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»Ob es... eine Waffe der Alten Welt war?« fragte Zen zögernd. Seine Stimme klang belegt, und als Kara sich zu ihm herumdrehte, sah sie, daß er totenbleich war und zitterte. Aber wahrscheinlich sah sie nicht besser aus.

Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte: »Wir wissen ja nicht einmal, ob es überhaupt eine Waffe war. Vielleicht... war es ein Unfall.«

Sie glaubte selbst nicht, was sie sagte. Zen hatte es nicht ausgesprochen, aber sie wußten beide, was er wirklich gemeint hatte. Es war nicht irgendeine Waffe. Er sprach von der Bombe, die diese Welt in einer einzigen Nacht in einen Vorhof der Hölle verwandelt hatte. Aber Kara weigerte sich, es zu glauben. Es konnte nicht sein, weil es nicht sein durfte. Von allen Hinterlassenschaften der Alten Welt hatten sie die Nuklearwaffen niemals angerührt. Die Angst vor dem, was geschehen war, war zu tief in den Genen der Handvoll Überlebender verwurzelt gewesen, die sich aus den radioaktiven Trümmern des letzten der zehn Kriege herausgruben. Es durfte nicht sein.

»Ich glaube es nicht«, sagte sie wie etwas, das sie sich nur oft genug einzureden brauchte, um es Wahrheit werden zu lassen. »Komm weiter. Vielleicht...« Sie fuhr sich nervös über das Gesicht, »... finden wir heraus, was hier passiert ist.«

Tiefer und tiefer drangen sie in die steinernen Eingeweide des Berges ein. Der Anblick ihrer toten Feinde erfüllte Kara schon lange nicht mehr mit Zufriedenheit. Sie fanden nichts mehr heraus, aber dafür wurde Kara mit jedem Schritt, den sie tat, mit jeder Tür, die sie öffnete, klarer, wie falsch das Gefühl der Sicherheit gewesen war, in dem sie sich alle in den letzten zehn Jahren gewähnt hatten. Hatten sie sich wirklich eingebildet, Jandhis Drachentöchter besiegt zu haben? Lächerlich. Das vermeintliche Hauptquartier ihrer Feinde, das sie zerstört hatten, war nichts als ein kleiner Außenposten gewesen. Jandhis Drachentöchter hatten nur mit ihnen gespielt.

Gegen diese Theorie sprach allerdings eine Tatsache: daß Zen und sie hier am Leben und all diese Männer und Frauen tot waren.

Kara vermutete, daß sie etwa ein Viertel des Berges erkundet hatten, als sie zum ersten Mal das Geräusch hörte. Eigentlich spürten sie das Geräusch eher, ein ganz sachtes, aber ungeheuer mächtiges Vibrieren und Zittern, das den Boden, die Wände und sogar die Luft schwingen ließ.

Zen und sie sahen sich nur an. Plötzlich hatten beide das Gefühl, daß dieses Zittern die Lebensäußerungen von etwas Ungeheuerlichem sein mußten, etwas, das unsichtbar und tödlich irgendwo lauerte und sie verschlingen würde, sobald sie auch nur ein verräterisches Geräusch machten.

Unendlich vorsichtig gingen sie weiter. Die Halle, durch die sie sich bewegten, war riesig und vollkommen leer. Das gewaltige Einflugloch an ihrem jenseitigen Ende bewies Kara, daß es sich um eine Drachenhöhle handelte. Mit einem Gefühl eisigen Entsetzens fragte sie sich, ob sie auch hier auf eine ebenso gigantische wie intelligente Ameisenkönigin treffen würden wie die, von der ihr Angella erzählt hatte.

Das Vibrieren und Pochen wurde stärker, je tiefer sie kamen, und nach einer Weile gesellte sich auch ein wirklich hörbares Geräusch dazu: ein dumpfes Dröhnen und Hämmern, das Kara an nichts so sehr erinnerte wie an das Schlagen eines riesigen, schwarzen Herzens. Ihre Angst explodierte förmlich.

Plötzlich hob Zen die Hand und machte ein Zeichen, still zu sein. Kara hörte ein Summen, das rasch näher kam und plötzlich abbrach, dann ein ganz leises, metallisches Gleiten. Plötzlich, von einem Moment auf den anderen, erlosch ihre Angst. Plötzlich war sie nur noch das, wozu Angella und Cord sie zehn Jahre lang erzogen hatten: eine Kriegerin. Bevor Zen seine Handbewegung zu Ende geführt hatte, huschte Kara in eine Nische des Ganges, in dem sie sich befanden, und verschmolz mit dem Schatten. Auch Zen glitt in die nächste Deckung, die er fand.

