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»Leicht?« Kara ächzte. Ihr schwindelte noch, wenn sie an die halsbrecherischen Kletterpartien dachte, die hinter ihnen lagen. »Ich fand es alles andere als leicht.«

»Nach allem, was uns Angella über diesen Wald erzählt hat, dürften wir gar nicht mehr leben«, beharrte Tess.

Kara verstand, was sie meinte – und sie gestand sich widerwillig ein, daß Tess recht hatte. So unheimlich dieser Teil des Waldes auch war, gab es doch kaum tierisches Leben. Ein paar Insekten, einige wenige Vögel, die schimpfend davongeflogen waren... Von all den gefräßigen, tödlichen, heimtückischen Monstern, von denen es in Gäas Reich nur so wimmeln sollte, hatten sie auf dem Weg hierher nicht eines gesehen.

»Vielleicht sind sie alle ertrunken«, murmelte Tess mit einem schiefen Lächeln. Ihre Worte hatten scherzhaft klingen sollen, aber sie schürten Karas Beunruhigung nur noch. Sie waren beide zu sehr im Einklang mit der Natur aufgewachsen, um nicht sofort und zweifelsfrei zu wissen, was hier geschehen war:

Wenn es dort unten wirklich plötzlich ein Meer gab, dann war das ökologische Gleichgewicht des Waldes vielleicht schon jetzt unwiderruflich zerstört.

Ein lautstarkes Klirren ließ sie beide zum Wrack der Libelle herumfahren. Im ersten Moment war die Ursache des Lärms nicht auszumachen, aber dann erkannte Kara, daß Zens Füße aus einer schmalen Öffnung des Libellenkopfes herausragten. Erschrocken liefen sie los, um Zen zu Hilfe zu eilen, doch noch bevor sie ihn erreichten, begann Zen sich rückwärts ins Freie zu schieben. Tess wollte ihm helfen, aber Kara hielt sie zurück. Sie wußten nicht, wie es hinter der Klappe aussah, Durch die sich Zen gezwängt hatte. Es war möglich, daß sie ihn verletzten, wenn sie versuchten, ihm zu helfen.

Es dauerte noch eine geraume Weile, bis sich Zen keuchend und verschwitzt aus der Öffnung herausgearbeitet hatte. Er zitterte vor Anstrengung – aber das hinderte ihn nicht daran, über das ganze Gesicht zu grinsen.

»Was ist los mit dir?« fragte Tess stirnrunzelnd. »Hast du die Notration des Piloten gefunden?«

»Nein«, antwortete Zen atemlos. »Etwas viel Besseres.« Er beugte sich vor. Sein rechter Arm verschwand noch einmal bis zur Schulter in der Klappe. Als er die Hand wieder herauszog, hielt sie ein buntes, total zerknittertes Stück Papier, das an einer Ecke angesengt war.

»Was ist das?« fragte Kara.

»Das«, antwortete Zen triumphierend, während er das Blatt auseinanderfaltete, »ist eine Karte, Kara. Eine Karte des Schlundes.« Seine Augen leuchteten vor Stolz auf, als er Karas Verblüffung registrierte. Dann stieß sein Zeigefinger so heftig auf das Papier herab, daß er fast ein Loch hineingestoßen hätte. »Und ich fresse Markors rechten Flügel«, fuhr er fort, »wenn das hier nicht der genaue Standort ihres Hauptquartiers ist.«

27

Als sich der Abend über den Schlund senkte, befanden sie sich über dreihundert Meilen weiter im Norden; und anders als am vorangegangenen Abend hatten sie einen Platz für die Nacht gefunden, an dem sie keine Angst haben mußten, unversehens in den Boden einzubrechen oder mit fremden Tieren unliebsame Bekanntschaften zu machen.

Mit Hilfe der Karte, die Zen im Wrack des Heliotopters gefunden hatte, hatten sie einen der steilen Lavafelsen ausfindig gemacht, die sich hier und da aus den Wipfeln des Waldes emporreckten; nicht annähernd so hoch wie der Drachenfels, aber hoch und vor allem unwegsam genug, um Sicherheit vor uneingeladenen Gästen zu bieten. Nahe des Gipfels entdeckten sie eine niedrige, aber sehr tiefe Höhle, wo sie die Nacht verbringen konnten. Sie waren allerdings nicht allein; als Kara einen vorsichtigen Blick in die Höhle warf, stellte sie fest, daß es bereits einen Mieter gab. Er war ziemlich groß, hatte zu viele Beine und entschieden zu große Zähne, aber Markor erledigte das Problem mit einem brüllenden Feuerstrahl. Was von dem Monstrum übrigblieb, eignete sich vorzüglich, ein Feuer für die Nacht zu entzünden.

