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Diese Maschine hier nicht.

Sie gehörte nicht zu den beiden, die sie am vergangenen Abend in die Flucht geschlagen hatten, sondern mußte schon eine ganze Weile hier liegen, ein paar Monate vielleicht. Die ledernen Bezüge der beiden Sessel waren voller schimmeliger Flecken und alle Metallteile völlig verrostet.

Aber wenn diese Maschine nicht aus der Alten Welt stammte, dachte Kara erschrocken, woher kam sie dann? Die Vorstellung, daß es auf dieser Welt jemanden gab, der in der Lage war, so etwas zu bauen, versetzte sie in Schrecken. Sie warf einen Blick über die Schulter zurück und sah, daß Tess und Zen noch immer stritten, griff aber nicht ein, sondern versuchte, die Pilotenkanzel des Libellenflugzeuges zu öffnen. Sie fand keinerlei Tür oder irgendeinen Öffnungsmechanismus. Vielleicht, überlegte sie, wurde die ganze Kuppel nach oben geklappt. Was dagegen sprach, war, daß die Leiche des Mannes verschwunden war, der ungefähr zehn Liter Blut auf dem durchbohrten Sessel hinterlassen hatte.

»Interessant, nicht?« Zen trat plötzlich neben sie und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Kanzel.

»Was?« Zen beugte sich vor und wies auf eine Anzahl wuchtiger Scharniere, die an der Kuppel befestigt waren. »Man muß das ganze Ding hochklappen, um einzusteigen. Aber das geht nicht mehr.« Seine flache Hand klatschte auf den Ast, der die Kanzel durchbohrt hatte. »Wie zugenagelt.«

»Und?« fragte Kara. Worauf wollte er hinaus!

»Wo ist der Pilot geblieben?« Zen deutete auf den Sitz. »Der Kerl hat geblutet wie ein abgestochenes Schwein. Ich glaube nicht, daß er noch aus eigener Kraft davongelaufen ist.«

»Vielleicht haben ihn seine Leute abgeholt?«

»Und sich danach die Mühe gemacht, die Kuppel wieder zu schließen?« Zen lachte. »Bestimmt nicht. Irgendwas stimmt hier nicht, Kara.«

»Was für eine tiefschürfende Erkenntnis«, spöttelte Tess. Zen sah sie schon wieder kampflustig an, und Kara trat mit einem raschen Schritt zwischen sie.

»Hört endlich mit dem Unsinn auf«, sagte sie streng. »Dafür haben wir wirklich keine Zeit. Laßt uns das Ding untersuchen und dann von hier verschwinden. Dieser Ort gefällt mir nicht.«

Zumindest in diesem Punkt schienen sie ausnahmsweise alle einer Meinung zu sein.

Trotzdem nahmen sie sich Zeit, das Wrack sehr gründlich in Augenschein zu nehmen. Und wenn Kara noch einen Beweis gebraucht hätte, daß die stählernen Libellen und die Männer in den blauschwarzen Uniformen, auf die sie in der Höhle tief unter Schelfheim gestoßen waren, zusammengehörten, dann fand sie ihn jetzt. Es war die Waffe der Libelle; ein zerborstener, gläserner Lauf, der wie ein Stachel unter der Kanzel hervorragte. Obwohl er beschädigt war, gab es doch keinen Zweifeclass="underline" ähnliche, nur kleinere Gewehre hatten die Männer getragen, die aus dem Tauchboot gekommen waren.

Kara versuchte trotz des Widerwillens, mit dem sie der Anblick der Flugmaschine erfüllte, sich so viele Einzelheiten wie möglich einzuprägen, denn sie war sicher, daß Aires und die anderen viele Fragen stellen würden, sobald sie zurück waren und von ihrem Fund erzählten. Irgendwann hatte sie genug gesehen und erinnerte die beiden anderen daran, daß sie noch eine Stunde ebenso anstrengender wie gefährlicher Kletterrei vor sich hatten. Tess wirkte ebenso erleichtert wie sie, aus der Nähe des unheimlichen Wracks zu kommen, aber Zen schüttelte fast erschrocken den Kopf.

»Gib mir noch zehn Minuten«, bat er. »Ich denke, ich kann die Kanzel öffnen und einen Blick hineinwerfen.«

Kara sah ins Innere der verglasten Pilotenkugel. »Glaubst du, du siehst mehr, wenn du die Glaskugel hochgeklappt hast?« Sie schlug mit den Knöcheln gegen die Kugel. Obwohl durchsichtig wie feinstes Kristall, fühlte sich das Material härter als Stahl an. »Vielleicht«, sagte Zen. »Was machen schon zehn Minuten! Vielleicht finden wir ja etwas, was uns weiterhilft?«

Tess verdrehte die Augen, aber Kara gab Zen mit einem Kopfnicken zu verstehen, daß sie einverstanden war. Er hatte recht – was machten schon zehn Minuten? Vielleicht war es vernünftiger, jetzt noch ein wenig Zeit zu investieren, als sich die nächsten Tage immer wieder zu fragen, ob sie vielleicht nicht doch einen wichtigen Hinweis übersehen hatten.

