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»Aber das Wasser tötet das Leben«, fuhr er fort. »Dieser Wald ist mehr als hunderttausend Jahre alt. Und jetzt stirbt er innerhalb weniger Jahrzehnte!«

Falsch, dachte Kara. Innerhalb weniger Jahre. Auf der Karte war dieser Teil des Dschungels noch als lebend und unversehrt eingezeichnet gewesen. Von einem See – geschweige denn von einem Meer! – hatte sie keine Spur entdecken können.

»Vielleicht ist das der Grund, aus dem sie gekommen sind«, murmelte Zen.

»Die Fremden!«

Zen nickte. »Ja. Vielleicht... ich meine, vielleicht wurde ihre Heimat zerstört. Ich habe darüber nachgedacht, weißt du? Es kann kein Zufall sein, daß sie gerade jetzt aufgetaucht sind. Vielleicht leben sie in einem Teil des Schlundes, der untergegangen ist, und suchen neuen Lebensraum.«

Kara dachte einen Moment über diese Idee nach. Plausibel aber aus irgendeinem Grund vermochte der Gedanke sie nicht zu überzeugen. Andererseits hatte sie keinen wirklichen Anlaß, Zen zu widersprechen, da sie so gut wie nichts über die Welt jenseits des Drachenfelsen wußten.

»Die Höhle, von der du erzählt hast«, fuhr Zen nach einer Weile fort. Kara blinzelte irritiert, bis ihr klar wurde, daß Zen übergangslos das Thema gewechselt hatte.

»Glaubst du, daß es das hier ist?«

Sie blinzelte abermals, ein wenig überrascht über die Frage. Sie hatte geglaubt, als einzige auf diese verrückte Idee gekommen zu sein. Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Nein. Ich habe selbst schon mit dem Gedanken gespielt, aber das ist unmöglich. Die Höhle ist groß, aber nicht so groß – «

»Woher willst du das wissen?« unterbrach sie Zen. »Du hast selbst gesagt, daß du nicht weißt, wie groß das unterirdische Meer ist.«

»So groß jedenfalls nicht«, beharrte Kara. »Außerdem liegt ihr Wasserspiegel fast eine Meile unter dem Schlund. Und Wasser fließt in den allerwenigsten Fällen nach oben – glaube ich.«

Sie lächelte, aber Zen blieb ernst.

»Der Wasserspiegel fällt«, beharrte er. »Und hier erscheint plötzlich ein Meer, das es vorher nicht gegeben hat.«

»Ich könnte mir ein Dutzend Erklärungen einfallen lassen, die einleuchtender und logischer sind.« Kara war selbst ein wenig überrascht, als ihr die Schärfe in ihrer Stimme auffiel. Erst jetzt spürte sie, wie sehr Zens Worte sie erschreckt hatten. »Vielleicht hat es irgendwo ein Erdbeben gegeben, das den Lauf einiger Flüsse verändert hat. Oder ein Damm ist gebrochen.«

Sie spürte, wie unbefriedigend diese Erklärung war. Zen machte sich nicht einmal die Mühe, darauf zu antworten.

Mit einem resignierenden Seufzen ging er an ihr vorbei und schritt vorsichtig über den Felsen, bis er das Wasser erreicht hatte. Er beugte sich vor und blieb reglos und sehr aufmerksam stehen, um auf eine Stelle unweit des Ufers zu blicken. Als Kara in die gleiche Richtung sah, erkannte sie, daß etwas im Wasser schwamm. Sie konnte nicht genau erkennen, was es war, aber es war groß und dunkel und bewegte sich leicht auf den Felsen zu. Zen beugte sich vor und streckte die Hand aus.

»Faß es nicht an!« sagte Kara erschrocken.

Zen erstarrte mitten in der Bewegung, und Kara warf einen raschen Blick in den Himmel hinauf, ehe sie losrannte. Silvys Drache kreiste noch immer über der Insel. Aus irgendeinem Grund wagte sie es nicht, zu landen. Aber vielleicht hatte sie etwas entdeckt, das sie weiter aus der Luft beobachten wollte.

Sie blieb neben Zen stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter, obwohl er den Arm längst wieder zurückgezogen hatte. »Rühr nichts an«, sagte sie noch einmal. Gleichzeitig beugte sie sich weiter vor, um erkennen zu können, was vor ihnen im Wasser schwamm. Es war ein mehr als mannsgroßes Büschel aus fauligem Wurzelwerk oder Tang, das wie nasses Haar im Wasser wehte.

Zen streifte mit sanfter Gewalt ihre Hand ab, watete ein paar Schritte ins Wasser hinein und zog sein Schwert. Ohne zu zögern, streckte er den Arm aus und angelte einen Wurzelstrang aus dem Meer; verwesende weiße Fäden, die traurig und leblos von seinem Schwert herabhingen.

