Kara kreiste dreimal über dem Turm, ohne irgendein Anzeichen der Besatzung zu entdecken. Allerdings wurde ihr sehr schnell klar, daß sie hier irgendwo sein mußten. Welche Katastrophe auch immer diesen Berg getroffen hatte: Die Heliotopter waren danach gelandet. Und da die Maschinen weitaus größer waren als die, die sie bisher kennengelernt hatten, standen auch ihre Chancen recht gut, auf mehr als sechs Männer zu stoßen...
Ihre Gedanken drehten sich wild im Kreis, während sie zu Zen zurückflog und ihm mit knappen Gesten ihren Plan signalisierte. Sie wußte eigentlich nicht, was sie tun sollte. Sie hatten nur einen einzigen Vorteil auf ihrer Seite: das Überraschungsmoment.
Sie ließ Markor ein wenig langsamer fliegen, während Zen seinen Drachen vor sie setzte und hoch und schnell auf den Turm zusteuerte. Markor knurrte, als spüre er Karas Erregung. Sie war immer noch nicht sicher, ob sie richtig handelten. Aber es war zu spät für Zweifel. Der Turm raste auf sie zu, und dann waren sie über ihn hinweggeglitten und steuerten die Libellen an. Einen Wimpernschlag bevor sie heran waren, glaubte Kara, eine Bewegung unter einer der Türen wahrzunehmen, die ins Innere des Turmes hineinführten, doch ihr blieb keine Zeit mehr, sich zu überzeugen, ob sie es sich nur eingebildet hatte. Zens Drache breitete einen Vorhang aus orangeroten Flammen über dem Hof aus, und wenig später stieß Markors Feueratem in diese Glut hinein und verwandelte den Turm in einen flammenspeienden Vulkan.
Die drei Libellen explodierten. Während Zen und sie ihre Drachen in verschiedene Richtungen abdrehten, um nicht von ihrer eigenen Glut erfaßt zu werden, glommen inmitten des Feuervorhanges drei grellweiße Bälle auf. In respektvollem Abstand umkreisten sie den Turm, ehe sie es wagten, sich wieder zu nähern. Schwarzer Rauch hing über der Festung, aber das Feuer war bald erloschen, als die Maschinen ausgebrannt waren. Trotzdem war der Stein noch zu heiß, um zu landen. Zweimal flog Markor an, und zweimal zog er sich mit einem zornigen Knurren wieder zurück, als seine Krallen die glühende Lava berührten. Erst nachdem sie noch einmal zehn endlose Minuten gewartet hatten, gelang es dem Drachen, auf einem Teil der zerstörten Zinnenkrone Halt zu finden, so daß Kara absteigen konnte.
Sie rannte auf die Tür zu, hinter der sie eine Bewegung zu sehen geglaubt hatte. Der Stein war noch immer so heiß, daß es ihr selbst durch die dicken Stiefelsohlen hindurch Schmerzen bereitete. Mit großen, beinahe grotesk aussehenden Sprüngen erreichte sie die Tür, stürmte hindurch und stolperte über etwas, das im Schatten dahinterlag. Sie versuchte vergebens, ihren Sturz abzufangen. Sie fiel gegen die Wand, prallte zurück und stürzte auf die Hände und Knie. Selbst hier war der Boden so heiß, daß sie schmerzhaft die Luft einsog und hastig wieder in die Höhe sprang.
Mit klopfendem Herzen sah sie sich um. Sie war allein. Vor ihr verlor sich der Gang nach einem knappen Dutzend Schritten in völliger Finsternis, und hinter ihr, nur einen Schritt vom Eingang entfernt, lag ein geschwärztes Etwas, das einmal ein Mensch gewesen sein mochte. Sie hatte sich also nicht getäuscht; etwas hatte sich hier bewegt.
Sie warf einen Blick auf den Hof und stellte fest, daß Zen noch immer nach einem Landeplatz suchte, dann ging sie neben dem Toten in die Hocke und zwang ihren Ekel soweit zurück, daß sie ihn untersuchen konnte. Es war nicht mehr festzustellen, ob das Kleidungsstück, das der Tote trug, eine jener verhaßten blauschwarzen Uniformen gewesen war. Mit ihrem Schwert drehte Kara die verkohlte Leiche herum. Gesicht und Brust des Toten waren ebenso verbrannt wie sein Rücken, aber seine verkrampften Finger hielten etwas, das Kara sofort wiedererkannte, obwohl es rußgeschwärzt war und sich das Metall in der Glut des Drachenfeuers ein wenig verzogen hatten: Es war eine der Waffen, die das entsetzliche grüne Licht verschossen.
Angewidert löste sie die Waffe aus den Händen des Toten, wischte mit ihrem Umhang die schwarze, schmierige Schicht herunter, die Schaft und Lauf bedeckte, und drehte sie unschlüssig in den Händen. Der gläserne Lauf schimmerte so glatt und bösartig, wie sie ihn in Erinnerung hatte, und als sie mit dem Daumen über den Schaft fuhr, sah sie ein winziges, mattgrünes Licht.
Kara erschauerte, als wäre ihr kalt. Alles in ihr sträubte sich dagegen, dieses Ding auch nur zu berühren. Sie hatte das Gefühl, das, was sie eigentlich verteidigte, zu verraten, wenn sie diese Waffe benutzte.
