Am Rand der Karte leuchtete plötzlich ein Rechteck aus orangeroten Linien auf.
Kara zog erschrocken die Hand zurück, und Zen und Tess blickten verblüfft auf die Karte hinab. Maran beugte sich stirnrunzelnd vor. »Was war das?« fragte er.
Kara zögerte, dann streckte sie abermals die Hand aus und berührte das Symbol ein zweites Mal. Das Rechteck erlosch. Und leuchtete wieder auf, als sie das Symbol zum dritten Mal berührte. Dann probierte sie auch die anderen Symbole aus, aber nichts geschah.
»Irgendeine Bedeutung muß es doch haben!« murmelte Zen. Er sah Kara fragend an, erntete ein hilfloses Achselzucken als Antwort – und berührte das Rechteck mit dem Zeigefinger. Es begann zu zittern. Zen zog die Finger erschrocken wieder zurück.
Aber Kara beugte sich neugierig vor. Sie hatte etwas entdeckt: Wenn man genau hinsah, erkannte man, daß sich das Rechteck um wenige Millimeter verschoben hatte. Zögernd streckte sie die Hand aus und berührte es auf die gleiche Weise wie Zen zuvor. Aber sie zog die Finger nicht wieder zurück, sondern ließ sie langsam über das Papier gleiten. Das Rechteck folgte der Bewegung.
Zen sperrte Mund und Augen auf, während Kara das Rechteck langsam weiter über die Karte verschob, bis es über der Region angekommen war, in der sie sich befanden. Sie zog die Hand zurück und rechnete fast damit, daß das Gittersegment einfach an seinen angestammten Platz zurückkehren würde, aber es blieb, wo es war.
»Beeindruckend«, sagte Tess. »Und jetzt?«
Kara zuckte mit den Schultern. Sie hatte erwartet, daß irgend etwas geschah, aber nichts war passiert.
Zen fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen, streckte einen zitternden Finger aus und berührte das zweite Symbol auf dem Rand der Karte. Die orangeroten Linien leuchteten auf – und plötzlich begann das Rechteck zu wachsen, bis es fast die gesamte Karte bedeckte.
Und mit ihm wuchs sein Inhalt. Statt einer recht kleinen Darstellung des gesamten Schlundes blickten sie plötzlich auf eine in großem Maßstab gehaltene, farbige und dreidimensionale Darstellung des Berges herab, in dessen Innerem sie sich befanden. Und als wäre dies allein noch nicht erstaunlich genug, bewegte sich das Bild! Sie konnte sehen, wie der Wind mit den Blättern spielte. Die Schatten großer Vögel glitten über die Wipfel dahin, ohne daß die Tiere selbst zu erkennen gewesen wären, und durch eine Lücke in den Bäumen konnte sie Wasser am Grunde des Waldes glitzern sehen. Bald bemerkte man aber, daß sich immer dieselbe Bewegung abspielte, eine Sequenz von nicht ganz zehn Sekunden, die sich ununterbrochen wiederholte. »Das ist... unglaublich!« flüsterte Zen.
Kara sah flüchtig auf, als Silvy zurückkehrte. Sie brachte nichts von der Beute des Drachen mit, war aber ziemlich bleich geworden.
»Schaut euch das an«, murmelte Tess. »Man... man kann sogar die einzelnen Blätter erkennen.«
Das war zwar übertrieben – aber auch Kara hatte nie zuvor eine Karte (Karte?) von solcher Detailgenauigkeit gesehen. Über zehn Minuten saßen sie über die Karte gebeugt da und staunten über dieses Wunderwerk aus einer alten, längst untergegangenen Welt, dann machten sie sich daran, die Funktion der Karte genauer zu ergründen. Kara und Zen experimentierten eine Weile herum, bis sie herausfanden, wie der zu vergrößernde Ausschnitt genau festgelegt oder auch aufgeteilt werden konnte, so daß man zwei, vier oder auch acht unterschiedliche Bereiche der Karte gleichzeitig betrachten konnte. Die Karte war ein kleines Wunderwerk, das allein ihre Expedition in den Schlund gelohnt hatte.
»So«, sagte Maran in fast fröhlichem Ton und wandte sich an Zen. »Dann wollen wir uns dein Hauptquartier ein wenig genauer ansehen.« Mit übertriebenen Bewegungen verschob er das orangerote Rechteck dorthin, wo Zen die Zentrale der Fremden vermutete, dann berührte er das Symbol auf dem Kartenrand, und...
