Выбрать главу

Ein entsetzlicher Schmerz zuckte wie ein Stromschlag durch ihren Körper. Sie schrie auf, fiel auf die Knie und fühlte, wie warmes Blut an ihrem Hals herablief. Der Schmerz war so schlimm, daß er ihr die Tränen in die Augen trieb und sie stöhnend die Zähne zusammenbiß. Aber im gleichen Maß, in dem er verebbte, kehrte auch ihr klares Denken zurück. Es war, als würde ein Schleier von ihren Augen gezogen, der ihren Blick getrübt hatte. Plötzlich sah sie die Abermilliarden haardünner, weißer Fäden, die die Blätter ringsum bedeckten.

Sie, die Drachen und die vier Reiter.

Kara rannte mit einem Schrei los. Ihr Schrecken steigerte sich zu purem Entsetzen, als sie das dünne, glitzernde Netz erblickte, das Tess von Kopf bis Fuß einhüllte, noch nicht so dicht wie ein Kokon, aber dicht genug, daß ihr Gesicht kaum noch zu erkennen war. Hastig kniete sie neben der jungen Kriegerin nieder, streckte die Hände aus und zerriß das Gewebe, das ihr Gesicht bedeckte. Die Berührung schmerzte, als hätte sie eine Brennessel angefaßt. Tess stöhnte, wachte aber nicht auf. Kara zerrte mit der linken Hand weiter an dem Netz, das Tess’ Körper einhüllte, während sie mit der anderen heftig an ihrer Schulter zu rütteln begann und ihren Namen schrie. Tess’

Kopf rollte haltlos von einer Seite auf die andere, und sie stöhnte, wachte aber noch immer nicht auf. Karas Blick suchte den Rufer. Sie erschrak. Das Tier war heftig angeschwollen und pulsierte wie ein kleines, wie rasend schlagendes Herz. Entschlossen griff sie zu, nahm das Tier zwischen Daumen und Zeigefinger und riß es heraus. Tess zuckte zusammen und öffnete die Augen. Einen Moment lang blickte sie Kara nur verstört an, dann sah sie an sich herab, begriff, was mit ihr geschah, und bäumte sich so heftig auf, daß Kara sie mit aller Kraft festhalten mußte.

»Beruhige dich«, sagte Kara beschwörend. »Es ist vorbei! Es ist alles in Ordnungl«

»Was...«

»Jetzt nicht«, unterbrach sie Kara. »Wir müssen den anderen helfen. Es sind die Rufer. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie haben sie euch betäubt. Schnell! «

So schnell sie konnten, eilten sie zu Silvy, Maran und Zen, die sich in demselben erschreckenden Zustand befanden wie Tess zuvor. Doch sie erwachten ebenso rasch, nachdem sie die Rufer entfernt hatten. Das klebrige Gewebe von ihren Körpern herunterzubekommen, erwies sich als nicht schwierige, aber langwierige und schmerzhafte Prozedur. Kara hielt einen der dünnen Fäden an spitzen Fingern vor das Gesicht und betrachtete ihn eingehender. Er war nur scheinbar glatt. Sah man genauer hin, erkannte man Hunderte kleiner Widerhaken, mit denen sie sich in der Haut ihrer Opfer festkrallten.

»Was, um Gottes willen, ist das?« murmelte Maran verstört, während er sich mit der Hand über den Hals rieb und stirnrunzelnd das Blut betrachtete, das an seinen Fingerspitzen klebte. »Gäa?«

Kara schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, sagte sie. »Wahrscheinlich irgendein Bewohner dieser reizenden Gegend. Seht ihr?« Sie deutete nach links. Nicht weit entfernt entdeckte sie eine Anzahl großer, formloser Kokons, die im Blätterdickicht versunken waren. Einige waren kaum so groß wie Bälle, andere geradezu riesig. »Es schließt seine Beute ein und löst sie dann wahrscheinlich auf«, murmelte sie. »Wie eine fleischfressende Pflanze.«

Tess schauderte. »Es hätte uns bei lebendigem Leibe verdaut, wenn du uns nicht gerettet hättest.«

»Aber wieso die Rufer?« fragte Zen.

»Ein Zufall«, vermutete Kara. »Wahrscheinlich haben sie die beruhigenden Impulse dieses... Dinges so weit verstärkt, daß ihr keine Chance hattet. Sie sind direkt an unser Nervensystem angeschlossen. Man spürt es trotzdem noch.«

Tess und Maran sahen sie verständnislos an, und Kara machte eine weit ausholende Geste. »Euch fällt wirklich nichts auf?«

»Nein«, sagte Tess.

