Und sie pumpten es wieder zurück.
Im ersten Moment erschien Kara der Gedanke einfach lächerlich. Keine Pumpe konnte ein Becken von der Größe des Schlundes füllen, auch wenn sie eine Million Jahre arbeitete. Und gleichzeitig spürte Kara, daß sie es schaffen würden, irgendwie. Sie waren ihre Feinde. Sie waren vielleicht durch und durch böse, aber sie waren nicht dumm. Selbst für sie mußte es eine ungeheure Aufgabe gewesen sein, diese gewaltigen Maschinen hierherzuschaffen und aufzustellen. Sie hätten es nicht getan, wenn es sinnlos wäre.
Kara wußte nicht, wie lange sie so dastanden und die silbernen Monster anstarrten, deren mechanisches Dröhnen die Todesmelodie ihrer Welt sang, bis Zen schließlich müde seine Waffe hob, auf die Maschinen anlegte und abdrückte. Der grüne Lichtstrahl traf die spiegelnde Flanke des Kolosses und prallte davon ab wie Wasser von einer Mauer. Kara empfand nicht einmal Enttäuschung. Sie hatte gewußt, daß diese Kolosse unzerstörbar waren. Sie legte die Hand auf Zens Arm und schüttelte den Kopf. Eine Sekunde lang stand er einfach nur reglos da, jeder Muskel in seinem Körper bis zum Zerreißen angespannt. Dann schien alle Kraft aus ihm zu weichen. Er taumelte und war kaum noch in der Lage, das Gewehr zu halten. Mit müden, schleppenden Bewegungen wandte er sich um und folgte Kara zurück zum Eingang.
Es dauerte fast eine halbe Stunde, die sechshundert Stufen wieder hinaufzugehen, und kostete sie das letzte bißchen Kraft. Doch es war nicht nur die körperliche Anstrengung, die Kara erschöpft gegen die Wand neben dem Treppenschacht sinken ließ. Sie hatten einen Blick in die Hölle getan, und sie würden beide nie wieder dieselben sein, die sie vorher gewesen waren. »Was... tun wir jetzt, Kara?« flüsterte Zen. Seine Stimme war nur ein Hauch, und als Kara den Kopf hob und in sein Gesicht blickte, sah sie, daß das Entsetzen in seinen Zügen um keinen Deut schwächer geworden war. »Was sollen wir tun?«
Kara antwortete nicht, weil sie keine Antwort wußte.
»Wir... wir müssen sie... zerstören!« stammelte er. »Wir müssen sie anhalten, Kara. Sie zerstören, irgendwie.«
»Ich glaube kaum, daß wir das können«, antwortete Kara leise. »Und ich glaube nicht einmal, daß es noch etwas nutzen würde.«
»Damit hast du sogar ausnahmsweise einmal recht«, sagte eine Stimme hinter ihr.
Kara fuhr herum, hob instinktiv das Gewehr – und riß erstaunt die Augen auf, als sie den Mann erkannte, der wie aus dem Nichts hinter Zen und ihr aufgetaucht war. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie auch Zen seine Waffe hob, und machte eine hastige Geste. Zen erstarrte.
»Außerdem«, fuhr der dunkelhaarige Mann in der blauschwarzen Uniform fort, »würdet ihr beiden Spezialisten es garantiert irgendwie hinkriegen, daß alles nur noch schlimmer wird.« Er seufzte, kam einen Schritt näher und sah abwechselnd Kara und Zen an. Die dunkelblaue, einteilige Uniform stand ihm ausgezeichnet. Er sah irgendwie... imposanter aus als in dem papageiengelben Mantel der Stadtgarde. In der rechten Hand trug er eines der kleinen weißen Stäbchen, wie sie Kara in dem Kuppelzelt unterhalb Schelfheims gefunden hatte. Zu ihrem Erstaunen glühte sein Ende dunkelrot, und Karas Verwirrung wuchs noch mehr, als er das Stäbchen an die Lippen hob und daran sog, so daß sein Ende noch heller aufglühte.
»Ich hätte mir eigentlich denken können, daß du es bist«, fuhr er fort, während er den Rauch durch die Nase wieder ausblies, wie ein junger Drache das Feuerspeien übte. »Ihr habt vier meiner Männer erledigt. Und die drei Maschinen, die ihr im Hof abgefackelt habt, gehörten mir. Einen solchen Unsinn kannst auch nur du verzapfen.« Er blies eine weitere Qualmwolke von sich, warf das brennende Stäbchen zu Boden und zertrat es mit dem Absatz. Dann kam er mit einem breiten Lächeln auf sie zu. »Hallo, Kara. Es ist schön, dich wiederzusehen.«
»Und ich«, antwortete Kara leise, »hätte mir eigentlich gleich denken sollen, daß du zu ihnen gehörst.«
Elders Augen blitzten freudig auf, aber dann riß Kara ihr Gewehr hoch und schmetterte ihm den gläsernen Lauf mit solcher Wucht gegen die linke Schläfe, daß er zerbrach.
