»Bitte, Zen«, sagte sie ein wenig sanfter. »Beruhige dich. Laß ihn erzählen.« Sie wandte sich an Maran. »Wenn du dich in der Lage dazu fühlst.«
»Erzählen?« Maran machte eine verwirrende Geste. »Ja, ich... ich versuche es. Aber ich... ich erinnere mich kaum.«
»Das würde ich an deiner Stelle auch nicht«, bemerkte Zen voller Haß.
»Jetzt halte endlich den Mund!« fuhr ihn Kara an. »Setz dich hin!«
Zen starrte abwechselnd sie und Maran an. In seinem Gesicht arbeitete es. Für einen Moment war Kara nicht sicher, daß er ihr gehorchen würde. Aber dann ließ er sich mit einer trotzigen Bewegung zu Boden sinken und starrte Maran nur haßerfüllt an. Kara machte eine auffordernde Geste. »Was ist passiert?«
»Ich... weiß nicht einmal, wie... wie ich zurückgekommen bin«, murmelte Maran. »Wie komme ich hierher? Wasser. Da war Wasser, Hast du mich... herausgeholt?«
»Ja. Aber was ist vorher geschehen, Maran? Ihr wart dort, nicht wahr?« Sie deutete auf den Horizont im Norden, vermied es aber, in diese Richtung zu sehen.
Maran schluchzte. »Ja. Ich...«
»Wie hast du Tess dazu gebracht, dich zu begleiten?« unterbrach ihn Zen aufgebracht.
Kara warf ihm einen warnenden Blick zu – aber sie sagte nichts. Maran setzte sich mit einem Ruck ganz auf und funkelte Zen an.
»Ich?« schnappte er. »Bist du verrückt? Sie ist einfach auf ihren Drachen gestiegen und davongeflogen! Ich habe versucht, sie zurückzuhalten, aber es ist mir nicht gelungen.«
»O ja!« höhnte Zen. »Das glaube ich dir! Deswegen hattest du ja auch die Karte in der Tasche, nicht wahr?« Er zog die Karte unter der Jacke hervor und schleuderte sie vor Maran auf den Boden. Maran blickte sie verstört an, und Kara beugte sich rasch vor und nahm die Karte an sich.
»Reiß dich zusammen, Zen«, sagte sie mit schneidender Stimme. »Erzähle weiter, Maran. In allen Einzelheiten. Und – bitte – die Wahrheit.«
»Ich habe nichts zu verbergen!« antwortete Maran in einem Ton, der in Karas Ohren eine Spur zu heftig klang. »Du hattest mir befohlen, auf Tess aufzupassen«, fuhr er fort, »und genau das habe ich getan. Ich gebe zu, ich bin eingeschlafen, aber ich wurde wach, als ich sie in der Höhle hantieren hörte. Ich sah, daß sie die Karte an sich genommen hatte, und ging ihr nach, um sie zur Rede zu stellen.«
»Warum hast du mich nicht geweckt?«
»Warum sollte ich? Ich konnte ja nicht ahnen, daß sie plötzlich verrückt spielt!«
»Verrückt spielt?«
Maran zögerte einen Augenblick. »Sie hat mich niedergeschlagen«, gestand er. »Ohne Warnung. Ich muß wohl einen Moment das Bewußtsein verloren haben. Als ich wieder zu mir kam, war sie schon auf ihrem Drachen.«
»Und warum hast du uns da nicht geweckt?« fragte Kara mißtrauisch. Etwas an Marans Geschichte gefiel ihr nicht. »Dazu war keine Zeit«, verteidigte sich Maran. »Es war dunkel! Was hätte ich tun sollen? Auf euch warten? Bis dahin wäre sie längst in der Nacht verschwunden gewesen! Ich bin zu meinem Drachen gelaufen und habe die Verfolgung aufgenommen.«
»Du hättest schreien können – während du zu deinem Drachen rennst.«
»Ich gebe zu, das war ein Fehler«, sagte Maran – in einem Ton, der klarmachte, daß er eigentlich gar nichts zugab. »Ich war wütend. Und ich dachte, ich hätte eine gute Chance, sie einzuholen und zurückzubringen, bevor...«
»Bevor was?« fragte Zen, als Maran nicht weitersprach.
»Bevor ihr überhaupt etwas merkt«, antwortete Maran heftig. »Verdammt, glaubst du, ich war stolz darauf, daß sie mich übertölpelt hat? Ich war wütend. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Na und? Willst du mich dafür erschlagen oder aufhängen lassen?«
»Du hast sie also nicht eingeholt«, sagte Kara rasch, ehe Zen antworten konnte.
