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Fast eine Minute lang lagen sie beide keuchend und völlig erschöpft nebeneinander, dann hob Kara mühsam den Kopf und sah Maran an. Er hatte sich weiter in die Höhe gezogen und war über dem Sattel zusammengebrochen. Kara erschrak erneut, als sie seinen Rücken sah. Nicht nur sein Drache war von dem entsetzlichen grünen Licht der Libellen getroffen worden.

»Beweg dich nicht!« sagte sie erschrocken. Sie plagte sich auf und spürte, wie ihr schwindelig wurde. Trotzdem fuhr sie fort: »Ich bringe dich... an Land. Irgendwie.«

Irgendwie schaffte sie es, wenngleich sie einen Grad der Erschöpfung erreicht hatte, der sie nicht einmal mehr spüren ließ, daß Silvy und Zen ihnen auf dem letzten Stück entgegenwateten und sie beide an Land zogen.

Sie verlor nicht das Bewußtsein, aber sie dämmerte lange am Rande einer Ohnmacht dahin. Die Sonne war bereits hinter den Bäumen verschwunden, als sie sich so weit erholt hatte, daß sie sich aufsetzen und zu Silvy und Zen hinüberkriechen konnte, die sich noch immer um Maran bemühten. Seine Augen waren geschlossen, aber dann hob er die Lider, als spüre er ihre Nähe, kaum daß sie neben ihm ankam. Sein Blick war getrübt, und doch glaubte sie, daß er sie erkannte.

Maran zitterte am ganzen Leib, und auch Kara fror entsetzlich. Die Nacht würde noch kälter werden. Kara hoffte, daß Maran überlebte. Leider wies die Felseninsel keine Höhle auf.

»Wie geht es ihm?«

Zen zuckte mit den Schultern, und Silvy machte ein besorgtes Gesicht. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Die Verbrennungen auf seinem Rücken sind nicht sehr tief, aber sehr groß. Ich habe nichts, um die Wunde zu versorgen. Möglich, daß sie sich entzündet.«

Kara beugte sich vor, berührte flüchtig Marans Stirn und lächelte, als er den Kopf zu drehen versuchte, um sie anzusehen. »Wie fühlst du dich?« fragte sie.

»Es ist sinnlos«, sagte Zen. »Er versteht dich nicht. Ich habe es ein paarmal versucht.« Er zögerte sichtlich, dann griff er unter seine Jacke und zog etwas hervor. »Das hatte er bei sich.«

Kara riß überrascht die Augen auf, als sie sah, daß es die Karte war; völlig durchweicht und zerknittert, aber ansonsten unbeschädigt.

»Er?« murmelte sie. »Aber das bedeutet, daß...«

»Daß er wahrscheinlich die Idee hatte, auf eigene Faust loszuziehen und den Helden zu spielen«, fiel ihr Zen ins Wort. »Nicht Tess.« Beinahe haßerfüllt sah er auf Maran herab. »Ich schwöre dir: Wenn sie tot ist, dann bringe ich ihn eigenhändig um!«

Kara lag eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber sie sprach sie nicht aus. Zen liebte Tess, das war ein offenes Geheimnis, aber er war auch als sehr besonnen bekannt.

Statt Zen zurechtzuweisen, machte sie nur eine besänftigende Handbewegung. »Vielleicht versuchen wir erst einmal, am Leben zu bleiben, ehe wir Pläne schmieden, wer wen umbringt«, sagte sie. »Wir müssen mit ihm reden.«

»Wozu?« grollte Zen.

»Vielleicht, damit uns nicht dasselbe passiert wie ihm«, antwortete Silvy an Karas Stelle. »Du scheinst nämlich recht gehabt zu haben. Es sieht so aus, als wären wir ganz in der Nähe ihres Hauptquartiers.«

Zen preßte die Lippen zusammen und starrte sie wortlos an.

»Wir müssen ihn irgendwie wärmen«, sagte Kara. »Er erfriert sonst.« Sie überlegte einen Moment, dann deutete sie auf die Drachen. »Bringen wir ihn dorthin. Wenigstens sind wir da aus dem Wind heraus.«

Vorsichtig, um ihm nicht noch mehr Schmerzen zuzufügen, trugen sie Maran in den Windschatten der gewaltigen Tiere.

Und Karas Einfall erwies sich als doppelt nützlich: Markor mußte spüren, wie es um sie stand, denn er breitete plötzlich eine seiner Schwingen aus, so daß sie sich wie das Dach eines lebenden Zeltes über ihnen spannte.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang begann Maran zu fiebern, und als sich Kara seinen Rücken besah, stellte sie fest, daß genau das eingetreten war, was Silvy befürchtet hatte: Die Verbrennung hatte sie entzündet. Das salzige Wasser hatte alles nur noch schlimmer gemacht, was Kara auch nicht im geringsten überraschte. Die Wunden auf ihren Händen und Knien brannten wie Feuer. Das Wasser war nicht einfach nur salzig, es stank und war faulig.

