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26

Sie brauchte eine knappe Viertelstunde, um Tess und die drei anderen einzuholen, denn obwohl Markor der größte und stärkste Drache des Schwarmes war, war er verletzt und ziemlich erschöpft. Außerdem hatte Kara es nicht besonders eilig, sie einzuholen. Sie war einerseits zornig, weil die vier sich so offen über ihren Befehl hinweggesetzt hatten, aber andererseits war sie froh, über den Vorwand, selbst nach Norden fliegen zu können statt zurück zum Hort. Ihr Befehl, den Angriff abzubrechen, war von der Vernunft diktiert gewesen, nicht von ihrem Gefühl.

So enthielt sie sich auch jeden Kommentars, als Markor schließlich zu den anderen aufschloß. Sie glitten dicht über den Baumwipfeln dahin, um den dunklen Hintergrund des Waldes als Deckung auszunutzen, und da die Drachen sehr langsam flogen, bewegten sich ihre Schwingen nahezu lautlos.

Tess hob den Arm und winkte ihr zu, aber Kara widerstand dem Impuls, zurückzuwinken. Wie die Dinge auch immer aussahen – die vier hatten gegen einen direkten Befehl verstoßen, und das war ein schweres Vergehen, über das sie später reden würden.

Sie flogen eine gute Stunde nach Norden, ohne die beiden Libellenmaschinen zu Gesicht zu bekommen. Kara glaubte mittlerweile nicht mehr, daß sie sie wirklich einholen konnten. Die Drachen waren müde, während die Libellen keine Erschöpfung kannten. Sie waren Maschinen, die entweder funktionierten oder nicht. Außerdem wußte Kara ja noch nicht einmal, ob sie sich überhaupt auf dem richtigen Weg befanden. Vielleicht waren die Maschinen nur ein kurzes Stück nach Norden geflogen und dann auf einen anderen Kurs eingeschwenkt. Schließlich gab Kara das Zeichen, nach einem Landeplatz Ausschau zu halten, und dieses Mal gehorchten die vier Drachenreiter. Vorsichtig suchten sie einen halbwegs sicheren Platz und gingen nieder. Alle bis auf Maran stiegen aus den Sätteln. Kara war ein wenig enttäuscht. Sie hatte sich mit Marans Aufsässigkeit im Grunde abgefunden, aber daß er auch noch feige war, hätte sie nicht gedacht.

Tess, Silvy und Zen balancierten über den unsicheren Boden heran. Silvy wich ihrem Blick aus und wirkte schlichtweg verängstigt. Kara war niemals so deutlich wie jetzt aufgefallen, daß sie nur so etwas wie Tess’ Anhängsel war. Zen versuchte so gelassen und ruhig auszusehen, als wäre gar nichts Außergewöhnliches passiert, während Tess Karas Blick trotzig erwiderte und schon wieder kampflustig die Lippen geschürzt hatte. Kara sah sie schweigend an, wartete und überließ es ganz bewußt ihr, das Gespräch zu eröffnen.

»Also!« sagte Tess nach einer Weile.

»Also – was?«

Zornig ballte Tess die Fäuste, daß es fast aussah, als wolle sie auf Kara losgehen. Aber die herausfordernde Haltung sollte lediglich ihre Unsicherheit überspielen. »Nun fang schon an, damit wir es hinter uns haben. Du bist doch sicher gekommen, um uns Vorhaltungen zu machen.«

»Wenn du wirklich glaubst, ich fliege euch eine Stunde lang nach, um euch Vorhaltungen zu machen, dann tust du mir leid«, antwortete Kara. »Nicht, daß das nicht passieren würde. Wir werden uns über eure Auffassung des Wortes Gehorsam unterhalten, aber nicht jetzt. Das hat Zeit, bis wir zurück sind.«

»Ich weiß«, murmelte Tess. »Wir haben Aires gehört.«

»So schlimm wird es schon nicht werden«, sagte Kara seufzend. »Ich werde sehen, was ich für euch tun kann.« Sie wechselte mit einer Handbewegung das Thema. »Die Drachen brauchen dringend eine Pause. Wir werden eine Stunde rasten und dann weiterfliegen.« Ach ja, und Maran, fügte sie lautlos hinzu, wenn es dir auf dem Rücken deines Tieres schon so ausnehmend gut gefällt, dann kannst du gleich dableiben und die erste Wache übernehmen, während wir versuchen, ein wenig zu schlafen!