Im Schein der übelriechenden Flammen studierten sie die Karte zum ersten Mal genauer. Kara war noch nicht überzeugt davon, daß Zen mit seiner Behauptung, das Hauptquartier der Fremden gefunden zu haben, wirklich recht hatte – obwohl einiges dafür sprach. Sie hatten dieses Thema am Mittag allerdings nicht diskutiert, sondern es vorgezogen, so schnell wie möglich von der sonderbar toten Lichtung zu verschwinden. Der See auf ihrem Boden war nicht der einzige Grund, aus dem es dort so wenig Leben gab. Auf dem Rückweg hatten sie mehrere eigentümliche Pflanzen entdeckt, und sie alle kannten die Zeichen einer strahlenverseuchten Region zu gut, um noch länger zu verweilen.

Der größte Teil der kontinentalen Landmasse war noch immer so verstrahlt, daß er gänzlich unbewohnbar war. Nur der Schlund war vom Allerschlimmsten verschont geblieben, weil er früher der Grund des Meeres gewesen war. Welchen Sinn sollte es schon gemacht haben, eine Atombombe ins Wasser zu werfen? Kara verdrängte diese Frage und strich die Landkarte sorgsam auf dem Boden glatt. Die Karte war viel größer, als es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Sie bestand aus einem dünnen, aber reißfesten Material; völlig auseinandergefaltet, maß sie gute achtzig Zentimeter im Quadrat. Ihr oberer Rand war verkohlt; vermutlich war ein Stück von nicht mehr zu schätzender Größe beim Absturz verbrannt. »Wo genau sind wir?« fragte Maran, während er sich über ihre Schulter beugte.

Nun, da die Karte in voller Größe ausgebreitet war, brauchte Kara einige Sekunden, bis sie ihren derzeitigen Standpunkt wiederfand. Sie deutete auf den winzig kleinen Felsen. Maran blickte den Punkt, auf den sie gedeutet hatte, eine geraume Weile wortlos an. Es fiel Kara nicht sehr schwer, seine Gedanken zu erraten. Sie waren tiefer in den Schlund vorgedrungen als je ein Mensch vor ihnen, und in das aufregende Gefühl, ein phantastisches Abenteuer zu erleben, mischten sich Sorge und Angst vor den Libellenflugzeugen und ihren mysteriösen Erbauern. Außerdem ergab sich ein viel profaneres Problem: Sie hatten seit gestern abend weder etwas gegessen noch getrunken.

»Schade, daß man auf der Karte nicht mehr Einzelheiten erkennt«, sagte Maran. Stirnrunzelnd blickte er Zen an. »Was bringt dich zu der Überzeugung, daß das...« Er wies auf einen Punkt, der fast am Ende der Karte lag. »... ihr Hauptquartier ist?«

Zen verdrehte die Augen, seufzte tief und warf Maran einen vorwurfsvollen Blick zu, weil die Antwort auf diese Frage für ihn viel zu offensichtlich war. »Es ist ein strategisch idealer Punkt«, erklärte er. »Außerdem erkennt man, daß die Karte an dieser Stelle ganz besonders oft gefaltet worden ist. Und sie ist schmutzig.«

»Aha«, sagte Tess. »Was uns beweist, daß wir es mit einer Bande von Schmutzfinken zu tun haben.«

Zen schien ihre Worte nicht besonders amüsant zu finden. »Was uns beweist«, sagte er in belehrendem Tonfall, »daß die Besitzer dieser Karte ganz besonders oft auf diese Stelle gedeutet haben.«

Plötzlich vernahm Kara vom Höhleneingang ein machtvolles Rauschen. Einer der Drachen war zurückgekommen. Die Tiere flogen abwechselnd aus, um irgendwo im Dschungel zu jagen. Kara fragte sich, was sie in diesem beinahe leblosen Wald finden mochten, aber fast im selben Moment drang ein lautes Schlingen und Schmatzen an ihr Ohr; gefolgt von einem Rülpser, der die ganze Höhle zum Zittern zu bringen schien. Kara lächelte, während Silvy fast schmerzhaft das Gesicht verzog. »Drache müßte man sein«, sagte sie. »Ich sterbe gleich vor Hunger.«

»Frag sie doch mal, ob sie dir etwas abgeben«, sagte Kara. Die Worte waren eigentlich als Scherz gemeint, aber Silvy sah sie nur eine Sekunde kopfschüttelnd an, dann stand sie auf, zog ihr Messer aus dem Gürtel und verließ die Höhle. Kara sah ihr kopfschüttelnd nach. Silvy mußte wirklich sehr hungrig sein. Sie wandte sich wieder der Karte zu. Je länger sie sie betrachtete, desto verwirrender kam sie ihr vor. An ihrem Rand befand sich eine Anzahl einfacher, aber unverständlicher Symbole. Eigentlich ohne besonderen Grund streckte Kara die Hand aus und berührte eines davon.