Maran schnaubte. »Eingeholt? Sie hat Katz und Maus mit mir gespielt! Erst als die Sonne aufging, erreichte ich sie. Sie hatte auf mich gewartet.«
»Wieso?«
»Woher soll ich das wissen?« schnappte Maran. »Vielleicht wollte sie nicht allein weiterfliegen. Vielleicht hatte sie auch Angst, daß ich nicht zu euch zurückfinde und ums Leben komme. Wir haben uns gestritten. Ich habe ihr die Karte fortgenommen und verlangt, daß wir zurückfliegen. Aber sie hat sich geweigert. Und schließlich hat sie mich überzeugt, daß wir genausogut auch weiterfliegen konnten. Es war nicht mehr allzu weit.« Seine Stimme nahm wieder jenen verteidigenden Tonfall an, der es Kara so schwermachte, ihm zu glauben. »Ich hatte nicht vor, den Felsen anzugreifen. Ich wollte nur einen Blick darauf werfen und dann zurückfliegen. Und Tess hat mir versprochen, nichts ohne mein Einverständnis zu unternehmen.«
»Ich glaube dir nicht«, sagte Zen.
Kara stimmte ihm im stillen zu, gebot ihm aber mit einer unwilligen Geste, still zu sein.
»Nach zwei Stunden konnten wir den Felsen sehen«, fuhr Maran fort. »Er sieht wirklich genauso aus wie auf der Karte. Aber er ist sehr viel größer, als ich dachte. Er muß Platz für tausend Drachen bieten, falls es dort noch welche gibt.«
»Falls?« fragte Kara. »Wart ihr denn nicht da?«
»Nicht nahe genug, um Einzelheiten zu erkennen«, antwortete Maran düster. »Ich schätze, wir waren noch fünfzig oder sechzig Meilen entfernt, als sie uns angriffen.«
»Libellen?«
Maran nickte. »Ein ganzer Schwarm«, sagte er. »Zwanzig oder dreißig Maschinen. Wir konnten eine vernichten, aber dann mußten wir fliehen. Tess und ich wurden getrennt. Ich weiß nicht, was mit ihr passiert ist.«
»Du hast dich nicht einmal überzeugt, was ihr passiert ist?« fragte Zen aufgebracht.
»Ich hatte zu tun, weißt du?« fauchte Maran. »Ich hatte ein Dutzend von diesen... Dingern am Hals und war damit beschäftigt, am Leben zu bleiben – wenn du gestattest.«
»Hört auf!« sagte Silvy erschrocken. »Still!«
Alle drei sahen sie überrascht an. Silvy hatte sich wieder aufgesetzt und den Kopf in den Nacken gelegt. »Hört ihr nichts?« flüsterte sie.
Im ersten Moment hörte Kara tatsächlich nichts – aber dann vernahm sie ein fernes, dunkles Grollen, das sie bis ins Mark erschreckte, ohne daß sie auch nur wußte, was es war. Sie sah auf...
... und sprang mit einem Schreckensschrei in die Höhe.
Die Brände im Norden erloschen einer nach dem anderen, und im gleichen Augenblick wußte Kara, was sich ihnen näherte. »Weg hier!« schrie sie. »Auf die Drachen! Schnell!«
Sie riß Maran in die Höhe und zerrte ihn mit sich, während die beiden anderen zu ihren Drachen hetzten. Markor bewegte sich unruhig, und Marans Gewicht erschwerte es ihr noch mehr, auf den Rücken des Drachen zu klettern. Sie mußte Markor keine Befehle mehr erteilen; der Drache breitete die Schwingen aus und stieß sich mit einem gewaltigen Satz in die Höhe, kaum daß Kara im Sattel saß.
Keine zwanzig Sekunden später erbebte die Insel unter dem Anprall einer gewaltigen Flutwelle. Gischt spritzte so hoch in die Luft, daß selbst Kara auf Markors Rücken noch einige Spritzer abbekam. Kara hörte ein krachendes Splittern, als einige der Baumriesen am Waldrand umstürzten. Die Insel verschwand im brodelnden Meer.
»Das war knapp«, keuchte Maran. »Eine Minute später, und...«
Kara nickte wortlos. Sie starrte gebannt in die Tiefe. Das Wasser war einfach über die Insel hinweggespült.
»Was war das?« flüsterte Maran. »Du hast behauptet, etwas wäre explodiert?«
»Es war wohl eine ziemlich große Explosion«, murmelte Kara. Ihre Stimme klang flach, und sie spürte, wie das Entsetzen ihr ganzes Denken lähmte. Was würde noch passieren? Eine Weile kreisten sie über der Lichtung, bis Kara glaubte, daß sie das Schlimmste hinter sich hatten, und das Zeichen zur Landung gab. Natürlich war an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Also konnten sie auch ebensogut Pläne für ihr weiteres Vorgehen schmieden.