»Ich verspreche dir, daß du dabeisein wirst«, sagte Kara, »Ihr alle werdet dabeisein, wenn ihr das wollt. Doch zuerst müssen wir diese Karte zurückbringen. Aires und Cord müssen sie sehen.«
Sie blickte Tess aufmerksam an. Sie war sich nicht sicher aber sie glaubte zumindest, daß sich das zornige Funkeln in ihren Augen ein wenig gelegt hatte. »In Ordnung«, sagte sie. »Laßt uns sehen, welche Überraschungen diese Karte noch für uns bereit hat.«
Zwei Dinge versetzten sie noch in Erstaunen.
Zum einen war der Fundort der Karte nicht auf ihr eingetragen. Sie fanden eine ganze Reihe der großen, kraterförmigen Lichtungen, die das monotone Grün des Blätterdachs durchbrachen, aber an der Stelle, an der die abgestürzte Libelle gelegen hatte, fand sich etwas anderes, was kaum zu beschreiben war, irgend etwas Formloses befand sich unter den Baumwipfeln, etwas, das sich im Zehnsekundentakt der Karte bewegte, aber es war nicht zu erkennen, was es genau war.
Die zweite erstaunliche Entdeckung machten sie, als sie sich die Randbezirke der Karte ansahen. Ein Ausschnitt Schelfheims war zu erkennen, so detailliert, daß selbst einzelne Häuser auftauchten und Kara sich nicht einmal mehr gewundert hätte, wären plötzlich Menschen und Hornköpfe aus den Häusern getreten und hätten ihr zugewinkt. Auch die dahinterliegende Küstenregion – leider nicht der Drachenhort – ließ sich auf der Karte ausmachen.
Kara starrte eine der Küstenstädte so fassungslos an, daß es schließlich auch den anderen auffiel. »Was hast du?« fragte Zen.
»Diese Stadt«, murmelte Kara benommen.
Zen blickte das Rechteck am Rande der Steilküste einige Augenblicke lang verwirrt an, aber offenbar fiel ihm nichts Außergewöhnliches daran auf. »Und?«
»Es ist meine Heimatstadt«, antwortete Kara.
»Wie bitte?«
Kara nickte. »Ich bin dort aufgewachsen«, sagte sie. »Versteht ihr nicht? Diese Stadt war die letzte, die von Jandhis Feuerdrachen zerstört wurde. Sie existiert nicht mehr.«
»Aber das war vor zehn Jahren«, sagte Silvy. »Das bedeutet, daß...«
»Daß dieses Wrack seit mindestens zehn Jahren im Dschungel liegt«, führte Kara den Satz zu Ende. »Und die Karte ebenso alt ist.«
»Wahrscheinlich sogar älter«, sagte Zen düster. »Dieses Wrack sah aus, als läge es seit einem Jahrhundert dort.« Er atmete tief und hörbar ein. »Ist euch klar, was das bedeutet?«
Er sah sich fragend um. Als er keine Antwort bekam, fuhr er fort: »Es heißt nichts anderes, als daß sie seit mindestens zehn Jahren hier sind und uns beobachten.« Keiner der anderen antwortete darauf.
Aber als Kara am nächsten Morgen aufwachte, war Tess verschwunden. Sie bekam allerdings keine Gelegenheit, sich Maran vorzuknöpfen, wie sie ihm angedroht hatte. Maran und sein Drache waren ebenfalls fort. Und die Karte hatten sie auch mitgenommen.
28
Obwohl sie ihren Drachen das letzte abverlangten, sahen sie bis zum späten Nachmittag keine Spur von Maran oder Tess. Sie waren mit dem ersten Licht der Sonne losgeflogen, viel zu hastig, um sich im schwachen Licht des Morgens zu orientieren. Was allerdings verständlich war – Kara kochte innerlich vor Wut. Daß die beiden ihren eindeutigen Befehl so offen mißachtet hatten, war schlimm genug. Aber daß sie die Karte mitgenommen hatten, war unverzeihlich und mehr als töricht. Begriffen sie denn nicht, daß sie nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, sondern vielleicht das Schicksal der ganzen Welt?
Was von Kara Besitz ergriffen hatte, war kein gewöhnlicher Zorn mehr, der nach einer Weile verrauchte. Zum ersten Mal im Leben spürte sie so etwas wie Mordlust. In gewisser Hinsicht war es ganz gut, daß sie Maran und Tess nicht einholten. Kara war nicht sicher, was geschehen wäre, hätte sie die beiden in die Finger bekommen.
Vielleicht war auch ihr unbändiger Zorn der Grund, warum ihr die Veränderung nicht sofort auffiel, die mit ihrer Umgebung vonstatten ging.
Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten – ein brauner Fleck im Wipfelwald hier, ein blattloser Baum da, das umgestürzte Gerippe eines Riesenbaumes, manchmal ein Schimmern von Silber, das vom Grund des Waldes heraufdrang. Aber die Anzeichen wurden deutlicher, je weiter sie nach Norden kamen.
Der Wald starb.
Immer öfter flogen sie über sterbende Bäume dahin, und immer öfter sahen sie das Schimmern einer gewaltigen Wasserfläche, die sich am Grund des Waldes erstreckte; dort, wo eigentlich Gäas lebensspendender Sumpf sein sollte. Manchmal glitten sie über tote Baumgiganten dahin, die wie Pfähle eines irrsinnigen Riesenzaunes aus einer endlosen Wasserfläche emporragten, dann wieder tauchten grüne, lebende Inseln unter ihnen auf, die dem mörderischen Würgegriff des Wassers bisher getrotzt hatten. Aber wie lange noch?
Zwei Stunden vor Sonnenuntergang waren die Drachen mit ihrer Kraft am Ende. Aber sie hatten Glück, daß sie auf Anhieb einen Landeplatz fanden: einen Felsen, der dreißig Meter aus dem Wasser ragte. Kara ließ ihren Drachen zwei vorsichtige Runden über dem Berg drehen. Der Fels wirkte leblos, aber sie dachte an den Bewohner der Höhle, in der sie die Nacht verbracht hatten, und so ließ sie Markor und die beiden anderen Drachen einen Schwall Feuer über den Lavafelsen speien, ehe sie endgültig landeten.
Markor wäre fast gestürzt, als er auf dem Berg aufsetzte. Seine ungeschickte Landung zeigte Kara deutlicher als alles andere, wie erschöpft die Tiere waren, und dieser Gedanke wiederum ließ ihre Sorge um Maran und Tess zu neuer Glut aufflammen. Die Drachen der beiden mußten ebenso erschöpft sein wie ihre Tiere. Wenn sie den Berg fanden und wenn es dort auch nur noch einen einzigen Verteidiger gab, dann hatten die beiden keine Chance.
Umständlich, mit steifen, schmerzenden Gliedern, kletterte Kara von Markors Rücken und entfernte sich ein paar Schritte von dem Drachen. Der Boden unter ihren Füßen war noch heiß. Grauer Rauch drang aus Felsspalten und Rissen im Fels, und der scharfe Geruch von heißem Stein lag in der Luft. Schaudernd sah sich Kara um. Sie glaubte nicht, daß Markors Feuer mehr Schaden angerichtet hatte, als ein paar Algen und Schimmelpilze zu verbrennen. Der Felsblock war so tot, wie er nur sein konnte – genauso leblos wie die Umgebung, in der er lag.
Karas Blick tastete über die silbergraue Wasserwüste, aus der sich der Felsbuckel erhob. Aus der Luft war der Anblick schlimm gewesen; aus der Nähe war er entsetzlich. Der Wald hatte sich gelichtet. Viele Bäume waren einfach verschwunden. Hier und da ragte noch ein fauliger Stumpf aus dem Wasser, an manchen Stellen waren große Schatten unter der Oberfläche sichtbar, und nicht weit von Kara entfernt hatte ein einzelner Baum seine grüne Krone behalten. Als sie aber genauer hinsah, erkannte sie, daß es nicht das Grün von Blattwerk war, sondern unzählige Parasitenpflanzen, die sich auf den kahl gewordenen Ästen niedergelassen hatten. Doch auch die Parasiten würden nicht mehr lange leben; zwischen dem Grün gewahrte Kara häßliche braune Flecke, die wie Rost aussahen.
»Entsetzlich, nicht wahr?«
Kara widerstand der Versuchung, sich herumzudrehen, als sie Zens Stimme hörte. Statt dessen nickte sie nur und blickte weiter nach Norden. Es sah beinahe so aus, als erstrecke sich das Meer bis ans Ende der Welt. Kara verstand einfach nicht, woher die unvorstellbaren Mengen von Wasser kamen. Jeder Versuch, seine Menge zu schätzen, mußte kläglich scheitern, zumal für Menschen, die auf einer Welt aufgewachsen waren, auf der jeder kleine See ein Wunder bedeutete.
»Es ist absurd«, murmelte Zen hinter ihr. Er wartete einen Moment, und als sie immer noch keine Anstalten machte, irgendwie auf seine Worte zu reagieren, trat er mit einem Schritt neben sie und blickte sie von der Seite her an. »Wäre es nicht so entsetzlich, dann würde ich lachen, weißt du? Ich habe immer gedacht, ohne Wasser gäbe es kein Leben. Das hat man uns doch beigebracht, oder? Daß das Wasser der Ursprung allen Lebens ist.«
Kara sah ihn an und schwieg. Zen wollte keine Antworten. Er wollte nur reden.