Das schleifende Geräusch wurde lauter, und in der Wand Kara gegenüber erschien ein schmaler Spalt, der sich rasch zu den Hälften einer auseinandergleitenden Aufzugtür weitete. Kara war verblüfft. Sie hatte Aufzüge im Drachenfels gesehen, aber keiner davon hatte noch funktioniert. Dieser Aufzug jedoch funktionierte ausgezeichnet.

Ein hochgewachsener, sehr breitschultriger Mann trat hervor. Er hatte dunkles Haar und ein kräftiges, von tausend winzigen Narben entstelltes Gesicht – und er trug eine der verhaßten blauschwarzen Uniformen. Den passenden Helm hatte er lässig unter den linken Arm geklemmt, in der anderen Hand schwenkte er ein Gewehr mit gläsernem Lauf.

Kara wartete, bis er aus dem Lift gekommen war, dann trat sie aus ihrer Deckung hervor, richtete die Waffe auf ihn und sagte freundlich: »Hallo.«

Der Fremde erstarrte. Ein Ausdruck vollkommener Fassungslosigkeit erschien in seinen Augen und noch etwas, das Kara nur zu gut kannte.

»Tu es nicht«, sagte sie.

Aber er tat es doch. Plötzlich bewegte er sich so schnell, daß Kara seinen Bewegungen kaum noch folgen konnte: In einem einzigen, gleitenden Satz ließ er seinen Helm fallen, kippte zur Seite und riß gleichzeitig sein Gewehr in die Höhe.

Aus einer Nische im Gang hinter ihm stach eine Lanze aus grünem Licht hervor und durchbohrte sein Herz. Er war tot, noch ehe sein Körper den Boden berührte.

»Das war knapp«, sagte Zen, während er vollends aus seinem Versteck heraustrat und sich dem Toten näherte. Vorsichtig stieß er ihn mit dem Fuß an und blickte in seine gebrochenen Augen, ehe er seine Waffe senkte. »Der Bursche war verdammt schnell.«

»Ja«, murmelte Kara. »Du hättest ihn nicht erschießen sollen.«

Zen starrte sie an, als zweifele er an ihrem Verstand. »Hätte ich vielleicht abwarten sollen, bis er dich erschießt?«

»Nein. Ich... hätte ihm nur gern ein paar Fragen gestellt.«

Sie machte eine entschuldigende Geste. »Außerdem ist mindestens noch einer hier, mit dem wir uns unterhalten können.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf den Aufzug. »Was meinst du? Riskieren wir es?«

Zen würdigte sie nicht einmal einer Antwort, sondern trat an den Lift und musterte die Wand daneben. Es gab nur einen einzigen, sehr großen Schalter, den er nach kurzem Zögern betätigte. Die Aufzugtüren glitten auseinander und gaben den Blick auf eine kleine, rechteckige Kabine frei.

Kara ging mit einem raschen Schritt an Zen vorbei und betrat als erste die Kabine. Sie war nervös, gab sich aber alle Mühe, sich nichts davon anmerken zu lassen. Sie wartete kaum ab, bis Zen die Kabine betreten hatte, ehe sie die Hand ausstreckte und den untersten der zahlreichen Knöpfe berührte, die es an der Wand neben der Tür gab. Zen sah sie fragend an, aber sie ignorierte seinen Blick. Sie hatte das sichere Gefühl, daß sie die Antwort auf die allermeisten Fragen ganz unten in den Kellern des Berges finden würden.

Die Kabine setzte sich mit demselben Summen in Bewegung, das sie bei ihrer Ankunft gewarnt hatte. Die winzigen, mit fremdartigen Symbolen beschrifteten Knöpfe neben der Tür leuchteten der Reihe nach auf und erloschen, um die Etage anzuzeigen, auf der sie sich befanden. Kara staunte nicht schlecht, als sie die Tasten zählte: Der Berg mußte fast zur Gänze ausgehöhlt sein, denn er hatte weit über hundert Etagen. Es war mehr als eine Festung, begriff sie plötzlich. Es war eine unterirdische Stadt, in der vielleicht ebenso viele Menschen Platz fanden wie in Schelfheim.