»Gäa«, flüsterte Kara erschüttert. Zen sagte nichts, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Sein Fund hatte sie schlagartig der letzten Möglichkeit beraubt, sich selbst etwas vorzulügen. Dieses Meer war nicht immer hier gewesen. Der Boden, aus dem sich der Felsen erhob, hatte vor nicht einmal langer Zeit zu Gäas Reich gehört. Das Wasser hatte sie erstickt wie den Wald, den sie und von dem sie sich ernährte.

Zen schleuderte das tote Geflecht angewidert von sich und schwenkte sein Schwert ein paarmal heftig durch das Wasser, um die Klinge zu reinigen. Tot oder nicht, Gäa war vermutlich das gefährlichste Geschöpf, das jemals auf diesem Planeten existiert hatte. Zen watete ans Ufer zurück, dann legte er plötzlich den Kopf in den Nacken und sah zu Silvy hinauf, die noch immer über der Insel kreiste. »Warum landet sie nicht?«

Silvy flog zu weit oben, um ihr etwas zurufen zu können, deshalb signalisierte Kara eine entsprechende Frage. Sie war ziemlich sicher, daß Silvy ihre weit ausholenden Gesten gesehen hatte. Aber die erhoffte Reaktion blieb aus. Ganz im Gegenteil schlug Silvys Drache plötzlich heftiger mit den Flügeln und schraubte sich in engen Spiralen wieder höher in den Himmel hinauf.

»Was, zum Teufel...« murmelte Zen und brach erschrocken mitten im Satz ab, als Silvys Drache plötzlich nach Norden schwenkte und über den abgestorbenen Wipfeln des Waldes verschwand.

O nein, dachte Kara. Nicht sie auch noch! Waren denn jetzt hier alle verrückt geworden?

Aber dann tauchte Silvys Drache aus der anderen Richtung über dem Wald auf. Sie war nicht mehr allein. Hinter ihr glitt der Schatten eines zweiten Drachen über den Himmel, und für wenige Augenblicke bildete sich Kara fast ein, auch ein drittes Tier zu erkennen. Aber das war nur ein Trugbild, etwas, das sie lediglich sehen wollte.

In aller Deutlichkeit allerdings bemerkte sie, daß mit diesem Drachen etwas nicht stimmte: So hoch sie auch flogen, konnte sie doch erkennen, daß das Tier entweder verletzt oder zu Tode erschöpft sein mußte: Seine Flügelschläge waren langsam und schwerfällig, er hatte Mühe, mit Silvys Drachen mitzuhalten, obwohl der fast gemächlich vor ihm dahinglitt. Immer wieder taumelte er oder drohte abzustürzen, und Kara war plötzlich nicht einmal mehr sicher, daß er das kurze Stück bis zur Insel noch schaffen würde. Sie konnte jetzt den Reiter erkennen, der zusammengesunken über dem Hals des Drachen lag, konnte aber nicht ausmachen, ob es sich dabei um Maran oder Tess handelte.

Sie liefen ein Stück vom Ufer zurück und begannen Silvy zuzuwinken. Silvy lenkte ihr Tier in einer eleganten Schleife auf die Insel zu, und der zweite Drache versuchte, das Manöver nachzuvollziehen, hatte aber nicht mehr die nötige Kraft. Er taumelte, und seine Schwinge berührte die Baumkronen. Ein gewaltiges Splittern und Krachen erscholl; der zweite Drache schrie vor Schmerz und Angst und sackte einen entsetzlichen Moment lang wie ein Stein in die Tiefe, ehe es ihm mit einer verzweifelten Anstrengung gelang, seinen Sturz abzufangen. Wie durch ein Wunder wurde der Reiter auf seinem Rücken bei diesem Manöver nicht abgeworfen.

»Wir müssen ihm helfen!« schrie Zen.

Ja, dachte Kara. Aber wie? Ihr Blick suchte die beiden anderen Tiere. Die Drachen waren unruhig und bewegten die Flügel, als spürten sie wie Kara, in welcher Gefahr ihr Gefährte schwebte. »Er stürzt!«

Zens Stimme überschlug sich, und Karas Herz macht einen erschrockenen Sprung, als sie sah, daß der Drache tatsächlich steil in die Tiefe schoß. Fast auf sie und Zen zu! Einen schrecklichen Moment lang war sie fest davon überzeugt, daß er sie treffen und zermalmen würde, dann warf sich das Tier im buchstäblich allerletzten Moment herum, breitete noch einmal die Flügel aus und glitt um Haaresbreite über ihnen hinweg. Sie wurden beide von den Füßen gerissen und stürzten. Kara schlug sich Hände und Knie auf den harten Felsen blutig, während der Drache ein Stück von der Insel entfernt auf dem Wasser aufprallte.