Wahrscheinlich vergingen weitere fünf Minuten, in denen sie völlig reg- und wortlos dasaßen und die Karte anstarrten, gelähmt von einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen. Endlich war es Maran, der das Schweigen brach. »So ist das also«, murmelte er. »Jetzt verstehe ich, daß nie jemand zurückgekommen ist.« Seine Stimme bebte vor Zorn. Er war leichenblaß.
»Ein... ein zweiter Drachenfels«, flüsterte Kara. »Großer Gott. Er ist... er ist mindestens doppelt so groß wie der andere!«
Niemand antwortete ihr. Das Schweigen dauerte an und wurde bedrückender und schwerer, je länger es währte. Kara hatte das Gefühl, daß ihr gleich schwindelig wurde. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Ein zweiter Drachenfels! Und sie hatten geglaubt, Jandhis Hauptquartier aufgespürt und zerstört zu haben! Was für ein grausamer Witz des Schicksals – zehn Jahre lang hatten sie immer und immer wieder junge Reiter in den Schlund geschickt, ohne zu ahnen, daß der wirkliche Feind noch immer da war, genauso stark, wenn nicht stärker als zuvor.
»Was tun wir?« fragte Tess schließlich. Der Klang ihrer Stimme ließ Kara aufblicken. Tess war blaß und zitterte, aber sie war auf eine ganz andere Art erschreckt als Kara.
»Wir fliegen zurück«, antwortete Kara. »Morgen früh, sobald die Sonne aufgeht.«
Zen, Silvy und Maran atmeten erleichtert auf, während Tess Kara fast haßerfüllt anstarrte. »Zurück? Wieso willst du...«
»Wir kehren zum Hort zurück«, unterbrach sie Kara in schärferem Tonfall. »Sofort.«
»Jetzt, wo wir so weit gekommen sind?« schnappte Tess.
»Willst du warten, bis es zu spät ist?« fragte Kara. »Was glaubst du, warum keiner der anderen zurückgekehrt ist?« Sie legte demonstrativ die Hand auf die Karte. »Diese Karte ist vielleicht das Wertvollste, was je im Schlund gefunden wurde! Wir müssen sie zurückbringen!«
Tess schwieg, aber ihr Blick sprach Bände.
»Ich weiß, was du denkst«, sagte Kara ruhig, aber bestimmt. »Vergiß es. Einmal seid ihr damit durchgekommen, aber ein zweites Mal werde ich keinen Alleingang zulassen.«
Tess’ Augen blitzten auf, aber sie schwieg. Kara sah sie einen Moment lang an, dann wandte sie sich an Maran. »Du bist mir dafür verantwortlich, daß sie keinen Unsinn macht, ist das klar? Wenn ich morgen früh aufwache und sie weg ist, dann werde ich dir höchstpersönlich den Kopf dafür abreißen.«
Maran lächelte über ihre Formulierung, aber Kara blieb sehr ernst, und nach einigen Sekunden erlosch Marans Lächeln und machte einem nervösen, fast infantilen Grinsen Platz. Kara war nicht sicher, ob ihre Reaktion richtig gewesen war. Sie kannte Tess gut genug, um zu wissen, daß sie mit ihren Worten wahrscheinlich eher Tess’ Trotz schüren als ihre Einsicht fördern würde. Verdammt, warum war es nur so schwer, Entscheidungen zu treffen?
Sie beugte sich wieder über die Karte und musterte den gewaltigen Felsen. Er war größer als der Drachenfelsen und wurde vom gleichen Gewirr von Mauern, Türmen, Innenhöfen und zinnengesäumten Terrassen gekrönt.
»Das ist... unvorstellbar«, murmelte Zen. Er streckte die Hand aus, als wolle er den Berg berühren; ein Impuls, den Kara sehr gut verstand. Die dreidimensionale Abbildung war so naturgetreu, daß auch Kara glaubte, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um den glatten Fels zu fühlen. »Er muß groß genug für Hunderte von Drachen sein!«
»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Silvy.
»Ach? Und warum nicht?«
»Weil wir sie schon vor zehn Jahren geschlagen haben«, antwortete Silvy heftig. »Wenn sie tausend Drachen hätten, hätten sie uns längst überrannt.«
»Laßt uns hinfliegen und nachsehen«, sagte Tess. »Wir finden es nicht heraus, wenn wir hier sitzen und herumraten.«
»Wir werden nachsehen«, versprach Kara. »Aber nicht allein.« Sie machte eine entschiedene Handbewegung, und Tess schluckte die Antwort herunter, die ihr auf der Zunge gelegen hatte.