Aber weder Aires noch Angella hatten je Bedenken gehabt, Dinge der Alten Welt einzusetzen, wenn es ihren Zwecken diente. Und aus Angellas Erzählungen wußte sie, daß auch Tallys Drachenwaffen nichts anderes als Laserpistolen gewesen waren.
Kara zögerte noch einen ganz kurzen Moment, dann hob sie das Gewehr und berührte das, was sie für den Abzug hielt. Ein bösartiges Licht glomm im Lauf der Waffe auf, dann spannte sich plötzlich ein haardünner, singender Lichtfaden von giftgrüner Farbe zwischen Karas Händen und der gegenüberliegenden Wand und erlosch wieder, als sie erschrocken den Finger zurückzog. Wo er den Stein berührt hatte, blieb eine rauchende Linie aus blaßroter Glut zurück.
Kara entschied sich, endgültig die Waffe zu behalten, bis die Gefahr vorüber war.
Sie hörte hastige Schritte, drehte sich herum und erblickte Zen, der durch den Eingang gestürmt kam. Er hatte das Schwert gezogen und sah sehr erschrocken aus. »Kara, was...«
Der Schrecken auf seinen Zügen wandelte sich in Überraschung, als er das Gewehr in Karas Händen entdeckte. Dann fiel sein Blick auf den Toten. Er verzog angewidert das Gesicht, wirkte aber zugleich erleichtert.
»Ich habe das grüne Licht gesehen und dachte, du wärst in einen Hinterhalt geraten«, sagte er.
»Bin ich nicht«, antwortete Kara knapp. »Aber das ist kein Grund, leichtsinnig zu werden. Ich schätze, daß seine Kameraden noch in der Nähe sind. Komm weiter.«
Hintereinander bewegten sie sich tiefer in den Berg hinein. Die Dunkelheit war nicht so vollkommen, wie Kara im ersten Moment angenommen hatte: Vom Ende des Ganges her drang ein schwacher, rötlicher Lichtschimmer zu ihnen, der ausreichte, ihre Umgebung zumindest schemenhaft zu erkennen.
Sie näherten sich der Quelle des roten Lichts, aber der Stein, über den sie liefen, war noch immer so heiß, daß ihnen jeder Schritt Schmerzen bereitete. Und auch die Wände strahlten eine sengende Hitze aus. Die Luft schmeckte nach verbranntem Fels, und manchmal knackte der Stein, und ein paarmal glaubte sie, ein tiefes, mahlendes Geräusch zu hören, als stöhne der ganze Berg vor Schmerzen. Es war, als bewegten sie sich in einen gewaltigen Backofen hinein.
Vor ihnen lag eine halbrunde Tür aus Metall, die sich in der Hitze verzogen hatte, und dahinter, vom düsteren Rot der Notbeleuchtung in eine moderne Version der Hölle verwandelt, erstreckte sich der riesige Versammlungsraum des Drachenfelsen.
Er war völlig zerstört.
Die Monitore, die die Wände in schier endlosen Reihen bedeckten, waren geborsten und wirkten wie schwarze Augenhöhlen, aus denen Nervenenden aus ausgeglühtem Draht ragten. Die meisten Computerpulte mußten explodiert oder ausgebrannt sein, und alles, was aus dem glatten harten Material bestanden hatte, das Aires ›Kunststoff‹ nannte, war in der Hitze zerlaufen wie Wachs. Die abgehängte Decke war verschwunden, so daß man das Gewirr der Kabel und Versorgungsleitungen sehen konnte, das sich dahinter verbarg. Es gab ungefähr ein Dutzend Tote, die auf dem Boden oder auch über den Pulten zusammengebrochen waren. Ihre verzerrten Gesichter bewiesen Kara, daß sie nicht leicht gestorben waren. Die Luft hier drinnen mußte gekocht haben, dachte sie schaudernd.
Kara bewegte sich unschlüssig durch den riesigen Raum. Sie wagte es nicht, irgend etwas zu berühren – nur Zen nahm auch eines der gläsernen Gewehre an sich. Vorsichtig näherten sie sich der Tür am anderen Ende des Raumes. Wenn der Grundriß dieser Festung dem kleineren Drachenfelsen im Süden glich, dann mußte sich dahinter ein Gang befinden, der in die Mannschaftsquartiere und Versorgungsräume des Berges führte. Aber Kara glaubte nicht, daß es so einfach war. Schließlich hatten Jandhis Urahnen diesen Berg nicht gebaut, sondern sich die von der Natur vorgegebenen Bedingungen nur zunutze gemacht. Trotzdem fanden sie sich am Anfang erstaunlich gut zurecht. Auch wenn sie in manchen Räumen Dinge sahen, deren Zweck sie nicht einmal zu erraten imstande waren. Kara begriff hingegen sehr bald, was hier vor ein paar Stunden geschehen war. Es war auch nicht besonders schwer. Manche Teile des Labyrinths waren noch immer so heiß, daß es unmöglich war, sie zu betreten. Was immer sie in der vergangenen Nacht beobachtet hatten – es hatte diesen Berg getroffen und zu einem Grab für alle die gemacht, die sich hinter seinen fünfzig Meter dicken Mauern sicher gefühlt hatten. Nicht einmal die unvorstellbare Explosion, die sie beobachtet hatten, hatte den Berg zerstören können.