»Eben«, antwortete Kara. »Ich finde es schon seltsam, daß ich nicht einmal Angst habe – nachdem wir alle um ein Haar ums Leben gekommen wären.«

»Fast alle«, sagte Zen betont.

Kara zuckte mit den Schultern. »Ich hatte eben das Glück, nicht unmittelbar neben ihrem Nest zu landen.« Sie deutete auf die Drachen. »Kümmert euch um sie. Und dann laßt uns sehen, daß wir weiterkommen.«

Wie sich herausstellte, waren die Drachen nicht der einschläfernden Verlockung des unheimlichen Pflanzenwesens erlegen. Das unheimliche Gewebe hatte während der Nacht auch sie einzuspinnen versucht, es hatte aber ihren stahlharten Panzerplatten nicht den mindesten Schaden zufügen können. Vielleicht, dachte Kara in einem Anflug von Galgenhumor, hatten sie mit der Wahl dieses Platzes sogar Glück gehabt. Gott allein mochte wissen, welchen Monstern sie sonst in die Hände gefallen wären.

»Wir haben ein Problem«, sagte Zen nach einer Weile.

Kara sah ihn fragend an. »So?«

»Ohne die Rufer können wir uns nicht verständigen.« Er deutete in den Himmel hinauf: »Wir sollten vorher besprechen, in welche Richtung wir weiterfliegen.«

»Du hast recht«, sagte Kara nach einigem Nachdenken. »Wer weiß, wann wir das nächste Mal einen sicheren Landeplatz finden. Ruf die drei anderen.«

Während Zen sich entfernte, um Maran und die beiden Mädchen zu holen, sah sich Kara mit einem neuen Gefühl von Unsicherheit um. Die unmittelbare Bedrohung durch das Pflanzenwesen hatte sie für einen Augenblick fast die andere größere Gefahr vergessen lassen, in der sie schwebten. Sie befand sich vermutlich schon in dem Teil des Schlundes, von dem nicht sehr viel mehr bekannt war, als daß es ihn eben gab. Wie es schien, breiteten sich Gäas Sumpfwälder endlos weit aus; auf jeden Fall sehr viel weiter, als ein Drache zu fliegen imstande war. Zen kam mit den beiden anderen herbei, und sie einigten sich darauf, in einer engen Formation weiter nach Norden zu fliegen. Kara schärfte ihnen noch einmal ein, auf gar keinen Fall auf eigene Faust zu handeln, sollten sie die Libellen wieder einholen oder auf andere Gegner stoßen.

Wenige Augenblicke später saß Kara wieder auf Markors Rücken, und der Flug in die unbekannten Tiefen des Schlundes ging weiter.

Eine Stunde. Eine zweite, der eine Rast von der gleichen Länge folgte, und dann wieder eine Stunde Flug. Die Sonne stieg höher, und bald begann es selbst auf den Rücken der Drachen unangenehm warm zu werden. Die Landschaft unter ihnen änderte sich nicht: grüne Hügel, zwischen denen gelegentlich gewaltige Löcher klafften.

Sie hatten eine zweite Rast eingelegt und glitten in dreißig oder vierzig Metern Höhe am Rand einer der gewaltigen Lichtungen entlang, als der Drache, der links von Kara flog, plötzlich eine scharfe Wendung machte und sich fast im rechten Winkel von Kara entfernte.

Kara fluchte ungehemmt, Tess! Wer sonst?

Sie sparte sich die Mühe, den Namen der jungen Kriegerin zu rufen, sondern zwang Markor mit einer abrupten Bewegung herum und flog hinter ihr her. Gleichzeitig signalisierte sie den drei anderen zu bleiben, wo sie waren und ihr und Tess den Rücken freizuhalten.

Tess schraubte ihren Drachen in einer immer enger werdenden, flachen Spirale in die Tiefe. Kara beobachtete das Flugmanöver nicht ohne Sorge. Drachen waren eher einfache Segler als Kunstflieger. Wenn das Tier mit den Bäumen kollidierte oder Tess es in eine zu enge Kurve zwang, dann würde es der Drache zwar überstehen; seine Reiterin aber nicht. Kara hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da vollführte Tess ein noch gewagteres Manöver – ihr Drache schoß plötzlich mit vorgestreckten Krallen auf einen Ast zu und versuchte, darauf Halt zu finden. Der Anblick erinnerte an einen Falken, der auf seine Beute hinabstieß; nur daß der Drache kein Falke war, sondern ein Gigant von achtzig oder auch hundert Tonnen Körpergewicht. Der Ast splitterte unter dem Aufprall und stürzte mit einem gewaltigen Krachen und Poltern in die Tiefe. Kara beobachtete mit angehaltenem Atem, wie der Drache taumelte und Tess sich im allerletzten Moment mit verzweifelter Kraft auf seinem Rücken festklammerte.