»Er stirbt, Kara«, sagte Silvy, nachdem sie eine Weile besorgt in sein Gesicht geblickt hatte. »Tu irgend etwas, Kara. Hilf ihm!«

Kara hatte diese Bitte befürchtet. Sie selbst hatte im Laufe der letzten Stunde mehr als ein Dutzend Mal daran gedacht, das bißchen Wissen um die geheime Heilmagie der Drachenkrieger anzuwenden, um ihm zu helfen, war aber jedes Mal davor zurückgeschreckt. Angella hatte ihr so wenig erzählt.

»Ich weiß nicht, ob ich es kann«, sagte sie ausweichend.

»Vielleicht bringe ich ihn damit um.«

»Ich glaube nicht, daß du noch viel Schaden anrichten kannst«, erwiderte Silvy. »Er stirbt, wenn wir nichts tun.«

Kara zögerte noch lange; Minuten, in denen sich Marans Zustand so rasch verschlechterte, daß Silvy sie stumm und vorwurfsvoll anblickte.

»Also gut«, sagte sie schließlich. »Helft mir!«

Gemeinsam entkleideten sie Maran und betteten ihn so auf den Boden, daß seinem Rücken übermäßige Schmerzen erspart blieben. Dann begannen Karas Hände und Fingerspitzen behutsam über seinen Körper zu gleiten. Sie berührten Nervenknoten, fuhren die Bahnen entlang, die die geheimen Ströme seines Körpers entlangliefen, massierten, streichelten, kneteten, drückten. Nach einer Weile fühlte sie, wie sich ihre Fingerspitzen auf Marans Haut zu erwärmen begannen. Es war mehr als die Wärme, die die Berührung berursachte. Kara glaubte ein Prickeln und Kribbeln zu verspüren, als flössen geheimnisvolle Kräfte von ihrem Körper in den seinen und umgekehrt. Ganz allmählich beruhigte sich Marans rasender Pulsschlag, und Kara begann Hoffnung zu schöpfen, daß ihr Tun ihm vielleicht wirklich half.

Aires hatte ihr einmal erklärt, daß diese Art der Massage auf eine uralte Technik zurückging, die sogar noch älter als die Alte Welt sein sollte und auf dem Prinzip beruhte, sowohl die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers als auch seine geheimen Kraftreserven zu mobilisieren. Sie wußte, daß das stimmte; schließlich hatte sie es vor nicht einmal langer Zeit am eigenen Leib gespürt.

Nach einer Stunde war sie so erschöpft, daß sie selbst über Marans Körper zusammengebrochen wäre, hätte sie nicht aufgehört. Aber sein Atem ging plötzlich sehr viel ruhiger, und er hatte aufgehört zu phantasieren und sich so heftig hin und her zu werfen, daß Zen ihn festhalten mußte. Er war nicht mehr bewußtlos, sondern schlief; einen sehr, sehr tiefen Schlaf. Kara war so erschöpft, daß sie kaum noch Zeit fand, ein paar Schritte weit zu kriechen und sich an Markors Flanke zu kuscheln, ehe ihr die Augen zufielen und auch sie in den Schlaf sank.

29

Eine Stunde vor Sonnenaufgang schrak sie auf, aus dem Schlaf gerissen durch ein grelles Licht und durch ein gewaltiges Getöse, das noch in ihren Ohren dröhnte.

Mit einem Ruck setzte sie sich auf und sah sich um. Ihr war kalt, denn der Drache hatte sich aufgerichtet, so daß der schneidende Nachtwind sie ungeschützt traf. Über ihr war wieder der Sternenhimmel, nicht mehr Markors beschützende Schwinge.

Maran lag schlafend neben ihr, aber sie sah die Schatten der beiden anderen, die sich ebenfalls aufgerichtet hatten und gebannt nach Norden sahen.

Ein grellweißer Blitz von unerträglicher Helligkeit zerriß die Nacht. Kara schrie auf und schlug die Hände vor die Augen, aber das Licht drang durch ihre geschlossenen Augen und hinterließ ein hartes Abbild des toten Waldes auf ihren Netzhäuten.

Für eine geraume Weile war das alles, was sie sah, selbst als sie die Hände wieder herunternahm und vorsichtig die Augen öffnete. Ein ungeheures Krachen und Dröhnen drang an ihr Ohr, und im selben Moment bäumten sich die drei Drachen auf und stimmten ein Gebrüll an, das beinahe noch schlimmer war.