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Kara fegte mit einem gewaltigen Satz an Zen vorbei, stieß sich ab und landete im Wasser, noch ehe sie auf ihre innere Stimme hören konnte, die ihr verzweifelt zuzuschreien versuchte, daß sie nicht schwimmen konnte. Rasend schnell schoß sie durch das schäumende Wasser, sah eine Gestalt vor sich in der Gischt auftauchen und griff instinktiv zu. Ihre Finger bekamen nasses Leder zu fassen. Kara klammerte sich mit verzweifelter Kraft am Flügel des tobenden Drachen fest und brachte sogar irgendwie das Kunststück fertig, sich weiter hinaufzuziehen. Es war völlig absurd, aber während sie sich keuchend und mit letzter Kraft Stück für Stück weiter auf die peitschende Riesenschwinge hinaufarbeitete, war ihr einziger Gedanke, daß sie Cord oder Storm unbedingt darum bitten mußte, ihr das Schwimmen beizubringen, sobald sie zurück im Hort war.

Wahrscheinlich hätte sie es nicht geschafft, hätte der Drache nicht zu toben aufgehört. Seine Bewegungen wurden schwächer, und schließlich lag die gewaltige Schwinge still wie das Segel eines untergegangenen Schiffes auf dem Wasser.

Kara gönnte sich eine einzige, kostbare Sekunde, um wieder zu Atem und Kräften zu kommen, dann stemmte sie sich auf Hände und Knie und kroch los. Der Drache rührte sich nicht mehr, aber der Flügel gab unter ihrem Gewicht immer wieder nach. Sie wußte, daß der Drache tot war, lange bevor sie seinen Körper erreichte und sich auf seinen schuppigen Rücken hinaufzog. Es war nicht der Sturz gewesen, der ihn umgebracht hatte. Seine Flanken und sein Hals waren übersät mit tiefen, blutenden Wunden. Wie es schien, hatten Tess und Maran wirklich den zweiten Drachenfels gefunden.

Sie versuchte, den Schmerz zu verdrängen, mit dem sie der Tod des Drachen erfüllte, und eilte auf die reglose Gestalt in seinem Nacken zu. Es war Maran, und Kara erkannte, weshalb er bei dem verzweifelten Flugmanöver des Tieres nicht abgeworfen worden war: Er hatte sich im Sattel festgebunden. Aber er regte sich nicht, und er reagierte auch nicht, als Kara seinen Namen rief.

Voller Panik kniete sie neben ihm nieder, zerrte den Dolch aus dem Gürtel und zerschnitt die Lederriemen, die Maran hielten. Mit einer schrecklich schlaffen Bewegung sackte Maran zur Seite und wäre ins Wasser gefallen, hätte Kara nicht rasch zugegriffen und ihn aufgefangen. Seine Haut war eiskalt, und für einen furchtbaren Moment war sie ganz sicher, daß auch er tot war.

Sie konnte ihn kaum noch halten. Ihre Finger glitten auf dem nassen Leder seiner Jacke ab. Wo, zum Teufel, blieb Zen? Sie sah zum Ufer zurück. Zen war bis auf die Hüften ins Wasser gewatet, unternahm aber keinen Versuch näher zu kommen. Natürlich – er konnte auch nicht schwimmen. Die wenigsten Drachenkrieger konnten schwimmen.

Kara versuchte, die Hände in Marans Jacke zu krallen, aber immer wieder entglitt sie ihm. Verzweifelt und ohne wirklich darüber nachzudenken, packte sie schließlich sein schulterlanges, dichtes Haar. Ob sie ihn auf diese Weise wirklich gehalten hätte, erfuhr sie nie – ihr Griff bereitete ihm auf jeden Fall genug Schmerzen, um ihn aus der Bewußtlosigkeit zu reißen. Stöhnend öffnete er die Augen, tastete blindlings um sich und fand am schuppigen Hals des toten Drachen Halt.

»Verdammt, hilf mir!« stöhnte Kara. Die Anstrengung überstieg fast ihre Kräfte. »Willst du ertrinken?«

Maran kam langsam zu sich; er schien zu begreifen und griff kräftig zu. Endlich schwand der entsetzliche Druck von ihren Schultermuskeln. Sie atmete erleichtert auf, ließ aber erst ganz los, als sie sicher war, daß sich Maran aus eigener Kraft halten konnte.

Fast eine Minute lang lagen sie beide keuchend und völlig erschöpft nebeneinander, dann hob Kara mühsam den Kopf und sah Maran an. Er hatte sich weiter in die Höhe gezogen und war über dem Sattel zusammengebrochen. Kara erschrak erneut, als sie seinen Rücken sah. Nicht nur sein Drache war von dem entsetzlichen grünen Licht der Libellen getroffen worden.