»In Ordnung«, sagte sie, während sich Zen bereits wieder umwandte und an der Kanzel zu hantieren begann. »Aber ich werde versuchen, Silvy und Maran ein Zeichen zu geben, ehe sie anfangen, sich Sorgen zu machen. Wir sind schon eine ganze Weile weg.«

Es war eine Ausrede. Ob sich die beiden anderen Sorgen machten oder nicht, war Kara ziemlich gleichgültig. Aber sie fühlte sich noch immer unwohl in der Nähe dieser bizarren Maschine. Die linke Hand auf dem Rumpf, balancierte sie vorsichtig so weit über die Astgabel nach außen, bis sie wieder den Himmel sehen konnte. Über ihr kreiste ein mächtiger, dreieckiger Schatten. Sie konnte gegen das grelle Gegenlicht nicht erkennen, ob es Silvy oder Maran war, aber allein der Anblick wirkte beruhigend, gleichwohl wußte Kara, daß ihnen der Drache nicht im mindesten helfen konnte, wenn sie hier in Gefahr gerieten oder angegriffen wurden. Sie hob die freie Hand und winkte, und nach einigen Augenblicken hob die winzige Gestalt auf dem Rücken des Drachen ebenfalls den Arm und winkte zurück.

Kara blieb noch einige Augenblicke reglos stehen und genoß das Sonnenlicht, das warm auf ihr Gesicht fiel. Es war ein angenehmes Gefühl, das sie für Sekunden alles andere vergessen ließ. Nur der faulige Geruch war mehr als störend, der aus der Tiefe zu ihr emporstieg. Widerwillig öffnete sie die Augen und blickte mit einem verblüfften Stirnrunzeln in die Tiefe. Es war Mittag. Die Sonne stand im Zenit, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die Sonne weiterwanderte und die Schatten den Grund des klaffenden Risses im Wald wieder verschlangen – aber in dieser Minute, vielleicht sogar der einzigen des Jahres, in der es überhaupt möglich war, brachen sich die Sonnenstrahlen glitzernd auf einer gewaltigen Wasserfläche, die dort war, wo der Waldboden sein sollte. Es war nicht einfach nur ein Bach oder ein Tümpel; Kara sah ganz deutlich die Wipfel kleinerer Bäume, die schon fast völlig im Wasser verschwunden waren, blattlos und tot wie die skelettierten Hände von Ertrunkenen. Hier und da trieb etwas auf dem Wasser, zu weit entfernt, um es genau zu erkennen, aber zu groß, um einfach ein Stück Baumrinde oder ein ausgerissener Busch zu sein. Vielleicht waren es die Kadaver von Tieren, die in diesem Wasser den Tod gefunden hatten.

Kara sah verwirrt auf, als sich die Schatten wieder über den Grund der Lichtung schoben. Erst jetzt bemerkte sie, daß sie nicht allein war: Fast lautlos war Tess neben sie getreten. Und auf ihrem Gesicht lag die gleiche, ungläubige Verblüffung, die auch Kara erfüllte.

Tess las die unausgesprochene Frage in ihrem Blick. »Nein, du bist nicht verrückt. Es sei denn, wir sind es beide. Und beide auf die gleiche Weise.«

»Aber das ist unmöglich«, murmelte Kara.

»Stimmt«, sagte Tess.

»Dort unten kann kein Wasser sein.«

»Nein, das kann es nicht«, pflichtete ihr Tess bei.

»Ich meine, Angella hat uns immer wieder erzählt, daß dort Sumpf ist!«

»Das hat sie«, bestätigte Tess.

»Gäa könnte im Wasser nicht leben.«

»Nein, bestimmt nicht«, versicherte Tess.

»Und außerdem... wachsen Bäume nicht aus dem Meer!«

»Niemals!« stimmte Tess zu.

»Also kann es dieses Wasser gar nicht geben.«

»Ganz sicher nicht«, sagte Tess.

Kara blickte sie eine Weile durchdringend an. »Aber es ist da«, murmelte sie schließlich und blickte noch einmal in die Tiefe. Aber schon hatte sich Finsternis über diese sonderbare Wasserfläche gelegt.

»Dieser Wald stirbt«, murmelte Tess plötzlich. »Und jetzt wird auch klar, wieso wir so leicht hierhergekommen sind.«