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»Jetzt, wo wir die Karte wiederhaben, können wir ja zurückfliegen«, sagte Silvy.

Kara deutete ein Achselzucken an, und Maran und Zen reagierten gar nicht. Aber Kara ahnte, was in ihnen vorging. Zen würde nicht von hier fortgehen, solange er nicht genau wußte, was mit Tess geschehen war, und Maran mußte irgendwelche anderen Gründe haben, die Kara immer noch nicht verstand. Sie wußte nicht warum, aber sie glaubte ihm die Geschichte nicht völlig, die er ihnen erzählt hatte.

Und sie selbst?

Ohne ihr Zutun wanderte ihr Blick wieder nach Norden. Jetzt, wo die Brände erloschen waren, sah sie den Pilz aus Rauch und Qualm nur noch als gewaltigen Schatten, dessen Umrisse den Sternenhimmel verdunkelten. Sie hatte noch immer entsetzliche Angst davor, aber plötzlich wußte sie, daß auch sie nicht hier weggehen konnte, ohne zu wissen, was dort geschehen war. Sie mußte es sehen, gleichgültig, wie entsetzlich es war.

»Wir warten, bis es hell wird«, bestimmte sie. »Dann fliegen Zen und ich hinüber.«

»Bist du wahnsinnig?« keuchte Silvy. »Willst du, daß sie euch umbringen wie Tess?«

»Wir wissen nicht, ob sie tot ist«, antwortete Kara. »Wenn du an ihrer Stelle wärst, würde ich dich auch nicht zurücklassen und ich würde dasselbe von euch erwarten. Außerdem glaube ich nicht, daß dort noch irgend jemand lebt, der uns gefährlich werden könnte.« Sie wußte, daß sie sich damit selbst widersprach, aber keiner der anderen schien es zu bemerken.

»Es bleibt dabei«, sagte sie noch einmal. »Du bleibst zusammen mit Maran hier. Ihr wartet bis zum nächsten Morgen.« Sie zögerte einen Moment, dann nahm sie die Karte und gab sie Silvy. »Wenn ihr angegriffen werdet oder wir nach Ablauf eines Tages nicht zurück sind, dann bringst du die Karte zu Aires.«

Silvy drehte die Karte unschlüssig in den Fingern. Sie sah Maran an, stellte aber keine Fragen mehr. Sie wußten alle, daß Marans momentanes Wohlbefinden täuschte. Der Zusammenbruch würde kommen, vielleicht schon morgen.

»Sollen wir nicht besser zwei Tage warten?«

»Vierundzwanzig Stunden«, beharrte Kara. »Wenn wir bis zum nächsten Sonnenaufgang nicht zurück sind, dann kommen wir vermutlich nicht wieder.«

30

Es war, wie Maran behauptet hatte: Als die Sonne aufging, sahen sie den Schatten des zweiten Drachenfelsens am Horizont. Da sie die Entfernung nicht kannten, war es unmöglich, seine Größe zu schätzen; aber er mußte gewaltig sein. Unter ihnen begann sich das Land auf furchtbare Weise zu verändern. Die Flutwelle, der sie mit knapper Not entkommen waren, hatte wie ein Orkan im Wald gewütet. Gewaltige Schneisen gähnten zwischen den Bäumen. Sie überflogen Gebiete, in denen nur noch zersplitterte Stümpfe aus dem Wasser ragten. Und wo die Springflut nicht zugeschlagen hatte, da hatten gewaltige Brände den Wald verwüstet. Eine unbestimmte Trauer ergriff von Kara Besitz, während sie in zwei Meilen Höhe über den verbrannten Wald dahinglitten. Was immer auch geschah und was immer sie auch taten; die Wunden, die dieses Land davongetragen hatte, würden niemals wieder heilen.

Bevor sie den Drachenfelsen erreichten, wollten sie noch einmal eine Rast einlegen. Es dauerte allerdings eine ganze Weile, bis sie einen geeigneten Landeplatz fanden, denn die Bäume lichteten sich mehr und mehr. Sie flogen im Grunde nicht mehr über einen Wald, der unter Wasser stand, sondern über ein Meer, aus dem hier und da ein Baum ragte. Sie rasteten eine halbe Stunde, dann flogen sie weiter.

Allmählich traten die Einzelheiten des zweiten Drachenfelsens stärker hervor. Anders als sein kleinerer Bruder im Westen glich er einer gewaltigen, sehr schlanken Pyramide. Sämtliche Grate und Kanten wirkten wie abgeschliffen.