31
Als Elder vier oder fünf Stunden später wieder zu sich kam, fand er sich geknebelt und gefesselt einen Meter hinter Karas Sattel auf Markors Rücken. Am späten Nachmittag des darauffolgenden Tages erreichten sie wieder den Drachenhort. Ohne die Karte hätten sie es wahrscheinlich nicht geschafft. Nachdem Kara und Zen zur Insel zurückgekehrt waren und den beiden anderen ihre Geschichte erzählt hatten, nutzten sie die Zwangspause, zu der sie die Erschöpfung der Drachen zwang, um die Karte in aller Ruhe und Ausführlichkeit zu studieren, Sie stellten sehr bald fest, daß sie auf dem Hinweg mehrere überflüssige Schleifen geflogen waren. Kara erfüllte diese Erkenntnis jedoch eher mit Freude als Ärger, denn das bedeutete, daß sie auf dem Heimweg beinahe nur die halbe Entfernung zurücklegen mußten.
Ihre Entdeckung – und ihr Gefangener – waren zu wertvoll, als daß sie auch nur das allermindeste Risiko eingehen durften, und so widerstand Kara der Versuchung, das letzte aus den Drachen herauszuholen, um so schnell wie nur irgend möglich nach Hause zurückzukehren. Die flogen nie länger als zwei Stunden, ehe sie eine Pause einlegten. Das einzige, was Kara mißachtete, war das strenge Nachtflugverbot, das sowohl Angella als auch Cord für Flüge über den Schlund ausgesprochen hatten. Nach ihrem Erlebnis in der ersten Nacht fand es Kara wesentlich sicherer, wenn sie sich bei Dunkelheit in der Luft befanden als in den Baumwipfeln.
Trotzdem sahen sie den Drachenhort erst im letzten Licht des darauffolgenden Tages wieder.
Der Anblick schien den Tieren noch einmal neue Kraft zu geben. Während der letzten beiden Flugperioden waren sie deutlich langsamer geworden, aber jetzt schlugen sie noch einmal kräftiger mit den Flügeln, ohne daß es eines entsprechenden Befehls bedurft hätte.
Ihre Annäherung blieb nicht unbemerkt. Sie waren noch acht oder zehn Meilen vom Rand des Schlundes entfernt, als sich ein ganzer Schwarm winziger schwarzer Krähen von den Türmen des Drachenhortes löste und ihnen entgegenflog. Aus den Krähen wurden zwanzig, dann dreißig oder vierzig gewaltige Drachen, die auf halbem Weg zu ihnen stießen und ihnen Geleit gaben. Markor und die beiden anderen Tiere stießen ein mattes Begrüßungsgebrüll aus, das von den anderen Tieren mit lauten Trompetenstößen beantwortet wurde.
In die Erleichterung, endlich nach Hause zu kommen, mischte sich Schrecken, als Kara die Silhouette der Burg gegen das rote Licht des Sonnenuntergangs betrachtete. Die Spitze des Hauptturms und ein Teil der Mauer waren eingestürzt und bildeten eine gewaltige Schutthalde auf dem Innenhof. Was war während ihrer Abwesenheit geschehen? So gewaltig ihr der große Innenhof der Burg auch immer vorgekommen war, war er doch beinahe zu klein, um dem gewaltigen Drachenschwarm Platz zu bieten, der darauf zu landen versuchte. Kara, Zen und Silvy landeten ihre Drachen unweit des Hauptgebäudes. Silvys Tier war so erschöpft, daß es hart aufschlug und Silvy aus dem Sattel geworfen wurde. Kopfüber purzelte sie in die ausgebreitete Schwinge des Drachen auf den Hof hinab, sprang aber sofort wieder auf die Füße und machte mit Gesten klar, daß sie unverletzt sei. Kara hatte alle Hände voll damit zu tun, sich selbst im Sattel zu halten, denn Markors Landung war zwar eleganter, aber kaum weniger hart. Trotzdem kam es ihr fast wie ein Wunder vor, daß der Drache nicht einfach wie ein Stein vom Himmel gefallen war. Markor hatte während der ganzen Zeit zwei Reiter getragen. Der Drache breitete die Flügel aus, damit Kara absteigen konnte, aber sie blieb noch einige Sekunden mit geschlossenen Augen im Sattel sitzen und genoß das Gefühl, es geschafft zu haben. Erst dann kletterte sie steifbeinig vom Rücken des Drachen herab.