»Beweg dich nicht!« sagte sie erschrocken. Sie plagte sich auf und spürte, wie ihr schwindelig wurde. Trotzdem fuhr sie fort:

»Ich bringe dich... an Land. Irgendwie.«

Irgendwie schaffte sie es, wenngleich sie einen Grad der Erschöpfung erreicht hatte, der sie nicht einmal mehr spüren ließ, daß Silvy und Zen ihnen auf dem letzten Stück entgegenwateten und sie beide an Land zogen.

Sie verlor nicht das Bewußtsein, aber sie dämmerte lange am Rande einer Ohnmacht dahin. Die Sonne war bereits hinter den Bäumen verschwunden, als sie sich so weit erholt hatte, daß sie sich aufsetzen und zu Silvy und Zen hinüberkriechen konnte, die sich noch immer um Maran bemühten. Seine Augen waren geschlossen, aber dann hob er die Lider, als spüre er ihre Nähe, kaum daß sie neben ihm ankam. Sein Blick war getrübt, und doch glaubte sie, daß er sie erkannte.

Maran zitterte am ganzen Leib, und auch Kara fror entsetzlich. Die Nacht würde noch kälter werden. Kara hoffte, daß Maran überlebte. Leider wies die Felseninsel keine Höhle auf. »Wie geht es ihm? «

Zen zuckte mit den Schultern, und Silvy machte ein besorgtes Gesicht. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Die Verbrennungen auf seinem Rücken sind nicht sehr tief, aber sehr groß. Ich habe nichts, um die Wunde zu versorgen. Möglich, daß sie sich entzündet.«

Kara beugte sich vor, berührte flüchtig Marans Stirn und lächelte, als er den Kopf zu drehen versuchte, um sie anzusehen. »Wie fühlst du dich?« fragte sie.

»Es ist sinnlos«, sagte Zen. »Er versteht dich nicht. Ich habe es ein paarmal versucht.« Er zögerte sichtlich, dann griff er unter seine Jacke und zog etwas hervor. »Das hatte er bei sich.«

Kara riß überrascht die Augen auf, als sie sah, daß es die Karte war; völlig durchweicht und zerknittert, aber ansonsten unbeschädigt.

»Er?« murmelte sie. »Aber das bedeutet, daß...«

»Daß er wahrscheinlich die Idee hatte, auf eigene Faust loszuziehen und den Helden zu spielen«, fiel ihr Zen ins Wort. »Nicht Tess.« Beinahe haßerfüllt sah er auf Maran herab. »Ich schwöre dir: Wenn sie tot ist, dann bringe ich ihn eigenhändig um!«

Kara lag eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber sie sprach sie nicht aus. Zen liebte Tess, das war ein offenes Geheimnis, aber er war auch als sehr besonnen bekannt.

Statt Zen zurechtzuweisen, machte sie nur eine besänftigende Handbewegung. »Vielleicht versuchen wir erst einmal, am Leben zu bleiben, ehe wir Pläne schmieden, wer wen umbringt«, sagte sie. »Wir müssen mit ihm reden.«

»Wozu?« grollte Zen.

»Vielleicht, damit uns nicht dasselbe passiert wie ihm«, antwortete Silvy an Karas Stelle. »Du scheinst nämlich recht gehabt zu haben. Es sieht so aus, als wären wir ganz in der Nähe ihres Hauptquartiers.«

Zen preßte die Lippen zusammen und starrte sie wortlos an. »Wir müssen ihn irgendwie wärmen«, sagte Kara. »Er erfriert sonst.« Sie überlegte einen Moment, dann deutete sie auf die Drachen. »Bringen wir ihn dorthin. Wenigstens sind wir da aus dem Wind heraus.«

Vorsichtig, um ihm nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen, trugen sie Maran in den Windschatten der gewaltigen Tiere. Und Karas Einfall erwies sich als doppelt nützlich: Markor mußte spüren, wie es um sie stand, denn er breitete plötzlich eine seiner Schwingen aus, so daß sie sich wie das Dach eines lebenden Zeltes über ihnen spannte.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang begann Maran zu fiebern, und als sich Kara seinen Rücken besah, stellte sie fest, daß genau das eingetreten war, was Silvy befürchtet hatte: Die Verbrennung hatte sie entzündet. Das salzige Wasser hatte alles nur noch schlimmer gemacht, was Kara auch nicht im geringsten überraschte. Die Wunden auf ihren Händen und Knien brannten wie Feuer. Das Wasser war nicht einfach nur salzig, es stank und war faulig.

»Er stirbt, Kara«, sagte Silvy, nachdem sie eine Weile besorgt in sein Gesicht geblickt hatte. »Tu irgend etwas, Kara. Hilf ihm!«