Sie überschritten die Grenze, die Maran ihnen genannt hatte, ohne angegriffen zu werden. Keine Libellenmaschinen tauchten auf, kein grünes Licht stach nach ihnen. Sie sahen nicht die geringste Bewegung, nicht das kleinste Zeichen von Leben. Der Berg ragte aus der Oberfläche eines leblosen Ozeans empor. Kara signalisierte Zen, ihr zu folgen, und lenkte Markor fast bis auf die Wasseroberfläche herab. Sie ahnte, daß es eine vergebliche Vorsichtsmaßnahme war – die Männer in den eisernen Libellen waren nicht auf ihre Augen angewiesen, um zu sehen. Ihr Herz begann vor Aufregung hart und schwer zu schlagen, während sie die zyklopische Felsnadel zweimal in respektvoller Entfernung umkreisten. Kara hatte sich geirrt:

Der Berg war nicht glatt geschliffen, sondern geschmolzen. Hier und da glühte die Lava noch in einem tiefen, drohenden Rot. Grauer Rauch kräuselte sich aus gewaltigen Rissen und Spalten, die in seinen Flanken klafften.

In kleiner werdenden Spiralen stiegen sie wieder höher. Karas Blick suchte die schwarze Felswand ab, die rechts von ihr emporwuchs, aber sie entdeckte keine Spur von Leben. Die Maschinen, die Tess und Maran angegriffen hatten, waren nicht mehr da – oder Opfer des höllischen Feuerblitzes geworden, den sie in der Nacht gesehen hatten.

Karas Verdacht, daß dieser Berg im Zentrum der ungeheuerlichen Explosion gelegen hatte, wurde zur Gewißheit, als sie den Gipfel erreichten. Der größte Teil der Verteidigungs- und Festungsanlagen, die seinen Gipfel gekrönt hatten, war völlig zerstört. Mauern und Türme waren zermalmt oder zu Staub zerfallen, große Gebäude wie von einer riesigen Hand zusammengedrückt worden, der Fels war zu riesigen, unförmigen Steinsbrocken zusammengeschmolzen, über denen die Luft noch immer vor Hitze flimmerte.

Von Westen nach Osten hin nahm die Schwere der Zerstörung ab. Offensichtlich hatte der Hauch des tödlichen Feuers die westliche Flanke des Berges getroffen, so daß es an seiner gegenüberliegenden Seite noch Teile der Festung gab, die nur leicht oder auch gar nicht beschädigt waren. Da und dort entdeckten sie die Überreste von Libellenmaschinen, und einmal glaubte Kara auch eine Bewegung zu erkennen, aber als sie genauer hinsah, war es nur ein toter Schatten.

Plötzlich riß Zen seinen Drachen so abrupt zur Seite, daß Kara im allerersten Moment glaubte, er wäre von irgend etwas getroffen worden. Aber im gleichen Augenblick sah sie, daß er heftig gestikulierte, und reagierte ganz instinktiv. In einer engen Kurve jagte sie Markor hinter Zens Drachen her und versuchte, in Blickkontakt mit ihm zu treten.

Sie waren zu weit voneinander entfernt, um zu sprechen, und Zen war so aufgeregt, daß Kara seine Zeichen nicht genau verstand. Aber sie begriff, daß er auf dem Turm über ihnen etwas entdeckt hatte. Völlig ohne Leben schien dieser verbrannte Berg wohl doch nicht zu sein. Kara bedeutete ihm, zurückzubleiben und ihr den Rücken freizuhalten, dann steuerte sie Markor in einer langgezogenen Spirale auf den Turm zu. Sie flog ihn sehr niedrig an, darauf gefaßt, angegriffen zu werden. Sie war sich sehr schmerzhaft bewußt, welch leichtes Ziel sie jedem Heckenschützen bieten mußte. Ärgerlich auf sich selbst verscheuchte sie den Gedanken. Es hatte wenig Sinn, sich selbst verrückt zu machen. Trotzdem waren ihre Hände naß vor Schweiß, als sie sich dem zinnengesäumten Innenhof näherte, vor dem Zen so plötzlich beigedreht hatte.

Es gab keine Heckenschützen. Aber auf dem Hof standen drei der riesigen Libellenmaschinen. Der Anblick hätte Kara nicht überraschen dürfen, aber sie war dennoch so erstaunt, daß sie über den Hof hinwegflog, ohne etwas anderes zu tun, als die plumpen Kolosse aus braungrün geflecktem Stahl anzustarren, die unter ihr auf dem Hof hockten, ihre Köpfe einander zugedreht, als wären es wirklich große, eiserne Tiere, die hierhergekommen waren, um miteinander zu reden. Sie ähnelten den Maschinen kaum, die sie im Wald getroffen und gegen die sie gekämpft hatten. Trotzdem erkannte Kara auf den ersten Blick, daß sie der gleichen Technologie entstammten.