Maran fügte sich ihrem Befehl widerspruchslos, und Kara kuschelte sich an Markor, kaum daß Tess und die beiden anderen gegangen waren, und fand zu ihrer eigenen Überraschung sofort Schlaf. Aber entweder war Maran ebenfalls eingeschlummert, oder sie hatte seinen Weckruf nicht gehört; als sie erwachte, stand die Sonne schon zwei Fingerbreit am Horizont. Kara lief ein wenig auf und ab, um ihre Muskeln wieder geschmeidig zu machen, und betrachtete währenddessen besorgt den Drachen. Seine Verletzungen waren schwerer, als sie befürchtet hatte. Das Loch in seiner Schwinge war harmlos, aber die Wunde an seinem Hals sah schlimm aus, sie war gute drei Meter lang und so tief, daß das rohe Fleisch hervorbrach. Der Anblick erschütterte Kara. Die Panzerplatten eines Drachen waren härter als Stahl; nicht einmal Aires’ Laserwaffe vermochte ihnen ernsthaften Schaden zuzufügen. Die Waffen der Fremden mußten ihren grenzenlos überlegen sein. Kara fragte sich ernsthaft, ob irgend etwas von dem, was sie tun konnten, überhaupt noch einen Sinn hatte.

Sie verscheuchte den Gedanken. Sie würden einfach weitermachen und sehen, was geschah.

Tess, Maran, Zen – seid ihr wach?

Sie bekam keine Antwort; wahrscheinlich schliefen die drei noch. Kara war eher amüsiert als verärgert. Sie alle hatten während der letzten vierundzwanzig Stunden praktisch keine Minute Ruhe gefunden.

Wacht auf!

Nichts.

Sie hob die Hand über die Augen und blinzelte gegen das rote Licht der aufgehenden Sonne. Die vier Drachen hockten ein Stück weit entfernt wie schlafende Riesenkrähen auf den Ästen. Von ihren Reitern war keine Spur zu entdecken. In das Gefühl der Beunruhigung, das Kara empfand, mischte sich ein deutliches Empfinden von Gefahr. Hinter ihr hob Markor träge den Kopf und blinzelte, als hätte er ihre Beunruhigung gefühlt. Sie ging weiter, blieb wieder stehen, machte wieder einige Schritte und stockte abermals. Sie erkannte jetzt Tess, die mit an den Leib gezogenen Knien an ihrem Drachen lag und schlief. Kara rief abermals ihren Namen, Tess bewegte sich zwar leicht, reagierte aber ansonsten nicht. Hinter ihr ließ Markor ein drohendes Grollen hören. Aber es hätte seiner Warnung nicht einmal mehr bedurft, um Kara erneut innehalten zu lassen.

Vor ihr... war etwas.

Sie konnte nicht genau erkennen, was es war; eine Veränderung in den Blättern vor ihr, in den Geräuschen und vor allem dem Gefühl des Waldes. Sie ließ sich in die Hocke sinken und betrachtete das Blattwerk vor sich. Etwas mit den Blättern stimmte nicht, aber sie konnte nicht sagen, was es genau war. Sehr viel vorsichtiger ging sie weiter. Der Boden unter ihren Füßen federte, und manchmal klafften große Löcher in der grünen Decke. Während sie weiterlief, wurde ihr bewußt, wie müde sie immer noch war. Die wenigen Stunden Schlaf hatten längst nicht ausgereicht, sie wieder völlig zu Kräften kommen zu lassen. Ihre Glieder fühlten sich wie Blei an, und es fiel ihr immer schwerer, sich darauf zu konzentrieren, wohin sie ihre Füße setzte. Aber es war eine angenehme Müdigkeit, so wohltuend, daß es ihr schwerfiel, ihrer warmen Verlockung zu widerstehen.

Beinahe wäre sie in eines der klaffenden Löcher im Blätterdach gestürzt. Sie bemerkte im allerletzten Moment, daß dort, wohin sie ihren Fuß setzen wollte, nichts mehr war, und prallte zurück.

Der Schrecken jagte eine zusätzliche Dosis Adrenalin in ihren Blutkreislauf. Ihr Herz begann zu jagen, und für einen Moment war sie so wach und klar, als hätte sie eine Woche geschlafen. Was geschah mit ihr? Diese plötzliche Müdigkeit war nicht normal, und sie – kam zurück. Kara konnte regelrecht spüren, wie sich eine Woge angenehmer Mattigkeit in ihrem Körper ausbreitete. Ihr Denken begann unscharf zu werden und zerfaserte... Sie stolperte und fing den Sturz im letzten Moment instinktiv ab, aber sie spürte es kaum mehr. Langsam hob sie die Hand, versuchte, sich die Müdigkeit aus den Augen zu wischen, aber selbst dafür fehlte ihr die Kraft. Ihre Hände fielen schwer wie Blei hinunter, glitten über ihre Wangen und berührten den winzigen chitingepanzerten Körper des Rufers, der direkt an ihr Nervensystem angeschlossen war. Das Insekt bewegte sich unruhig, schien zu pulsieren, als Kara griff mit einer letzten Willensanstrengung zu und riß das Tier aus ihrem Fleisch.