« wiederholte Kara.
»Vier Stück«, antwortete der Junge. »Sie waren sehr groß. Und laut.«
»Laut!« vergewisserte sich Aires.
Der Junge nickte. Sein Blick blieb starr auf Kara gerichtet. »Sie haben gebrummt«, sagte er. »Alle sind hinausgelaufen, um sie anzusehen. Und dann kam der graue Staub, und alle wurden krank und sind gestorben. Bis auf uns hier.«
»Blauer Regen«, murmelte Kara.
Aires sah sie fragend an.
»Erinnere dich daran, was Cord uns erzählt hat«, sagte Kara. »Blauer Regen – und am nächsten Morgen war jeder der Erwachsenen tot.« Sie wandte sich wieder dem Jungen zu. »Und du bist sicher, daß es die Libellen waren?«
»Es waren die Libellen«, beharrte der Junge. »Sie waren groß. Nicht so groß wie eure Drachen, aber groß und laut.«
»Wann war das?« mischte sich Maran ein.
»Gestern«, antwortete der Junge. »Eine Stunde, bevor die Sonne untergegangen ist.«
»Eine Stunde?« Maran trat näher und sah den Jungen durchdringend an. »Bist du ganz sicher? Nicht eine halbe oder zwei?«
»Eine Stunde«, beharrte der Junge.
»Was ist daran so wichtig?« fragte Kara.
»Weil es dieselben waren, die wir gesehen haben«, antwortete Maran. Sein Gesicht verhärtete sich. »Ihr versteht nicht, wie? Wir haben sie gesehen, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Hier!«
»Ihr hättet nichts tun können«, sagte Kara. Ihre Worte klangen selbst für sie leer und bedeutungslos.
»Wir haben sie gesehen«, wiederholte Maran. »Wir hätten es verhindern können, begreift ihr nicht? Wenn Zen und ich nur einen Moment weitergeflogen wären, dann... dann hätten wir es vielleicht verhindern können! All diese Menschen wären vielleicht noch am Leben.«
»Oder ihr beiden wärt genauso tot wie sie«, unterbrach ihn Aires. »Denk lieber darüber nach, Maran, was wir mit diesen Kindern machen. Wir müssen sie hier wegbringen.«
»Das ist das kleinste Problem«, sagte Kara. »Wir haben genug Platz auf den Drachen, um sie alle mitzunehmen.« Sie schenkte Aires das herzlichste Lächeln, das sie zustandebrachte. »Wie gut, daß du dich entschieden hast, doch nicht allein hierherzugehen.«
In Aires’ Augen blitzte es ärgerlich auf, aber sie enthielt sich jeden Kommentars.
»Erzähl mir von den Libellen«, sagte Kara, wieder an den Jungen gewandt. »Wie haben sie ausgesehen? Was haben sie getan?«
»Sie waren groß«, wiederholte der Junge stur. »Und sie hatten Flügel. Und große leuchtende Augen. Sie waren sehr hoch. Sie sind über der Stadt gekreist, und ihre Flügel haben sich gedreht. Ganz schnell.«
»Gedreht?« Tess runzelte die Stirn. »Der Junge redet wirres Zeug«, sagte sie.
»Vielleicht«, sagte Kara. »Vielleicht auch nicht. Und steck endlich das Schwert ein. Du brauchst es hier nicht.«
Tess blickte einen Moment lang stirnrunzelnd auf die Waffe, die sie noch immer in der rechten Hand hielt, dann steckte sie sie mit einer beinahe hastigen Bewegung weg. »Also?« fragte sie. »Was tun wir?«
»Zuerst kümmern wir uns um die Kinder hier«, entschied Kara. Sie sah sich einen Moment lang um. »Ich denke, daß fünf oder sechs Drachen ausreichen müßten, sie zurückzubringen. Die kleineren Kinder könnten ein Problem darstellen. Vielleicht müssen wir eine Art Traggestell bauen, um...« Kara? Aires?